Reise-Reportage

Postkarte vom Aletschgletscher: Ein erstarrter Fluss

Redaktion: Frank Heer; Text: Denise Jeitziner; Fotos: Fabian Unternährer

Postkarte vom Aletschgletscher: Ein erstarrter Fluss
  • Aletschgletscher

Der gewaltige Aletschgletscher ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Mit der Wirklichkeit nehmen es Postkarten ja selten genau. Da wird ein wenig am Blau des Himmels geschraubt und am Grün der Wiese – und fertig ist die Idylle im Kleinformat. Auch das Abbild des Aletschgletschers schreit geradezu nach Photoshop. Da schlängelt sich der weisse Eisstrom elegant zwischen den flankierenden Bergen hindurch; die zwei dunklen Streifen in der Mitte sind so klar definiert, dass es fast schon kitschig ist. Das kann ja gar nicht wahr sein. Scheinbar doch. Der Himmel über der Bettmeralp ist heute genauso dunkelblau wie auf der Karte, und der Eisstrom wirkt von hier oben sogar noch gewaltiger.

In einer anderen Welt

Auf einem Wanderweg geht es durch den Arvenwald hinab zum Gletscher – und plötzlich sind wir in einer anderen Welt. Eben noch war es sommerlich warm, und nun, nur wenige Meter vom Rand entfernt, sind wir froh, dass Jacke und Wollmütze in unserem Rucksack sind. Es ist kühl auf dem grössten Eisschrank der Alpen, der von oben herab noch beinahe flach erschien. Hier unten aber ist es hügelig wie in einer Dünenlandschaft. Fast so, als wäre ein wilder Fluss zu Eis erstarrt. Oder Eiweiss zu Schnee. Je weiter wir Richtung Mitte laufen, umso ebener wird der Gletscher, umso fassbarer seine Breite. Die zwei klar definierten, dunklen Streifen sind in Wirklichkeit breite Felder aus Geröll, und das vermeintliche Weiss sieht von nahem aus wie hellblau schimmerndes Eis, in das schwarze Streusel eingefroren sind.

Auch auf der Oberfläche liegen kleine Steinchen, die den Gletscher gräulich scheinen lassen. Er ist überraschend griffig; nicht einmal Steigeisen sind nötig, die Wanderschuhe reichen völlig aus. Der Bergführer lotst uns sicher an den Spalten vorbei, während aus der Ferne ein stetes Rauschen zu hören ist. Es sind die reissenden Gletscherbäche, die unter dem dicken Eis zu Tal donnern. Immer wieder erlauben Spalten oder kleine Schmelzwasserteiche einen Blick ins Innere, wo Türkis, Aquamarin und Jadegrün leuchten. Von alledem ahnt der Postkartenbetrachter freilich nichts. Erst inmitten des Eisstroms offenbart sich die Idylle im Grossformat.

Für alle Sinne

Eine Postkartenperspektive gibt es von der Ice-Terrasse, die von der Bergstation auf dem Bettmerhorn in drei Minuten zu Fuss zu erreichen ist. Dort gibt es vier Holzliegen mit Audioinstallation und freie Sicht auf den Aletschgletscher. Eine 20-minütige Multimediashow im Ice Room des Bergrestaurants zeigt den Aletschgletscher im Wandel der letzten 18 000 Jahre. In der multimedialen Ausstellung «Faszination Aletschgletscher» im Gebäude nebenan wird nach einem verschollenen Forscher gesucht. Gletscherwanderungen können entweder in der geführten Gruppe oder mit einem privaten Bergführer unternommen werden. — Infos: Aletsch Arena, Bettmeralp Tourismus, www.bettmeralp.ch

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