Intimpflege

Alles fit im Schritt?

Text: Sarah Lau; Foto: Pexels

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Für glänzendes Schamhaar

Das Pflegeöl von Fur mit Traubenkern-, Teebaum- und Jojobaöl pflegt Schamhaare und reinigt die Poren. Ca. 45 Fr. bei Revolve.com und Furyou.com

Duftkerze mit Star-Potenzial von Gwyneth Paltrow

 This Smells Like My Vagina deutet auf ein blumiges Höschen hin. Note: Bergamotte, Zeder und Geranie. Ca. 73 Fr. bei Goop.com

Was eine perfekte Vagina braucht?

Laut den Herstellern des VV Beauty Mist in jedem Fall ein paar erfrischende, revitalisierende Spritzer Damaszenerrose. Ca. 24 Fr. bei Theperfectv.com

Spitzenleistungen im Intimbereich

Die Holzkohle-Maske Blackout von Two L(i)ps soll die Lymphdrainage fördern und Vulven weltweit entgiften, straffen und aufhellen. Ca. 19 Fr. bei Twolips.vip

Unter Dampf entspannen

 Mit dem Vulva-Steam Feminity greift das Schweizer Label Lunear ein jahrtausendealtes Ritual auf. Mit aphrodisierender Rose und durchblutungsförderndem Brennesselblatt. 24 Fr. bei Lunear.com

Labien, die in neuem Glanze erstrahlen?

Der Very V Luminizer verspricht Scham-lippen ein helleres, weicheres und strahlenderes Antlitz. Ca. 42 Fr. bei Theperfectv.com

Kiffer-Kitzler im Trend

Das britische Label The Tonic versucht sein stimulierendes CBD Clit Spritz an die Frau zu bringen. Ca. 36 Fr. bei Thetonictribe.com

Manicure? Pédicure? Vanicure! Die Beauty-Industrie hat die Vulva entdeckt. In den USA boomen sogenannte V-Spas und auch hierzulande florieren die Geschäfte mit Masken, Ölen und Dampfbädern für die Intimzone. Empowerment oder perfide Kommerzialisierung des weiblichen Körpers? Beides, sagt unsere Autorin – und dampft schon mal los.

Jedes Mal, wenn ich das Fläschchen Fur-Öl anschaue, stelle ich mir vor, wie Emma Watson sich die Schamhaare massiert. Ich kann nicht anders. Seitdem die Schauspielerin verkündet hat, sie verwende das Öl sowohl für ihre Haarspitzen, Brauen als auch für ihre Schamhaare, setzt sein Anblick in meinen Kopf unweigerlich diese Assoziationskette in Gang. Die Anzahl der Google-Suchen nach Fur Oil hat sich im Jahr nach Watsons Statement versechsfacht. Allein in New York haben hundert Geschäfte das Produkt ins Sortiment aufgenommen. Händler von Luxusmode wie Net-a-porter verkaufen inzwischen neben Gucci-Loafern und Celine-Capes den Pelz-Balm und damit ist klar: Schamhaare werden endlich nicht mehr als der Inbegriff des Ekels verteufelt. Und Fur-Öl ist nur einer von vielen Verkaufsschlagern der boomenden V-Care-Bewegung.

Die Beauty-Industrie hat die Vulva entdeckt und ist erpicht, unter weiblichen Gürtellinien Wellnessoasen entstehen zu lassen. Da wäre beispielsweise die Detox- Maske Blackout des US-Unternehmens Two L(i)ps (genau, die Schreibweise ist kein Zufall). Und siehe da! Sich die Schamlippen entgiften zu lassen, entspricht tatsächlich einem Bedürfnis: Gründerin Cynthia Chua, ihres Zeichens selbst ernannte Königin der Vulven, hat allein in den ersten drei Monaten nach dem Launch zehntausend Päckchen mit Masken verkauft. Zur Palette «luxuriöser Vulva-Pflegeprodukte» gehört auch eine eigens zusammengestellte Spotify-Musikliste, so dass man nun etwa zu Van Halen die hautaufhellende Anti-Blemish-Cream Undercover auftragen kann. Die eignet sich übrigens prima für Vulva und Visage. «Bleibe makellos», so die Aufforderung auf dem Beipackzettel. Gelingen soll das etwa dank des entknitternden Wirkstoffs Palmitoyl Hexapeptide 35. An gleicher Stelle wird auch darauf hingewiesen, dass man am Folgetag der Behandlung die strapazierten Lippen bitte mit Sonnencrème Lichtschutzfaktor 30 schützen möge. Nur für den Fall, dass jemand meint, sein Unteres dem Sonnenlicht entgegenspreizen zu müssen.

Grosshändler Douglas vertreibt hierzulande die Erzeugnisse des dänischen Labels The Perfect V. Im Angebot etwa das VV-Serum, dessen Braunalgen-Extrakt, so der Hersteller, die «Haut fester wirken» lässt, während Kalpariane «beruhigt, befeuchtet und Fältchen kleiner erscheinen lässt». Fältchen? Richtig gehört! Doch wenn es nur das wäre, was uns sorgen soll. Denken wir doch an das natürliche Odeur, das aus dem Höschen steigen könnte. Dagegen hilft der rosig verpackte Beauty Mist, ein Destillat der Damaszenerrose, das als «Conditioner, Geruchsneutralisator und Deodorant» eingesetzt werden soll. Oder auch die auf dem Onlinemarktplatz Etsy erhältliche, in kleine Nuckelf laschen verpackte Pssy-Milch, die eine Entgiftung verspricht, «erstellt für eine engere, itchfreie, geruchlose Yoni». Erinnert sich noch jemand an die Fraktion, die auf Engtanz-Parties stets Odol-Mundspray in der Jeansjacke stecken hatte? Fast herzig im Vergleich zu den Mädchen, denen immer noch suggeriert wird, ihr Schoss müsse blumig parfümiert sein, bevor etwas geht. Hinzu kommt, dass Beauty Mist das umstrittene Lösungsmittel Phenoxyethanol beinhaltet, das zwar bakterizid wirkt, dafür aber im Verdacht steht, Schwellungen und Schuppungen auszulösen. Das Clit Spritz der britischen Marke The Tonic Tribe basiert hingegen auf natürlichen Inhaltsstoffen: Es soll unseren Kitzler mit den besten Wirkstoffen aus Cannabis erfrischen, ihn verjüngen und ausserdem in den Duft von frischer Minze und Zitrusfrüchten hüllen.

Straff, rosig, jugendlich, fruchtig – intime Optimierungsfantasien haben Hochkonjunktur. Wie der neue Zweig der Schönheitschirurgie mit Schamlippenkürzungen und Bleaching vermitteln auch diese Produkte, dass wir ohne sie nicht schön sind. Nicht gepflegt. Nicht ansehnlich. Und bäm – die Einschüchterungsbombe hat eingeschlagen! Auch in der Schweiz steigt die Nachfrage nach Intim-Operationen und Vulva-Produkten stetig. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sah sich am 3. März dieses Jahres gar veranlasst, einen warnenden Expertenbrief rund um nicht-medizinisch indizierte vulvo-vaginale Eingriffe herauszugeben und einmal mehr auf die Verunsicherung der Frauen durch die von der Pornoindustrie propagierten, vorwiegend «rasierten, kindlich erscheinenden Genital-organe bei der Frau» hinzuweisen. Am Begriff «vagi-nal rejuvenation», zu Deutsch Vaginalverjüngung, zeige sich, «dass es sich nicht um ein medizinisches, sondern um ein ästhetisches Problem im Sinn des aktuell geltenden Schönheitsideals, der Jugendlichkeit, handelt». Die Literatur mache deutlich: Fast doppelt so viele Frauen wünschen sich eine Schamlippenverkleinerung, weil sie sich dadurch versprechen, normaler, selbstsicherer und schöner zu sein, als aus eigentlich medizinischen Grün-den. Eine Analyse, die auch den Boom der V-Care-Produkte erklärt.

Das Intim-Make-up My New Pink Button – Schminke, mit der die ergrauten Labia jugendlich-rosig geschminkt werden können – ist glücklicherweise derzeit auf Amazon nicht mehr verfügbar. Doch die User-Kommentare geben Hinweise darauf, warum das Geschäft mit Intimpf lege derart floriert: «Meine Frau hat sich gehen lassen. Klar, sie geht immer noch zum Coiffeur und achtet auf ihre Kleidung und ihr Make-up. Aber (und das habe ich ihr auch gesagt) all das ist egal, wenn du graue Labia hast. (...) Ich bin noch höflich, wenn ich sage, dass ich abgestossen war.» Erst nachdem K. R. Hill seiner Frau My New Pink Button geschenkt habe, sei ihr Sexleben wieder besser geworden. 28 User gaben an, diesen Beitrag als hilfreich anzusehen.

Nun sind ja die Hersteller der neuen Pflegeprodukte und die in den USA boomenden V-Spas, also auf Vulven spezialisierte Wellnesseinrichtungen, bemüht, den Wohlfühlfaktor ihrer Angebote hervorzuheben. Schöne Idee! Perfid nur, wenn die grundsätzlich sehr zu begrüssende Enttabuisierung der Vagina missbraucht wird, um Frauen doch nur wieder in ihrem Selbstwertgefühl zu erschüttern. Zusammen mit vermeintlich empowernden Hashtags wie #loveyourvulvamore postet etwa Two L(i)ps junge Frauen, die selbstbewusst zeigen, dass sie Vulvaserum benutzen. «Self Love, Baby, Self Love!», heisst es da. Aber bedeutet das, dass man erst liebenswert ist, wenn der eigene Körper eine verbesserte Version seiner selbst ist? Ist es nicht paradox, dass man erst Beautyprodukte kaufen muss, um zu beweisen, dass man seine Vulva liebt? Heilige Marketingmaschinerie!

«Aus rein medizinischer Sicht braucht es keines dieser Produkte», sagt die Zürcher Gynäkologin Gudrun Mehring. «Unsere Vagina hat eine selbstreinigende Funktion, die die Balance zwischen protektiven Milchsäurebakterien hält und uns vor Infektionen schützt. Je mehr äusserliche Produkte man anwendet, umso mehr bringt man eine solche Balance durcheinander.» Dennoch könne sie den Gedanken verstehen, dass «Frauen sich und ihren weiblichen Organen in unserer heutigen Zeit etwas Gutes tun und sich in ihrer Weiblichkeit nochmal bewusster fühlen wollen».

Genau darauf zielt nun auch der Schweizer Brand Lunear ab, der vor zweieinhalb Jahren unter anderem Vulva-Massageöle und V-Steams, also Dampfbäder für den Intimbereich, auf den Markt gebracht hat. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich ein grosser Fan von Produktinnovationen bin: Steht im Supermarktregal ein neues Joghurt, das angeblich meine Hirnzellen stimuliert, kaufe ich es. Wenn es dann auch noch nach Erdbeere schmeckt, esse ich es sogar. Voraussetzung: Der Konsum schädigt meinen Körper nicht. Die Steam-Mixe von Lunear sind naturbelassene Heilkräutermischungen. Und weil mir der Ansatz der Vulva-Steams vergleichsweise sympathisch ist, reisse ich neugierig die Packung mit dem aphrodisierenden Kräutermix Feminity auf. Ich gebe zu, dass ich das ganz gern zuhause mache. Die Vorstellung, mich im V-Spa über eine plumpskloartige Box zu hocken und bei bedampfter Vulva meinen Mitsteamerinnen mit einem Latte zuzuprosten, übersteigt meine Lässigkeit. Jetzt geht es darum, «ein Ritual zu geniessen und sich auf sich und seine weibliche Kraft zu konzentrieren», wie mir Lunear-Gründerin Marlen Unternährer vorab erläutert hat. Zehn Minuten lang soll ich die Heilkräuter köcheln lassen, bevor ich die Schüssel mit dem dampfenden Kräuter-Mix ins WC stelle und in eine Decke gewickelt die Sitzung beginne. In asiatischen und afrikanischen Kulturen habe das Vulva-Dampfbad eine jahrtausendealte Tradition. Die Wärme im Unterleib würde die Durchblutung anregen und beispielsweise dabei unterstützen, den Zyklus auszulösen, sagte sie. «Hat eine Frau nach der Menopause keine Blutungen mehr, können unsere Steams einen reinigenden Ausfluss anregen. Rotklee, Alantwurzel und Himbeerblätter – Heilpflanzen, die allesamt den weiblichen Körper während der hormonellen Umstellung unterstützen.» Ich überlege laut, ob ich mich nicht einfach auf eine Wärmflasche setzen und das Gebräu trinken könne. «Klar, die Wirkung ist aber natürlich eine andere. Zum einen geht der Steam über die Schleimhäute genau dorthin, wo die Heilkräuter wirken sollen, und zum anderen geht es um das Ritual und um die damit verbundene Kopfarbeit. Will man etwa die Sexualität mit einem Partner verabschieden und aktiv loslassen, ist es durchaus unterstützend, die Wirkung eines neutralisierenden Salbeis mit zu bedenken.»

Während ich steame und hoffe, dass nicht ausgerechnet jetzt ein Einschreiben kommt, mache ich ein paar Selfies auf der Schüssel. Konzentration, Madame! Nun, die Wärme ist angenehm und ein wenig fühlt es sich an, als steige man in die heisse Wanne. Ich widme mich jetzt also ganz bewusst meiner entspannten Intimzone. Und genau das ist der Part, dem ich durchaus etwas abgewinnen kann: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper als wohltuende Session. Auch wenn ich nach der einmaligen Anwendung nicht von nennenswerten Reaktionen meines Unterleibs berichten kann, erkenne ich an, dass Intimwellness durchaus das Körpergefühl stärken kann. Als ich mich dabei beobachte, wie ich mich im Zwiegespräch mit meiner Vulva nach deren Wohlbefinden erkundige, trockne ich mich ab. Mission erfüllt. 

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