Star Trek

Val Müstair: Wo die Sterne besonders hell leuchten

Nachts gehört das Bündner Val Müstair zu den dunkelsten Flecken Europas. Dafür leuchten die Sterne umso heller.

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Bergketten schützen das Val Müstair vor Lichtverschmutzung

Das Herz der Finsternis: Die Nächte im Bergdorf Fuldera im Val Müstair haben auf der Bortle-Skala von 1 (extrem dunkel) bis 9 (Grossstadthimmel) eine 3

Es gibt hier viel von der Sorte Himmel, die einen grösser denken und freier fühlen lässt

für Schwester Domenica ist die Finsternis bis heute unheimlich geblieben

Die Finsternis hat die Himmelsaktivisten Jitka und Václav Ourednik aus den USA hierher gelockt

Die Berglandschaft liegt regungslos, als würde während des Einnachtens auch die Zeit einfrieren

Eine nächtliche Schneeschuhwanderung braucht zwar Überwindung, denn man arbeitet gegen die Instinkte. Aber ja, es lohnt sich!

Jon B. Fasser führt das Gasthaus Chasa Chalavaina in Müstair. Er weiss, wie man aus Dunkelheit Gemütlichkeit schafft

Jon Gross aus Tschierv ist Wildhüter und fürchtet sich nicht so schnell

Der moderne Mensch hat ein seltsames Verhältnis zur Dunkelheit

Fragt man Einheimische, was denn das Besondere ist am Val Müstair, dann sagen die meisten: Nichts. Oder: So gut wie nichts, was nicht auch auf andere Bündner Täler zutreffen könnte. Die Stille etwa, die einen vergessen lässt, warum man gekommen ist. Die Leere oder die Berge, natürlich, die Berge. Fragt man die Münstertaler aber nach den Nächten, dann ist das Nichts auf einmal voller Geschichten: Der Wildhüter begegnet dem Bären Lumpaz. Die Klosterschwester flieht vor armen Seelen. Und zwei Himmelsaktivisten jagen Strudelgalaxien und Seelennebel.

Diese Nächte kann man in eine Zahl fassen: 3. So finster sind sie auf der sogenannten Bortle-Skala von 1 (extrem dunkel) bis 9 (Grossstadthimmel). Eine 3 ist viel, weil die Nächte immer heller werden und es in ganz Europa keine Finsternis der ersten Klasse mehr gibt. Für diese 3 sind wir an den Rand der Schweiz gefahren, um hoch über Müstair zum dunkelsten Ort des Landes zu wandern. Vom Hof Terza, 1834 Höhenmeter, ins Bergdorf Lü – das Herz der Schweizer Finsternis.

Es ist ein Dienstagabend gegen 18 Uhr, als wir in unseren Schneeschuhen losstapfen. Die Sonne ist hinter dem Piz Dora versunken. Es ist noch hell genug, um den Weg zu sehen, der sich an den Südhängen des Tals bis zum Ofenpass schlängelt – eine Mauer von Berg, die das Val Müstair vom Engadin und dem Rest der Schweiz trennt. Im Umkreis von 220 Kilometern gibt es keine grossen Städte, die wie gigantische Glühbirnen in den Himmel zünden. Gebirgsketten mit Zwei- und Dreitausendern schirmen das Tal ab, als müssten die 1600 Bewohner vor den Lichtern der Zivilisation geschützt werden. Sie verteilen sich auf die sechs Dörfer der Gemeinde Val Müstair, Tschierv, Fuldera, Santa Maria, Valchava, Müstair und Lü. Es gibt keine Hochhäuser und keine Leuchtreklamen, dafür viel von der Sorte Himmel, die einen grösser denken und freier fühlen lässt.

Dieser Himmel ist jetzt eine Palette von glühendem Orange über Rosa bis zu zartem Blau. Die Berglandschaft darunter liegt regungslos, als würde während des Einnachtens auch die Zeit einfrieren. Mit jedem Schritt scheint alles einen Ton dunkler zu werden. Fotografen nennen die Zeit nach dem Sonnenuntergang und vor der Dunkelheit die blaue Stunde. Astronomen reden von der bürgerlichen Dämmerung, wenn noch keine Sterne zu sehen sind und es immer noch hell genug ist, um ohne Lampe ein Buch zu lesen.

Vielleicht steigt Jon Gross in Tschierv jetzt gerade in seinen Landrover. Vielleicht sitzt der Wildhüter mit dem kernigen Gesicht auch schon irgendwo in den Hängen, um einen Kauz zu hören oder einen Fuchs. Um diese Zeit ist er am liebsten unterwegs, wenn der Wald und seine Bewohner wach werden. Die Hirsche zum Beispiel, die den Sommer im Nationalpark verbringen und im Oktober in tiefere Lagen absteigen. In diesem Halblicht, erzählte uns Jon Gross gestern, war er im Sommer 2005 dem Braunbär Lumpaz begegnet. Er kam von Italien her ins Tal. Auf dem nahen Ofenpass verursachte er einen Rummel, den die Münstertaler nur vom Fernsehen kennen. Auf der Alp seines Schwiegervaters trottete Lumpaz dann keine zwanzig Meter an Jon vorbei, fernab von Gaffern und Hobbyfotografen. Angst hatte er nicht, das hat er nie. Nicht einmal in mondlosen Nächten, die hier oben so finster sein können, dass er ein heranrollendes Auto schon mal für ein galoppierendes Hirschrudel hielt. Ein mulmiges Gefühl hatte Jon Gross nur, als er den Kalbskadaver wegräumen musste, an dem Lumpaz während Tagen gefressen hat.

18.50 Uhr, nautische Dämmerung, die Sonne sinkt bis 12 Grad unter den Horizont. Auf einmal sind die ersten Sterne da. Noch wirken sie etwas verloren am Himmel, der nun unfassbar gross wird und – schwarz. Keine andere Farbe ruft bei Menschen so starke Gefühle hervor. Sie spricht Urängste an, denn im Dunkel lauern die Tiere und die Dämonen der Fantasie. Auch ich muss meinen jetzt gut zureden, um nicht zu viel in die Umrisse von Tannen und Heuschobern am Wegrand hineinzudeuten. Was sich dahinter wohl verbirgt? Hat sich da nicht doch etwas bewegt? Was, wenn wir einem Bären begegnen?

Schwester Domenica, die jetzt in Müstair auf dem Weg in die Abendbesinnung sein müsste, kann diese Dämonen auch mit 72 Jahren nicht loswerden. 47 davon hat sie im Kloster St. Johann verbracht, das dem Dorf und dem Tal seinen Namen gegeben hat. Das rätoromanische Müstair kommt vom lateinischen Monasterium (Kloster). Und das hat die Einheimischen schon geprägt, als im Dorf noch keine Strassenlampen brannten und die Klosterschwester ein kleines Mädchen war. Damals, hat uns Domenica am Nachmittag erzählt, musste sie die Milch abends immer vom elterlichen Hof in die Sennerei tragen. Dabei rannte sie, so schnell sie konnte, am Klosterfriedhof vorbei in die Via Maistra, obwohl die Strassen noch nicht geteert und uneben waren. Nur nicht fallen, dachte sie, nur keine Milch verschütten, einfach weg von den armen Seelen, die keine Ruhe finden, bloss weg.

In dieser Hast dürfte sie kaum bemerkt haben, wie sich ihre Pupillen weiteten, um mehr Licht in die Augen zu lassen. Die lichtempfindlichen Rezeptoren der Netzhaut passen ihre Empfindlichkeit den veränderten Verhältnissen an. Trotzdem braucht das menschliche Auge eine halbe Stunde, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Auch wir sehen auf dieser Nachtwanderung mehr, als wir gedacht hätten. Es sorgt ja auch noch der Schnee dafür, dass diese fremde Welt heller und weniger bedrohlich wirkt: Auf der anderen Talseite sind die scharfen Linien der Turettas-Kette zu sehen oder die Tannenkronen eines Waldstücks, tiefschwarz vor silbergrau. Es ist 19.50 Uhr, astronomische Dämmerung, der Anfang der Finsternis. Für die Benediktinerinnen im Kloster von Müstair heisst es um diese Zeit schon bald Lichter löschen. Schwester Domenica hat als Priorin noch viel im Büro zu tun. Während die anderen ins Bett gehen, arbeitet sie noch. Und wenn sie durch die gespenstische Stille zurück in ihre Kammer muss, schaltet sie die Lichter an und huscht durch die Klostergänge, als wäre sie noch immer das kleine Mädchen, das an Schauergeschichten glaubt.

Der moderne Mensch hat ein seltsames Verhältnis zur Dunkelheit. Er hat vergessen, sich in ihr zu bewegen. Nachtwandern ist ein bisschen wie tauchen. Es braucht Überwindung, denn man arbeitet gegen die Instinkte. Wenn sich einem dieses neue Universum aber auftut, ist die Angst vergessen: Jetzt bekommen wir eine Idee von den 3000 Sternen, die man bei optimalen Bedingungen hier sehen kann. Wir sehen sogar die Milchstrasse, die wie ein Schleier vom Himmel hängt und die Berggipfel berührt. Es sind Bilder, die verschwinden, ganz leise, so wie die Stille verloren geht, ohne dass wir es merken. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Lichtverschmutzung um siebzig Prozent zugenommen. Die Menge an nächtlichem Licht steigt weltweit jedes Jahr um sechs Prozent. Studien zufolge verwirrt das den Schlafrhythmus und macht uns krank. Zugvögel verwechseln die Lampen mit der aufgehenden Sonne und fliegen in den Tod. Seit 2007 gibt es die schöne Unesco-Deklaration «zur Verteidigung des Nachthimmels und des Menschenrechtes auf Sternenlicht», mit dem Ziel, den Naturschutz von unten nach oben zu verlagern und Reservate am Himmel zu schaffen.

Dieses Ziel verfolgen auch Jitka (61) und Václav (56) Ourednik. Die beiden Himmelsaktivisten leben in Lü, dem Bergdorf, dem wir seit mehr als zwei Stunden entgegenstapfen. Vor neun Jahren ist das Paar von den USA in den finstersten Flecken Mitteleuropas gezogen, den sie auf Google Earth ausmachen konnten – the Heart of Schweizer Darkness.

Die schwachen Lichter von Lü sind jetzt so nah, dass sie manchmal durch die Tannen scheinen, um gleich wieder zu verschwinden, als wären sie Kerzen, die vom Wind ausgeblasen werden. Auch als das Dorf endlich vor uns liegt, wirken sie nicht viel heller: Lü ist winzig, ein Restaurant, ein paar Ställe. Hier gibt es keinen Glamour wie in St. Moritz und keine 238 Pistenkilometer wie in Samnaun, dafür etwas, das nicht gekauft werden kann: Finsternis. Wir gehen die Strasse entlang, an deren Ende das Astronomiezentrum der Ouredniks liegt. Hier haben die ehemaligen Hirnforscher ihr zweites Leben aufgebaut. Auf der Terrasse bringen sie sich mit Sternguckern und Hobbyfotografen hinter Teleskopen in Position. In ihren dicken Jacken sehen sie aus wie Polarforscher im ewigen Eis. Die ganze Nacht lang werden sie nach Phänomenen jagen, von denen viele nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt: den Orionnebel zum Beispiel, der sich wie eine Fledermaus bewegt, oder die Schatten der Galileischen Monde auf dem Jupiter. Es ist ein Schauspiel von geradezu psychedelischer Wirkung, das sich einem durch die Teleskope erschliesst. Ein Besucher des Astronomiezentrums war sogar fest davon überzeugt, dass auf dem Mond jemand in den Kratern Rohstoffe abbaue.

Jitka und Václav Ourednik haben Grosses im Sinn: Sie möchten das Val Müstair als Tal der Sterne schützen. Bis jetzt fehlt es ihnen an der Unterstützung der Einheimischen. Vielleicht sind die beiden mit ihrer Idee der Zeit voraus – oder die fernen Galaxien zu viele Lichtjahre vom Val Müstair entfernt.

Tipps

NACHTWANDERN

Der Münstertaler Nachthimmel ist ein Muss. Am besten sehen kann man ihn in mondlosen Nächten, wenn die Sterne am hellsten scheinen. Sehr zu empfehlen sind Schneeschuhwanderungen, die man auf eigene Faust machen kann. Karte und Stirnlampe einpacken, und los gehts. Wem das zu abenteuerlich ist, meldet sich bei Wanderleiter Isidor Sepp für eine Vollmondtour an. Sie dauert lockere eineinhalb Stunden und endet in Lü bei Glühwein und Fondue. Wer Lust hat, kann danach noch nach Tschierv schlitteln.

– Die nächste Vollmondwanderung findet am 9. Februar statt und kostet 20 Franken pro Person; Anmeldung: val-muestair@engadin.com

STERNE GUCKEN

Im Alpine Astrovillage Lü-Stailas bieten Jitka und Václav Ourednik Himmelsbeobachtungen an. Ob Freizeitastronom, Fotografin oder Tourist, der Blick ins All ist ausserirdisch schön: Vor dem Teleskop explodieren die Sterne, man kann Konstellationen und Planeten sehen, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren.

– Gruppenbeobachtungen ab 25 Franken pro Person; Kursangebote: alpineastrovillage.net

SCHLAFEN

Die Chasa Chalavaina in Müstair ist Digital Detox pur. Hier gibt es Ruhe statt Internet und Fernsehen. Um ein Konzept handelt es sich dabei nicht: Im 700 Jahre alten Dorfgasthaus ist einfach alles so, wie es immer schon war. Arvenstube, Kachelofen, urchige Gemütlichkeit. Besitzer Jon B. Fasser führt die Chasa Chalavaina seit fünfzig Jahren als Herberge wie vor ihm seine Eltern und Grosseltern, als Wirt, Original und Geschichtenerzähler. Am schönsten sind die Abende in der schwarzen Küche am offenen Feuer.

– Tel. 081 858 54 68, DZ mit Frühstück 178 Franken

ESSEN

Der Meier-Beck in Santa Maria macht laut «Kassensturz» die beste Bündner Nusstorte. Der Test kann an dieser Stelle bestätigt werden. Auch nicht zu verachten ist der Marronikuchen der Dorfbäckerei, die Fuatscha da marruns.

meierbeck.ch

Im «La Vopa» in Tschierv kommen Bündner Spezialitäten wie Pizzoccheri auf den Tisch. Der experimentierfreudige Gaumen kann in der Dorfbeiz aber auch Murmelipfeffer kosten. Lokaler könnte das Fleisch nicht sein – die Erdhörnchen werden gleich auf der anderen Strassenseite geschossen.

lavopa.ch

Das Restaurant Hirschen in Lü sei allen Fondue-Fans nahegelegt. In der Stube wird seit dreissig Jahren eine geheime Mischung mit Pilzen serviert, und die schmeckt ausgezeichnet. Wer länger im winzigen Bergdorf bleiben will, das auf der Sonnenterrasse höckelt, kann auch eines der vier Zimmer mieten.

– Tel. 081 858 51 81, hirschen-lue.ch, DZ mit Dusche, WC und Frühstück 156 Franken

Text: Carole Koch; Fotos: Bruno Augsburger

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