Cyber-Mobbing wegen Akne

«Meine Haut definiert mich nicht»

Interview: Olivia Goricanec; Fotos: Anouk Schneider

Kadeeja Khan kämpft gegen Akne
Akne Bloggerin Kadeeja Khan
Beauty-Influencerin Kadeeja Khan Collage
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«Eines Tages war ich so depressiv, dass ich einen Rasierer nahm und alle meine Pickel wegrasierte»

«Ratschläge nerven. Die Mencshen tun so, als hätte ich mich noch nie mit Akne auseinandergesetzt»

Seit 2017 verzichtet Beauty-Influencerin Kadeeja Khan in ihren Beiträgen auf Photoshop. Unten: Die stark retuschierten Bilder von einst

Pizzagesicht! Wasch dich endlich! Die Britin Kadeeja Khan wird seit zehn Jahren wegen ihrer Akne beleidigt. Erst versteckte sie sich unter Make-up und hinter Fotofiltern, jetzt schlägt sie zurück.

«That acne girl», so bezeichnet sich die 22-jährige Kadeeja Khan auf ihrem Instagram-Profil «Emeraldxbeauty», wo fast 200 000 Menschen ihre Fotos und Videos täglich verfolgen. Die Britin aus Birmingham zählt zu den wenigen Bloggerinnen, die ihre Hautprobleme zum Thema machen und öffentlich zeigen.

annabelle: Kadeeja Khan, früher haben Sie Ihre Haut unter Schichten von Make-up versteckt, dann Ihre Hautprobleme aber ganz offen gezeigt. Welche Rolle spielt Make-up heute für Sie?
Kadeeja Khan: Aus der Besessenheit, alles zum Verschwinden bringen zu wollen, entwickelte sich eine Leidenschaft. Make-up sollte verwendet werden, um die natürliche Schönheit zu unterstreichen. Dein Aussehen und deine Person sollte es aber nicht verändern.

Wann fing es denn an mit Ihrer Akne?
Etwa mit elf. Die Pickel kamen aus heiterem Himmel. Anfangs reagierte ich gelassen. Ich dachte, das sei normal zu Pubertätsbeginn und sie würden bestimmt wieder verschwinden. Das taten sie aber nicht. In der Schule begann man, mich plötzlich anders zu behandeln. Meine Freunde machten sich über meine Haut lustig. Das verletzte mich tief.

Und die anderen Mitschüler?
Sie nannten mich «spotty» (fleckig), «Pizzagesicht» oder «Hautausschlag». Sie höhnten, ich solle doch endlich mein Gesicht waschen. Ich zeigte ihnen, dass mich ihr Verhalten schmerzte, doch es war ihnen völlig egal. Es ist schwierig, jeden Tag zur Schule zu gehen, wenn so mit einem umgegangen wird. Deshalb schwänzte ich oft. Ich erinnere mich, wie mein Schulschwarm plötzlich begann, mich gemein zu behandeln. Er lachte über meine Haut und meinte, ich sei kein perfektes Mädchen.

Was haben Sie gegen Ihre Akne unternommen?
Meine Eltern und ich gingen zum Arzt und ich bekam eine Crème. Doch was ich auch ausprobierte, meine Haut reagierte immer gereizter. Eines Tages war ich so depressiv, dass ich einen Rasierer nahm und alle meine Pickel wegrasierte. Ich habe das in meinen Teenagerjahren öfters gemacht und trage heute tiefe Narben davon. Die Akne und das Verhalten meiner Mitschüler liessen mich in ein emotionales Loch fallen.

Wie äusserte sich das?
Die Akne hat mich während der Jahre psychisch geschädigt. Es war für mich unmöglich, mit Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Ich konnte nicht ich selbst sein, obwohl ich das so sehr wollte. Meine Akne und das Mobbing trieben mich in die Einsamkeit. Ich war ein trauriges Mädchen, das das Gefühl hatte, keinen Platz auf dieser Welt zu haben.

Hat Ihnen Make-up geholfen, ein besseres Selbstwertgefühl zu bekommen?
Etwa mit zwölf begann ich, Make-up zu tragen. Ich wollte damals alles abdecken und trug unzählige Schichten Foundation auf. Es sah schrecklich aus, schlimmer noch als ohne Make-up. Ich wollte aber nicht mehr «that acne girl» sein. Es ist erschreckend, wie deine Haut und das Verhalten anderer dich dazu bringen können, jemand anderes sein zu wollen. Jemand, der du nicht bist.

Was ist denn aus diesen Mitschülern und dem Mobbing geworden, als Sie zur Mittelschule übergingen?
Unglücklich wie ich war, suchte ich Trost im Essen und nahm extrem zu. So wurde ich an der neuen Schule nicht nur wegen meiner Haut, sondern auch wegen meiner Figur gehänselt. Inzwischen war ich alt genug, meine Absenzen selbst zu unterzeichnen. Nach wenigen Monaten schmiss ich die Schule.

Wie reagierten Ihre Eltern?
Gar nicht. Zuhause sagte ich nichts. Ich suchte mir einen Job als Make-up-Verkäuferin in einem Warenhaus und tat abends so, als würde ich für die Schule lernen. Ich kam damit eineinhalb Jahre durch. Als sie alles herausfanden, waren sie verständlicherweise sehr wütend. Es machte sie aber auch traurig, dass ich wegen des Verhaltens anderer mein Leben einfach so hinschmiss. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und mir zu spüren gegeben, dass ich schön bin. Dass meine Haut und meine Akne mich nicht definieren. Für mich war der Schulaustritt damals aber der einzige Ausweg. Weitere Hassattacken hätte ich nicht überlebt.

Auf Ihrem Instagram-Account steht «I used to photoshop». Wie soll man das verstehen?
Früher habe ich meine Akne und meine Narben mit Photoshop wegretuschiert. Ich kreierte dieses perfekte Ich. Ende 2017 war ich es aber leid, nie mein wahres Selbst zeigen zu können. Dass ich mich von anderen Menschen derart habe kaputtmachen lassen, ärgerte mich. Ich wollte wieder selber die Kontrolle übernehmen. Und so lud ich ein Video von mir ohne Make-up hoch. Das war das Schwierigste, was ich je getan habe.

Wie waren die Reaktionen?
Ich erhielt unglaublich viele schreckliche Kommentare. Die Menschen machten sich über meine Haut lustig. Von den tausend Kommentaren waren neunzig Prozent mit Hass erfüllt.

Hatten Sie mit solchen Kommentaren gerechnet?
Überhaupt nicht. Ich fühlte mich zurück in die Schulzeit versetzt. Ich wollte das Haus nicht mehr verlassen, wollte nicht, dass mich jemand anschaut. Das Cyber-Mobbing war weit schlimmer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Die restlichen zehn Prozent der Kommentare, in denen mir Menschen für meine Offenheit dankten, halfen mir, nicht daran zu zerbrechen. Seither habe ich vielen Menschen helfen können, indem ich offen über Akne spreche. Mir war nicht bewusst, dass so viele das Gleiche durchmachen.

Weshalb erlaubt man sich, solche Gemeinheiten über Fremde zu posten?
Das Web macht es bösen und frustrierten Menschen einfach. Du kannst ein gefälschtes Konto erstellen und dich ohne Weiteres über einen Fremden auslassen. Jedermann hat eine Stimme, eine Plattform. Social Media ermöglichen uns, ein riesengrosses Publikum zu erreichen. Zum einen sind Social Media ein toller Ort, um Positives zu teilen, Menschen zusammenzubringen und Bewusstsein zu schaffen. Andererseits können dort Menschen dafür sorgen, dass du wegen ihnen untergehst. Die Balance zu finden ist eine Herausforderung.

Haben Sie es geschafft?
Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt und ich bin heute eine mutigere Person. Wenn jemand etwas Schlechtes über mich sagt, schmerzt es manchmal noch, ich weine mich deswegen aber nicht mehr in den Schlaf.

Denken Sie, diese Menschen realisieren, was ihre Kommentare anrichten?
Ich weiss es nicht. Seit ich mehrmals in den Medien auftauchte, melden sich ehemalige Mitschüler bei mir. «Lass uns einander doch mal wieder treffen.» Verrückt, nicht? Es macht mich wahnsinnig, wie Menschen vergessen können, dass sie richtige Monster waren.

Wie reagieren Sie auf die vielen unaufgeforderten Ratschläge, die Sie jeweils als Reaktion auf Ihre Videos und Bilder erhalten? 
«Du machst das und das falsch und solltest dies und das ändern», «Du solltest nichts Süsses, keine Milchprodukte essen und viel Wasser trinken», «Kein Wunder, sieht deine Haut so schlecht aus, bei dem, was du isst»; solche vermeintlichen Ratschläge nerven. Ich kenne meine Haut so gut wie kein anderer und habe alles Mögliche für die Linderung meiner Akne getan. Monatelang habe ich auf Zucker oder Milchprodukte verzichtet, kein Make-up getragen. Menschen tun so, als hätte ich mich noch nie mit der Problematik auseinandergesetzt. Diese Menschen geben dir das Gefühl, dass du an deinem Hautbild selbst schuld bist.

Das Thema Mobbing aufgrund von Äusserlichkeiten liegt Ihnen sehr stark am Herzen. Aktuell sind Sie in der neuen Kampagne gegen das Beauty Cyber Bullying der Kosmetikmarke Rimmel zu sehen. Unter anderem neben Stars wie Cara Delevingne und Rita Ora. Glauben Sie, dass eine solche Aktion etwas bringt?
Ich hoffe es ganz fest. Mein Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Thematik zu kreieren. Jährlich werden 115 Millionen Bilder wegen Beauty Cyber Bullying gelöscht. Auch ich habe früher dauernd Bilder von mir gelöscht, weil ich deren Kommentare nicht mehr aushielt.

Weshalb definieren wir uns denn so sehr über unser Aussehen?
Täglich präsentiert uns die Beauty- und Modeindustrie, wie wir auszusehen haben. Tolle Haut, dichtes Haar, schlanke Figur, grosse, schöne Augen. Wer dieser Formel nicht entspricht, fühlt sich automatisch ausgeschlossen, hässlich, dick und nicht begehrenswert. Was uns da aber vorgegaukelt wird, entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Fotos in den Medien werden stark retuschiert und optimiert. Junge Menschen blicken aber dann zu solchen Vorbildern auf und nehmen diese Art von Schönheit als die einzig wahre an. Würde mehr Realität gezeigt werden, die auch Diversität zulässt, wäre Hässlichkeit nicht definierbar.

Anfang Jahr wurden Sie von einem grossen Kosmetikkonzern von einem geplanten Shooting ausgeschlossen. Grund dafür war Ihre Akne.
Ja, und dieser Vorfall hat mir gezeigt, dass es hinsichtlich Diversität und Skin Positivity noch sehr viel zu tun gibt. Derart blossgestellt zu werden hat mich am Boden zerstört. Von Einzelpersonen auf meine Hautprobleme reduziert zu werden, ist eines. Von einem der weltweit grössten Kosmetikhersteller, den ich stets bewundert hatte, etwas anderes. Nachdem ich diese Absage öffentlich machte, waren die Reaktionen weltweit überwältigend. Ich habe sehr viel Unterstützung bekommen und versuchte, mich darauf zu konzentrieren.

Wie steht es heute zwischen Ihnen und Ihrer Haut? Haben Sie Freundschaft geschlossen?
Es ist ein ständiges Auf und Ab! Meine Akne ist, wie bei allen Frauen in meiner Familie, von den Hormonen abhängig. Je nachdem, wo ich mich in meinem Menstruationszyklus befinde, ist meine Haut mal besser oder schlechter respektive meine Beziehung zu ihr mal so, mal so. Meine oft schmerzhaften Pickel beschränken sich leider nicht nur auf mein Gesicht, sondern sind auch auf meinem Décolleté und Rücken vorhanden. Während meiner Teenagerzeit durfte ich keine starken Medikamente wie Roaccutan einnehmen, weil ich psychisch nicht stabil genug und suizidgefährdet war. Letztes Jahr haben die Ärzte dann dieser Behandlung zugestimmt. Die starken Nebenwirkungen machten mir aber enorm zu schaffen. Ich hatte extreme Stimmungsschwankungen und Angstgefühle und musste die Therapie nach zweieinhalb Monaten beenden. Obwohl es meiner Akne hätte helfen können, war ich nicht bereit, diese Nebenwirkungen auf mich zu nehmen.

Sich selber zu lieben ist essenziell. Nach der Body-Positivity-Bewegung und ihrer Rebellion gegen die gängigen Schönheitsideale feiert man momentan auf Social Media die Haut mit der sogenannten Skin-Positivity-Bewegung. Welche Haltung haben Sie gegenüber dieser Entwicklung?
Eine positive Einstellung zu seiner Haut zu haben, ist wichtig. Menschen, die sich dafür engagieren, finde ich toll. Dass sich aber vermehrt Marken damit schmücken, die sich bis anhin nie um dieses Thema geschert haben, ärgert mich. Sie tun nur so, weil es momentan ein Trend ist und alle auf den Zug aufspringen. Einen ernsthaften Anspruch auf Veränderung hegen sie dabei nicht. Es geht ihnen um ihr Image und um ihre Verkaufszahlen

Weitverbreitete Krankheit

Akne ist eine Hautkrankheit und keine Folge mangelnder Hygiene oder falscher Ernährung. Die typischen Pickel, Mitesser, Papeln und Pusteln entstehen durch die Kombination einer Verhornungsstörung im Talgdrüsenausführgang, vermehrter Talgproduktion und Entzündungen. Während die Verhornungsstörung genetisch festgelegt ist, wird die Bildung von Talg hormonell gesteuert. Wenn die Talgdrüsen vermehrt Talg produzieren und der durch die Verhornungsstörung nur schlecht an die Hautoberfläche befördern werden kann, kommt es zu einem Talgrückstau. Darin vermehren sich Bakterien, die eine entzündliche Reaktion verursachen. Akne tritt primär in Gesicht, Nacken und Décolleté auf. Je nach Form können auch Rücken, Achseln sowie Genital-, Gesäss- und Leistenregion betroffen sein. Von Akne ist die Rede, wenn es nicht bei wenigen Mitessern bleibt und wenn Pickel immer wiederkehren.

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