Schönheit

Interview mit Nariko Hagiwara: International Chief Trainer von Kanebo

Text und Fotos: Niklaus Müller

Interview mit Nariko Hagiwara International Chief Trainer von Kanebo
  • Ihre Haut ist die beste Werbung: Kanebos International Chief Trainer Nariko Hagiwara

Niklaus Müller hat Nariko Hagiwara, langjährige Mitarbeiterin von Kanebo und heutige International Chief Trainer, zu einem Gespräch über japanische Beautyregeln- und Rituale getroffen.

ANNABELLE: Nariko Hagiwara, unterscheidet sich die asiatische von der europäischen Haut?
NARIKO HAGIWARA: Nicht in ihren Funktionen und ihrer Struktur. Aber es gibt Unterschiede, die einerseits mit den verschiedenen klimatischen Bedingungen zu tun haben, andererseits mit den unterschiedlichen Pflegegewohnheiten. Vor allem aber läuft der Prozess der Hautalterung unterschiedlich ab. Das hat eine Untersuchung der Kanebo-Laboratorien gezeigt. Die Haut der Asiatinnen altert kontinuierlicher als die der Europäerinnen. Zwar beginnt dieser Prozess bei beiden Typen um Mitte zwanzig. Bei uns setzt er sich dann aber langsamer fort, Schritt für Schritt. Bei europäischer Haut beginnt die sichtbare Alterung sehr plötzlich ab etwa vierzig und schreitet dann sehr viel schneller und stärker voran.
Japanische Frauen sind bekannt dafür, dass sie viel Zeit, Aufwand und Geld in ihre Hautpflegerituale stecken.
Unsere Schönheitspflegetradition kennt die Behandlung durch eine Kosmetikerin nicht, die Pflege der Haut obliegt einem selbst und wird zuhause durchgeführt. Dadurch sind im Laufe der Zeit Rituale entstanden, die wir bereits als Kind von unseren Müttern lernen und ganz selbstverständlich in unseren Tagesablauf integrieren. Und wir führen sie auch dann durch, wenn wir abends müde von der Arbeit kommen, denn mit einer sorgfältigen, regelmässigen Pflege tun wir unserer Haut und uns selbst etwas Gutes.
Wann beginnen Japanerinnen mit der Hautpflege? Früher als in Europa?
Wir entwickeln tatsächlich relativ früh ein Bewusstsein im Umgang mit unserer Haut, vor allem natürlich vor dem Hintergrund des Schönheitsideals einer feinen, porzellanähnlichen und faltenfreien Haut. Die meisten Japanerinnen beginnen schon als Teenager, ihre Haut konsequent und sorgfältig zu pflegen. Nach allen Regeln des Rituals sozusagen.
Gibt es etwas, das Sie europäischen Frauen empfehlen, aus Ihrer Pflegekultur zu übernehmen?
Das Wichtigste ist wirklich, früh zu beginnen, also nicht erst, wenn die ersten Zeichen der Hautalterung bereits sichtbar sind. Ausserdem sollte man die Haut bewusst, ohne Stress pflegen, nach festen Ritualen und zweimal am Tag.
Welches Element, welcher Schritt ist dabei besonders wichtig?
Die sogenannte Doppelreinigung und die doppelte Befeuchtung der Haut. Damit kann man der Hautalterung besonders wirksam vorbeugen.
Welche Rolle spielt Make-up im Leben der Japanerin?
Für Europäerinnen ist Make-up eine Möglichkeit, Individualität auszudrücken. Das entspricht insofern nicht unserer Mentalität, als es Japanerinnen bis heute sehr wichtig ist, innerhalb der gesellschaftlichen Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, nicht aufzufallen. Von daher ist Make-up hierzulande nicht ein Mittel zum Ausdruck der Persönlichkeit, sondern der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft.
Es scheint in der modernen japanischen Gesellschaft viele Gruppierungen und Gemeinschaften zu geben. Und alle haben sie ein anderes Schönheitsideal. Stimmt dieser Eindruck?
Da hat sich im Laufe der Zeit sicher einiges sehr verändert. Früher gab es nur eine Gruppe, die japanische Gesellschaft an sich, und es gab das eine Schönheitsideal, die Geisha mit weisser Haut und Kirschmund.
Und wie sieht dieses Schönheitsideal heute aus?
Verschieden. Je nach Gruppe eben. Oder Untergruppe. Von denen gibt es sehr viele: Manga-Girl, Shibuya-Girl, Harajuku-Girl oder Office-Girl. Und alle haben sie ihren eigenen Kodex. Wenn Sie also durch eine Stadt gehen, werden Ihnen durchaus sehr unterschiedliche Frauen begegnen, die aber jeweils alle einer Gemeinschaft angehören. Die Japaner beschreiben dieses Phänomen auch mit «Moskitonetz». Die zusammen unter einem Moskitonetz schlafen, das sind die, die einer Gruppe zugehörig sind. Und für das Zusammengehörigkeitsgefühl ist es entscheidend, dass sich alle gleich anziehen und schminken.
Haben Sie auch eine persönliche Schönheitsphilosophie?
Durchaus. Und die lässt sich auf europäische wie japanische Frauen und Männer anwenden. Denn kein Mensch will altern. Aber: Jedes Alter hat seine eigene Schönheit. Diese Schönheit zu würdigen, das sollte unser Ziel sein.

Konnichiwa Müller-san!

Unser Beautychef Niklaus Müller bereiste auf Einladung des japanischen Kosmetikkonzerns Kanebo zum ersten Mal Japan. Neben der Kunst des Kimono-Tragens und der perfekten Zubereitung von Sushi und Sashimi beeindruckten ihn vor allem die Beautyrituale der Ja-
panerinnen: «Einen Einblick in die Kultur der Schönheitspflege zu
gewinnen, war für mich ein absolutes Highlight.»

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