Nachhaltigkeit

Wie Ikea sein Image wandelt

Interview: Silvia Princigalli

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Dr. Dipti mit einigen Kunsthandwerkerinnen, die an der Capsule-Kollektion Hemtrakt mitgearbeitet haben

Ikea will eine der nachhaltigsten Firmen der Welt werden. Dafür arbeitet der schwedische Möbelgigant mit der indischen Produktionsstätte Rangsutra zusammen. Wir haben mit der leitenden Programmmanagerin Dr. Dipti gesprochen.

Wer bei Ikea Möbel kauft, sucht nicht nach langlebigen Einrichtungsstücken. Im Gegenteil: Der Schwede richtet sich mit seinen günstigen Preisen und dem praktischen Grundgedanken eher an eine Wegwerfgesellschaft. Das soll sich nun ändern. 

Der Grundstein für eine Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit wurde bereits gelegt – mit der Zusammenarbeit mit fairen Unternehmen in Indien. Die neuste Kollektion nennt sich Hemtrakt und beinhaltet vor allem Korbmöbel, die zusammen mit der indischen Organisation Rangsutra produziert und vertrieben werden. Sie ist seit Februar 2016 bei Ikea in der Schweiz und Österreich sowie in ausgewählten Filialen in Schweden, Italien, Grossbritannien und Spanien erhältlich. Rangsutra setzt sich für nachhaltige und faire Bedingungen für Handwerker und Bauern in Indien ein. 

An den Ikea Democratic Design Days trafen wir Dr. Dipti, Programmmanagerin bei Rangsutra, zum Interview. Die 37-Jährige doktorierte im Alter von 22 Jahren in Physik – mit einem Stipendium der Fordstiftung an der Universität von Edinburgh und der Erlaubnis ihres Ehemanns. Heute setzt sie sich für die gesellschaftliche Stärkung der Frauen ein, arbeitet als Sozialunternehmerin und Managerin der Partnerschaft zwischen Rangsutra und Ikea. Seit ihrer Rückkehr aus dem Ausland setzt sie ihre Erfahrung und ihr Wissen ein, um ihre Heimat Bihar, eine der rückständigsten Bundesstaaten Indiens, «mädchenfreundlich» zu gestalten.

annabelle.ch: Wofür steht die Organisation Rangsutra?
DR. DIPTI: Rangsutra ist ein soziales Unternehmen, das seit mehr als zehn Jahren in ländlichen Regionen in Indien zusammen mit lokalen Künstlern handgearbeitete Produkte nach indischer Tradition herstellt – zum Beispiel Kleidung, Teppiche oder Kissenbezüge. Anders als NGOs handelt Rangsutra aber im wirtschaftlichen Interesse. Das erwirtschaftete Kapital setzen wir für nachhaltige Veränderungen im sozialen Bereich ein, zum Beispiel für die Bildung von Frauen und Kindern. Mittlerweile beschäftigt Rangsutra 3000 indische Kunsthandwerker, davon arbeiten allein 1000 für Kollaborationsproduktionen von Ikea. Der Betrieb wird von Frauen geführt und hat insgesamt 80 Prozent weibliche Angestellte.

Wie gewinnen Sie Frauen für die Produktionsstätte von Rangsutra?
Es ist von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich. In Ragastra fingen wir direkt an, mit Kunsthandwerker vor Ort zu arbeiten. Diese bildeten dann eigene Arbeitsgruppen und gaben ihr Wissen an neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter – etwa in Stickerei oder Weberei. In anderen Regionen hatten wir mit grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen. Wir versuchten vor allem Frauen, im Alter zwischen 45 und 50, für unsere Arbeitsgruppen zu gewinnen. Frauen in Indien ist es nämlich erst ab diesem Alter erlaubt, ein soziales Leben ausserhalb des Familienhauses zu führen. Diese Frauen hatten also zum Teil noch nie ausserhalb ihres Haushalts gearbeitet. Ausserdem können Frauen in Indien ihre Entscheidungen nur selten autonom treffen. Bei ledigen Frauen entscheidet der Vater, bei verheirateten Frauen der Ehemann. Männer sprachen zum Teil für mehrere Wochen nicht mehr mit ihren Ehefrauen, wenn diese Interesse an unseren Einführungskursen zeigten. Spätestens, als die Nachbarin oder Schwägerin aber ihr eigenes Einkommen nachhause brachte und sich damit der Zugang zu Bildung für die Kinder, eine gute Gesundheitsversorgung sowie sauberes Trinkwasser finanzieren liess, wurde das Misstrauen uns gegenüber abgelegt. Im Schnitt brauchte es bis zu sechs Monate Überredungsarbeit, um eine Frau aus ihrem Haushalt zu holen und ihren Ehemann oder Vater zu überzeugen.

Wie hoch ist das Mindestalter für den Einstieg bei Rangsutra?
Zwischen 14 bis 18 Jahren ist es Jugendlichen erlaubt, Teilzeit zu arbeiten. Ab 16 Jahren wäre sogar eine Vollzeitstelle möglich, sofern die letzte Pflichtschulstufe abgeschlossen ist. Wir legen viel Wert auf die Ausbildung der Frauen und möchten damit bewirken, dass sie langfristig eine Zukunft haben. So profitieren beide Seiten.

Realisieren die Frauen, für wen sie arbeiten?
Unsere Designer besuchen die Gebiete und versuchen, den Frauen zu erklären, was bei Ikea genau mit ihren Produkten passiert. Mit Powerpoint-Präsentationen stellen wir den Frauen zum Schluss auch die umgesetzten Kollektionen vor. Viele der Kunsthandwerkerinnen fragen danach, wie eine Ikeafiliale in Europa aussieht. Deshalb arbeiten wir nun daran, ein Video zu drehen.

Kann man mit solchen Projekten das Selbstbewusstsein der Frauen stärken und das System in Indien durchbrechen?
Wir versuchen es täglich mit kleinen Schritten. Ich sage den Frauen: «Ihr habt nur ein Leben, macht was daraus!»
Die Schwierigkeit ist jedoch, dass Frauen in Indien an erster Stelle immer die Familie und ihre Ehe setzen. Es gibt aber auch Frauen, die halten die Zwänge des Systems nicht mehr aus und laufen davon. Wir versuchen deshalb, die Umstände zu verbessern, würden aber niemals Familien aktiv auseinanderbringen. 

Aktuell liegen gewobene Körbe total im Trend. Was passiert, wenn dieses Handwerk nicht mehr gefragt ist? 
Die Zusammenarbeit mit Ikea ist eine Langzeitpartnerschaft. Unser Ziel ist es, diese Kollaboration aufrechtzuerhalten und nachhaltige Existenzen für unsere Mitarbeiter zu schaffen. Ikea war es von Anfang an wichtig, dass Rangsutra nicht von diesen Aufträgen abhängig wird. Deshalb basiert unsere Partnerschaft auf einem Arbeitsvertrag, bei welchem Ikea und Rangsutra als gleichwertige Unternehmen gelten. Beide Firmen haben in den letzten drei Jahren voneinander lernen und profitieren können. Rangsutra ist nun imstande auch Grossaufträge anderer europäischer Möbelunternehmen auszuführen. Das ist nachhaltige Unabhängigkeit. Wir sind zudem bemüht, unsere Kunstschaffenden umzuschulen, um sie auf die Produktionen kommender Ikea-Kollektionen vorzubereiten und weiterhin Aufträge für Schweden ausführen zu können.

Zum Thema Ikea und Nachhaltigkeit hat annabelle-Reporterin Helene Aecherli mit Steve Howard, dem ehemaligen WWF-Mann und neuen Ikea-Nachhaltigkeitsverantwortlichen, gesprochen. Lesen Sie das Interview mit spannenden Fakten zu Ikeas Nachhaltigkeitsplan in der aktuellen annabelle Ausgabe 10/16.

Silvia Princigalli

Die Online-Redaktorin sucht gern nach Trends auf Instagram und schwärmt für Woody-Allen-Filme. Auf annabelle.ch schreibt sie bevorzugt über Mode, Wohnen und Kultur.

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