Wildes Grün

Im Garten von Hermann Hesse

Text: Line Numme; Fotos: Rita Palanikumar

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Hätte beinahe einer Überbauung weichen müssen: Das Hesse-Haus in Gaienhofen

Die Schwertlilien auf der Seeseite des Hauses erinnern an Hesses Kunstmärchen «Iris»

Frühsommerliche Blütenpracht: Glyzinien an der Südfassade des Hesse-Hauses

Eva Eberwein bei der Arbeit im Garten, der heute einer Arche für alte Pflanzensorten gleicht

Das Bänkli unterm Birnbaum, gezimmert von Hermann Hesse

«Zum Lesen im Garten», besagt ein Schild am Holztrog voller Hesse-Bücher

Der Kiesplatz mit Hesses geliebten Kastanienbäumen

Wüchsiges Grün, wohin das Auge schaut

Lebt Hermann Hesses Gartentraum weiter: Eva Eberwein

Vor über hundert Jahren schuf Hermann Hesse am Bodensee für sich und seine Familie ein Paradies. Doch bald schon wuchs dem ewig Suchenden das Grün über den Kopf. Das kann Biologin Eva Eberwein, der heutigen Eigentümerin des Anwesens, nicht passieren.

Nein, sie sei kein schwärmerischer Hesse-Fan, meint Eva Eberwein, die heutige Besitzerin dieses Kleinods in Gaienhofen am deutschen Bodenseeufer. Nicht seine Texte haben es ihr angetan, sondern vielmehr Hesses Sinn für die Natur und seine Erdverbundenheit. Die Biologin, die im Rheinland aufgewachsen war, verbrachte als Kind viele Sommer bei ihren Tanten in Gaienhofen und ging im Haus, das Hermann Hesse und seine Familie von 1907 bis 1912 bewohnten, ein und aus. Damals gehörte es der Künstlerfamilie Waentig, die mit den Eberweins befreundet war. Ausserdem war ihr Grossvater zu Hesses Zeit Gastwirt im Dorf und führte die improvisierte Poststelle, die nach dem Zuzug des zu dieser Zeit mit seinem ersten Roman «Peter Camenzind» bekannt gewordenen Schriftstellers eingerichtet werden musste. Die Bauern in der Gegend wären gut ohne ausgekommen, aber Hesse erhielt Unmengen an Briefen und Büchern zugesandt.

Die Sommer in der üppigen Natur auf der Halbinsel Höri am Bodensee prägten Eva Eberwein und beeinflussten auch ihre Berufswahl. Als sie 2003 erfuhr, dass das Grundstück einer grossen Überbauung weichen sollte, fühlte sie sich dazu berufen, es zu retten. Es musste schnell gehen, und innerhalb von nur zwei Wochen Bedenkzeit grub sie sozusagen ihr Leben um. Dieses Anwesen sollte nicht nur der neue Wohnort für sie und ihren Mann werden, sondern auch eine neue Lebensaufgabe. Eva Eberwein nahm sich vor, dieses Fleckchen Erde ganz genau so wieder herzurichten, wie Hermann Hesse und seine erste Frau Mia Bernoulli es geschaffen hatten. Um es zu bewahren, veranstaltet sie im Rahmen des von ihr gegründeten Hermann-Hesse-Fördervereins Führungen durch das Haus und den Garten und erzählt bildhaft über Hesses Leben hier. Mit besonderer Leidenschaft beleuchtet sie auch Mia Bernoullis Leben im Schatten ihres berühmten Mannes.

Zuerst wurde das Haus saniert und in den Originalzustand zurückversetzt, dann ging es an den Garten. Nach jahrelanger Recherche in Archiven, wo Eva Eberwein nach Hinweisen und Beschreibungen suchte, und mühseligem Herumstochern im Gelände, das mittlerweile einem Wald glich, erblüht der Garten heute, nach rund zehn Jahren, so wie Hesse ihn einst eigenhändig angelegt hatte. Der wichtigste Archivfund für die Rekonstruktion des Gartens war ein ganz unscheinbarer, auf die Rückseite einer alten Rechnung gekritzelter Plan Hesses, den Eva Eberwein in einem Brief des Schriftstellers an seinen Vater gefunden hat. Zu sehen waren die verschiedenen Gartenbereiche, die gepflanzten Bäume und die Wege. Das war wie ein Sechser im Lotto, denn so konnten die durch das archäologische Stochern gefundenen Puzzleteile – alte Scherben, Steine, Wurzeln und gar Überreste von Büchern – endlich zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.

Dass der leidenschaftliche Gärtner damals eigentlich noch ein Laie war, ist in der Tat an einigen konzeptionellen Fehlern zu erkennen. So hat er zum Beispiel die Gemüsebeete auf der schattigen Nordseite des Hauses angelegt oder genau vor die Seesicht auf der Südseite eine seiner geliebten Esskastanien gepflanzt. Bäume hatten für Hermann Hesse überhaupt eine ganz besondere Bedeutung. Als er das Grundstück auf dem Hügel kaufte, stand dort nur ein alter Birnbaum. Nach diesem ausgerichtet, kam dort der Eingang zum Haus hin, das er im Schweizer Reformstil erbauen liess. Der Birnbaum verlieh dem neuen Anwesen mitten auf der Wiese Identität und wurde zum schützenden «Hausbaum», der Sturm und Blitzschlag abhalten und im Sommer kühlenden Schatten spenden sollte. Tatsächlich schlug der Blitz mehr als einmal ein. Der Baum aber steht noch immer da. Auf der Nordseite legte Hesse einen Kiesplatz mit fünf Rosskastanien an, der ihn an seine wenigen glücklichen Kindheitstage erinnern sollte: an den Festplatz in Calw, wo Zirkusvorführungen stattfanden und der 1895 aber durch einen gewaltigen Sturm zerstört wurde. Dies beschreibt Hesse in seiner Erzählung «Der Zyklon».

Ganz im Stil der damals unter sinnsuchenden Künstlern und Intellektuellen populären Lebensreform wollte die junge Familie sich weitestgehend selbst versorgen und eins mit der Natur sein. Hermann Hesse, damals 26, und seine neun Jahre ältere Frau Mia Bernoulli wollten im Schatten grosser Bäume ihre Kinder aufwachsen sehen. Sie verwirklichten sich den Traum vom einfachen Leben auf dem Land, möglichst weit weg vom städtischen Trubel und der einflussreichen Familie Bernoulli in Basel, wo sich die beiden 1903 kennen und lieben gelernt hatten. Mia Bernoulli fand 1904 schliesslich in Gaienhofen den geeigneten Ort. Zuerst lebten sie in einem alten Bauernhaus mitten im Dorf, ohne fliessendes Wasser. Ihr Idealismus wurde auch dadurch nicht gebrochen, dass sie feststellen mussten, dass die Bauern in der Gegend keineswegs auf sie gewartet hatten und nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Der in ihren Augen faule Schreiberling und die ambitionierte Fotografin (Mia Bernoulli war die erste Schweizer Berufsfotografin) suchten sich darum ein abgelegeneres Stück Land oben auf dem Hügel und bauten sich mit Hesses erstem Geld und einem zinslosen Darlehen seines Schwiegervaters dieses Haus. Sie bekamen drei Söhne: Bruno (* 1905), Heiner (* 1909) und Martin (* 1911).

Steht man heute in diesem Garten, spürt man immer noch die Schönheit und Kraft der Natur, die Hesse so fasziniert haben muss. Auch die «Verankerung» in dem Ort, an dem die Familie gern ihr ganzes Leben verbracht hätte. Noch immer kann man sich auf die alte Holzbank setzen, die Hesse um den Birnbaum herum gezimmert hat. Und wenn man zwischen den üppigen Blumen- und Gemüsebeeten umherstreift, kann man den Schriftsteller mit seinem Strohhut und einem Spaten in der Hand fast vor sich sehen. Mia Bernoullis zahlreiche Familienfotos aus dieser Zeit – etwa von ihren blond gelockten Söhnen, nackt auf der sonnigen Wiese spielend – dokumentieren, wie glücklich und frei sie hier für kurze Zeit waren.

Dieses freie Sein verlangte den Hesses allerdings einiges ab. Der Preis für das Paradies weitab vom bürgerlichen Leben war zum Schluss die Vereinsamung. Hermann Hesse kümmerte sich zwar mit Leib und Seele um den Garten, verschanzte sich aber auch mehr und mehr in seinem Arbeitszimmer im Obergeschoss, während Mia Bernoulli aufgrund der vielen Haushaltspflichten, die dieses Leben mit sich brachte, ihre professionelle Arbeit als Fotografin aufgab und ihre Tage isoliert mit der Kindererziehung verbrachte und vor allem auch damit, ihrem Mann den Rücken freizuhalten. Mehr und mehr zog sie sich in sich selbst zurück und wurde depressiv. Hesse dagegen, durch seinen Erfolg noch stärker mit der Aussenwelt verbunden, entfloh dem vermeintlichen Idyll durch lange Reisen nach Indien oder auf den Monte Verità. Der Traum vom glücklichen, einfachen Familienleben auf dem Land währte nur fünf Jahre. Er war vielmehr eine kurze, intensive Traum sequenz. 1912 verliessen die Hesses Gaienhofen und übersiedelten nach Bern, bevor Hermann Hesse bald allein ins Tessin weiterzog.

So idealistisch Hesses damalige heile Welt zu sein scheint, Eva Eberwein hat das Wesentliche aus ihr gerettet und schreibt die Geschichte auf ihre Weise weiter. Ihre lebhaften Kindheitserinnerungen vermischen sich mit Hesses Grundgedanken. So sammelt sie, wie es auch der Dichter tat, selten gewordene heimische Pflanzen auf den nahen Wiesen und in den Wäldern und setzt sie in den Garten, der mittlerweile fast schon eine Arche für die ursprüngliche Pflanzenwelt der Gegend ist. «Und höre ich irgendwo eine Säge oder Baumaschinen, bin ich sofort zur Stelle und schaue, ob ich alte Pflanzenbestände retten kann.» Von der Bedeutung dieses Gartens, die sich ihr je länger, je mehr erschliesst, erzählt sie auch in ihrem Buch, das diesen Herbst erscheinen wird. Hesses Traum mag schnell vorbei gewesen sein, Eva Eberwein träumt ihren weiter.

— hermann-hesse-haus.de

Buchtipps

— Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Freude am Garten. Insel-Verlag, 238 Seiten, ca. 27 Franken
— Volker Michels (Hrsg.), Dagmar Morath (Fotos): Hermann Hesse. Bäume. Insel-Verlag, 131 Seiten, ca. 22 Franken
— Eva Eberwein und Ferdinand Graf von Luckner (Fotos): Der Garten von Hermann Hesse. Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt. DVA, 144 Seiten, ca. 40 Franken, (erscheint im Herbst)

«Dichter oder gar nichts»

Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 im deutschen Calw geboren. Er wuchs in einer strengen Missionarsfamilie auf. Er sollte Theologe werden und verbrachte seine Schulzeit in einem Klosterseminar. Hesse wollte aber «entweder Dichter oder gar nichts werden». Nach einem Selbstmordversuch mit 15 Jahren kam er in eine Nervenheilanstalt. Danach sagte er sich von seinen Eltern los und liess sich in Tübingen zum Buchhändler ausbilden. In Basel lernte er mit 26 die 35-jährige Fotografin Maria «Mia» Bernoulli kennen. Nach dem Familienleben mit ihr und den gemeinsamen drei Söhnen unterzog sich Hesse einer Psychoanalyse bei einem Schüler Carl Gustav Jungs und zog 1919 nach Montagnola im Tessin. Die Scheidung von Mia Bernoulli erfolgte 1923. Ein Jahr später heiratete er Ruth Wenger. Diese Ehe hielt vier Jahre. 1931 heiratete er schliesslich ein drittes Mal – die Kunsthistorikerin Ninon Dolbin. Hesse starb am 9. August 1962 an einem Schlaganfall, nachdem er schon länger zuvor an Leukämie erkrankt war. Zu seinen wichtigsten Werken zählen: «Demian» 1919, «Siddhartha» 1922, «Der Steppenwolf» 1927, «Narziss und Goldmund» 1930 und «Das Glasperlenspiel» 1931.

Line Numme

Die Wohnredaktorin interessiert, was gutes Design ausmacht und wer dahintersteckt. Privat ist sie seit kurzem auch B&B-Gastgeberin in zwei gemütlichen Holzwagen in Zürich.

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