"Frauenautos" - Der Teufel fährt Starlet

Text: Philipp Tingler

18. Mai 2010

Frauenautos vs. Männerkarossen

"Frauenauto" ist ein gängiger Begriff – und kein besonders freundlicher. Aber gibt es überhaupt so etwas wie männliche und weibliche Autos oder männliche und weibliche Fahrstile? Oder ist das Auto wirklich sächlich? Antworten auf die Frage nach dem Geschlecht der Fortbewegung fand annabelle-Autor und Auto-Kolumnist Philipp Tingler.

Wie kann ich meinen Fahrstil beschreiben? Vielleicht so: Kennen Sie den Film «The Cannonball Run»? Jetzt stellen Sie sich vor, Sie wären auf dem Weg ins Kino, um in einer Matinee für Cineasten diesen Film zu sehen, und vor Ihnen fährt ein klassisches Mercedes-SL-Cabrio, und zwar mit Tempo 80. Okay: 60. Das bin ich. Sie kommen nicht vorbei, weil die Strasse zu eng ist und ich die Spur nicht halte. Ausserdem habe ich das Warnblinklicht oder die Nebelleuchte an, weil ich sie mit dem Scheibenwischer verwechselt habe. Mit anderen Worten: Ich bin, autofahrtechnisch gesehen, eine Frau. Und zwar eine 67-jährige Zahnarztgattin von der Zürcher Goldküste, die zu eitel ist, ihre Brille aufzusetzen. So lautete jedenfalls die Einschätzung von Richie, meinem Ehemann, dem besten Ehemann von allen, der diese Feststellung traf, nachdem wir neulich von Zürich nach Lugano gefahren waren und ich für eine Teilstrecke das Steuer übernommen hatte. Besagte Teilstrecke bestand aus einer schmalen, kurvigen Landstrasse mit abschnittsweise starkem Gefälle. Zusätzlich war es dunkel. Und es regnete. Ich hatte also ziemlich viele Informationen auf einmal zu verarbeiten, und so ergab es sich, dass ich alsbald eine rasch wachsende Schlange von überholwilligen Fahrzeugen hinter mir herzog. «Kleines, du bist die Person, die man hasst, wenn man sie vor sich hat», konstatierte Richie.

Aber fahre ich damit wirklich wie eine Frau? Gibt es überhaupt so etwas wie männlichen und weiblichen Fahrstil? Nun, nach meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung lassen sich grundsätzlich drei verschiedene Typen von Autofahrern unterscheiden:

1. Die Souveränen: Fahren so, als gehörte die Strasse ihnen, nehmen jede unbekannte Strecke mit Aplomb, dynamisch, vorausschauend, rücksichtsvoll und konzentriert.

2. Die Chaoten: Kommen ebenfalls nicht langsam voran, allerdings nicht zuletzt deshalb, weil sie die Strassenverkehrsordnung nur sporadisch beachten, quasseln beim Fahren die ganze Zeit (inkl. Selbstgespräche), während im Fussraum gefährlich nah um das Bremspedal ein verklebtes Gin-Glas herumrollt; weitere beliebte Aktivitäten für diesen Typus zeitgleich zum Autofahren (in absteigender Reihenfolge): telefonieren, singen, essen, rauchen, Sex.

3. Leute, die katastrophal fahren: Verwechseln häufig rechts und links, ihr toter Winkel ist grösser als die Wüste Gobi, und wenn sie nicht mit dem Beifahrer über Fahrstil und Richtung streiten, beschimpfen sie andere Verkehrsteilnehmer.

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