Hintergrund

Plastik in Kosmetik

Redaktion: Viviane Stadelmann; Foto: Getty Images

Kunststoffe in Kosmetika und Pflegeprodukten

Wie erkennen wir, ob unsere Kosmetik Plastik enthält – und was hat es dort überhaupt verloren? Sind Kunststoffe in Beautyprodukten gefährlich? Und wie sehr schaden sie der Umwelt? Zwei Experten geben Antwort.

Plastik hat zur Zeit einen schlechten Ruf. Die Verschmutzung der Gewässer, ob mit Müll, durch Textilfasern oder sonstigem Mikroplastik, ist Dauerthema. Doch welchen Teil trägt die  Beautyindustrie dazu bei? Warum verwendet man Kunststoff in der Kosmetik? Und wie erkennt man ihn? Wir haben die Experten Bernard Cloëtta, Direktor des Schweizerischen Kosmetik- und Waschmittelverbands (SKW), und Bernhard Wehrli, Professor für Aquatische Chemie der ETH Zürich (EAWAG), dazu befragt. 

Plastik ist nicht gleich Plastik

Wenn von Plastik in Kosmetika gesprochen wird, wird fälschlicherweise oft verallgemeinert. Dabei sollte zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Kunststoffen unterschieden werden: Feste Mikroplastikpartikel und lösliche Polymere (im Volksmund Flüssigplastik). Bernhard Wehrli erklärt: «Der Unterschied ist ähnlich wie der zwischen Sand und Salz. Partikel können Lebewesen stören, wenn sie zum Beispiel in die Augen gelangen. Salz ist wasserlöslich und in hohen Dosen giftig.»

Feste Mikroplastikpartikel
Mikroplastik ist ein Sammelbegriff für verschiedene feste Kunststoffe mit weniger als 5mm Durchmesser. Die Mikroplastikpartikel werden in kosmetischen Produkten zur Körper- oder Gesichtsreinigung eingesetzt, zum Beispiel wenn Peeling- oder Reinigungseffekte gewünscht sind. «Für den Konsumenten sind die Mikroplastikpartikel in kosmetischen Produkten nach den vorliegenden Erkenntnissen gesundheitlich unbedenklich. Mikroplastikpartikel sind gut erforschte und getestete Inhaltsstoffe, ihre Formulierung ist wirksam und verlässlich», so Bernard Cloëtta. «Allerdings hat sich die Verwendung von festen Mikroplastikpartikeln in besagten Kosmetika in den Jahren 2012 bis 2017 bereits um 97 Prozent verringert. Und auf Empfehlung des europäischen Verbandes der Kosmetikindustrie werden sie bis 2020 durch natürliche Partikel ersetzt.» Dieses Branchenziel gilt jedoch vorrangig für Rinse-off-Produkte, also Pflegeprodukte, die wieder abgewaschen werden. Mikroplastikpartikel in Leave-on-Produkten, wie sie in Make-up und Puder enthalten sind, werden nicht berücksichtigt, weil sie in der Regel mit Reinigungstüchern entfernt werden und so nicht im Abwasser, sondern im Müll landen. 

Lösliche Polymere (Flüssigplastik)
«Gelöste Polymere spielen beispielsweise bei Haarstyling- und Make-up-Produkten eine wichtige Rolle. So wäre ein wirksamer Hitzeschutz beim Haarstyling oder eine gute Abdeckungswirkung beim Make-up ohne diese löslichen Polymere nicht möglich», sagt Bernard Cloëtta.

Schäden für die Umwelt

Ist Mikroplastik in der Kosmetikindustrie tatsächlich ein Problem für die Umwelt? «Verglichen mit dem Plastikverbrauch in den verschiedenen Sektoren, leisten Kosmetika nur einen sehr kleinen Beitrag an den Plastiktransport vom Land ins Meer. Mikroplastik führt nur in seltenen Fällen zu negativen Auswirkungen auf Lebewesen in Gewässern. Dies hat eine kürzlich veröffentlichte Studie gezeigt», sagt Bernhard Wehrli. Dennoch findet er Regulierungen wichtig: «Beschränkungen von Mikroplastik in Kosmetika sind sinnvoll, da Mikroplastikpartikel nicht biologisch abbaubar sind. Weil Kläranlagen die Partikel nicht vollständig zurückhalten können, landet ein Teil in Fliessgewässern und schliesslich im Meer, wo sich die Plastikpartikel anreichern.» 

Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Primäres Mikroplastik sind industriell erzeugte Kunststoffpellets, wozu auch der sehr geringe Anteil Mikroplastik, der aus der Kosmetikindustrie kommt, zählt. Daneben werden die Gewässer auch durch sekundären Mikroplastik, welcher durch die Zersetzung grösserer Kunststoffteile entsteht, belastet. Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass verschiedene Lebewesen wie Säuger, Vögel, Fische, Weichtiere und Insekten bis hin zu Krebstieren Mikroplastikpartikel aufnehmen und schlucken können. Dies kann zu mechanischen Schädigungen, wie Verletzungen der Schleimhäute, des Darmtrakts oder zu Verdauungsstörungen führen. Zudem werden die indirekten Auswirkungen auf die Organismen untersucht: Da Plastik weitere Zusätze (Additive) enthält, um dem Material bestimmte Eigenschaften zu verleihen (wie zum Beispiel Weichmacher oder Flammschutzmittel) besteht die Möglichkeit, dass dies bei einer Einnahme Auswirkungen auf die Organismen haben kann. Ebenso wird untersucht, ob Umweltgifte aus den Gewässern, beispielsweise Schwermetalle, Pestizide und schwer abbaubare Schadstoffe (sogenannte POPs: persistent organic pollutants), die sich an der Oberfläche der Mikroplastikpartikel ablagern können, einen Einfluss auf Lebewesen haben. Gemäss einer Studie des Landesamt für Natur (Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen) bestehe aber noch weiterer Forschungsbedarf, um tatsächliche Aussagen über die Auswirkungen auf die Organsimen machen zu können. In vielen Laborstudien würde mit einer weitaus höheren Konzentration als den durchschnittlich gemessenen Umweltkonzentrationen geforscht. Die Frage, die sich also noch stellt: Ist Mikroplastik, wie es unter realistischen Bedingungen in der Umwelt vorkommt, ein Problem oder nicht?

Die Problematik bei löslichen Polymeren hingegen sei noch kaum erforscht, sagt Bernhard Wehrli: «Wir wissen zu wenig über die möglichen Wirkungen von löslichen Polymeren (Flüssigplastik) auf die Umwelt. Stoffe in kosmetischen Produkten sind auf Hautverträglichkeit und giftige Wirkung auf Menschen getestet. Daten über ihre Wirkung auf Fische und ihr Verhalten in Gewässern fehlen in den meisten Fällen.»

Natürliche Ersatzstoffe

Mittlerweile sind durch die Forschung nach alternativen Lösungen seitens der Hersteller sichere und geeignete Ersatzstoffe auf dem Markt verfügbar, wie beispielsweise Holz, Nussschale oder Silikate (zum Beispiel Sand). 

Kunststoffe in Kosmetika: So erkennen Sie sie

Sie möchten vollständig auf Plastik in Kosmetika und Pflegeprodukten verzichten? Dabei helfen Ihnen Apps wie Codecheck oder diese Liste weiter:

Viviane Stadelmann

Die stellvertretende Online-Leiterin liebt die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie schreibt besonders gern über die kleinen und grossen Absurditäten des Alltags, genauso wie über Mode, Literatur und Kunst.

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