Reise-Tipps

Roadtrip durch Finnland mit Fotograf Jussi Puikkonen

Text: Frank Heer; Fotos: Jussi Puikkonen

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Ein Häuslein steht im Walde: Sauna mitten in der finnischen Seenplatte

Der Strand bei Pori ist einer der schönsten der Ostsee

Ruder in der Hand: Jussis Freundin Tanja

Sein wichtigstes Kochgerät trägt Jussis Vater Juha am Gürtel: Einen Finnendolch

Ja, so geniessen die Finnen den Sommer: Jussis Tante, sein Vater – und viele, viele Mücken – in der Freiluftküche

Freudensprünge im Schärengarten

Nightlife: Party beim Death- Metal-Bassisten Henkka (r.)

Bei Helsinki: Insel Suomenlinna

Saara vor der Autonomen Sauna

Kapitän Juuso: «Gedanken an den Sommer bringen uns durch den Winter»

Wie in einem Kaurismäki-Film: Tangoabend im Hotel Keurusselkä

Raus da! Freilichttheater in Keuruu

Auch für Nicht-Karaoke-Fans: Die Bar Yökyöpeli

Ein Ruderboot, der Silbersee – Finland Dreamin’

Neun dunkle Monate lang freuen sich die Finnen auf den Sommer. Fällt er ins Wasser, ist das wie Liebesentzug. Zeigt er sich von seiner schönen Seite, packen sie so viel Leben wie nur möglich hinein. Ein Roadtrip mit dem Fotografen Jussi Puikkonen.

Jussi Puikkonen ist Finne. Darüber hinaus ein glänzender Fotograf. Vor ein paar Jahren war von ihm der Bildband «On Vacation» erschienen. Jemand hatte mir das Buch geschenkt, bevor ich Jussi letzten Sommer kennen lernte. Die Fotos sind auf einer Reise durch ein Land im Winterschlaf entstanden. Sie zeigen Vergnügungspärke in Vollnarkose, laubverwehte Minigolfanlagen, verwaiste Campingplätze. Im Vorwort schreibt Jussi: «Dieses Buch handelt von den neun Monaten, in denen Finnland geschlossen ist.» Als ich ihn anfragte, ob er Lust habe, uns auf einer Reportage zu begleiten, die von den drei Monaten erzählt, die er in seinem Buch ausgeklammert hatte, sagte er sofort zu.

Wir treffen uns an einem Montagmorgen im Juli am Flughafen von Helsinki. Er sei ein stummer Finne, hatte mir Jussi vor unserer Reise noch gemailt, als fürchtete er, ich sei ein geschwätziger Schweizer. Ich machte mich auf schweigsame Autofahrten durch dunkle Wälder gefasst. Diese Momente gab es glücklicherweise auch, doch in Wahrheit ist Jussi nicht nur ein ernster Bartträger, sondern auch ein inspirierender Sozius und Kleinwagenlenker. Das ist wichtig, wenn man durch eine Landschaft fährt, die sich über Stunden kaum verändert.

Jussi sitzt am Steuer unseres gemieteten Japaners, seine Freundin Tanja auf der Rückbank, mir wird der Platz des Beifahrers zuteil. Jussi weiss von einem Strand in der Nähe von Pori, einem Städtchen an der Westküste, der zu den schönsten der Ostsee gehöre. Es gibt Bilder davon in seinem Buch, schneeverweht und menschenleer. Tanja hat sich eine Zeitung gekauft, die Frontseite kündigt Hitzerekorde an, der Fahrtwind bläst ihr die Blätter ins Gesicht. Vor dem Fenster ziehen Birken, Fichten und Kiefern vorbei, immer wieder blitzt ein Stück Silbersee durch die Stämme. Das Radio spielt «California Dreamin’» – nicht das Original von The Mamas & The Papas, sondern eine finnische Discoversion von Tapani Kansa, einem Popsänger aus den Siebzigern.

Wenn der Sommer kommt

Später Nachmittag, der Bottnische Meerbusen glitzert verheissungsvoll, wir sitzen im Schatten einer Pinie mit ausladenden Ästen. Angenehme Brise. Ganz Finnland scheint sich am Yyteri Beach aufzuhalten. Wer am Ufer keinen Platz mehr findet, steht im Wasser. Oder rollt seine Decke in den Dünen aus. Dazu muss man wissen: Wenn sich ab Juni die finnische Landschaft von innen nach aussen stülpt, drängt es auch die Menschen ans Licht. Sie schälen sich aus Schichten von Frost, Nässe und Dunkelheit. Männer kaufen Motorboote, die sie nur drei Monate im Jahr benutzen können, und die Frauen legen die Prospekte mit den Pauschalreisen nach Thailand zur Seite, in denen sie den ganzen Winter über geblättert hatten. Allenthalben wird Tango getanzt und Karaoke gesungen. Kleinstädte bauen Tribünen für Opernaufführungen und Jazzkonzerte auf, in Lappland finden Wettkämpfe mit sonderbaren Disziplinen statt: Ehefrauentragen, Nackt-im-Ameisenhaufen-Sitzen, Mückentotschlagen. «Alles, wirklich alles muss in kürzester Zeit passieren», sagt Jussi. «Fällt der Sommer ins Wasser, ist das wie Liebesentzug. Es macht dich krank, denn du weisst, dass du nun sehr, sehr lange auf den nächsten Sommer warten musst.» Jussi weiss, wovon er redet. Vor einigen Jahren ist er von Lahti nach Amsterdam gezogen, wo die Winter milder und kürzer sind.

Spätabends, als wir nochmals an den Strand zurückkehren, sind die Dünen so leer wie auf den Fotos in Jussis Buch. Mit dem Unterschied, dass kein Schnee liegt und man barfuss durchs seichte Wasser waten kann. Teenager haben sich um einen Ghettoblaster versammelt. Die Sonne ist eben erst untergegangen. Über uns spannt sich ein hellvioletter Himmel, der den Horizont mit einem Silberstreifen berührt.

Am Morgen lassen wir die Küste hinter uns und fahren ins Land hinein. Ich wundere mich über die asiatischen Touristen, die wir überall mit Körben und Eimern auf Parkplätzen oder am Waldrand stehen sehen, bis mir Jussi erklärt, dass das keine Touristen, sondern Beerenpflücker sind: Heidelbeeren gehören in Finnland der Allgemeinheit, selbst wenn sie auf privatem Grund wachsen. Seit Jahren chartern thailändische Agenturen ganze Flugzeuge, die jeden Sommer Tausende von Arbeitskräften nach Finnland bringen, um die dunkelblauen Früchte von den Stauden zu zupfen. Pro Kilo gibt es drei bis vier Euro, die Tagesernte beläuft sich im Schnitt auf zwanzig Kilo. Weil die Pflücker den Vermittlungsbüros vorab sehr viel Geld bezahlen müssen, realisieren sie oft zu spät, dass sie sich auf einen Job eingelassen haben, bei dem am Ende kaum etwas übrig bleibt. Wieder läuft «California Dreamin’» am Radio.

Halt in einem reizenden Dorf mit kompliziertem Namen (Kiiskilänniemi, Nuutilanmäki, Männynmäki?). Die Holzhäuser sind falunrot und die Fensterrahmen weiss gestrichen. In einem Restaurant mit Mittagsbuffet essen wir Sauerampfersuppe mit Knäckebrot und Hering. Zum Nachtisch eine grosse Tasse Filterkaffee und Heidelbeerkuchen. Weiterfahrt.

Das Örtchen Keuruu liegt auf halber Strecke zwischen Westküste und russischer Grenze. Hier gibt es ein Familienhotel namens Keurusselkä, in dem Jussi mit seinen Eltern und Schwestern schon als Kind Ferien machte: ein aus der Zeit geratener Holzkomplex mit riesigem Restaurant, mehreren Tangobühnen, Bar, Sauna, Terrasse mit Seeblick. Wir erfahren vom Réceptionisten in roter Réceptionistenuniform, dass das Hotel Ende Sommer schliessen wird. Er habe 34 Jahr lang hier gearbeitet, sagt der Mann, nun wisse er nicht, wie es weitergeht. Pflichtbewusst macht er uns auf die Vorstellung des Freilichttheaters aufmerksam, «Sie müssen nur hinunter zum See laufen».

Die Tribüne ist voll besetzt. Hinter den Kulissen warten Männer mit angeklebten Bärten und Frauen in Trachten auf ihren Auftritt. Den Lachsalven zu entnehmen, handelt es sich um ein Lustspiel. Am See, wo eben noch Frisbees über aufblasbare Schwimmhilfen segelten, liegt nur noch ein giftgrüner Haifisch im Sand. Segelbote schaukeln in der Flaute des Abends.

Tango, Walzer, Schlager

Das Hotel ist schlecht besucht, obwohl ein bekannter Tango-Akkordeonist für die Abendunterhaltung sorgen wird. Wir sitzen im Restaurant mit tief hängender Decke und psychedelischem Spannteppich und bestellen das Jägersteak mit Kartoffelstock. Später wechseln wir zur Bar. Der Drink des Tages heisst Adios Amigos. Schliesslich steigt der Akkordeonist auf die Bühne. Er testet das Mikrofon (yksi, kaksi, kolme), dann beginnt er zu spielen. Tango, Walzer, Schlager. Nicht nur sein Akkordeon, auch die Klarinette, das Keyboard und die Trompete beherrscht der Mann. Die Lieder sind melancholisch, auf der Tanzfläche bewegt sich ein halbes Dutzend Paare. Eine kräftige Blondine mittleren Alters, deren Blick ich vergeblich auszuweichen versuchte, kommt schnell zur Sache. «Hei, olen Ilkka», sagt sie, die Arme in die Hüfte gestemmt. «Heute ist Damenwahl.» Ilkka wirbelt mich energisch übers Parkett. Später setzt sie sich mit ihrer Freundin Nadia zu uns an die Bar. Sie zeigen uns ihre Agenden, in die sie jede Tanzveranstaltung in der Region eingetragen haben. Wir bestellen eine Runde Koskenkorva, ein Gerstenschnaps, der wie Wodka schmeckt. Ilkka und Nadia haben an diesem Abend kein Glück, die wenigen Männer sind mit ihren Gattinnen hier oder lassen ihre Biergläser nicht los.

Irgendwann hört der Akkordeonist auf, ein paar Hände klatschen, dann leeren sich die Tische und die Bar. Wir bestellen eine neue Runde Koskenkorva, etwas Besseres fällt uns nicht ein: Auf die Glücksspielautomaten haben wir keine Lust, und die Fotos von früher, die an den Wänden hängen, haben wir bereits gesehen. Auch Jussi und Tanja finden das alles ein bisschen deprimierend. «Wie in einem Kaurismäki-Film», nickt Tanja. Nach der dritten Runde Koskenkorva fühlen wir uns besser. Jussi erzählt uns die Geschichte von Timo Kaukonen, dem finnischen Sauna-Weltmeister, der sich bei 116 Grad Hitze und 23 Prozent Luftfeuchtigkeit selbst gekocht hatte. Erst brach sein russischer Kontrahent tot zusammen, dann musste Kaukonen ohnmächtig aus der Sauna getragen werden. Jussi hatte ihn ein paar Monate später fotografiert. «Er konnte kaum sprechen, weil auch seine Lungen verbrannt waren. Ich fragte ihn, warum er die Sauna nicht früher verlassen habe. Er sagte: ‹Ich wollte nicht, dass ein Russe gewinnt.›» Am nächsten Morgen verschlafen wir das Frühstück.

Weiterfahrt nach Südosten. Dörfer wie Bullerbü. Reklametafeln am Strassenrand mit Verweis auf Tangofestivals, Jazzfestivals, Opernfestivals, Theaterfestivals, Rockfestivals. Das Land ist dünn besiedelt, selten sieht man nun offene Felder und Wiesen, dafür reissen Seen grosse und kleine Löcher in den Wald. Immer wieder Vorsicht-Elch-Tafeln, aber keine Elche. In Finnland leben 5.5 Millionen Menschen zwischen 25 Milliarden Fichten. Das ist eine Menge Wald. Mit der Zeit lernt man, auf die Details zu achten: Mohnblumen im Kornfeld, leuchtende Pilze am Wegrand, das Ruderboot auf dem Silbersee, «California Dreamin’» im Radio.

Jussi möchte mir das Sommerhaus seiner Eltern zeigen. Es liegt mitten in der berühmten Finnischen Seenplatte. Seine Mutter hat uns per SMS eine Einkaufsliste geschickt: kleine Kartoffeln, Erdbeeren, Karotten, Dill, Petersilie, Salat und Pilze. Wir finden alles auf dem Markt von Juva. Irgendwann verlassen wir die gepflasterte Strasse, holpern über Kies und Schotter, durch Wälder und verschlafene Weiler.

Sommerhäuser

Das Sommerhaus der Puikkonens steht mitten im Wald. Es liegt an einem See so gross wie zwei Fussballfelder. Ein schwimmender Holzsteg führt hinaus ins Wasser. Er dient als Anlegestelle fürs Ruderboot oder als Zielgerade für den Kopfsprung nach der Sauna, aus der ich gerade hechte, gefolgt von Jussi und Tanja. Das Wasser ist moorschwarz und samtig. Lässt man sich auf dem Rücken treiben, sieht man orange Schleierwolken. Steigt man aus dem Wasser, dient das Handtuch nicht nur zum Abtrocknen, sondern auch zum Ermorden von Moskitos. Mückenspray erledigt den Rest. Danach sitzen wir auf der Holzbank vor der Sauna, trinken Bier aus der Flasche und seufzen zufrieden.

Sommerhäuser sind ein Relikt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als drei Viertel der Finnen noch Bauern und Holzarbeiter waren. Mit der späten Industrialisierung begann der Exodus vom Land in die Städte: nach Helsinki, Porvoo, Hanko, Turku. Hier entstanden Fabriken und Arbeitsplätze. Jede fünfte Familie besitzt heute noch ein Waldgrundstück aus der Zeit vor dem Krieg, vererbt über Generationen, auch das Land, auf dem das Blockhaus der Puikkonens steht. Jussis Cousin bewirtschaftet noch immer den Hof seiner Grosseltern ein paar Kilometer westlich.

Kinder flitzen mit Pfeil und Bogen durch die Heidelbeerstauden. Sie sind die Kinder von Jussis Cousine, die übers Wochenende hergefahren ist. Vater Juha, ein pensionierter Reiseleiter, sitzt in kurzer Hose und Tropenhemd auf der Veranda. Er schält Zwiebeln mit dem Finnendolch und steckt Fleischstücke auf einen Spiess. Jussis Mutter Arja, eine Kinderbuchautorin mit freundlichen Augen, hantiert in der Freiluftküche über dem Feuer. Das Haus ist zweckmässig eingerichtet. Elektrizität gibt es seit ein paar Jahren, das Trinkwasser kommt aus dem Brunnen vor dem Haus. Die Toilette ist ein Kabäuschen im Wald. Nachbarn? Keine.

Der blaue Holztisch ist gedeckt, Väschen mit Wiesenblumen stehen zwischen den Tellern. Arja hat die Zutaten vom Markt zu Köstlichkeiten verarbeitet, Juha füllt die Weingläser bis zum Rand. Der Himmel ist nun blutrot, der See ein Spiegel. Wenn niemand spricht, hört man das fiese Summen der Mücken. Als wir nach drei Tagen den Wald verlassen und zurück nach Helsinki fahren, zähle ich 39 Stiche.

Helsinki. Jussi will mir die einzige Autonome Sauna Finnlands zeigen, die Sompasauna. Wir nehmen das Tram nach Sompasaari am Ostrand der Stadt. Hier entstand vor 150 Jahren der erste Hafen Helsinkis, jetzt liegt das gigantische Areal brach und wartet darauf, von Luxuswohnungen überbaut zu werden. Bis es so weit ist, trotzt am äussersten Zipfel des Grundstücks ein dampfender Schwitzkasten der Gentrifizierung. Das Nagelhaus der Sauna-Freaks, immer wieder von den Behörden abgerissen und von Aktivisten neu zusammengezimmert, ist nicht grösser als ein Wandschrank. Mika, Matti, Heikki und Saara sitzen auf Plastikstühlen vor der Sauna, auf einem rostigen Grill werden Würste gebraten. Saaras Haupthaar ist rot, das Schamhaar hellgrün. Heikki hat sich einen botanischen Garten auf die Brust tätowieren lassen. Er knackt eine Dose Koff. «Ich war mal in einer Sauna in Berlin», erzählt er. «Drinnen war es still wie im Grab. Dabei können die Deutschen sonst ja kaum aufs Maul sitzen. In Finnland ist es genau umgekehrt. Beim Bier schweigt man, in der Sauna redet man.» Matti nickt. «Die Sauna ist der einzige Ort, an dem wir über unsere Gefühle sprechen.» «In der Sauna», sagt Mika, «sind wir alle gleich.»

Später holt uns Juuso mit seinem Motorboot ab. Juuso ist ein Jugendfreund von Jussi, Hochseekapitän von Beruf. Wir winken unseren neuen Freunden von der Autonomen Sauna und tuckern ins Schärengewirr wie in ein zerschlagenes Stück Land. Schon beim Anflug auf Helsinki fiel mir die zerfetzte Küste auf. Es ist eine merkwürdige Zwischenwelt, durch die wir gleiten, weder Festland noch offenes Meer. Juuso lässt finnischen Reggae laufen, die Dämmerung taucht alles in ein warmes, gelbes Licht. Wir fahren nach Suomenlinna, einer historischen Festungsinsel aus dem 18. Jahrhundert. In einem Café namens Valimo essen wir Fischsuppe mit Schwarzbrot und gesalzener Butter, dazu ein dunkles Bier. Gewöhnt man sich als Finne eigentlich nie an den Winter? «Nein», sagt Juuso. «Vor allem die Dunkelheit macht einem zu schaffen. Man hält das nur im Wissen darum aus, dass die Tage wieder länger werden. Der Gedanke an den Sommer bringt uns durch den Winter.»

Death Metal?

Wir tuckern zurück in die Stadt, von der wir erst die Kuppel der Domkirche, dann die Hafenkräne sehen. Bei der Alten Markthalle gehen wir an Land. Ein letztes Bier? Jussi überlegt. «Da wäre noch diese Dachparty bei Henkka», sagt er. Henkka? Wer ist Henkka? «Henkka Seppälä. Spielt Bass in einer Death-Metal-Band.» Death Metal? Sind das nicht die Leute, die Kirchen abfackeln? Als wir vor Henkkas Haus aus dem Taxi steigen, haben wir zwölf Halbliterdosen Bier dabei. Jussi meinte «better safe than sorry». Henkka ist ein freundlicher Todesmetaller. Keine Spinnwebentattoos am Hals, keine Grabesstimme zur Begrüssung. In seiner Wohnung hängen Kunstplakate, die Möbel sind nordisch hell und modern. Auf der Dachterrasse sitzen nette Menschen zwischen Blumentöpfen, jemand hat die Kinder mitgebracht, drei Freundinnen aus Lappland trinken Prosecco. Henkka ist von einer Tournee mit seiner Band Children of Bodom zurück. Er hat mit Metallica und Alice in Chains an grossen Rockfestivals gespielt. Wir schauen uns das Video seiner Band an, «In Your Face», ein harter Brocken von einem Song, der auf Youtube auf zehn Millionen Klicks kommt. Zehn Millionen! «Henkka ist ein Star», raunt mir Jussi zu.

Mitternacht ist vorbei, die Kinder sind verschwunden, ich freue mich auf mein Bett im neuen Radisson Blu Hotel mit Hafenblick. Morgen ist mein letzter Tag, und ich möchte mich noch ein wenig in Helsinki umsehen: die Altstadt, die an Tallinn oder St. Petersburg erinnern soll. Das Kallio-Viertel, wo zwischen Säuferkneipen und Plattenbauten bunte Läden und Studenten-Cafés entstehen. Und natürlich die Tearooms aus den Fünfzigern, wie man sie aus den Filmen von Aki Kaurismäki kennt. «Jetzt gehn wir noch ins Yökyöpeli», klatscht Henkka in die Hände. Yökyöpeli?? «Eine Karaokebar. Musst du gesehen haben.» Heavymetal-Riffs brettern aus den Lautsprecherboxen. Ein junger Mann mit sehr langen Haaren brüllt tapfer ins Mikrofon, fürs Luftgitarrensolo fällt er auf die Knie und schüttelt die geföhnte Mähne. Als der Song zu Ende ist, sagt er freundlich Danke und übergibt einer zierlichen Brünette mit Hornbrille und Zöpfen das Mikrofon. Sie hat sich «California Dreamin’» ausgesucht – natürlich die finnische Discoversion. Der ganze Laden singt mit, auch Henkka und Jussi und Tanja und der Heavymetal-Junge. Draussen geht die Sonne auf.

Sommernachtstanz

2008 hatte der finnische Fotograf Jussi Puikkonen einen Bildband über den langen finnischen Winter veröffentlicht. Und weil uns das Buch so gut gefällt, haben wir ihn gebeten, uns auf einer Reise durch den kurzen finnischen Sommer zu begleiten. Aktuell arbeitet Puikkonen an einer neuen Fotoreihe, die eine weitere finnische Eigenart dokumentiert: die Sauna!

www.saunafromfinland.org

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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