Postkarte

Postkarte aus Bratislava

Text: Andreas Srenk; Fotos: Axel Martens

Eine Stadt im Aufbruch: Bratislava
Rundfahrt im Oldtimer mit Halt auf dem Hauptplatz
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Eine Stadt im Aufbruch: Bratislava

Rundfahrt im Oldtimer mit Halt auf dem Hauptplatz

Wiens deftige Nachbarin: Die slowakische Hauptstadt versucht sich im Spagat zwischen Nostalgie, Ostblock-Erbe und Aufbruch. Jetzt ist der richtige Moment für einen Besuch!

Noch ist Bratislava nicht Prag. Oder Budapest. Und erst recht nicht Wien, das keine sechzig Autominuten entfernt liegt. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gehört die slowakische Hauptstadt noch immer zu den touristisch verschmähten Metropolen Zentraleuropas. Das dürfte sich bald ändern. Seit einigen Jahren tut sich was in Bratislava. Es putzt sich heraus, lockt mit Niedrigsteuern internationale Firmen in die Stadt, man siehts an den sorgsam restaurierten Fassaden vieler historischer Bauten, die bis vor kurzem noch leise vor sich hinbröckelten. Besonders in der verwinkelten Altstadt ist der Geldfluss augenscheinlich.

Gotik, Rokoko und Barock

Bratislava ist eine Stadt im Aufbruch. Noch schwebt sie zwischen Gaslaternen-Gemütlichkeit, Postkarten-Fassaden und Ostblock-Exotik, wo die Architekturstile über die Jahrhunderte wild durcheinandergewirbelt wurden: Flaniert man durch die Altstadt, trifft man auf Jugendstil, Gotik, Rokoko und Barock, ergänzt durch sozialistische Bausünden, postmoderne Bürotürme, Neon-
Boutiquen und Luxus- Apartments. Das erscheint zuweilen etwas kunterbunt, aber genau darin besteht der Reiz.

Noch hört man in den Strassen vornehmlich Slowakisch. Höchstens an Wochenenden torkeln benebelte Partytouristen aus Deutschland oder England über das holprige Kopfsteinpflaster in der Beblavého-Strasse. Sie stolpern fröhlich von Kneipe zu Bar, von Restaurant zu Café, listig und lustig beäugt von ungewöhnlichen Gestalten: Der eine hat als Paparazzo eine Kamera in der Hand, der andere entsteigt einem Kanalschacht, einer grüsst in Frack und Zylinder, ein Weiterer schaut verstohlen aus einem Erkerfenster. Und einer lehnt sich vor der französischen Botschaft über eine Sitzbank und hat grosse Ähnlichkeit mit Napoleon. Viele der bronzenen Figuren, die über die Altstadt verteilt sind, sind eine Hommage an Zeitgenossen, die Bratislava eng verbunden waren: Franz Liszt und Josef Haydn, aber auch der legendäre Ignác Lamár, genannt die (!) schöne Náci, der den ganzen Tag in Frack, Zylinder und Lackschuhen durch die Stadt streifte und jungen Frauen Blumen überreichte.

Das alte und neue Bratislava

Keine der Figuren gemahnt freilich an die Zeit, als rund um den Stadtkern der sozialistische Baggerzahn wütete. Hinter dem Martinsdom, einem beliebten Postkartenmotiv, haben Stadtplaner in den Sechzigern das jüdische Viertel abreissen und eine vierspurige Strassenschneise schlagen lassen. Seither leidet das 1452 erbaute Gotteshaus unter den Erschütterungen und Abgasen.

Aber auch aus der jüngsten Geschichte weiss man in Bratislava inzwischen das Beste zu machen: Für dreissig Franken gibt es Führungen durch das berüchtigte Plattenbauquartier Petržalka. Eine Frage der Zeit, bis man auch davon Postkarten kaufen kann?

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Subkultur

Da es in der dünnen Bratislaver Galerienlandschaft kaum Ausstellungsmöglichkeiten für junge Kreative gibt, hat die slowakische Künstlerin Dorota Kenderová in einem Kellerlokal im Hof der Akademie die Galéria HIT eröffnet: «Wenn du keinen Raum für dich findest, musst du ihn dir selbst schaffen.»
Hviezdoslavovo námestie 18, www.galeriahit.com

 

Galéria X

Hier gibts Mode und Accessoires, unter anderem von Sonja Sebokova und Angelika Klose – Kreativen, die auf dem Sprung zur internationalen Karriere sind. Noch kann man das bezahlen.
Zámoˇcnícka 5

 

Süffiges Goldfasan

Die tschechischen Biere sind weltberühmt – die slowakischen noch nicht. Dabei sind sie genauso gut.

Allen voran Goldfasan, auf Slowakisch Zlatý Bažant. Würzigmild und süffig. Hell oder dunkel. Das Schlimme daran: Ein grosser Humpen kostet nicht mal zwei Franken. Na, dann: Prost!

 

 

 

 

 

 

Schwer in Ordnung

Leicht ist sie nicht, die slowakische Küche. Es dominiert das Schwein in allen erdenklichen Varianten, serviert mit Brimsennocken (Bryndzové halušky, Foto) – einer Art Kartoffelspätzli mit Schafkäse und Speck.

Im Restaurant Pressburg (Michalská 4) gibts die zeitgemässe Variante. Im Slovenská reštaurácia (Hviezdoslavovo námestie 20) dagegen wird kompromisslos die alte Schule aufgetischt.

Und im Slovak pub (Obchodná 62), einer urchigen Studentenbude, gibts die gute alte Hausmannskost besonders günstig und in bierseligem Ambiente.

 

Plattenbau für Anfänger

Die Hochhauskomplexe des Viertels Petržalka mit und ohne sozialistische Wandfiguren sind eine Attraktion. Ein Muss für Plattenbau-Fans ist deshalb die Post Socialist City Tour. Wer nur von weitem gucken will: Petržalka ist von der Ufo-Bar aus zu sehen.
www.authenticslovakia.com

 

Höchst kleidsam

Sie hat die slowakische Premierministerin eingekleidet und das nationale Team an den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Die Kollektionen von Dana Kleinert liebäugeln mit heimischer Folklore, Retro-Chic und eleganten Silhouetten.
Laden und Atelier: Panská 17; www.kleinert.sk

 

So ein Schmarrn!

Wer es weniger touristisch mag, wechselt die Donau-Seite und geht ins 250 Jahre alte Gasthaus namens Leberfinger, in dem schon Napoleon abgestiegen sein soll. Gekocht wird hier nicht slowakisch, sondern österreichisch, wie noch vor hundert Jahren während der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Hier stehen also keine Brimsennocken auf dem Tisch, sondern Palatschinken, Tafelspitz «Franz Jozef» und Riesenschnitzel vom Schweinscarré.

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Bühne frei für Köstlichkeiten

Restaurants als Bühnen der Eitelkeiten sind nichts Aussergewöhnliches. Wohl aber, dass ein Speiselokal im früheren Leben tatsächlich ein Theater war. Das in einem Hinterhof am Rand der Altstadt versteckte «Bratislava Flag Ship Restaurant» wartet mit grossen Sälen, Emporen, Galerien und Rängen auf, von denen man böhmisch tafelnd auf Bar und Bühne hinabblicken kann.
Námestie SNP ˇc. 8, www.bratislavskarestauracia.sk
 

Altes Erbe neu entdeckt

Der Verein Ul’uv setzt sich dafür ein, das alte slowakische Kunsthandwerk vor der Verkitschung zu bewahren. Und er ruft Designer auf, das heimische Erbe in ihre Arbeiten zu integrieren. In mehreren Ul’uv-Läden gibt es traditionelle Produkte zu kaufen, von Blaudruck-Stoffen und Stickereien über Porzellan bis zu Horn-Accessoires und Schmuck. Der schönste Shop: Obchodná 64.
www.uluv.sk
 

Zurück in die Zukunft

Die Ufo-Bar, ein sozialistisch-futuristisches Relikt in 85 Meter Höhe, hat die Form einer fliegenden Untertasse und wurde direkt auf den Pylon der Neuen Brücke über die Donau gebaut.

Der Blick über die Stadt offenbart Gegensätze der Geschichte: Zum einen sehen wir die Hrad, die viertürmige Burg, und gleich daneben das slowakische Parlament im sozialistischen Brachialstil. Dazu schmeckt ein Siphon Coconut Mojito!
Nový most 1, www.u-f-o.sk
 

 

 

 

 

Bagels auf Reisen

Das Hefeteiggebäck mit dem Loch in der Mitte stammt eigentlich aus Krakau. Doch der in Bratislava lebende deutsche Bäckermeister Gustav Wendler soll seine Bagels bis nach New York verschickt haben, von wo aus sie ihren Siegeszug um die Welt antraten.
Den besten Bagel in Town gibts im ehrwürdigen Kaffeehaus Mayer, Hlavné námestie 4; www.kaffeemayer.sk
 

 

 

Slowakisches Rütli

Ein für alle Slowaken mystisch-historischer Ort ist die gewaltige Burganlage von Devín. Mit dem Schiff gehts vom Stadtzentrum Bratislavas die Donau flussaufwärts, bis in der Ferne der 212 Meter hohe Burgberg aus dem Dunst auftaucht. Vor tausend Jahren soll hier das Machtzentrum des ersten slowakischen Reichs gewesen sein.
Schiffspassage ca. 12 Franken
 

3x schlafen

1. Hotel River Park Kempinski. Das Fünfsternehaus punktet mit einer gediegenen Wellnessanlage und Zimmern mit Donau-Blick.
www.kempinski.com, DZ mit Frühstück ab 220 Franken
2. Film Hotel. Hier heissen die Zimmer Brad Pitt oder Julia Roberts, leider sind die Damen und Herren nicht da, wenn man aufschliesst.
www.filmhotel.sk, DZ mit Frühstück ab 85 Franken
3. Hotel Spirit. Ist im Hundertwasser-Stil gebaut und eher für esoterisch interessierte Menschen.
www.hotelspirit.sk, DZ mit Frühstück ab 60 Franken

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