Vanntastisch - Zu Gast im Dorfhaus der Fotografenlegende Peter Vann

Text: Philipp Tingler
Fotos: Reto Guntli

06. Januar 2012

Peter Vann, Fotografenlegende, präsentiert im Engadin sein Herzensprojekt: Ein famos renoviertes Dorfhaus, das den eigenwilligen Charakter seiner Bewohner ausstrahlt.

Ich schaffe es, mich zu verlaufen. In S-chanf. Das Dörfchen mit dem Bindestrich, idyllisch und verträumt in eine Oberengadiner Talschaft geschmiegt, hat ungefähr 700 Einwohner und drei Strassen, und ich, Stadtkind, schaffe es trotzdem, vom Bahnhof erst mal in die falsche Richtung zu wandern. Ich will zum Haus von Peter Vann. Vann, geboren in Zürich, wurde vor allem
bekannt als Wegbereiter der modernen Automobilfotografie und ist heute Galerist – aber nicht nur. Ich bin hier, um seine Welt zu entdecken, Vanns Kapsel sozusagen, in dieser bezaubernden Kulisse, nur gut zwei Stunden von Zürich entfernt. Es ist still, die Luft hat ein köstliches Aroma, und ich rufe Reto an, den Fotografen, und lasse mich von ihm in die richtige Richtung dirigieren. Das Haus, ein typisches Bündner Bergdorfhaus, geduckt und mit dicken, hell verputzten Mauern, sieht von der Strasse bescheiden aus und so, als habe es schon immer hier gestanden, was quasi auch der Fall ist. Seine ältesten Balken sind von 1308, wie ich vom Hausherrn erfahre, direkt nachdem er mich begrüsst hat. Anschliessend sagt Peter: «Du wirst jetzt gezwungen, mit uns zu Mittag zu essen.»

Das mache ich nur zu gern. Wir essen draussen, auf der Terrasse, Salat und Teigwaren, gekocht von Peter Vanns Frau Claudine, die er bei «Vogue» kennen gelernt hat, damals in Paris. Vann hat lange in Paris gelebt, erst als Musiker, dann als Fotograf. Wir unterhalten uns über seine frühen Zeiten als Porträtfotograf, denn bevor er sich den Autos zuwandte («Nicht zuletzt deshalb, weil ich für Models zu ungeduldig war!»), hat er Persönlichkeiten der Zeitgeschichte abgelichtet: Jean-Paul Sartre etwa, Franz Josef Strauss, oder Willy Brandt beim Frühstück.

In Paris haben Peter und Claudine Vann immer noch eine Wohnung, im Marais-Quartier. Die Liebe zur Bergwelt des Engadins nahm ihren Anfang mit einer Ferienwohnung in La Punt, und Ende der Neunzigerjahre entschloss man sich, hierher zu übersiedeln. Das erzählt mir Peter Vann im Salon vor dem Panoramafenster mit Blick auf den vorbeiströmenden Inn. Wir stehen neben einem Töggelikasten, der aus Paris gezügelt wurde und rege benutzt wird, denn, wie Peter es ausdrückt: «Ich hasse Dinge, die nicht funktionieren, und ich hasse Sachen, die nicht benutzt werden. Das hier ist schliesslich ein Zuhause, kein Museum!» Und museal wirkt dies Zuhause tatsächlich nicht, trotz der Allgegenwart von Kunst. Peter Vann hat das Haus, das früher eine Bäckerei beherbergte, 2005 mit der Absicht gekauft, hier nicht nur zu leben, sondern auch eine Galerie einzurichten. In seiner eigenen Künstlerbiografie fiel dieser Entscheid zusammen mit seiner Hinwendung zur Landschaftsfotografie, und Vanns sinnliche Schwarzweissaufnahmen der Gebirgswelt des Oberengadins sind längst etablierte Werte; in ihrer evokativen Bildsprache reduktionistisch und kraftvoll zugleich. Seine Galerie, die seit 2006 zwei Ausstellungen pro Jahr zeigt, hat natürlich auch andere Künstler im Programm, zuletzt unter anderem die viel beachteten Aufnahmen des aus Tirol stammenden Fotografen Lois Hechenblaikner, dessen Thema die Veränderung alpiner Lebenswelten durch die Einflüsse des Massentourismus ist: eine sowohl verstörende wie amüsante künstlerische Bestandsaufnahme.

«Es ist ein Glück, so leben zu können»

Doch Peter Vann handelt nicht nur mit Kunst; er lebt mit ihr. «So vor 25 Jahren habe ich angefangen, Kunst zu sammeln», erzählt er, «und anfänglich war ich dabei vielleicht ein wenig eitel, so kam es zum Miró, der jetzt im Esszimmer hängt, und zum kleinen Picasso, den wir an der Küchenwand platziert haben, was manche Leute vielleicht ein wenig provokant finden werden – was solls.» Ob es für ihn jemals so etwas gebe wie ein fertiges Zimmer, frage ich, als wir den Salon verlassen, dessen markantestes Möbelstück ein mit Blattgoldabschnitten gefüllter Plexiglascouchtisch des französischen Künstlers Yves Klein ist, der vor dem über vier Meter breiten italienischen Kuhfellsofa steht. «Na ja», erwidert er, «eigentlich bin ich jemand, der dazu neigt, die Wohnung zuzustellen. Ich hänge furchtbar an den Dingen und kann mich schlecht von Sachen trennen. Ich habe zum Beispiel nie Bilder verkauft, die ich für mich selbst angeschafft habe. Ich kaufe Kunst spontan, natürlich gelegentlich auch vor dem Hintergrund, neue Künstler für meine Galerie zu entdecken, und so kommt es, dass sich hier die Dinge mischen. Es gibt sicher Kunstkenner, die behaupten würden: Der hat ein Durcheinander im Kopf. Ich finde, dass das Sich-Umgeben mit Kunst und Gegenständen etwas Schützendes hat, man fühlt sich besser, und ich sehe das Haus auch als etwas, was meiner Familie und mir Geborgenheit gibt. Wir haben dieses Haus verändert, behutsam und respektvoll, und natürlich wirkt es in seiner Atmosphäre auch auf uns zurück. Diese Dynamik hat logischerweise nie ein Ende.»

Durcheinander? Nein, irgendwie scheint sich alles ineinanderzufügen, im Stilkosmos des Peter Vann. Wir stehen inzwischen im Esszimmer, dessen Aussenwand beherrscht wird von einem grossformatigen Werk des Schweizer Künstlers Beat Zoderer. «Schau mal», sagt Peter, «wenn du dich hierhin stellst, repetieren sich Zoderers Farben im Bild von Serge Poliakoff an der Wand gegenüber, das hab ich erst nach der Hängung festgestellt, ist das nicht grossartig?» Tisch und Stühle im Esszimmer sind von Peter Vann selbst entworfen: schlichte Stücke aus rohem Holz mit Eisenrahmen. «Ich mag keine neuen Möbel, die auf alt gemacht sind», erklärt er mir, «entweder ein Stück ist wirklich alt – oder eben neu. Das ist die Philosophie in diesem Haus: Die Dinge sind authentisch.» Neu und im wahrsten Wortsinne bahnbrechend im Esszimmer ist die Öffnung zur Küche, ein Durchgang, der vorher nicht existierte. «Offenheit ist das Prinzip dieses Hauses», sagt Peter Vann, «das stellt sicher, dass alle Räume benutzt werden.».

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