Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, jeden Tag Schamhaare zu entfernen?

Aufgezeichnet: Helene Aecherli

Besarta Basha, Depiladora bei Wax in the City Zürich, erzählt ...

Als ich an meinem Schnuppertag zum ersten Mal eine Waxingkabine betrat, bin ich ehrlich erschrocken: Der Kunde war ja nackt! Ich brauchte fünf Minuten, um mich an den Anblick zu gewöhnen. Dabei half mir, dass die Depiladora, die professionelle Haarentfernerin, dem Mann ständig nur in die Augen schaute und mit ihm redete, als wären sie beim Einkaufen in der Migros. Da empfand auch ich die Situation allmählich als ganz normal. Zum Glück. Denn Nacktheit darf für unsereins keine Hemmschwelle sein.

Bevor ich Depiladora wurde, war ich Kosmetikerin und habe mich auf Nägel und Schminke konzentriert, mit Wachs hatte ich noch nie zu tun gehabt. Ein Inserat, in dem Haarentfernerinnen für ein neues Waxingstudio gesucht wurden, machte mich auf diesen Beruf aufmerksam. Ich bin neugierig geworden, wollte gern bei etwas Neuem dabei sein, fragte mich aber: Nur Waxing den ganzen Tag, wird das nicht langweilig? Und: Muss ich dafür tatsächlich zwei Wochen lang nach Berlin in die Schule?

Dort ist mir aber schnell klar geworden, wie viel Technik und Training gutes Waxing braucht: Es gilt, das warme Bienenwachs in der richtigen Konsistenz aufzutragen, nicht zu locker, aber auch nicht zu fest, nicht zu dick und auch nicht zu dünn, fast so wie ein Künstler, der mit dem Pinsel über die Leinwand fährt. Das hört sich einfacher an, als es ist, und braucht viel Übung. Ist das Wachs abgekühlt, zieht man es gegen die Haarwuchsrichtung ab. Aber mehr darf ich nicht verraten – Berufsgeheimnis.

Mein erster Kunde nach der Ausbildung war ein 26-jähriger Mann, der sich für ein Achselhöhlenwaxing angemeldet hatte. Er hatte recht viele Haare, deshalb musste ich bei jeder Achselhöhle dreimal ran. Aber er war längst ans Waxing gewöhnt und zuckte nicht mit der Wimper. Ein anderer war weniger tapfer. Er war 43 und furchtbar nervös, denn es war sein erstes Mal. Da er haarfrei in die Ferien wollte, bestand er darauf, sich gleich an Brust, Rücken, Schultern und Bauch die Haare entfernen zu lassen. Er hatte nicht nur viele, sondern auch lange Haare. Solche Fälle sind schwieriger, denn das Abziehen der Wachsschicht erfordert viel Kraft, zudem muss man schnell sein, sonst kommt jedes Haar einzeln raus. Er krallte sich mit den Händen an der Liege fest und biss die Zähne zusammen, also bat ich ihn, tief einzuatmen, und zählte innerlich auf drei – und: zack!

Die meisten Männer kommen zu uns, weil sie eine glatte Haut wollen. Oder um «aufzuräumen», wenn die Freundin es mit dem Rückenwaxing probiert hat, aber bloss die Hälfte der Haare erwischt hat. Manche werden von ihren Partnerinnen geschickt, damit sie am eigenen Leib erfahren, was Frauen beim Waxing durchmachen. Männer sind meist wehleidiger als Frauen. Mittlerweile weiss ich aber, dass das Schmerzempfinden sehr unterschiedlich und stark von der Tagesform abhängig ist. Manche Frauen etwa sind kurz vor und nach der Menstruation besonders empfindlich.

Eine Kundin hat während eines Intimwaxings ununterbrochen geweint. Ich finde es schlimm, wenn ich den Leuten wehtun muss, und fragte, ob ich nicht lieber aufhören solle. Aber sie hat darauf bestanden, dass ich weitermache. Wenig später hatte ich dafür eine Kundin, die so kitzlig war, dass sie beim Entfernen ihrer Schamhaare ständig gelacht hat. Frauen wünschen sich ein komplettes Intimwaxing noch vor einer Haarentfernung an Beinen, Oberlippen und in Achselhöhlen. Meine Kundinnen sagen mir, dass sie sich nach dem Waxing schöner und sauberer fühlen, die Haut viel weicher sei, was auch den Sex besser machen soll.

Vielleicht liegt der Boom aber auch daran, dass Eva Longoria und Demi Moore vom Brazilian Waxing geschwärmt haben. Die älteste Kundin ist siebzig. Da staune ich manchmal schon. Langweilig ist mir bisher nie geworden. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen. Dann etwa, wenn Frauen wollen, dass ich ihnen auf ihrem Venushügel einen Landing Strip oder ein kleines Dreieck stehen lasse oder gar Lippen, Blitze, Herzchen oder Playboy-Bunnys ins Schamhaar mache. Für diese Muster verwende ich Schablonen und zupfe die Härchen rundherum aus. Dies perfekt hinzubekommen, braucht viel Fingerspitzengefühl.

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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