Masuren - Vergessenes Land

Text: Frank Heer
Fotos: Adrian Elsener

01. Juni 2010

Als 1944 die Russen kamen, floh seine Grossmutter Hals über Kopf aus Masuren. Jetzt entdeckt annabelle-Redaktor Frank Heer in der alten Heimat im heutigen Polen eine der schönsten Kulturlandschaften Europas.

Streng genommen ist das Elisental hinter dem alten Soldatenfriedhof eine sanfte, lang gezogene Bachsenke. Aber in den Augen meiner Mutter war es ein richtiges Tal, geheimnisvoll und zauberhaft. Es führte hinaus aus der Stadt, dorthin, wo die Felder rauschten und die Kornfee lauerte. Noch Jahrzehnte nach ihrer Flucht träumte meine Mutter, vergeblich den Weg ins Elisental zu suchen. Als sie 1976 zum ersten Mal wieder nach Gołdap kam, hörte sie auf, davon zu träumen.

Gołdap. Das Leben ist aus den Strassen verschwunden, als wir an einem frühen Sommerabend das Ortsschild mit dem klingenden Namen passieren. Mit leerem Magen kurven wir durch die Stadt in der nordostpolnischen Provinz, ein paar Steinwürfe von der russischen Grenze entfernt. Kein Restaurant mehr offen, keine Imbissstube weit und breit. Als wir am Ende einer dunklen Strasse Licht durch ein Spelunkenfenster schimmern sehen, ahnen wir, dass es mit fester Nahrung heute nichts mehr werden würde.

«Heil Hitler», grölt ein Betrunkener am Ende der Bar, als er hört, dass wir uns erst auf Englisch, dann auf Deutsch nach dem lokalen Bier erkundigen. Da die Barfrau nur Polnisch spricht, übernimmt ein Gast die Übersetzung. «Andrzej», stellt er sich vor, als das Bier vor uns steht, Bodenleger von Beruf, 48, oft unterwegs in Deutschland und Norwegen. Andrzejs erste Frage: Was habt ihr in Gołdap verloren?

Die Antwort erfordert einen Rückblick auf den Sommer 1976. Meine Mutter Elfriede, meine Tante Liselotte, meine Oma Helene, meine Cousine Katja und ich rollten im Zug von Ełk durch die polnische Woiwodschaft (Bezirk) Masuren nach Gołdap. Ich war neun, die Wagonbänke waren aus hartem Holz, und die Dampflok pfiff vor jedem barrierelosen Bahnübergang. Draussen war es finster. Wenn der Lokführer Kohle nachschaufelte, sausten vor dem Fenster Funken vorbei.

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