Neuseeland als Vorbild

Regieren geht auch schwanger

Text: Barbara Achermann; Foto: GettyImages, Twitter (Larissa Waters)

Premierministerin Jacinda Ardern
Benazir Bhutto
Rachida Dati
Larissa Waters:
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Jacinda Ardern (37), Premierministerin von Neuseeland:

«Ich werde nicht die erste Frau sein, die Multitasking machen muss.»

Benazir Bhutto:

Pakistans Premierministerin wurde 1990 schwanger und bekam das Kind während ihrer Regierungszeit. 

Rachida Dati:

Frankreichs ehemalige Justizministerin war 2009 schwanger im Amt und kehrte bereits fünf Tage nach der Geburt in den Élysée-Palast zurück. 

Larissa Waters:

Die ehemalige australische Abgeordnete stillte ihre Tochter während sie eine Rede im Parlament hielt. Sie wollte damit ein Statement für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie machen. 

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern ist schwanger und wird auch als Mutter Staatschefin bleiben. Wäre das auch in der Schweiz denkbar? Acht Anregungen für eine fortschrittliche Staatsführung.

1. Fragt nicht nach dem Kinderwunsch. «Möchten Sie mal Kinder?» Diese Frage wird Männern nie gestellt, Frauen hingegen ständig. So auch Jacinda Ardern, während des Wahlkampfs, in einer Fernsehshow. Sie konterte, dass man diese Frage heutzutage nicht mehr stellen dürfe. Tut ein Arbeitgeber es dennoch, verstösst er gegen das Gesetz. Weshalb? Weil jede Frau ein Recht auf Gleichberechtigung hat. Für ihre Bewerbung und ihre Karriere darf es schlicht keine Rolle spielen, ob sie Mutter wird, oder nicht. So wie es auch bei einem Mann keine Rolle spielt, ob er Vater wird oder kinderlos bleibt.

2. Eine Schwangerschaft ist eine gute Nachricht. Jede Frau, die ihrem Arbeitgeber sagen muss, dass sie schwanger ist, hat Herzklopfen. Werde ich weiterhin gefördert oder wird man mich fallenlassen? Auch Premierministerin Jacinda Ardern war sichtlich nervös, als sie am vergangenen Donnerstag ihrem Land mitteilte, dass sie ein Kind erwartet. Der 37-jährigen Premierministerin war klar, dass sie dafür nicht nur Glückwünsche ernten würde. Und tatsächlich, Männer wie Frauen gingen hart mit ihr ins Gericht. Ein «Betrug an den Wählern» sei das, schrieb Liz Jones, eine der bekanntesten Kolumnistinnen des Landes. Trotzdem: Die Glückwünsche überwiegten. Einer der ersten Gratulanten war Kanadas Premier Justin Trudeau.

3. Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. In den vergangenen drei Monaten habe niemand etwas von ihrer Morgenübelkeit bemerkt, sagte die Premierministerin. Sie tat es wie die meisten schwangeren Frauen, riss sich zusammen und machte ihren Job.

4. Man muss sich nicht entscheiden. «Wir werden uns einreihen in die vielen Eltern, die zwei Hüte aufhaben. Ich werde Premierministerin UND Mama sein.» Das schrieb die Premierministerin auf Instagram und sendete damit eine wichtige Botschaft um die Welt, die hoffentlich auch die Schweiz erreicht: Selbst eine Staatschefin muss sich nicht zwischen Mutterschaft und Karriere entscheiden. Für die Schweiz heisst das: Auch Frauen im gebärfähigen Alter oder mit kleinen Kindern kämen dereinst für die Nachfolge von Doris Leuthard in Frage.

5. Jede und jeder ist ersetzbar. Wer sich für unersetzbar hält, nimmt sich selber zu wichtig und schadet damit dem Land. Jacinda Ardern wird sechs Wochen Mutterschaftsurlaub nehmen. Während dieser Zeit springt ihr Stellvertreter für sie ein. Das wäre theoretisch auch im Schweizer Bundesrat möglich. Manchmal lohnt es sich, einen zweiten Blick auf ein Departement zu werfen. Das beste Beispiel dafür lieferte Bundesrätin Widmer-Schlumpf. Nachdem Bundesrat Hans-Rudolf Merz im Krisenjahr 2008 einen Herzinfarkt erlitten hatte, übernahm sie mehrere Wochen lang sein Finanzdepartement und schnürte souverän das staatliche Rettungspaket für die Grossbank UBS.

6. Es hilft, wenn der Mann die Karriere unterstützt. Clarke Gayford, der Partner der Premierministerin hat angekündigt, er werde vorerst daheim beim Kind bleiben. Um das Wohl des Babys braucht sich also niemand Sorgen zu machen.

7. Redet nicht darüber, lebt es vor. Vor allem linke Politikerinnen und Politiker propagieren Teilzeitarbeit und predigen gern, dass beides geht: Karriere und Familie. Doch in der Schweiz lebt das kein einziger Spitzenpolitiker und keine Spitzenpolitikerin vor. Somit senden sie folgendes Signal aus: Wer einen wirklich wichtigen Job macht, hat entweder keine kleinen Kinder oder darf sie nur selten sehen.

8. Auch ein Bundesrat sollte das Recht auf Vaterzeit haben.Was einer Premierministerin zusteht, sollte auch einem Premierminister zustehen: das Recht auf eine Auszeit nach der Geburt. In Norwegen ist es bereits normal, dass Minister in den Vaterschaftsurlaub gehen. Selbst Politiker aus dem konservativen rechten Lager bleiben drei Monate bei ihren Neugeborenen. In der Schweiz wäre es ein Skandal, wenn ein Bundesrat mehrere Wochen Vaterschaftsurlaub nehmen würde. In Norwegen wäre es einer, wenn ein Minister das nicht täte.

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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