Heft 01/15

Haarengel: Der Coiffeur fürs Leben

Text: Alexandra Kruse; Illustration: Clotka

Haarengel: Der Coiffeur fürs Leben

Es dauerte viele, viele Bad Hair Days – aber dann fand Alexandra Kruse in Raphael den Coiffeur fürs Leben.

Statistisch gesehen hält die Beziehung einer Frau zu ihrem Coiffeur länger als die durchschnittliche Ehe. Was einleuchtet, wenn man bedenkt, wie lange es dauert, jemanden zu finden, dem man in Haarfragen vertrauen kann. Meinen Coiffeur Raphael zu finden, war eine Odyssee durch Zeit und Raum. Aber sie hat sich gelohnt, Raphael ist in vielerlei Hinsicht eine Trouvaille. Das letzte Mal, als ich ihn sah, stieg er, in ein schwarzes Cape gehüllt, so schwungvoll-glamourös ins Tram ein, dass es eigentlich Szenenapplaus hätte geben müssen. Abgesehen davon, dass er nicht nur heisst und aussieht wie ein Engel, ist ihm nichts Menschliches fremd. Und er besitzt eine der wichtigsten Tugenden eines Coiffeurs – er ist schonungslos ehrlich, aber auf eine so elegante Art, dass man es nicht persönlich nehmen kann. Von Stil, Humor und einem Whatsapp-Chat, in dem man die neusten Hollywoodgeheimnisse teilen und besprechen kann, mal abgesehen.

Ich habe haartechnisch bewegte Zeiten hinter mir – ich spreche nicht von der knallbunten «Regina Regenbogen»-Phase mit 15 oder dem ewigen Kampf mit einer Naturkrause: Mein wirres, borstiges bis lockiges Haar braucht tatsächlich die berühmten hundert Bürstenstriche am Tag, die mir meine Oma ans Herz legte. Wenn die ausbleiben, bildet sich eine Art undurchdringlicher Haarwald, der mir schon das eine oder andere Mal zum Verhängnis wurde. Das erste Mal im Kindergarten. Ein anderes Kind hatte darin ein Spielzeugauto so unglücklich festgefahren, dass meine blonden Locken einem selbst ernannten Kindercoiffeur zum Opfer fielen. Den mündlichen Überlieferungen meiner Mutter zufolge hat der Tag, an dem ich Federn liess – und in der Folge jahrelang für einen sehr niedlichen Buben gehalten wurde –, bei mir ein mittelschweres Männer- und Coiffeurtrauma hinterlassen. Selbstredend, dass meinen kleinen Sohn jetzt alle für ein Mädchen halten, weil ich es nicht übers Herz bringe, auch nur eine einzige Strähne seines güldenen Haars zu schneiden. Und schon gar nicht schneiden zu lassen.

Irgendwann kamen meine Schwester und ich, pubertär und guter Dinge, ausgerechnet in den Türkeiferien auf die Idee, uns beim örtlichen Barbier einen coolen Schnitt nach der Vorlage eines Modemagazins machen zu lassen. Am Ende sahen wir aus wie frisch ondulierte Schafe und fühlten uns so nachhaltig entsetzlich, dass von diesen Ferien kein einziges Bild mehr existiert. Immerhin waren wir zu zweit. Unser gutes Verhältnis sollte später allerdings auf eine harte Probe gestellt werden. Kurz nach meinem Studium kam sie auf die Idee, mich als Haarmodell für Schnitt und Farbe in einem angeblichen Wahnnnnnssinns-Salon anzumelden. Der Verbrecher hiess Roberto, stand kurz vor seiner Meisterprüfung und hatte Visionen, die direkt aus der «Vogue» kamen. In der Theorie hörten sich seine Pläne überzeugend an. Er griff unbarmherzig zur Schere und verwandelte mich in drei Stunden in Cruella De Vil aus «101 Dalmatiner». Der jetzt weissblonde Teil meines Haars entsprang einer stark verätzten, rot glühenden Kopfhaut. Der Rest kontrastierte in kreisförmig arrangiertem Pechschwarz. Ich ähnelte einer von einem Schachbrett inspirierten Zielscheibe und verbrachte die nächsten Monate inklusive meiner ersten Fashion Week unter einer Wollmütze. Der Höhepunkt meiner Leidensgeschichte sollte jedoch erst noch kommen.

Ich war im Londoner Jetset-Private-Members-Kate-Moss-feiert-hier-im-Nachthemd-Nachtclub Annabel’s eingeladen (ein Date mit einem Galeristen, der Heidi Klum sicher auch gefallen hätte). Das erforderte natürlich einiges an Vorbereitung. Das Kleid, kein Problem. Make-up, easy. Schuhsituation, geklärt. Nur – die Haare. Das Instrument, das mich laut Verpackung «easy and stressfree» in eine strahlende Schönheit verwandeln sollte, war eine elektrische Reisehaarbürste, die zu dieser besonderen Gelegenheit zum ersten Mal zum Einsatz kommen sollte. Unglücklicherweise war die Verkettung von Haar und Bürste unter der zu Hilfe genommenen Föhnhitze nach wenigen Minuten so schlimm, dass – ich traue mich kaum, es zu sagen – mein Haar und ich irreparable Schäden erlitten. Ich rief hysterisch das Housekeeping an, verlangte eine Schere, und es erschien ein tapferer Inder, der mir einen Erste-Hilfe-Pony schnitt. Er sollte der einzige Mann bleiben, den ich an diesem Abend sah. Ich trank die Minibar leer und flog verkatert wieder nach Zürich.

Aus diesem ästhetischen Fiasko – Locken und Stirnfransen sind ein Widerspruch in sich – würde ich nur mit professioneller Hilfe herausfinden, so viel stand fest. Ich brauchte nach Jahren der Abstinenz einen Coiffeur. «Glaub mir, er ist der richtige», versicherte mir eine mitfühlende Freundin, «ich rufe für dich an, dann bekommst du asap einen Termin.» Keine drei Minuten später kam ein SMS von ihr: «Dienstag um 10, Raphael – sei pünktlich!» An jenem Dienstag erfuhr ich, dass der Himmel ganz nah ist, exakt drei Tramstationen entfernt. Noch bevor ich überlegen konnte, ob ich hier richtig bin, ging ein Fenster auf, aus dem Himmel brach das Licht, und von Trommelwirbeln begleitet erschien mir Haarengel Raphael – und ist bis heute an meiner Seite.

Nach 37 Jahren auf diesem Planeten mit all seinen Versprechen für Glanz und Fülle, Volumen und den Extra-Boost, mit all den Intensiv-Reparatur-Haarpflege-Serien und Wunder-Ampullen, erster Hilfe bei strapaziertem, coloriertem oder sonstwie mühsamem Haar kann ich nur sagen: Oma hatte recht! Bürsten, waschen (nicht zu viel), bei Mond im Löwen schneiden und seine Haare auch mal loben.

Und für alle anderen Fälle gibt es Raphael und seine Haarengel-Crew.

Haben Sie Ihren Haarengel schon gefunden? Verraten Sie uns im Kommentarfeld Ihren Lieblings-Coiffeur.

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