Der Freigeist im Herzen Europas

Weshalb Sie Brüssel besuchen sollten

Vergessen Sie das hippe Berlin: Brüssel ist die Stadt der Stunde! Ziemlich chaotisch und improvisiert, aber auch herrlich kreativ, total international und nie in Eile.

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Parvis de St. Gilles: Jeden Donnerstag Foodtrucks und jede Menge Bars mit dem besten Bier der Welt

Begehrtestes Männlein der belgischen Hauptstadt: Der Manneken Pis

«Brüssel ist offen und geheimnisvoll zugleich»: Moderatorin Chloé Despax

Pommes frites, das Nationalgericht – natürlich mit Mayo

Vintage-Boutique an der Rue des Grand Carmes

Lieben ihre unangepasste Stadt: William Delvoye und Louise Richard

«Aufregend, wie die Stadt aufblüht»: Der Berner Künstler Christian Denzler lebt seit zwanzig Jahren in Brüssel

Das flämische Quartier Sainte-Catherine

«Hier sieht man keine Highheels»: Modebloggerin Ruxandra Ioana

Muscheln schlemmen im «Le Pré Salé»

Vor mehr als zwanzig Jahren, als Christian Denzler nach Brüssel kam, war die Stadt komplett am Boden. Das Zentrum war halb leer, die schönsten Paläste rotteten vor sich hin. «Es sah teilweise aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg.» Die Mittelklasse wohnte in Reihenhäuschen an der Peripherie, die EU-Funktionäre flogen am Montag ein und logierten in Hotels. Brüssel war ein totales Chaos. Doch in der Luft roch es nach Freiheit und Anarchie. Christian Denzler war damals ein junger aufstrebender Künstler aus Bern. «Man konnte riesige Ateliers zu niedrigsten Preisen mieten», sagt er. Brüssel, das war die Stadt, in der alles möglich war. Und man wenig Geld ausgab.

Wir treffen ihn in seiner Wohnung im Künstlerviertel Saint-Gilles. 200 Quadratmeter, hohe Stuckdecken, alte Holzmöbel. 1000 Euro Miete zahlt er pro Monat. «Das ist Brüssel», sagt Christian Denzler. Das Leben hier sei immer noch sehr günstig. Heute ist der Künstler 48 Jahre alt. Er trägt Jeans und eine dünne randlose Brille. Im Flur steht eine grosse Bleistiftzeichnung von ihm, von der Decke hängt ein goldener Kronleuchter. Brüssel, sagt er, durchlebe eine Renaissance. Das Zentrum ist renoviert, die Quartiere sind voller Leben. «Es ist aufregend mitzuerleben, wie die Stadt aufblüht», sagt Christian Denzler. «Ich hoffe nur, dass wir hier nicht bald Zustände haben wie in Prenzlauer Berg in Berlin.»

Noch sieht Brüssel eher aus wie Berlin kurz nach der Wende. Auch wenn sich gerade ganz viel bewegt: Brüssel ist noch immer arm, wild und unberechenbar und manchmal ganz schön dreckig. Die Stadt schaffte es bei Tripadvisor nicht einmal unter die 25 beliebtesten Reiseziele Europas (auf der Liste stehen sogar Krakau und Sotschi). Brüssel ist eine Stadt voller Brüche: Da steht der schönste Jugendstilpalast neben einer Bausünde aus den Siebzigerjahren, dort edle Boutiquen und ein paar Schritte weiter die Gassenküche. Noch scheint es keinen Drang zu geben, das Chaos zu zähmen. Vielleicht nennt man die Brüssler deshalb die Italiener Nordeuropas.

Rom will Rom sein. Paris will Paris sein. Doch Brüssel – will gar nichts sein. Die Stadt hetzt keinem Image nach. Brüssel ist einfach. Aber was genau? Immerhin ist Brüssel die Heimat von Musiker Stromae und Maler Magritte, die Hauptstadt des Art nouveau und der Pommes frites. Brüssel ist herrlich kreativ, unglaublich international (jeder Dritte ist Ausländer), sehr menschlich, charmant und nie gehetzt. Vielleicht ist Brüssel die unterschätzteste Hauptstadt Europas.

Im Viertel Marolles steht ein verstaubtes Brocki neben dem anderen. In der Bar Chaff an der Place du Jeu de Balle – seit 1873 findet hier ein Flohmarkt statt – treffen wir Chloé Despax. Sie ist 31 Jahre alt, trägt einen Islandpulli und hat ein schönes Lachen. Sie arbeitet für die Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, daneben hat sie eine Sendung beim alternativen Radio Panik. Ursprünglich stammt Chloé Despax aus der Provence. Vor acht Jahren zog sie hierher, um ein Volontariat bei einer NGO zu machen. Und blieb. «Hier boten sich mir viel mehr Möglichkeiten», sagt sie. Kulturell sei es viel spannender als in Frankreich, und das musikalische Niveau sei eines der höchsten in Europa. «All die Nationalitäten in Brüssel widerspiegeln sich in der Musik», sagt sie und schlürft ihren Detox-Tee. Brüssel sei offen und geheimnisvoll zugleich. Die Stadt sei tolerant und heisse jeden willkommen, aber viele Dinge fänden im Verborgenen statt, viele Schätze seien versteckt. «Auch nach acht Jahren lerne ich jeden Tag etwas Neues über die Stadt.»

Spaziergang durch die Altstadt. In Brüssel kann man sich treiben lassen. Und wenn man mal verloren geht, gibt einem die Stadt an jeder Ecke eine neue Chance. Mal ist man umgeben von Horden von Asiaten mit Selfie-Stick (ihr Ziel: das Manneken Pis, das biselnde Männlein), dann wieder steht man plötzlich auf der Grand-Place, wo früher Menschen geköpft wurden. Mal riecht es verführerisch nach frisch gebackenen Waffeln, wenig später wollen einen die Touristenfänger zum Biertrinken in billigen Absteigen verführen.

Im Viertel Sainte-Catherine kommt wieder Quartieratmosphäre auf. Auf dem Hauptplatz kauft man Austern, Saucissons und streng duftenden Käse. Ein roter Foodtruck schenkt Mojitos aus, vor dem Fischhändler stehen die Leute Schlange für eine Suppe. In der Rue de Flandre, die vom Platz weiter raus aus der Stadt führt, war vor zehn Jahren – nichts. Jetzt reiht sich eine hübsche Boutique an eine nette Bar. 170 annabelle 17/16 Mittlerweile, erzählt uns eine Kellnerin, kämen sogar die EU-Funktionäre hierher in den Ausgang, das sei früher unvorstellbar gewesen.

Im Viertel Sainte-Catherine ist man stolz auf die flämische Kultur. Es gibt Bars, wo die Kellner so tun, als ob sie kein Französisch verstünden. Zwar ist alles in Brüssel zweisprachig angeschrieben, doch nur ein Drittel der Brüssler spricht Flämisch, die Mehrheit redet Französisch. In Sainte-Catherine treffen wir Louise Richard und William Delvoye. Sie ist Stadtplanerin, er arbeitet als Architekt. Brüssel sei eine schöne Stadt, sagt William Delvoye, «aber es kommt drauf an, von welcher Seite du sie anschaust». Architektonisch gesehen, sagt der 42-Jährige, sei Brüssel ein einziger Flickenteppich. «Es gibt noch viel zu tun.» Aber das sei ja gerade das Schöne: «Paris ist gebaut. Brüssel dagegen ist wie ein Mund ohne Zähne: Da haben noch ganz viele Kronen drin Platz.»

Louise Richard sagt, sie möge den freien Geist von Brüssel. Sie ist gebürtige Französin und sagt, Frankreich sei viel konformer. «Unangepasste Leute begutachtet man argwöhnisch. In Brüssel dagegen wird das Eigenständige fast zelebriert.» Brüssel, findet die 34-Jährige, mische nicht nur die Hautfarben spielerisch, sondern auch die sozialen Schichten.

Das Beispiel ist Matonge. Eine afrikanische Enklave mitten im reichen Viertel Ixelles, wo viele EU-Funktionäre leben. Matonge, so heisst eigentlich ein Viertel in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo. Das Herz dieses Mini-Afrikas mitten in Brüssel besteht aus einer halb verfallenen Ladenpassage zwischen der Chaussée de Wavre und der Chaussée d’Ixelles: eine dunkle Höhle, wo in Coiffeursalons Krausen gezöpfelt werden und aus den Läden laute Musik auf das dreckige Pflaster plätschert. Zwei, drei Gangstertypen stehen rum und mustern uns. Eine Frau verkauft gedünstete Maiskolben. Als wir ein Foto von ihr machen wollen, scheucht sie uns weg.

In den Nachrichten ist Brüssel ein Synonym für die EU. In Wahrheit jedoch sind Brüssel und die EU emotional weiter voneinander entfernt als Oslo und Rom. Das EU-Viertel ist eine Blase innerhalb der Stadt, mit der die meisten Einwohner selten bis gar nie Kontakt haben. Auf der Place du Luxembourg, wo das EU-Parlament steht, begegnen wir das erste Mal Männern im Anzug. Die Atmosphäre ist geschäftig wie an der Wall Street. Zwei Soldaten mit Maschinenpistolen pa- trouillieren über den Platz. Es ist Donnerstagabend, die Place Lux wird abgesperrt, Hunderte von EU-Angestellten trinken zusammen Aperol Spritz und feiern im Sommer auch mal die ganze Nacht durch.

Wir treffen Sebastian Ramspeck, 41 Jahre alt und Brüssel-Korrespondent von SRF. Er grüsst da eine Schweizer Diplomatin, winkt dort einer Kollegin aus Luxemburg zu – man kennt sich. Sebastian Ramspeck ist seit 2014 hier. Brüssel, sagt er, sei keine beliebte Destination unter Korrespondenten. «Viele kennen Brüssel nicht und können sich auch nichts darunter vorstellen.» Sie weinen zweimal: Das erste Mal, wenn sie in Brüssel ankommen – das zweite Mal, wenn sie wieder gehen müssen. Ramspeck: «Brüssel wächst einem ans Herz.»

Was mag der Korrespondent an der Stadt? «Die Menschen», sagt er. Es sei eine schöne Mischung aus den positiven Seiten sowohl der Franzosen als auch der Holländer: lässig, humorvoll, unprätentiös. Man lerne dauernd neue Leute kennen, «die Menschen haben keine Berührungsängste». In Brüssel gebe es eine Heiterkeit, eine Lockerheit, die er manchmal in der Schweiz vermisse. Doch diese Mentalität hat auch ihre Kehrseite: «Alles ist unverbindlich, manchmal auch unzuverlässig.» Aber die Brüssler hätten viel Selbstironie und könnten darüber lachen, dass vieles nicht funktioniert. Was vermisst er? «Die Natur vor der Haustür.»

In Brüssel kommt man um die EU herum, nicht jedoch um die Pommes frites. Zu oft steigt einem der Geruch in die Nase. 2014 beantragte Brüssel die Unesco-Auszeichnung für seine Pommes frites. Wo es die besten gibt? Da scheiden sich die Geister. Einige sagen bei Thierry van Geyt auf der Place Flagey. Früher arbeitete er als Coiffeur, danach als Reitlehrer. Heute macht er Pommes frites und serviert sie mit zwanzig Saucen und launigen Kommentaren. Vor ein paar Jahren wollte die Stadt den Kiosk schliessen – eine Petition der Brüssler rettete ihn. Wir müssen Schlange stehen, um seine Pommes frites probieren zu können. Zweimal schwenkt Thierry van Geyt die Kartoffelstäbchen durchs heisse Rindsfett. Sie sind aussen knusprig wie eine Baguette und innen weich wie Zuckerwatte – herrlich!

Zurück ins schickste Viertel: Louise. Am Boulevard de Waterloo reiht sich Louis Vuitton an Hermès. In einem Café treffen wir Ruxandra Ioana. Sie ist 26 Jahre alt, trägt violetten Nagellack und schreibt den Modeblog «From Brussels with Love». Die gebürtige Rumänin kam vor sechs Jahren nach Brüssel. Zusammen mit ihrer Familie führt sie einen Gemüseladen im Viertel Marolles. Brüssel sei eine harte Stadt zum Überleben. Man arbeite viel, verdiene wenig. «Aber die Menschen sind Geniesser und lieben das Leben.» Daran hätten auch die Anschläge im März dieses Jahres nichts geändert. Mode, sagt Ruxandra Ioana, sei in Brüssel kein Thema. «Man sieht nie Highheels. Manchmal kommen die Leute sogar im Pyjama in den Laden.» Brüssler seien wie ihre Stadt: Sie stellen ihre Schönheit nicht zur Schau.

Ja, Brüssel gibt nicht an mit seinen Schätzen, weder mit seinen königlichen Palästen noch den gemütlichen Bars. Das Wahrzeichen, das Atomium, befindet sich weit ausserhalb der Stadt. Und der imposante Justizpalast, der über dem Viertel Marolles thront, hat nie die Aura eines Petersdoms – obwohl er ein Drittel grösser ist. Die Brüssler sind nicht grosskotzig, aber sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein. Zum Beispiel geben sie viel auf ihre geliebten Spaghetti bolo. Und wo es die besten gibt, ist für alle klar: in der Brasserie Verschueren am Hauptplatz des Viertels Saint-Gilles. Dort sind sie «legendär», sagt man uns.

Als Christian Denzler vor zwanzig Jahren hierherzog, war die Brasserie Verschueren fast das einzige Lokal am Parvis de Saint-Gilles. Heute ist es umgeben von Bierbars und Restaurants. Anders als seine Nachbarn will das «Verschueren» nicht trendig sein. Vielleicht ist es deshalb immer proppenvoll mit Künstlern, aber auch mit Pennern, die von den Gästen durchgefüttert werden. Brüssel ist eine gesellige Stadt. Das Leben dreht sich ums Essen und ums Zusammensitzen. Überall wird gelacht und laut geschwatzt. Die Kellnerin bringt die Spaghetti bolo. Wir erstarren vor Ehrfurcht. Die Portion ist riesig, kostet 7.50 Euro und ist zentimeterdick mit Reibkäse bedeckt. Die Leute am Nachbartisch schauen uns an: «Ça va?», fragen sie beiläufig und wenden sich wieder ihrem Bier zu.

Tipps

SCHLAFEN

The Hotel: An dieser schicken Adresse im Viertel Louise stieg auch Barack Obama ab, wenn er nach Brüssel kam. Allein wegen der Aussicht auf die Stadt lohnt sich der Aufenthalt.
– Boulevard de Waterloo 38, Tel. 0032 2 504 11 11, thehotel-brussels.be, DZ ab ca. 150 Fr.

ESSEN

La Mer du Nord: Fischhandlung an der Place Sainte-Catherine, die über die Gasse die leckersten Fischköstlichkeiten verkauft. Geniale Fischsuppe! Einen Ableger gibt es auch an der Place Lux im EU-Viertel.
vishandelnoordzee.be

Le Pré Salé, Sainte-Catherine: Das Lieblingslokal von SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck. In der alten Metzgerei werden wunderbare Moules frites – Muscheln mit Pommes frites – serviert sowie traditionelle belgische Kost wie Chicoréesalat.
– Rue de Flandre 20

AUSGEHEN

Am Parvis de Saint-Gilles gibt es – neben dem «Verschueren» – eine Menge toller Bars, einige mit einer riesigen Bierauswahl. Die Barkeeper fachsimpeln gern über die richtige Wahl des Biers. Am Donnerstag parkieren Foodtrucks auf dem Platz und servieren Crêpes, Moules und Hamburger.

SHOPPEN

Comiczentrum: Brüssel ist Heimat von Tintin und Spirou, Lucky Luke und den Schlümpfen, Asterix und Popeye.
– comicscenter.net

Le Comptoir Belge: Belgische Mayonnaise, feine Biere oder Brotaufstriche aus belgischer Schokolade.
– Avenue Jean Volders 72

ANREISE

Swiss fliegt direkt von Zürich nach Brüssel, ab ca. 150 Fr., swiss.com

INFOS

belgien-tourismus.de

Text: Stefanie Rigutto; Fotos: Fabian Unternährer

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