Salemi-Taktik in Sizilien

24. April 2009

 

Der Weg in die Vergangenheit von Salemi führt die Via Cosenza bergab durch das finstere Dickicht der engen Gassen. Es dämmert, linker Hand erhebt sich eine steinerne Fassade mit Fensterstürzen, aber ohne Fenster. Die Öffnungen glotzen wie hohle Augen auf die Strasse. Dunkle Äste haben sich durch die grossen Löcher in der Wand geschoben. Ein gestreifter Kater springt am Fuss der Ruine vorbei über die Pflastersteine. Es riecht nach Holzfeuer und dem Urin von Katzen, scheinbar sind das die einzigen Hinweise, dass hier noch Leben ist. Blickt man nach rechts, versinken am Horizont langsam die Weinberge im Dunkeln.

Ein paar Meter weiter, an einem von der Strasse zurückgesetzten Hauseingang, leuchten Halogenscheinwerfer. Nein, hier wird kein Film gedreht. Zwei Polizisten mit kugelsicheren Westen und der Aufschrift «Carabinieri» stehen in der Tür, drei Ermittler in weissen Ganzkörper anzügen versuchen, Spuren im Treppenhaus zu sichern. «Sequestrato», beschlagnahmt, steht auf einem in Plastik eingeschweissten Schild, das mit Draht an der Eingangstür befestigt ist. Der Carabiniere mit Glatze und Dreitagebart ist verschwiegen, wie es sich für seinen Beruf gehört. «Mafia», das ist alles, was aus ihm herauszubekommen ist. Dann weist er mit seinem ausgestreckten Arm den Weg. Weitergehen, bedeutet das.

Es ist das alte, morbide Salemi, das sich hier noch einmal zeigt. Zu dieser düsteren Seite des auf einem Hügel am westlichen Zipfel Siziliens thronenden Städtchens mit seinen 12 000 Einwohnern gehört das Erdbeben, das 1968 grosse Teile der Altstadt zerstört hat, die immer noch in Trümmern daliegt. Und dazu gehören die Cugini Salvo, die Cousins Ignazio und Antonino Salvo, zwei bekannte Unternehmer aus Salemi, die sich in den Dienst der Cosa Nostra unter Totò Riina gestellt hatten. Antonino Salvo starb 1986 an einem Tumor. Ignazio Salvo wurde am 17. September 1992 von Killern erschossen, weil es dem einflussreichen Mann nicht gelungen war, die endgültige Verurteilung Totò Riinas zu lebenslanger Haft zu verhindern. Es war das letzte Mal, dass Salemi auf den Seiten der nationalen Zeitungen auftauchte.

Wenn aber der Schein nicht trügt, dann ist das hübsche, teilweise verrottete Städtchen gerade dabei, aus seinem Dornröschenschlaf zu er wachen. Und es war - wenn man so will - ein wilder Prinz aus dem Norden, der Salemi wachgeküsst hat: Vittorio Sgarbi. Im vergangenen Sommer kam der Kunstkritiker zum ersten Mal hierher, an die Spitze Siziliens, dreissig Kilometer vom Meer und hundert Kilometer von Palermo entfernt. Er kannte den Ort nicht, vielleicht hatte er schon einmal von den Salvo-Cousins oder dem Erdbeben gehört. Doch sonst wusste Vittorio Sgarbi nichts.

Einer aus der alten, stets im Dunstkreis der Cosa Nostra operierenden sizilianischen Christdemokratie hatte sich beim bekannten Impresario gemeldet. Giuseppe Giammarinaro, ein alteingesessener Salemitano, fragte den 56-Jährigen, ob er für das Amt des Bürgermeisters kandidieren wolle. Schliesslich war Vittorio Sgarbi im Frühjahr von der Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti als Kultur referent der Stadt entlassen worden, wegen Disziplinlosigkeit. Er hatte bei einer Talkshow im Fernsehen einen anderen Gast mit Schimpfwörtern überhäuft. So wie es manchmal seine Art ist. Doch dieser öffentliche Fehltritt hatte das bereits gut gefüllte Fass zum Überlaufen gebracht.

Vittorio Sgarbi, der als Jugendlicher Kommunist und später Kulturstaatssekretär unter Silvio Berlusconi war, dachte: Bürgermeister sein ist besser als nichts tun. Ausserdem bestand die Möglichkeit, mit Hilfe des Mikrokosmos Salemi ganz Italien im All gemeinen und der Mailänder Bürgermeisterin im Besonderen zu zeigen, was in ihm steckt. Und dass er zu Höherem berufen ist. Vittorio Sgarbi machte sich also in den Süden auf und kandidierte. Am 29. Juni 2008 wählten die Salemitaner ihn und ein christdemokratisches Bündnis mit sechzig Prozent. «Endlich wird Salemi aus der Verborgenheit auf erstehen», sagte der neu Gewählte damals.

An diesem Abend hat der Bürgermeister in die Burg im Zentrum der Altstadt geladen. Tagsüber hat man von den Zinnen einen Blick weit über das fruchtbare und in den Wintermonaten grünbewachsene Land. Sogar die Insel Pantelleria vor der Küste Tunesiens kann man bei Tageslicht und guter Sicht von hier erkennen. Imposant erhebt sich diese Festung über der Altstadt, die Friedrich II. im 13. Jahrhundert erbauen liess, mit ihrem massiven Mauerwerk und dem gewaltigen runden Wachturm im Osten. Der Innenhof, in dem sich eine einsame Palme reckt, ist mit Fackeln ausgeleuchtet.

Vittorio Sgarbi steht in einem kühlen, schwach beleuchteten und nur mit ein paar Stühlen und einem Tisch ausgestatteten Saal der Burg. Ein hoch gewachsener Mann mit roter Krawatte und blauem Jackett, Brille und Seiten scheitel. Alle paar Minuten neigt er den Kopf und fährt sich mit der Hand durch das halblange graue Haar. Es ist die Geste, die stets einen polternden Satz, eine neue Pointe ankündigt: «Ich wünsche mir, dass hier einmal Touristen wie Goethe und Winckelmann herkommen und keine Proleten!»

Ein Satz im Sgarbi-Stil, Pöbelei gemischt mit hohem Anspruch, Provokation gepaart mit Kulturbeflissenheit. Der Satz ist aber auch programmatischer Ausdruck für das, was einmal das neue Salemi werden soll. Ein Ort der Hochkultur, ein Anziehungspunkt für anspruchsvolle Touristen aus der ganzen Welt, ein Beispiel für ein besseres Italien, weit weg von Mafia, Korruption, Stillstand und dem vielerorts herrschenden System von Gefälligkeiten. Das ist zumindest der Plan.

Man muss Vittorio Sgarbi zugestehen, dass er bisher sein Wort gehalten hat. Seit er mit seinen Leuten hier ist, blickt auf einmal auch die Nomenklatura aus Rom auf diesen kleinen Ort und wundert sich, was hier geschieht. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, wohin die Reise geht, auf die der Bürgermeister seine Stadt geschickt hat. Fest steht, dass etwas in Salemi passiert, was manche als Modell für ganz Italien begreifen, andere hingegen als grossen Hokuspokus.

«Wir sind keine politische, sondern eine poetische Stadtverwaltung», sagt der Bürgermeister, reckt seinen linken Arm pathetisch in die Luft und grinst dabei. Lächelnd nicken die zwei Referenten hinter seinem Rücken. Neben ihm sitzt Oliviero Toscani, der mit einer Benetton-Kampagne berühmt gewordene Werbefotograf, den Vittorio Sgarbi zum «Referenten für Kreativität» von Salemi ernannt hat. Geld vom Staat sei das Letzte, was seine Verwaltung benötige, sagt der Bürgermeister. Gerade habe er eine private Spende in Höhe von drei Millionen Franken bekommen und eine wertvolle Sammlung von 55 000 DVDs in New York gekauft. Die «New York Times» berichtete darüber, und in den Vereinigten Staaten erhob sich ein Protest gegen die vermeintlichen Kulturräuber aus der Alten Welt.

Aber was will Vittorio Sgarbi mit 55 000 filmhistorisch bedeutenden DVDs im äussersten Winkel Siziliens? Er will Aufmerksamkeit für sich und für Salemi. Ein Filmfest, ein Museum für die Geschichte der Mafia, Workshops für Jugendliche, eine Initiative zum Schutz streunender Hunde, ein Wettbewerb für Weinproduzenten der Provinz, die Wiederbelebung und Rekonstruktion der Altstadt - all diese Ideen, diese teils ausgearbeiteten, teils unausgegorenen Projekte schiessen ungefiltert und wie ein Trommelfeuer aus Vittorio Sgarbis Mund. Wenn die Pläne sich verwirklichen lassen, dann könnte das kleine Salemi ein kultureller Anziehungspunkt für ganz Italien werden.

Als der Kunstkritiker Sgarbi wegen seiner guten Beziehungen vor ein paar Wochen das Rubens-Gemälde «Die Anbetung der Schäfer» in die Stadt holte und ausstellen liess, war der Andrang gross. Seit der neue Bürgermeister da ist, haben die Restaurants, Hotels und Bars ihren Umsatz verdoppelt. Das Problem ist, dass es in ganz Salemi nur eine Hand voll Restaurants gibt, ein Hotel und in der gesamten Altstadt gerade mal eine einzige Bar.

Geht man von der Burg ein paar Schritte weiter, am Museum für Sakralkunst vorbei, in die engen Gassen der Giudecca, des ehemaligen Judenviertels, steht man mitten in der versehrten Vergangenheit der Stadt. Mehr als tausend Ruinen hat das Erdbeben von 1968 in der Altstadt von Salemi hinterlassen. Manche Mauern ragen seit vierzig Jahren halb verfallen in den Himmel. Viele Türen wirken, als seien sie für immer verschlossen. Keine Menschenseele ist zu sehen, keine Stimme, kein laufender Fernseher zu hören. Wie eine Geisterstadt wirkt der Ort noch heute an manchen Ecken. Die meisten Bewohner sind nach dem Erdbeben hinunter in die hässlichen Neubauten am Fuss des Hügels gezogen.

Vittorio Sgarbis Plan ist es, tausend der vom Erdbeben zerstörten Häuser für einen symbolischen Euro an Privatleute zu verkaufen. Die Käufer müssen dann für die Renovierung aufkommen. Über 5000 Interessenten aus der ganzen Welt haben sich schon gemeldet, darunter die Sänger Peter Gabriel und Lucio Dalla, Erdölunternehmer und Inter-Mailand-Präsident Massimo Moratti, ein paar Minister und andere, deren Namen Vittorio Sgarbi nicht verraten will. Die Idee ist, die verrottete Altstadt mit Hilfe privater Investoren und unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes wieder zum Blühen zu bringen. Wie zu den Zeiten, als im Mittelalter erst die Araber Orangen, Zitronen, Pfirsiche und Aprikosen in Salemi einführten und später, als die mächtigen Normannen die Stadt beherrschten. Oder wie am 14. Mai des Jahres 1860, als der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi bei seinem Feldzug zur Einigung Italiens Salemi einen Tag lang zur Hauptstadt der Nation ausrief.

Juristen prüfen gerade, nach welchen Kriterien die Häuser vergeben und renoviert werden können. Über 90 000 Franken veranschlagt die Stadtverwaltung für die Renovation eines einzelnen Hauses. So viel müsste jeder Käufer investieren. «Salemi ist ein Beispiel dafür, was man in Italien mit Ideen gestalten kann», sagt Oliviero Toscani, der gerade mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort zu einem Ideen-Workshop zusammengekommen ist. «Sizilien», behauptet er ganz im provokativen Sgarbi-Stil, «Sizilien ist die grösste Müllkippe für Intelligenz auf der Welt. Sie wird hier einfach weggeschmissen.»

Antonina Grillo sieht das ähnlich. Sie sitzt am nächsten Morgen gegenüber der Burg in einer Bar, die sich Caffè Moderno nennt . Dunkle Locken, Brille, 28 Jahre alt, Anwältin in Palermo. Wie fast alle jungen Leute hat auch Antonina Grillo weder in ihrer Heimatstadt noch in der Provinz Trapani Arbeit gefunden. Die Bar ist an diesem Morgen fast leer, zwei Strassenkehrer haben gerade ihren Kaffee getrunken und gehen an die Arbeit, ein Verkehrspolizist lehnt am Tresen . Fünf Tische stehen einsam im Raum, die Tapete hinter der Bar ist gelb, an der Wand hängen Bilder von John Lennon und Marilyn Monroe. Das ist alles, was dieses Lokal an Modernität verströmt.

«Es ist der einzige Ort, wo sich manchmal junge Leute treffen. Es gibt sonst nichts in der Stadt», erzählt sie. Wenn man sie nach Vittorio Sgarbi fragt, dann zieht Antonina Grillo die Augenbrauen hoch und sagt, es seien viele gute Ideen mit der neuen Stadtverwaltung gekommen, nur wisse niemand, wann aus den vielen Plänen auch handfeste Vorteile für Salemi entstehen könnten. Neue Bewohner in der Altstadt beispielsweise oder regelmässige Besuche von interessierten Touristen. Das Problem der Salemitaner ist, dass sie nicht genau wissen, was sie von Vittorio Sgarbi als Bürgermeister halten sollen, und niemand voraussagen kann, wie die Sache ausgehen wird.

Salemis Potenzial sind die Weinproduktion und der Tourismus, in zwanzig Minuten ist man mit dem Auto am Meer, die berühmten Tempelanlagen von Segesta und Selinunt sind noch schneller zu erreichen. Schon jetzt kommen immer mehr Besucher in die Stadt, die den besonderen Charme Salemis erleben wollen und neugierig sind. Von daher ist Antonina Grillo zufrieden mit dem Bürger meister, sein Job sei es schliesslich, Werbung für die Stadt zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen. Und diesen Job mache er gut. Aber sie sagt auch: «Wenn Vittorio Sgarbi in Salemi ist, sind Leute hier. Wenn er nicht da ist, dann ist hier alles leer.» Die Furcht vieler Menschen sei, dass der für seine Impulsivität und Sprunghaftigkeit bekannte Bürgermeister von einem auf den anderen Tag der Stadt den Rücken kehren könne. Für Vittorio Sgarbi wäre Salemi dann nur eine Episode gewesen, die Salemitaner hingegen wären in ihrer Hoffnung auf bessere Zeiten enttäuscht und Italien um eine Illusion ärmer. Vittorio Sgarbi ist selbst nicht ganz sicher. Er sagt es so: «Keiner weiss, ob es eine grosse Sauferei wird, die bald vorbei ist, oder ein langer, sanfter Rausch.»


Essen und Trinken

Enoteca (Weinlokal) Sorsi d’Autore
In der Altstadt, Piazza S. Corleo

300 Meter von der Piazza della Libertà die Via Amendola bergab. An Holztischen kann man die besten Tropfen der Region degustieren. Ab 18 Uhr.


Ristorante Pizzeria Valentino
Contrada Gorgazzo Nr. 1024, Tel. 0039 0924 98 10 39
www.ristorantevalentino.net

Pizza, täglich frischer Fisch und sizilianische Spezialitäten.


Agriturismo Ardigna
Contrada Ardigna, Tel. 0039 0924 95 51 97
www.ardigna.it

Etwas ausserhalb von Salemi. Alter Landgasthof, typisch sizilianisches, rustikales Ambiente, einfache, bodenständige Küche.


Caffè Moderno
Piazza Alicia, Tel. 0039 0924 6 46 64

Ob ein Ristretto zwischendurch oder der Aperitivo am Abend: Das Caffè Moderno auf der Piazza Alicia ist das «Wohnzimmer» Salemis.


Schlafen

Villa Mokarta
Tel. 0039 0924 98 33 15
www.mokarta.it

Modernes Hotel am Ortsrand von Salemi, nur 600 Meter zu Fuss ins Zentrum, Zimmer mit Blick auf die Hügellandschaft.


Kempinski Hotel Giardino di Costanza
Mazara del Vallo, Tel. 0039 0923 67 50 00
www.kempinski-sicily.com/de/home/index.htm

Luxuriöses Hotel, 20 Kilometer südlich von Salemi, Via Salemi, Km 7,100.


Tonnara di Scopello
Tel. 0039 0339 674 10 46
www.tonnaradiscopello.com

Das Besondere: Übernachten in der historischen Thunfischfabrik von Scopello, 50 Kilometer nördlich von Salemi, bei Castellamare del Golfo. Hotel-Restaurant, sehr ursprünglich geblieben, direkt am Meer.



Sehen

Selinunt
40 Kilometer von Salemi Richtung Süden

Mehrere Tempelanlagen mit Akropolis, eine der grössten Ausgrabungsstätten Europas, vor 2500 Jahren reiche Kolonialstadt der Magna Grecia und später wichtiges Handelszentrum der Punier.


Segesta
13 Kilometer nördlich von Salemi

Dorischer Tempel und Amphitheater. Im Sommer wird das Theater für Vorführungen benutzt. Die Bewohner, ionische Griechen, lagen im Dauerstreit mit Selinunt. Der nicht vollendete Tempel ist einer der besterhaltenen seiner Art.


Anreise

Flüge von Zürich nach Palermo mit Swiss (über Rom) ab 570 Franken.

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