Vivir la Vida

Ein Road-Trip durch Kuba

Reformen, Reisefreiheit, Hunderte private Lokale und Unterkünfte – Kuba ist im Umbruch. Wir haben die Insel mit Humberto und seinem rosaroten Taxi erkundet.

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Historisches Kuba: Humberto und sein rosaroter Panther in der Schweinebucht

Rhythmus im Blut: Musiker in den Strassen des Städtchens Trinidad

Kleinunternehmertum: Humberto prüft die Früchte an einem Marktstand

Auf nach Cienfuegos ...

... wo mondäne Paläste ...

... und Pferdekutschen das Bild prägen

Die Polizei büsst Taxifahrer Humberto ...

... zuvor aber gabs gutes Essen ...

... und in Trinidad viel Musik

Leben mit der Pantera Rosa: Humbertos Hupanlage

Gastgeberin: Mariceli vermietet Zimmer

Pferdeverleiher Hugo bringt uns zum Wasserfall El Pilón ...

... der in einen natürlichen Pool mündet

Reisfelder ...

... Früchte zum Frühstück

... und eine schlecht bestückte Apotheke: Santa Clara ist die letzte Station

Hubertos Taxi: Parkiert auf seiner Veranda

Eine typisch kubanische Szene

Roh und wild: Uferpromenade in Havanna

Wenn Humberto von Mexiko erzählt, strahlt er wie ein kleines Kind, dem man einen Lollipop geschenkt hat. Diese schönen Autos! Diese riesigen Supermärkte! Er zeigt an sich herunter und sagt mit der Überzeugung eines Self-made-Millionärs: «Alles neu.» Die rote Sonnenbrille, die Cargo-Shorts, ja sogar die Unterhose – er zieht den Saum hinauf – stammen aus Mexiko. Sein türkisfarbenes Shirt trägt die Aufschrift «Kill or be killed». Humberto, weisst du, was das bedeutet? Er lacht nur: «Sag dus mir!» Humberto war vor zehn Tagen das erste Mal in Mexiko. Cancún liegt zwar nur eine Flugstunde von Havanna entfernt, trotzdem musste Humberto 61 Jahre alt werden, bis er sein Nachbarland besuchen durfte. Er packt sein brandneues Smartphone aus und zeigt uns Fotos von Shoppingmalls. Hunderte von Fotos. «Schau, die Regale sind bis zur Decke gefüllt. Da gibt es alles. Einfach alles!» Ein Foto von einem Spital: «Sieht das nicht aus wie ein Hotel?» Ein Foto, wie der 61-jährige Humberto auf dem Plastiktöff eines Spielautomaten sitzt.

Ein Foto, wie Humberto vor einem grossen Fernseher steht. «Hundert Kanäle gibt es. Weisst du, wie viele wir in Kuba haben? Fünf!» Aber das Beste sei gewesen, sagt Humberto, dass ihn alle für einen Amerikaner gehalten hätten. Humberto ist ein Blanco, ein Weisser, wie rund ein Drittel der Kubaner. «Sie haben mir ‹Gringo› zugerufen und mich auf Englisch angesprochen!» Er krümmt sich vor Lachen übers Steuerrad. Wir sind auf dem Weg vom Flughafen Varadero in die Hauptstadt Havanna – der erste Stopp auf unserem Roadtrip mit Taxifahrer Humberto. Die Luft ist feucht und klebt auf der Haut. Palmen säumen die Strasse, am Rand halten Fischer ihren Fang in die Luft, Bauern verkaufen Käse und Zwiebeln. Dauernd winken uns Leute zu. «Sie wollen mitfahren», sagt Humberto. Ein Auto könne sich fast keiner leisten: «Schau, die Strasse ist leer!» Dann fragt er: «Etwas Salsa?» Wenig später umsäuselt uns Marc Anthonys «Vivir mi vida», der Superhit in Kuba

Der rosarothe Panther

Humberto lässt die Schultern tanzen, zuckt mit den Armen, dirigiert ein imaginäres Orchester und singt mit: «Voy a reir, voy a bailar – vivir mi vida, lalalaaa!» Nichts ist mehr, wie es war, als ich Humberto vor vier Jahren in Havanna kennen gelernt habe. Damals trug er ein hellbraunes Hemd, schwarze, lange Hosen und Halbschuhe. Eine Reise nach Mexiko war für ihn unvorstellbar: Er hätte eine Sondergenehmigung gebraucht plus eine Einladung aus dem Ausland. Erst seit Anfang 2013 gewährt Präsident Raúl Castro den Kubanern die lang ersehnte «Reisefreiheit». Was nicht heisst, dass jeder ausreisen kann: Natürlich lässt der Staat nur jene Leute gehen, die ihn nicht interessieren – in die Jahre gekommene Taxifahrer wie Humberto etwa. Humbertos Auto hat eine neue Farbe. Nicht mehr Bordeauxrot wie vor vier Jahren. Sondern pink. «Wegen der Frauen», sagt er. Wenn die Touristinnen ein rosa Auto neben einem blauen sehen – «na, in welches steigen sie wohl ein?»

Das Auto – La Pantera Rosa, der rosarote Panther – ist seine grosse Liebe. «Meine Frau sagt immer, ich würde mein Auto mehr lieben als sie. Aber das stimmt nicht, ich liebe beide gleich fest.» Der Unterschied sei, dass er mit seinem Auto Geld verdiene, während ihn seine Frau nur welches koste. Dass wir in Havanna angekommen sind, merkt man vor allem an einem: Es stinkt nach Abgasen. Mir wird fast schwindlig. Humberto erklärt, dass die Autos in Kuba noch mit Öl fahren, nicht mit Benzin. Er quartiert uns bei Mariceli ein. Sie betreibt eine Casa particular. In Kuba gibt es zwei Arten von Unterkünften: staatliche Hotels und eben Casas particulares, Privatunterkünfte mit ein, zwei oder drei Zimmern. Anders gesagt: Man wohnt bei Kubanern zuhause. Mariceli ist 48 Jahre alt und hat lange, blond gefärbte Locken. Auch sie profitierte von den – sanften – Wirtschaftsreformen von Raúl Castro: Vorher gab es eine limitierte Anzahl an Privatunterkünften; jetzt ist die Bewilligung einfach zu bekommen, die Zahl der Casas ist explodiert.

Mariceli arbeitete einst als Zeichenlehrerin, verdiente zwanzig Franken im Monat. Jetzt: «Muuuucho más», viel mehr. Bei der Begrüssung sagt sie: «Schau, mein Haus ist voll. Aber ich habe für dich ein neues Zimmer auf der anderen Strassenseite.» So ist Kuba – man weiss nie genau, was einen erwartet. In meinem Zimmer stehen noch die Arbeiter, bohren, malen, montieren die Vorhänge. «Gefällt es dir?», fragt Mariceli und schaut mich erwartungsvoll an. In Havanna lassen wir die touristische Altstadt links liegen. Wir wollen die neuen Paladares erkunden, die Privatlokale. Anders als die staatlichen Restaurants kochen sie gut. Als ich 2009 hier war, zählte Havanna etwa 20 Paladares. Jetzt sind es 200. Seit kurzem kann man in Havanna sogar Sushi essen und Holzofenpizza – eine kleine Revolution für ein Land, das sich die letzten fünfzig Jahre von «moros y cristianos», Bohnen mit Reis, ernährt hat. Wir haben schon nach einem Tag genug davon. Wir wollen Pasta!

In Kuba gute Spaghetti zu finden, ist so schwierig, wie Fidels Wohnort auszumachen. Wir fahren ins Aussenquartier Playa. Kleine Häuser mit Garten, Suburbia-Feeling. Hier steht der angesagteste neue Paladar der Stadt: «Corte del Principe». Der Besitzer – Sergio, ein Italiener – lebt seit elf Jahren in Havanna. In Italien hatte er Holzschutzmittel vertrieben, kochen war nur ein Hobby. Vor einem Jahr hat er seinen Paladar eröffnet. Zucchero war schon bei ihm, Fotos an der Wand zeugen von der Begegnung mit dem Musiker. Einmal pro Monat fliegt Sergio nach Mexiko, um all die Sachen einzukaufen, die er in Kuba nicht bekommt. Wir essen Pappardelle mit Pilzen und Salsiccia. Halleluja! Humberto bestellt uns zu sich nachhause, um den Roadtrip zu besprechen. Er schlägt vor, der Südküste entlang bis nach Trinidad zu gondeln. «Viel weiter schafft es mein rosaroter Panther sowieso nicht.» Wir sitzen auf seiner Veranda. Sie ist komplett vergittert. Und drinnen steht – sein Auto.

Eine Hunde-Hupe

Es sei knifflig, den Wagen hineinzubugsieren, gibt er zu, aber nie würde er seine Pantera Rosa über Nacht auf der Strasse lassen. Sein Chevy von 1954 ist einer von Abertausenden Autos, die die Amerikaner nach Fidel Castros Revolution im Land zurückliessen. Humberto kaufte den Oldtimer vor 17 Jahren. Über die Jahre hat er ihn aufgemotzt: neuer Motor («eine 20-jährige Chica»), Klimaanlage, elektrische Fenster, DVD-Player für Musikvideos (strategisch gut platziert neben dem Steuerrad), blaue Scheinwerfer, eine Hupe, die quakt oder miaut oder bellt, und nun – aus Mexiko, logisch – neue Sitzbezüge. Seine Schwiegertochter Osuny sagt Hallo. Sie betreibt in der Küche von Humberto ein mobiles Mini-Nagelstudio. Auch dieses Geschäft wäre vor ein paar Jahren noch illegal gewesen. Vieles ist heute anders in Kuba. Aber vieles ist gleich geblieben. Trotz der Reformen – es mangelt an allem. «Das Einzige, wovon der Kubaner genug hat, ist Zeit», sagt Humberto.

Ich erinnere mich an das Mail, das er mir vor dem Abflug geschickt hat. Seine Schwiegermutter – 92 Jahre alt, schwer dement – kann nicht mehr schlafen. Die Ärzte empfahlen ihr ein Medikament, das man in Kuba nicht bekommt, aber vielleicht in der Schweiz? Humberto: «Was nützt eine kostenlose Gesundheitsversorgung, wenn es keine Medikamente gibt?» In der Nacht im Zimmer: kein Wasser. Am Morgen: kein Strom. Das Viertel liegt flach. Manchmal bedient Kuba jedes Klischee eines Drittweltlands. Humberto holt uns ab. Raus aus Havanna, endlich frische Luft. Die dreispurige Autobahn haben wir für uns. Der Motor röhrt wie ein wild gewordener Rasenmäher. Am Strassenrand zerzupfen Geier einen toten Hund. Ansonsten: nur grün. Palmen, Zuckerrohrplantagen, Reisfelder, Bananenstauden. An der ersten Tankstelle bestellt Humberto einen Kaffee und kauft eine neue DVD von Marc Anthony. «Ich mag seinen leichten, rhythmischen Salsa, obwohl er eigentlich Puerto-Ricaner ist.»

Eine schmale Strasse führt zur Schweinebucht hinunter, vorbei an der Zuckerfabrik, wo Fidel 1961 seinen Posten bezogen hatte, um den US-Angriff abzuwenden. Überall flattert die Kubaflagge. In Playa Girón gibts ein Museum, das die Invasion in der Schweinebucht dokumentiert. Zwei Panzer und ein Kampfjet stehen davor. Drinnen schwatzen vier Angestellte, das Museum ist dunkel. «Wir machen das Licht nur an, wenn Leute kommen», sagt die Frau an der Kasse. Wir wollten eh lieber an den Strand. Doch da steht ein staatliches Resort, Zutritt nur für Gäste. Humberto war mal hier in den Ferien, mit seiner ganzen Familie. «Wir machen alles zusammen», sagt er. «Wir wohnen zusammen, wir essen zusammen, wir sind wie ein Hunderudel.» Schliesslich schaffen wirs über eine Schotterpiste doch noch an den öffentlichen Strand: türkisfarbenes Wasser, ein paar Palmen, weisser Sand – und keine Menschenseele ausser den zwei Jungs, die einen kleinen Souvenirstand betreiben.

Und das soll der berühmte Strand sein, wo die Invasoren landeten? Weiter nach Cienfuegos. Kühe versperren uns den Weg. Humberto macht Schiessgeräusche mit seiner Spezialhupe, bis die Tiere verschwinden. Wir sind die Einzigen, die die Luft verpesten, sonst sind nur Pferdekarren unterwegs. Humberto ist selber in einer Bauernfamilie aufgewachsen, danach hat er Agronomie studiert, bevor er Taxifahrer wurde. Als wir in Cienfuegos einfahren, lässt er – zum hundertsten Mal – «Vivir mi vida» von Marc Anthony laufen. Lautstärke: ohrenbetäubend. Langsam tuckern wir über die Allee, alle schauen uns nach. Humberto platzt fast vor Stolz. Cienfuegos nennt sich das «Paris der Karibik»: Statt der Spanier – wie im Rest des Landes – prägten hier die Franzosen das Stadtbild. Boulevards, Triumphbögen, mondäne Paläste. Auch der Malecón, die Uferpromenade, ist hier nicht roh und wild wie in Havanna, sondern gesäumt von Palmen, lieblich, romantisch, ruhig.

Bienvenido Socialista

Na ja, ruhig ist in Kuba ein relativer Begriff – aus der Casa de la Música dröhnen Fetzen von «The Time of My Life» zu uns, und Jungs mit der halb leeren Rumflasche in der Hand grölen: «Corazón, darf ich dich mit nachhause nehmen?» Humberto greift ein: «Hermano, lass meine Frauen in Ruhe.» Er wünscht uns eine gute Nacht und gibt uns zwei Küsschen: «In Havanna wärens drei – der letzte geht in die Mitte.» Samstagmorgen. Wir brauchen Geld. Wie hundert Kubaner auch: Die Schlange vor der Bank reicht um den halben Block. Humberto sagt: «Macht nichts, shoppen kannst du in Kuba eh nicht! Wie wärs stattdessen mit einer kleinen Rundfahrt?» Wir tuckern zum Eingang der Bucht von Cienfuegos. «Bienvenido Socialista» steht auf einer grossen Betonmauer. Humberto bringt uns zu einem kleinen Fischerlokal direkt am Wasser. «Las Damas» heisst der Paladar (Übersetzung Humberto: «The Girls!»). Humberto inspiziert die Küche, fragt die Köchin, wann genau der Fisch gefangen worden sei.

Alles ist zu seiner Zufriedenheit – wir dürfen uns setzen. Der Gastgeber schlägt mit der Machete drei Kokosnüsse von einer Palme und steckt einen Strohhalm hinein. Wir warten eine geschlagene Stunde, bis alles fertig gekocht ist – dafür schmeckt der Fisch herrlich! Dazu gibts Bananenchips, Avocado aus dem Garten, Reis, Salat. Zurück nach Cienfuegos nehmen wir das Boot. Das sei lustig, findet Humberto, auf diesem Boot habe es nur Kubaner. Wir zahlen in der (teuren) Touristenwährung: 1 CUC. Der Kubaner zahlt in der (billigen) Nationalwährung: 1 Peso – etwa ein Zwanzigstel unseres Betrags. Humberto: «Das nennt man Rassismus.» «Heute ist nicht mein Tag», verkündet Humberto am nächsten Morgen, als wir losfahren nach Trinidad. Er wirkt zerknautscht. Wir tuckern durch den Dschungel und über Felder, ab und zu ein Dorf, hier und da eine Fabrik. Während der Fahrt springt dreimal der Kofferraumdeckel auf. Und dann hält uns die Polizei an. Humberto muss aussteigen.

Der Polizist fragt: «Warum haben Sie das Taxischild nicht in die Windschutzscheibe gestellt?» Humberto redet sich um Kopf und Kragen. Die Wahrheit ist: Er hats schlicht vergessen. Der Polizist will ihm Punkte abziehen, Humberto bricht der Schweiss aus. Am Schluss lässt sich der Polizist zu einer Busse von fünfzig Franken erweichen. «Reine Willkür», schimpft Humberto. Trinidad, sagt Humberto, sei «gaaaanz anders» als Cienfuegos. Trinidad sei genau so, wie wir Schweizer uns Kuba vorstellten: farbige Kolonialhäuser, holpriges Kopfsteinpflaster und überall Musiker, die ihre Instrumente durch die verwinkelten Gassen tragen. Mit 50 000 Einwohnern ist Trinidad deutlich kleiner als Cienfuegos. Es ist ärmer, (noch) ruhiger und heisser. Nach einem halben Tag hat man das Gefühl, man gehöre zum Dorfinventar. Auf der Plaza Mayor, im Schatten eines Hauses, sitzt ein alter Mann und singt ein trauriges «Besame mucho».

Irgendwann im 19. Jahrhundert haben hier die Uhren aufgehört zu ticken. Na ja, nicht ganz: Der alte Sänger verlangt für das Foto «un peso». Und das Internetcafé passt auch nicht ins Bild. Wir wollen auf unseren Gmail-Account zugreifen – «not possible from this country». Humberto findet, wir müssten zur Playa Ancón fahren, dem schönsten Strand der Südküste Kubas. Auch hier steht ein staatliches Resort. Die Leute liegen faul unter den Sonnenschirmen, eine Familie sitzt im Wasser und isst Guetsli. Humberto sagt, er habe – trotz DVD-Player – nie einen Unfall gehabt. «Ich schaue keinen Frauen nach.» Da sei sein Sohn, auch Taxifahrer, anders. Bei jedem Frauenhintern mache er Kussgeräusche. Er habe ihm gesagt: «Lass das!» Doch Humbertico – der kleine Humberto – fand: «Vater, du bist alt.» Hat er schon Touristen chauffiert, die eine Chica wollten? Es heisst, dass viele Männer nur wegen der Mulattinnen nach Kuba kämen. Humberto verdreht die Augen: «Hunderte!»

Ein Cowboy mit Kater

Wieder in Trinidad, lernen wir César Esquerra kennen, den Besitzer des Lokals Quince y Catorce. Seine Biografie tönt wie ein Abenteuerroman: César war als junger Mann Hammerwerfer in der kubanischen Nationalmannschaft, danach bekämpfte er als Soldat in Afrika die Apartheid, anschliessend schickte ihn der Staat acht Jahre in die DDR, wo er in der Papierindustrie arbeitete. Jetzt führt er seit zwei Jahren ein Privatrestaurant. Er kocht alles auf Holzkohle, am liebsten Langusten. César glaubt, dass Ökotourismus ein guter Weg für Kuba sein könnte. «Wo sonst gibt es so viel unberührten tropischen Dschungel?» Er besorgt uns Pferde – und Hugo, einen 25-jährigen Cowboy mit einem heftigen Kater («Mein Vater hatte gestern Geburtstag»). Der Reichtum des kolonialen Trinidad wurde auf den Zuckerrohrplantagen erwirtschaftet. Noch heute sieht man im Valle de los Ingenios herrschaftliche Torbögen, verfallene Zuckerfabriken, Ruinen von Sklavenquartieren und die ehemaligen Villen der Zuckerbarone, die in Restaurants umfunktioniert wurden.

Wir traben durch ärmliche Dörfer, wo die Bauern ihre Felder noch mit Ochsen bestellen. Ein altes Paar teilt sich vor seiner Hütte eine Zigarre. Hugo bringt uns zum Wasserfall El Pilón. Verglichen mit dem Rheinfall ist er ein Rinnsal, dafür mündet er in einen natürlichen Pool, romantisch überwachsen mit Farn. Das Wasser ist frisch. Hugo sagt, ihm sei es zu kalt. Er sitzt lieber am Ufer und trinkt Mojito. Santa Clara. Unser letzter Halt auf dem Roadtrip mit Humberto. Es ist die Stadt von Che Guevara. 1958 liess er hier einen gepanzerten Zug des Diktators Batista entgleisen – die Initialzündung für die Revolution. Die Überreste des Che liegen in einem Mausoleum. Frage an Humberto: «Was hältst du von Che?» – «Er hat für unser Land gekämpft, obwohl er ein Argentinier war. Das rechnen wir ihm hoch an», sagt er diplomatisch. Ich habe immer noch kein Geld. Der Automat ist ausser Betrieb, und in die Bank lässt man mich nicht rein – meine Shorts sind der Dame am Empfang zu kurz.

Humberto: «Das ist die Provinz. Lass uns abhauen.» Auf dem Weg zum Flughafen von Varadero hält Humberto bei einem staatlichen Imbiss, «damit ihr das auch noch erlebt habt». Es dauert eine Viertelstunde, bis sich ein Kellner des halb leeren Lokals zu uns bequemt. Das Essen – ein Sandwich – ist ungeniessbar. «Schreib: Die Fritten sind so alt wie Humberto», befiehlt er. «Und der Schinken schmeckt ranzig.» Angewidert überlässt er sein Brötchen einem bettelnden Hund. Vor der Einfahrt zum Flughafen die letzte Polizeikontrolle. Humberto seufzt ergeben. Hitzige Diskussionen auch dieses Mal. Zurück im Auto, empört er sich: «Die Polizisten bessern sich so einfach ihr Gehalt auf!» Zur Beruhigung fährt Humberto die Schublade des DVD-Players aus und legt Marc Anthony ein. Schon nach den ersten Salsa-Klängen schwingt er seine Hand in die Luft, wackelt mit dem ganzen Körper und hüpft auf dem Sessel herum. Und jetzt, am Ende unserer Reise, als wir endlich den spanischen Text kapiert haben, wird uns klar, warum Humberto das Lied so gefällt. Er singt aus voller Kehle: «Warum Tränen vergiessen? Warum leiden? So ist das Leben, man muss es leben. Ich werde lachen, ich werde tanzen – vivir mi vida, lalalalalaaa!»

Text: Stefanie Rigutto; Fotos: Esther Michel

Behutsamer Blick

Sie sagt von sich selbst, dass sie «mit schüchterner Neugier» durchs Leben geht: Seit mehr als zehn Jahren fokussiert die studierte Pädagogin Esther Michel (l.) ihr fotografisches Schaffen auf Reportagen im In- und Ausland sowie auf Porträts. Mit respektvollem und professionellem Blick rückt die Weitgereiste die Menschen und ihre Geschichten ins richtige Licht. Für uns dokumentierte die Luzernerin mit Reiseredaktorin Stefanie Rigutto (r.) eine Zeitreise – durch Kuba in einem alten, pinken Chevrolet.

www.esthermichel.com

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