Beauty

Egyptian Magic: Die Geschichte einer Kultcrème

Text: Frank Heer

Die Crème wird von Beauty-Insidern als Allzweckmittel gefeiert. Genauso sagenumwoben wie ihre Wirkung ist ihre Geschichte.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Restaurant. Wein wird nachgeschenkt, die Hauptspeise aufgetragen, ein Fremder tritt an Ihren Tisch und räuspert sich: «Der Heilige Geist hat mich geschickt, um Ihnen ein Geheimnis anzuvertrauen ...» Selbst wenn Sie eine gottes-fürchtige Person sein sollten, dürfte Ihnen diese Ansage seltsam vorkommen.

Nicht so Westley Howard, einem Wasserfiltervertreter aus Washington D.C., der von sich behauptet, an Wunder zu glauben und der 1986 in einem Restaurant in Chicago mit exakt diesen Worten von einem ihm unbekannten Herrn angesprochen wurde. Der Mann stellte sich mit «Dr. Imas» vor, und Howard war ganz Ohr, als ihm der Fremde erklärte, die Rezeptur für eine wundersame Hautcrème zu kennen, die schon Kleopatra benutzt haben dürfte. Ihm, Westley Howard, wolle er, Dr. Imas, sein ägyptisches Geheimnis nun vermachen, auf dass er eine Salbe lanciere, die aus keinem Spiegelschrank und Reisenécessaire mehr wegzudenken sei. Zu diesem Zeitpunkt war Howard 42 Jahre alt. Der amerikanische Traum schien ihn vergessen zu haben und er sehnte sich nach einem Wunder, das sein Leben vergolden würde.

In den folgenden Jahren besuchte Dr. Imas seinen Zögling in regelmässigen Abständen in dessen Wohnung in Washington D.C., um ihn in der Kunst der Salbenherstellung zu unterrichten. Howard vertraute seinem Meister, dem Boten des Heiligen Geistes, der nie seinen vollständigen Namen enthüllte und behauptete, dass ihm sein Wissen auf dieselbe Art und Weise zugetragen wurde, wie er es nun an ihn vermittle. Die Ingredienzen der Rezeptur – Olivenöl, Bienenhonig, Bienenwachs, Bienenpollen, Bienenharz (Propolis) und Bienenköniginnenfuttersaft (Gelée royal) – müssen in einem ausgeklügelten Verhältnis zueinander stehen, damit die Crème, so Dr. Imas, nicht nur Pflege für Gesicht und Körper sei, sondern auch als Allzweckmittel gegen Narben, Juckreiz, Ekzeme, Insektenstiche, Ver-brennungen, Schnittwunden, Hornhaut, Haarausfall, Entzündungen und aufgesprungene Lippen diene.

1991 starb der mysteriöse Dr. Imas. Es war dasselbe Jahr, in dem Westley Howard beschloss, zu einem neuen Menschen zu werden. Er gab seinen Job als Wasserfilterverkäufer auf, um sich ganz auf die Herstellung seiner Wundersalbe zu konzentrieren, die er Egyptian Magic nannte. Und um sich von seinem alten Ich zu verabschieden, legte er sich einen neuen, kaum ausprechbaren Namen zu: Lord-Pharaoh ImHotep-Amon-Ra. Natürlich stand die Namensänderung für eine biografische Metamorphose: vom Wasserfiltervertreter zum Selfmade-Pharao. Das zumindest war der Plan.

Doch das Wunder von Washington liess auf sich warten. Mr. ImHotep-AmonRa verfügte über keine Infrastruktur, kein Vertriebsnetz, keine Mittel für Werbung – und vor allem hatte er keinen einzigen Kunden. Es fehlte an allem, was aus der Idee ein lohnendes Geschäft gemacht hätte, geschweige denn eine Goldgrube. Erschwerend hinzu kam, dass die Plastikdose, in der sich die Crème befand, so hässlich und grafisch unbedarft bedruckt war, dass niemand bei Verstand auf die Idee gekommen wäre, sie aus einem Regal zu nehmen, in dem sich Dutzende von Marken reihten, die mit ähnlichen Versprechen und professionellem Design lockten. Kurz: Mr. ImHotep-AmonRa hatte sein bescheidenes Vermögen in eine Salbe investiert, die niemand kaufen wollte. Trotzdem gab es für ihn nur einen Weg aus der Misere: Egyptian Magic.

Die folgenden Jahre schlief er auf einer Yogamatte auf dem Boden seines winzigen Appartements in Washington, das auch sein Büro und seine Produktionsstätte war. Dennoch war er – wie Leute, die ihn kannten, später berichteten – stets gut angezogen und felsenfest von seinem Produkt überzeugt. Auf jede Dose liess er den Segen «peace, eternal love, perfect health, eternal wisdom and infinite blessings onto you» drucken. Den Besitzer eines lokalen Reformladens überredete er dazu, ihm wöchentlich ein paar Tiegel abzunehmen. Statt einer Provision für die verkauften Einheiten bekam er Essbares geschenkt. Die bescheidene Nachfrage reichte aus, um sich über Wasser zu halten und die Produktion von ein paar hundert Dosen jährlich aufrechtzuerhalten.

2003 geschah das Wunder:
Madonna – der Popstar, nicht die Mutter Gottes
– outete sich als Fan der Crème

Dann, 2003, geschah das Wunder: Madonna – der Popstar, nicht die Mutter Gottes – verriet dem US-Onlinemagazin «Daily Candy» in einem Interview, dass sie ohne Egyptian Magic, eine Art Wundercrème für und gegen alles, niemals das Haus verlasse. Wir werden nie erfahren, wie es die Salbe ins Badezimmer der Pop-Ikone geschafft hatte, doch die Resonanz auf den Artikel war so gewaltig, dass die Homepage von Egyptian Magic wegen Überlastung vorübergehend abstürzte. Die Nachricht über die wundersame Allzwecksalbe in der hässlichen Dose verbreitete sich wie ein Lauffeuer, auch unter den Schönen und Berühmten, darunter Gwyneth Paltrow, Gisele Bündchen, Eva Mendes, January Jones, Kate Hudson, Cameron Diaz, Brooke Shields, Juliette Lewis oder Virginia Madsen, die sich bald als Fans der Marke outeten. Während andere Kosmetikhersteller Millionen für prominente Testimonials ausgeben, bekam Lord-Pharaoh ImHotep-Amon-Ra sie alle umsonst. Er setzte auf Mundpropaganda statt auf bezahlte Werbung und verteilte seine Dosen gratis an öffentlichkeitswirksamen Anlässen. Im Jahr 2009 wurden von Egyptian Magic weltweit noch 20 000 Tiegel verkauft, 2019 waren es allein in Europa 200 000 Stück, die heute in einer kleinen Fabrik in Texas und mit unveränderter Rezeptur hergestellt werden.

Natürlich muten die Zahlen im Vergleich zu den grossen Playern im Beauty-Geschäft bescheiden an. Doch es gilt zu bedenken, dass viele erfolgreiche Familienunternehmen, die sich auf natürliche Produkte spezialisieren, früher oder später von Kosmetikgiganten geschluckt und aggressiv vermarktet werden. Tom's of Maine? Gehört längst zu Colgate-Palmolive. Kiehl’s? Seit 2010 eine Marke von L'Oréal. Burt's Bees? 2007 von Clorax für 925 Millionen Dollar aufgekauft. Egyptian Magic dagegen gehört seit 29 Jahren einem mysteriösen CEO, der sich Lord-Pharao ImHotep-AmonRa nennt und keine Anstalten macht, mehr als unbedingt nötig über seine Identität zu verraten.

 

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You only wish you could be as iconic as one of these.

Ein Beitrag geteilt von Victoria Beauty Blogger (@vixwill) am

 

 

Very instagrammable: «You only wish you could be as iconic as one of these»

 

Googelt man nach Fotos, tauchen stets die gleichen drei, vier Bilder auf, die schon einige Jahre alt sein dürften und auf einen Exzentriker schliessen lassen: Auf einem Porträt, das Susana Raab 2007 für die «New York Times» gemacht hatte, ist Mr. ImHotep-Amon-Ra, braungebrannt, in einem weissen Anzug mit rosa-farbener Krawatte auf einem Sofa zu sehen. Dazu kurze weisse Haare, eine feine Drahtbrille und Schnurrbart. Über seinem Wohlstandsbauch wölbt sich ein schwarz-grau gestreiftes Hemd. Interessant: Seine Fingernägel sind schwarz lackiert. Auf einem vermutlich jüngeren Bild ist der Schnurrbart weg, ImHotep-AmonRa trägt eine grosse, weissgerahmte Brille mit goldenen Zierelementen, dazu einen crèmefarbenen Pork-Pie-Hut. Und auf einem dritten Foto, das wie ein Paparazzi-Bild aussieht, ist Mr. Magic von Kopf bis Fuss in Rot gewandet: samtene Jogginghose, Poloshirt, Mokassins.

Mr. ImHotep-AmonRa gibt keine Interviews. Zum letzten Mal gewährte er der «New York Times» ein paar Fragen per Mail. Doch das liegt 13 Jahre zurück. Erhellende Details über das Leben des selbsternannten Pharaos erfährt man auch darin nicht, Fragen der Journalistin nach seiner Familie wies er mit dem Kommentar zurück: «Hören Sie mit diesen kindischen Fragen auf.» Als wir über den Schweizer Kosmetikvertrieb Beautysecrets eine Interviewanfrage einreichen, sind wir positiv überrascht, wie prompt die Antwort aus Amerika kommt: Yes, Lord-Pharaoh ImHotep-Amon-Ra sei bereit, unseren Wissensdurst per Mail zu stillen. Eine Woche später die Ernüchterung: Von unseren gut zwanzig Fragen sind nur wenige mit ein paar knappen Zeilen beantwortet. Er sei in einer heruntergekommenen Gegend in Washington D.C. aufgewachsen, erfahren wir immerhin, über sein altes Leben als Wasserfilterverkäufer schreibt er: «Träume haben keine Deadline.» Und die Frage, wie sich seit jenem Outing Madonnas als Fan seiner Marke sein Leben verändert habe, antwortet er: «Ich lebe den Traum.» Mr. Magic füttert den Mythos um seine Person genüsslich.

 

Bleibt die Frage, was es mit dem Zauber auf sich hat, dem Kleopatra ihre Schönheit verdankte und der angeblich in jeder Dose Egyptian Magic steckt? Nun, tatsächlich sind alle sechs Ingredienzen starke natürliche Feuchtigkeitsspender, auch wenn Forscher davon ausgehen, dass die alten Ägypter noch nicht in der Lage waren, zumindest einen auf der Dose aufgeführten Bestandteil zu gewinnen: Gelée royal. Dabei handelt es sich um ein aminosäurehaltiges Sekret aus der Futtersaftdrüse der Biene, mit welchem die Arbeiterinnen ihre Königinnen füttern. Ansonsten spielte wenigstens ein Inhaltsstoff im alten Ägypten eine wichtige Rolle bei der Körperpf lege und beim Ritus der Mumifizierung: Zur Einbalsamierung des Rückenbereichs verwendeten die Priester Bienenhonig, vermutlich wegen der ihm zugesprochenen konservierenden Eigenschaften. Insofern könnte gelten: Was der Mumie recht war, ist dem Menschen teuer. Eine Dose Egyptian Magic kostet knapp dreissig Franken – Lord-Pharaoh ImHotep-AmonRas Segen inklusive.

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