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Aromaöle: Die Lösung für alles?

Gesundheit

Aromaöle: Die Lösung für alles?

  • Text: Sarah Lau
  • Bild: Stocksy

Ob Eheprobleme, aufmüpfige Kids oder Migräne – ätherische Öle gelten neuerdings als Lösung für jedes Problem. Über eine Branche, die vor allem an Frauen und neuerdings auch Kindern Milliarden verdient – und oft alles andere als gesund und glücklich macht.

Hollywoodstar Miranda Kerr bekennt, ätherische Öle hätten ihr über die Trennung von Orlando Bloom hinweggeholfen. In Modemagazinen werden die hübschesten Diffusoren als It-Pieces vorgestellt. Und jede von uns hat mindestens eine Instagramfreundin, die auf Aromaöle schwört und / oder im Yogastudio den herabschauenden Hund mit ein paar Tropfen ihres Lieblingsöls garniert.

Duftwolken umnebeln nicht mehr nur Seide-Wolle-Bast-Weihnachtsmarkthütten, sondern längst auch hochglanzpolierte Lifestylebühnen. Dass die Branche rund um Marktführer wie do Terra und Young Living – beide mit Hauptsitz in Utah, USA – derzeit auf über sieben Milliarden Dollar gehandelt wird, liegt vor allem am propagierten Dauereinsatz der duftenden Tropfen, die gerade von der weiblichen Jüngerschaft oft zu lebensverändernden Heilsbringern hochstilisiert werden.

Am besten solle man in jedem Raum einen Diffusor aufstellen, schon morgens per Roll-on-Stick Öl auf Fusssohlen, Puls und Stirn auftragen und den Frühstücks-Smoothie mit ein paar Tropfen versetzen. Denn: «Es gibt für alles ein Öl», so die Botschaft von Young Living. Fläschchen mit vielversprechenden Namen wie «Console – tröstende Mischung» oder «On Guard – der Beschützer des Immunsystems», werden zur starken Schulter, an die man sich im stressigen Alltag anlehnen kann.

«Ich fühlte mich gesehen»

«Rückblickend völlig gaga, aber es gab eine Zeit, in der ich in ätherischen Ölen die lebensrettende Massnahme sah», erzählt Anna.* Die Mittvierzigerin arbeitet als Businesscoach und war selbst eine überzeugte Anhängerin der do-Terra-Gemeinde. Wie so viele Frauen, die klassischerweise in Yogakursen, religiösen Zirkeln, beim Heilpraktiker oder über Social Media erstmals mit dem Thema in Berührung kommen, wurde sie an einem Meditationsworkshop mit einer Aromaölexpertin von do Terra verkuppelt.

«Amanda* war der Überraschungsgast am Workshop und sollte uns ‹zusätzlich etwas Gutes tun›», erinnert sich Anna. Durch die offenen Gespräche in der Gruppe war es der Aromaöl-Vertreterin schnell möglich, die wunden Punkte der Teilnehmerinnen zu eruieren. «Dazu hatte Amanda einfach eine gute Intuition und ich war empfänglich für Sätze wie: Dein inneres Kind brauch Ylang Ylang. Ich fühlte mich gesehen.»

Nachdem Anna als Kundin akquiriert worden war, ging das Initiationsritual per SMS los. «Wenn ich erwähnte, etwas müde und erschöpft zu sein, kam zurück: Lemongrass – reinigt energetisch. Oder: Rosmarin – nimmt die schwere Last von deinen Schultern.» «In Tune» – eine «Fokusmischung» sollte Anna wegen ihrer konzentrationsfördernden Wirkung nehmen, um ihr Business voranzutreiben.

«Die Dauerberieselung war reiner Brainwash»

Irgendwann war Anna so weit, dass sie anfing, die Öle beruflich einzubinden. Erst als unaufgefordert Sprachnachrichten kamen, in denen Amanda versicherte, dass sie spüre, dass es ihr nicht gut gehe und dass sie ihr angebliches inneres Trauma mit Strohblumenöl für rund 120 Franken auflösen solle, kippte bei Anna die Stimmung: «Das war mir definitiv zu übergriffig.»

Rückblickend meint Anna: «Die Dauerberieselung war reiner Brainwash.» Sie gibt zwar nach wie vor Lavendelöl als Einschlafhilfe in ihren Diffusor und «Balance» mit Weihrauch zum Meditieren unter ihre Fussohlen, ist aber überzeugt, dass «niemand fünfzig verschiedene Öle braucht, um sein Leben zu meistern».

Genau diese Ankerfunktion übernehmen Aromaöle inzwischen allerdings bei vielen Menschen. Eine Auswertung der jüngsten Gesundheitsbefragung ergab, dass komplementärmedizinische Therapien und Arzneimittel in der Schweiz besonders von Frauen, Personen mittleren Alters und solchen mit höherem Bildungsabschluss in Anspruch genommen werden.

Ätherische Öle gegen typische Frauenleiden

Insbesondere die religiöse Überhöhung des Lifestyles inklusive Yoga, Superfood und Aromaöltherapie ist nicht zuletzt auf die eher weibliche Bereitschaft zurückzuführen, Ursachen von Beschwerden ganzheitlich zu hinterfragen und dort nach Lösungen zu suchen, wo Psyche und Energieflüsse berücksichtigt werden. Gerade bei typischen Frauenleiden – psychosomatisch und hormonell bedingte Krankheitsbilder wie PMS, Erschöpfungszustände, menopausale oder schilddrüsenbedingte Probleme – werden vermehrt ätherische Öle angewendet.

Dass etwa Rosmarin die Last von den Schultern nehmen soll, wie es Anna damals vorgeschlagen wurde, oder Teebaumöl eine hervorragende Grenze gegen Energie saugende Menschen sei, hält Reinhard Saller in dieser Pauschalisierung schlicht für «undifferenzierten Unfug». Der ehemalige Direktor des Instituts für Naturheilkunde an der Universität Zürich befürchtet, dass die aktuelle Krisenzeit mit Corona und Terroranschlägen den Bedarf an Orientierung und damit den Absatz vermeintlicher ätherischer Allheilmittel weiter pusht.

Und tatsächlich wächst der Markt auch hierzulande rasant. Neben traditionellen Anbietern fluten zunehmend die erwähnten US-Produkte das Land, die ausschliesslich übers Internet oder an privaten Verkaufsabenden an die Frau gebracht werden. Kirk Jowers, leitender Vizepräsident Europa von do Terra, sagt: «2012 kamen wir nach Europa, seit 2014 sind wir auch in der Schweiz. Um den ersten Platz kämpfen Deutschland, Rumänien und England. Schon an vierter Stelle kommt die Schweiz, wobei wir hier im Vorjahresvergleich um 54 Prozent gewachsen sind.

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Kinder als Zielgruppe im Fokus

Hinter der gigantischen Erfolgsstory steht auch, dass nach den Frauen die Kinder als Zielgruppe in den Fokus gerückt sind. Immer mehr Produkte sind eigens auf die Kleinen abgestimmt. Aroma-Sticks in bunten Farben, die man dank Karabinerhaken prima ans Chinsgi-Täschli hängen kann. Armbänder mit Marienkäfer- oder Bienenköpfchen, die mit einem Diffusor ausgestattet sind und je nach Bedarf «einen beruhigenden, besänftigenden oder anregenden Duft» verströmen, wie die Hersteller von Young Living versichern.

Mal ganz zu schweigen von den unzähligen Youtube-Videos, die anleiten, wie sich Kinderspielzeug (kinetischer Sand, Schleim, Badekugeln etc.) dufte versetzen lässt. Stronger. Brave. Calmer. Tamer. Das Kids-Set von do Terra hat für jede Launenhaftigkeit etwas am Start. Von erstarkten, gebändigten kleinen Intelligenzbestien träumen zumindest in den USA offenbar auch Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen – und stellen immer öfter ohne Einwilligung von Ärzten, Eltern oder Kindern Duftdiffusoren in den Klassenzimmern auf.

Doch wie kommt es, dass diese Industrie so erfolgreich und breitenwirksam Lebenswelten durchdringt und unseren Verstand teilweise regelrecht vernebelt? Weil hier Profis am Werk sind. Zwar wurde Young- Living-Gründer Gary Young mehrmals verklagt – unter anderem soll er ohne medizinische Befugnis Gallenblasen herausoperiert haben. Insgesamt aber hat man es in der Branche immer seltener mit plumpen Trickbetrügern und unseriösen Quacksalbern zu tun.

Subtile und ausgeklügelte Algorithmen

Ein solches Geschäftsgebaren haben diese Lifestyle-Firmen schlicht nicht (mehr) nötig. Smarte Manager und Marketingstrategen wissen, worauf es bei der neuen Zielgruppe ankommt. Gezielt werden sympathische Influencerinnen auf Instagram und weltoffene Yoga-Studios bemustert, die wiederum auf ihren Accounts – unbezahlt, weil überzeugt vom Produkt – Werbung für ihr duftes Leben machen und den Anbietern so als willkommene Multiplikatoren dienen.

Wen diese Fans ansprechen? Freunde, Familienmitglieder, deren Bekannte und Kunden; alles Menschen also, die dem Versprechen vertrauen, man wolle ihnen mit Aromaölen nur Gutes tun. Zudem unterschätzen Internet- und Social-Media-User nach wie vor, wie subtil und ausgeklügelt mittlerweile Algorithmen arbeiten. Wer «Aromaöl» googelt, darf sich darauf einstellen, wenig später auf Instagram mit einem Fan ätherischer Öle vernetzt zu werden.

Die persönliche Empfehlung einer Vertrauensperson senkt umgehend die Hemmschwelle, sich mit dem Thema weiter auseinanderzusetzen. Firmen wie do Terra punkten zudem mit Columbia-Absolventen, die die Qualitätssicherung übernehmen, und mit einer Charity-Organisation namens «Healing Hands Foundation», die das Image als Wohltäter zusätzlich unterstreichen sollen. Ungeachtet der tatsächlichen Wirksamkeit ihrer eigenen Aromaöle profitieren die Hersteller dieser Lifestyle- Produkte auch von klinischen Studien, die die Kraft von Heilpf lanzen immer differenzierter belegen.

Ätherische Öle bei Geburten, Blessuren und Schlafproblemen

Denn unbestritten ist: Ätherische Öle haben eine Wirkung, und die wird seit über 4000 Jahren etwa bei Geburten, Blessuren und Schlafproblemen genutzt. Die Freiburger Hautklinik etwa schwört aufgrund der schmerzlindernden und antibakteriellen Wirkung auf Salben mit Korianderöl. 2006 veröffentlichte Reinhard Saller zusammen mit einem Kollegen vom Institut für Naturheilkunde der Universität Zürich einen Artikel rund um das Thema «Thymian – Arzneipflanze des Jahres».

Darin nachzulesen sind die erstaunlichen Wirkungsfelder des Thymians; von Pilzinfektionen über Mundgeruch bis Husten. Und auch wenn das Kraut kein genereller Ersatz für eine notwendige Antibiotikatherapie ist, könne es «als Prophylaxe gegen Infektionen, kleine Verletzungen oder eine einsetzende Bronchitis» eine sinnvolle Alternative darstellen. In Zeiten der Antibiotikaresistenz ein wichtiges Thema.

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«Weihrauch hilft gut gegen Krebs, Schnitt- und Schürfwunden und seelische Probleme.»

Allison Huish

Ebenfalls bahnbrechend sind die Erkenntnisse, die Hartmut Göbel von der Universität Kiel 1996 auf einer Pressekonferenz der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft in Bonn vorstellte. In einer streng kontrollierten klinischen Studie fand er heraus, dass bei Spannungskopfschmerzen «zwischen der Wirksamkeit von einem Gramm Paracetamol und zehnprozentigem Pfefferminzöl kein Unterschied» bestand.

Veilchenduft gegen Tumore

Dass Pfefferminz gegen Kopfschmerz hilft, Rosmarin-, Eukalyptus- oder Thymianöl Bronchien erweitern und Kamillenkompressen ein blaues Auge abschwellen lassen, wussten schon unsere Grossmütter. Auf der 33. Schweizerischen Jahrestagung für Phytotherapie 2018 wurde des Weiteren dargelegt, welch gut verträgliche und wirksame Behandlungsoption lavendelölhaltige orale Phytotherapeutika bei Stress, Angst und Depression seien. Im Gegensatz zu den meisten traditionell verwendeten Medikamenten seien diese nebenwirkungsarm und von Angstpatienten gut toleriert. Dass Veilchenduft angeblich das Wachstum von Tumoren beeinflusst, wissen wir dagegen dank dem Geruchsforscher und Zellphysiologen Professor Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum.

Der Mensch riecht nämlich nicht nur über die Nase, sondern auch mit Nieren und Darm. Ja, selbst die Hoden riechen mit. Im ganzen menschlichen Gewebe seien Duftrezeptoren verteilt, über die der Körper Duftmoleküle aufnehmen kann. Prostatakrebszellen besässen Veilchenduftrezeptoren, und so könne der Veilchenduft das Wachstum entsprechender Tumore beeinflussen.

Doch hier fängt die Sache eben schnell an zu stinken: Denn daraus abzuleiten, Öle heilten Krebs, greift definitiv zu kurz. Genau das aber wird nach wie vor und wiederholt von Aromajüngerinnen behauptet. Allison Huish etwa, ihres Zeichens do-Terra-Botschafterin mit einem Team von 16 000 Mitarbeitern, schwärmte sogar auf einer ihrer Verkaufsrunden vor laufender Kamera: «Weihrauch hilft gut gegen Krebs, Schnitt- und Schürfwunden und seelische Probleme.»

Die Schattenseiten der Wellnessindustrie

Sie selbst habe als Teenager einen Hirntumor gehabt und nach einer Operation statt einer Chemo mit Weihrauch-, Nelken- und Teebaumöl den Kampf gegen Viren, Bakterien und Karzinom aufgenommen. Erfolgreich, versteht sich. Ein glücklicher Zufall, dass Streaming-Gigant Netflix Allison Huish in «(Un-)Well» begleitete; die Dokuserie beleuchtete die Schattenseiten der Wellnessindustrie und stellte dabei unter anderen auch Huish in ein sehr zweifelhaftes Licht.

Ansonsten wären ihre gefährlichen Heilsversprechen vermutlich nie öffentlich geworden, finden doch nahezu alle Verkaufsveranstaltungen auf privatem Boden statt. Do Terra reagiert inzwischen vorbildlich auf Nachfragen rund um die kritische Fernsehdoku. Nein, zu Unrecht habe man sich keineswegs angegriffen gefühlt, unverantwortlich sei nur das Auftreten jener «Wellness Advocate» gewesen, macht Kirk Jowers von do Terra klar.

«Man darf niemals behaupten, dass ätherische Öle Krankheiten heilen oder verhindern», so Jowers. «Ich habe viele Diskussionen mit Allison geführt. Ohne hier ins Detail gehen zu wollen, kann ich sagen, dass sie abgestraft wurde und ihr Verhalten gegen jeden Vertrag verstösst, den sie mit uns abgeschlossen hat.» Mittlerweile arbeiten ganze Abteilungen mit speziellen Softwareprogrammen daran, weltweit nach Ausreissern und Hashtags wie #doterracorona zu fahnden.

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Verschiedene Behörden zuständig für ätherische Öle

«Die Anzahl von Leuten, die so etwas posten, ist allerdings sehr klein. Und nahezu alle eliminieren innerhalb von 24 Stunden ihre Falschmeldungen», betont Jowers. Der Amerikaner wirkt glaubhaft engagiert, wenn er seiner Entrüstung Luft macht – wohl nicht zuletzt, weil er weiss, dass seinem Unternehmen sowohl nach amerikanischem als auch nach europäischem und Schweizer Recht sonst Ärger droht.

Nun muss man wissen, dass hierzulande verschiedene Behörden zuständig sind, wenn es um ätherische Öle geht: Spricht man von einem Raumduft, greift das Chemikaliengesetz. Dieses umgeht man gern, indem man von Duftöl spricht. Wer aufruft, Öle zu schlucken, der muss sie als Lebensmittelzusatzstoff deklarieren und gemäss den Vorgaben des Lebensmittelrechts in Verkehr bringen. Wird das Öl einmassiert, greift das Kosmetikrecht. Werden Heilsversprechen gemacht, unterliegt das Öl den Richtlinien des Heilmittelgesetzes.

Und Swissmedic als Schweizerisches Heilmittelinstitut sieht klar vor, dass durch den Hersteller angepriesene medizinische Wirkungen durch klinische Daten oder Referenzen zu wissenschaftlicher Literatur belegt werden und vor Inverkehrbringen in der Schweiz durch Swissmedic zugelassen werden müssen. «Für uns als Behörden ist es allerdings bei Vertriebssystemen, die auf den Verkauf im Internet oder im privaten Rahmen bauen, überaus schwierig, tätig zu werden», erklärt Heribert Bürgy, Leiter Sektion Marktkontrolle und Beratung beim Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Provision und Statusverbesserung für Akquisitionen

Ganz bewusst sind weder do-Terra- noch Young-Living-Produkte in Läden erhältlich. Wer ein Fläschchen kaufen will, muss sich zunächst über die Website registrieren und einen Account anlegen. Der Mitgliedsbeitrag wird bei der ersten Bestellung zum Grosshandelspreis vergütet. Mit jedem Kauf sammelt die Kundin zudem Treuepunkte, und wer einen gewissen Wert im Monat erreicht, behält seinen Status als Vorteilskunde mit vergünstigten Einkaufskonditionen.

Wer als freischaffende Verkäuferin («Sponsor») neue Kundinnen akquiriert, bekommt noch mehr Zusatzpunkte. Wer neue Verkäuferinnen akquiriert – ob über ihren persönlichen Instagram-Account, ihre eigens aufgebaute Website mit direkter Bestell-Verlinkung zum Mutterhaus oder über Info-Abende im heimischen Wohnzimmer –, wird mit einer Provision und neuem Status belohnt. Für einige wenige Spitzenverkäuferinnen ergeben sich so lukrative Verdienstmöglichkeiten von mehreren tausend Franken pro Monat.

Dass Mitglieder bei Ausstiegswunsch unter Druck gesetzt wurden oder durch unlauteren Mindestabnahmezwang in den Ruin getrieben wurden, solche Berichte sind uns, zumindest was do Terra betrifft, keine bekannt. Die Aussicht, Vergünstigungen zu verlieren, reicht oft aus, um die Geschäfte am Laufen und die Frauen bei der Stange zu halten. «Die Firmen sind ja schlau», sagt Heribert Bürgy und verweist noch einmal auf die mehr als zweifelhaften Heilmittelanpreisungen.

Heikles Anwendungsexperiment

Auch die «finden nur mündlich statt», betont der Experte vom BAG: «Kann man machen – und mal schauen, ob man erwischt wird.» Zumindest was die unlauteren Heilsversprechen von Allison Huish betrifft, so hat zumindest das Internet scheinbar noch nichts vergessen. Bis Redaktionsschluss war unter der Google-Suche «Allison Huish do Terra» nach wie vor auf den ersten Blick Folgendes zu finden: der Pinterest-Eintrag «Allison Huish besiegte ihren Gehirntumor auf natürliche Weise mit ätherischen Ölen und Nahrungsergänzungsmitteln. Sie arbeitet jetzt 1:1 mit Kunden und leitet ein do-Terra-Team, das andere mit pflanzlicher Medizin unterstützt.»

Weiter heisst es bei reddit.com: «Ätherische Öle von do Terra werden zur Behandlung von Nebenwirkungen der Krebsbehandlung eingesetzt. Weihrauch ist das beste ätherische Öl zur Behandlung von Hirntumor-Krebs. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an allisonhuish.com.» Die Frage, ob mit ihr neben den Vorzügen auch über etwaige gesundheitliche Risiken durch den Einsatz ätherischer Öle gesprochen wurde, verneint Anna. «Nie. Als ich die Netflix-Dokumentation gesehen habe, bin ich schon sehr erschrocken», meint die unterdessen geläuterte do-Terra-Jüngerin.

Die propagierte Rundumverwendung der Öle stellt nämlich die wohl grösste und nach wie vor vollkommen unterschätzte gesundheitliche Gefahr dar. Die in der Netflix-Dokumentation interviewte Aromaöl-Expertin und renommierte Chemikerin E. Joy Bowles beispielsweise betont: «Letztlich führen die Anbieter gerade das bis dato grösste Experiment in der Anwendung von ätherischen Ölen durch – und zwar weltweit.»

Konsum sogar in der Muttermilch nachweisbar

Spricht man hierzulande mit Experten, verfestigt sich dieser Eindruck. Denn niemand weiss, was die Dauerbeduftung langfristig mit Schleimhäuten und inneren Organen anstellt und wie das Gehirn auf den steten Duftstress reagiert. Immerhin sind Gerüche eng ans limbische System gekoppelt; das Hirnareal, in dem Gedächtnis und Gefühle sitzen. Dies erklärt ja letztlich auch – in positiver Hinsicht – die Wirkungskraft der unscheinbaren Tropfen.

Kaum eine Anwenderin – und eben auch nur die wenigsten Beraterinnen – dürften sich jedoch der damit einhergehenden Gefahren bewusst sein. Man muss Letzteren nicht einmal böse Absichten unterstellen, allein das Vertriebssystem von do Terra, Young Living und Co. bringt es eben mit sich, dass hier vor allem unausgebildete Aromaöl-Fans statt Fachleute am Werke sind. Daran ändern auch die sektenähnlichen Giga-Conventions und die landauf und landab angebotenen Infoworkshops wenig.

Dabei sollte jede Aromaöl-Konsumentin eigentlich wissen, dass sich gewisse Aromastoffe übers Inhalieren im peripheren und zentralen Nervensystem rasch verteilen. Übrigens auch, wenn man das Öl grosszügig auf der Haut aufträgt. Dann sei es «zwei Minuten später im Blut nachweisbar. Diese kleinen Moleküle überwinden sogar die Blut-Hirn-Schranke und gelangen ins Hirn», erklärte die Berner Apothekerin Karoline Fotinos-Graf in einem Interview mit dem «Tagesanzeiger». Sogar in der Muttermilch ist der Konsum nachweisbar.

Vergiftungsgefahr

Bereits vor über 15 Jahren veröffentlichte die deutsche Stiftung Warentest unter dem Titel «Weniger ist mehr» einen Bericht rund um Duftöle und Duftkerzen. Nach der Untersuchung von drei Dutzend Produkten stand fest, dass vor allem ätherische Öle zu neun Prozent aus Allergie auslösenden Stoffen wie beispielsweise Citral, dem Hauptbestandteil des beliebten Lemongrassöls, bestehen. Ein paar Tropfen davon in der Aromalampe und für mehrere Stunden ist die Luft im Wohnzimmer derart stark belastet, dass Experten von einem längeren Aufenthalt in diesem Zimmer abraten.

 

*Namen der Redaktion bekannt

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