Thurgau: Liebeserklärung an Züri-Ost

Text: Stefanie Rigutto
Fotos: René Ruis

13. Juli 2010

annabelle-Reporterin und Thurgauerin Stefanie Rigutto wundert sich über die vielen Vorurteile. Und lädt alle Zürcher und Neunmalklugen auf einen Roadtrip durch den besten aller Kantone ein.

Ich bin wieder hier. Und er auch. Der spitze Turm der katholischen Kirche ist wegen ihm kaum zu sehen. Ausgerechnet am Tag meines Besuchs in der alten Heimat ist der unangenehmste aller Thurgauer mein treuster Begleiter. Er begrüsst mich, als wäre ich nie fort gewesen: zäh, milchig und stur wie eh und je. Der Nebel. 55 Nebeltage zählt Frauenfeld pro Jahr – wer im Thurland lebt (das ist die Gegend, durch die sich die Thur, der zweitlängste Fluss der Ostschweiz, wälzt), sehnt sich konstant nach Sonne. Früher haben wir dieses hässliche Nichts verflucht. Jetzt schaue ich mit dem milden Blick der Touristin auf den Kanton Thurgau, meine frühere Heimat, die ich mit zwanzig Jahren fürs Studium verlassen habe. Nebel? Romantisch!

Aber was heisst «frühere Heimat» – erst die Zürcher haben mich zur Thurgauerin gemacht. Es war dieser Zeigfinger, der zur konstanten Verteidigungshaltung zwang. «Waa du nöd saaisch!», äffen sie mich heute noch nach (als ob eine Züri-Schnurre schöner klingt). Laut einer Studie ist nur noch der St. Galler Dialekt unbeliebter, wobei aber einzig Ostschweizer Ohren zwischen den beiden unterscheiden können. Oh ja, die Zürcher haben viele Vorurteile, aber keine Ahnung vom Thurgau. «Habt ihr auch ein Gymnasium?», wurde ich mal gefragt. Es besteht also dringender Aufklärungsbedarf, und darum lade ich ein zur Tour de Thurgau, einem Roadtrip durch den verkanntesten und – wie ich beweisen werde – schönsten, faszinierendsten, ja einfach den besten aller Kantone!

Wir starten in Frauenfeld, der grössten Stadt des Kantons mit rund 22 000 Einwohnern – gross genug für jene, die anonym bleiben wollen, klein genug für jene, denen ein «Grüezi» von wildfremden Menschen den Tag versüsst. Frauenfeld, auch das wissen Zürcher und andere Ignoranten nicht, ist die Hauptstadt des Kantons. Und ja, sie besitzt auch eine Kantonsschule (deren Absolventen zu den Top Ten der ETH-Studierenden zählen). Die Kleinstadt wird immer wieder belächelt – die Süffisanz der Beschränkten, die sich nicht vorstellen können, dass ausserhalb des Zürcher Kreis 4 Leben existiert. Und was für eins! Keine andere Stadt weist eine so hohe Lebensqualität auf und wurde jüngst derart mit Preisen überhäuft. Frauenfeld wurde zur besten Stadt der Ostschweiz gekürt, erhielt den Verkehrspreis «Flux – Goldener Verkehrsknoten» und hat so viele neue Arbeitsplätze geschaffen, dass es in einem schweizweiten Ranking zum dritten Rang reicht.

Kommentar lesen (4)
Supernostalgischer Artikel - auch ich hätte nie gedacht dass man sich auf die alten Tage auf dichten Thurgauer Nebel und pflotschnasser Wiese sehnen könnte! Emigrierter Steckborner
die jugendherberge in kreuzlingen, super so schön nur zu empfehlen!!!!
Nach Stationen in Neuchâtel, Biel, Bern(die Intolerantesten), Basel und Winterthur weiss ich ganz genau wovon die Autorin spricht. Mit 18 wollte ich nur noch weg, mit 30ig finde ich vor lauter Heimatgefühl sogar unseren Dialekt schön..ja, ganz ehrlich ;-)!!!
Mir geht das Herz auf. Ein wunderbarer Artikel. Ich fühl mich so verstanden. :)
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