Traumhaus

Wohnwerkstatt in Dübendorf

Text: Line Numme; Fotos: Rita Palanikumar

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Vier Meter hohe Wände, originale Holzbalkendecke und herrliche Sprossenfenster: Der von Licht durchflutete Familienloft im Erdgeschoss ist in kleine, gemütliche Wohninseln unterteilt.

Das grosszügige Elternschlafzimmer im 1. OG: Das alte Klötzli-Parkett wurde geschliffen und dunkel gebeizt.

Der Wandschrank ist einer gemütlichen Nische gewichen: Das Arbeitszimmer des Hausherrn.

Zufallsfund: Der Elektriker entdeckte die Wandmalereien unter Farb- und Tapetenschichten.

Die Küche bietet viel Platz für Familie und Freunde.

Häufigster Treffpunkt: Yves Milani und Alexandra Gübeli am Esstisch.

«Wir konnten uns noch nicht auf die Farbe einigen»: Die Fensterläden stapeln sich im Keller.

Die Kinder durften ihre Räume selber gestalten. In Tochter Jeannes Zimmer ist Mode das grosse Thema.

Markenzeichen eines Baumeisters? Der spezielle Putz prangt an mehreren Dübendorfer Häusern.

Speziell angefertigt: Die Wand- und Bodenplättli aus Marokko nehmen die originalen Farben im Haus auf.

Das 1909 erbaute Gebäude war ein Glückgsriff für das Architektenpaar. Die hohe Küche aus Seekiefersperrholz macht den grossen Raum wärmer.

Work in progress: Im Treppenhaus sind noch einige Farbschichten abzutragen, um die schönen, alten Wandmalereien freizulegen.

Sohn Lucs selbst gestaltetes Lümmelparadies unter dem Dach.

Stillleben im Schlafzimmer: Das Bild über dem Klavier stammt von der Schweizer Künstlerin Teres Wydler.

Der Sekretär ist ein Fundstück, das Yves Milanis Grossvater einst an einem SBB-Verkauf erstanden hat.

Kleine Schätze im alten Wandregal: Alexandra Gübelis Vater Albert, ein Maschinenbauingenieur, gestaltet als Hobby geometrische Knobel-Spiele (albinegri.ch).

Das Architektenpaar Milani Gübeli hat in der Zürcher Agglomeration eine alte Schlosserei in ein modernes Schloss verwandelt.

Die terracottafarbene Fassade der ehemaligen Schlosserei leuchtet schon von weitem. Sie mutet fast ein bisschen mediterran an. Kommt man näher, fällt aber die eigenwillige Struktur des Putzes auf – wurde er etwa mit Schuhsohlen bearbeitet? «Das haben wir auch vermutet», sagt Alexandra Gübeli, «es scheint das Markenzeichen eines Dübendorfer Baumeisters gewesen zu sein.» Auch an anderen Häusern aus dieser Zeit im Dorf könne man diesen Putz entdecken.

Das 1909 erbaute frei stehende dreistöckige Gebäude steht wie ein Monolit an der viel befahrenen Strasse am Rand des Dorfkerns von Dübendorf ZH. Wenn man um die Ecke schaut, bemerkt man ein sehr nahe gebautes modernes Mehrfamilienhaus auf dem gleichen Grundstück. Das alte Handwerkerhaus wurde nach seinem Verkauf an eine Investorengruppe in den Neunzigerjahren ziemlich stiefmütterlich behandelt und hat diese Überbauung mit Eigentumswohnungen in den stattlichen Garten gesetzt bekommen. Sogar der Vorgarten auf der anderen Seite musste verkehrstechnischen Massnahmen weichen. Durch die mehrmalige Parzellierung des Grundstücks, das sich mitten im Baulinienbereich befindet, lohnte sich nicht einmal mehr der Abriss, und so stand das Gebäude letztendlich wieder zum Verkauf.

Das war die Chance für Alexandra Gübeli und Yves Milani, sich zu erschwinglichen Konditionen ihren Wunsch nach einem Zuhause mit Entwicklungspotenzial zu verwirklichen. Dass sie dafür das Stadtleben aufgeben mussten, erschien ihnen nicht so gravierend, da die Anbindung ans Stadtnetz hier in der Zürcher Agglomeration sehr gut ist. Und die Kinder waren gross genug, um allein unterwegs zu sein und grössere Strecken in Kauf zu nehmen, um ihre Freunde oder die Schule zu besuchen. Dafür hat die Familie jetzt viel Platz und Raum zur Entfaltung.

Heute erstrahlt die ehemalige Schlosserei wieder in altem, allerdings farbigem Glanz, denn Alexandra Gübeli und Yves Milani, beide Architekten, waren für das Haus ein Glücksfall. Sie erkannten sein Potenzial sofort. Anders als einer der Handwerker zum Beispiel, der meinte, die alte Werkstatt gäbe doch eine schöne Garage ab. Als die neuen Besitzer den grossen Raum im Parterre erstmals betraten, waren sie begeistert. Vier Meter hohe Wände, das grosse Tor und die schönen Sprossenfenster! Statt einer Garage sahen sie vor ihrem geistigen Auge einen grosszügigen Familienloft mit Küche, Ess- und Wohnbereich und viel Platz für Gäste. Inzwischen ist der einstige Schmiedeofen einer frei hängenden gusseisernen Feuerstelle gewichen, das Eisentor samt Öffnungsvorrichtung behielt man, weil es den Charakter des Raums bewahrt. Genauso wie die freigelegte Holzbalkendecke über den Eisenträgern.

Um zusätzliche Wohnlichkeit in den Raum zu bringen, wollten sie die Decke nicht verkleiden oder streichen, sondern beliessen sie in Naturholz. Allerdings rieselte so andauernd die Schlacke, die ursprünglich beim Bau als Isolation im Zwischenboden verwendet wurde, durch die Ritzen herab. Kurzerhand wurden für ein Wochenende Freunde und Bekannte mobilisiert, um rund 600 zusätzliche Holzleisten an die Decke zu tackern, die die Rillen verschliessen sollten. Ganz dicht ist sie jedoch immer noch nicht. Der fleissige Einsatz des Staubsaugers ist der Preis für die warme Holzoptik. Auch wenn nicht mehr geschmiedet wird, gearbeitet wird im oder besser am Haus nach wie vor – es ist Work in Progress. Im Treppenhaus werden Quadratzentimeter für Quadratzentimeter alte Farbschichten von den Wänden abgelöst und die schönen alten Wandmalereien darunter freigelegt. Der Elektriker entdeckte sie durch Zufall unter der dicken Tapetenschicht, als er für das Einziehen neuer Leitungen eine Wand im ersten Stock aufbrach. Es wird noch lange dauern, bis alles weg ist. Doch genau dieses Unfertige und der Einbezug der noch vorhandenen Originalsubstanz machen das Haus lebendig. Wie auch das laute Knarren der Böden in den oberen Geschossen.

Alexandra Gübeli und Yves Milani begaben sich mit der Sanierung ihres Hauses auf Neuland, obwohl sie Architekten sind. Normalerweise beschäftigen sie sich in ihrem Architekturbüro GXM in Zürich mit dem Konzipieren von öffentlichen Gebäuden wie Schulhäusern oder Turnhallen. Für ihre eigenen vier Wände zeichneten sie nicht nur die Pläne, sondern packten bei den meisten Umbauarbeiten auch selbst mit an. Es wurde von April bis Oktober 2014 fleissig gearbeitet. Und auch die Kinder Luc (14) und Jeanne (16) arbeiteten die ganzen Sommerferien hindurch kräftig mit. Sie durften vor allem das Dachgeschoss in ihrem Sinn gestalten. Es ist nun ihr Reich, wo sie je ein Schlafzimmer und ein Arbeits- respektive Spielzimmer bewohnen. Dazu ein Bad und ein gemeinsames Studierzimmer, wo später allerdings dank vorbereiteter Leitungen auch eine Küche eingebaut werden kann. Da kommt das Architektendenken der Eltern zum Vorschein. Es war klar, dass die Fläche so aufgeteilt würde, dass später auch einzelne Wohnungen aus den Etagen gemacht werden können.

Und wie gefällt Luc nun das Leben im neuen Haus? «Es ist anstrengend!» So viel Platz zu haben, sei zwar toll, sagt er, aber auf das Treppensteigen würde er gern verzichten. Im Moment wohnt Luc ganz allein unter dem Dach, da seine grosse Schwester ein halbes Jahr in Frankreich verbringt, um ihre zweite Muttersprache zu vertiefen. Die Eltern kommen aus dem Jura.

Die Zimmer der Kids verraten deutlich, wo ihre Interessen liegen: Lucs Leidenschaft ist der Fussball, Jeannes die Mode. Während bei Luc der Sport ein Hobby bleiben wird, könnte sich seine grosse Schwester sehr gut vorstellen, ihr Hobby zum Beruf zu machen und beispielsweise Kostümbildnerin zu werden.

Die mittlere Etage ist ähnlich aufgeteilt wie das Dachgeschoss. Allerdings mit einem sehr grossen Schlafzimmer statt zwei einzelnen. Die ehemalige Küche und das alte Badezimmer wurden zugunsten eines grosszügigeren Bads zusammengelegt und sehr stilvoll eingerichtet. Hier kommt der Altbaucharme am stärksten zur Geltung. «Es war uns wichtig, die bestehenden Farben der Wände und Türen aufzunehmen», sagt die Hausherrin. Die extra angefertigten marokkanischen Boden- und Wandplättli harmonieren wunderbar mit der Jugendstiloptik der Wandmalereien. Vom opulenten Badezimmer aus gelangt man direkt auf den grossen Balkon, der bis zum Schlafzimmer reicht. Unter der Pergola, die von einem kräftig wachsenden Kiwibaum umrankt wird, kommt wieder das Südenfeeling auf. Hier lässt es sich im Sommer gemütlich ein Buch lesen und die Abendsonne geniessen.

Als kreative Vorbilder nennt Alexandra Gübeli das amerikanische Designer- und Architektenpaar Charles und Ray Eames – das Paradebeispiel für eine gemeinsame Gestaltungs- und Lebensphilosophie. Und, ergänzen sich die beiden Hauseigentümer auch so perfekt wie ihre Vorbilder? «Wir waren eigentlich immer gleicher Meinung», sagt Alexandra Gübeli, «hätte es sich um einen Neubau gehandelt, wäre es aber wohl schwieriger gewesen.» Yves Milani nickt zustimmend.

Beim Abschied vor dem Haus fällt auf, dass am ganzen Gebäude die Fensterläden fehlen. Diese befänden sich noch im Keller, meint der Hausherr und schmunzelt. «Wir konnten uns noch nicht auf die passende Farbe einigen.»

Line Numme

Die Wohnredaktorin interessiert, was gutes Design ausmacht und wer dahintersteckt. Privat ist sie seit kurzem auch B&B-Gastgeberin in zwei gemütlichen Holzwagen in Zürich.

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