Generation ohne Chance - Junge Italiener verdienen zu wenig

Text: Stefanie Rigutto
Fotos: Diana Bagnoli

Michela Pedretti (29) hat ein Studium in Soziologie abgeschlossen – heute verteilt sie Flyer auf Ibiza
Marcello Baracca (27) ist Assistenzarzt. Verdienst: 800 Euro – der Zahnarztbesuch muss warten.
Flucht der Gehirne: In Genf verdient Irene Mondino (28) als Physikerin 5000 Franken statt 600 Euro in Italien
Autor Nicolò de Rienzo (39) hat den Bestseller «Nessun problema. I segreti dei portieri dei grandi alberghi» geschrieben – und 2900 Euro verdient
Vanina Bianco (29) bekommt Lohn von zwei Jobs (Schauspielerin/Juristin) und verdient insgesamt unter 500 Euro. Andrea Zirio (26), Schauspieler, hat Psychologie studiert – zur Sicherheit
Chinese auf dem Markt Porta Palazzo: «Wir sind diejenigen, denen es wirklich schlecht geht!»
Ruben Mazzoleni (29): Spielfilmregisseur in New York statt Regieassistent in Italien
Elena Serene Guinzino (30) - Der Traum: Mode. Die Realität: Chefin einer Fischfirma.
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Michela Pedretti (29) hat ein Studium in Soziologie abgeschlossen – heute verteilt sie Flyer auf Ibiza

Marcello Baracca (27) ist Assistenzarzt. Verdienst: 800 Euro – der Zahnarztbesuch muss warten.

Flucht der Gehirne: In Genf verdient Irene Mondino (28) als Physikerin 5000 Franken statt 600 Euro in Italien

Autor Nicolò de Rienzo (39) hat den Bestseller «Nessun problema. I segreti dei portieri dei grandi alberghi» geschrieben – und 2900 Euro verdient

Vanina Bianco (29) bekommt Lohn von zwei Jobs (Schauspielerin/Juristin) und verdient insgesamt unter 500 Euro. Andrea Zirio (26), Schauspieler, hat Psychologie studiert – zur Sicherheit

Chinese auf dem Markt Porta Palazzo: «Wir sind diejenigen, denen es wirklich schlecht geht!»

Ruben Mazzoleni (29): Spielfilmregisseur in New York statt Regieassistent in Italien

Elena Serene Guinzino (30) - Der Traum: Mode. Die Realität: Chefin einer Fischfirma.

Sie teilen das Los einer ganzen Generation im Süden Europas: Ehrgeizig und top ausgebildet, verdienen diese jungen Italiener so wenig, dass es nicht zum Leben reicht. Ein Augenschein in der Wirtschaftsmetropole Turin.

Sie teilen das Los einer ganzen Generation im Süden Europas: Ehrgeizig und top ausgebildet, verdienen diese jungen Italiener so wenig, dass es nicht zum Leben reicht. Ein Augenschein in der Wirtschaftsmetropole Turin.

Einer der Stockzähne schmerzt. Vor allem, wenn er Süsses isst. Letzte Woche hätte er einen Termin beim Doktor gehabt, aber er musste absagen. Sein Konto war bereits überzogen. «Vielleicht reicht das Geld nächsten Monat», sagt Marcello Baracca. Er ist 27 Jahre alt, hat Medizin studiert und arbeitet als Assistenzarzt im Ospedale Molinette in Turin. Er verdient 800 Euro im Monat. 800 Euro.

Marcello Baracca trägt einen weissen Arztkittel, spricht bedächtig. «Wir sind die erste Generation, der es schlechter geht als den Eltern», sagt er und wirkt für sein Alter ziemlich desillusioniert. Als wir auf die Spitalterrasse treten, kramt er sein iPhone hervor. «Der einzige Luxus, den ich mir im vergangenen Jahr geleistet habe.» Er sei müde von Italien, glaube nicht, dass sich bald etwas ändern werde. Auch nicht mit der Regierung von Mario Monti? «Links oder rechts – alle sind korrupt.»

Marcello Baracca ist ein typischer Vertreter der Generazione mille euro. So nennt man die 25- bis 35-jährigen Italiener, die – wenn es hoch kommt – 1000 Euro im Monat verdienen. Dabei haben sie alles richtig gemacht: studiert, Semester im Ausland absolviert, Fremdsprachen gelernt, in den Ferien bei renommierten Firmen geschnuppert, die Uni mit guten Noten verlassen. Beste Voraussetzungen für eine Karriere? Das Einzige, womit Universitätsabsolventen in Italien rechnen können, sind lächerliche Löhne, befristete Arbeitsverträge und unbezahlte Praktika. Das Phänomen ist nicht neu: Der Bestseller «Generazione mille euro», auf den die Bezeichnung zurückgeht, stammt aus dem Jahr 2005. «Aber damals», sagt Marcello Baracca, «lag noch Optimismus in der Luft. Heute hingegen kann man keine Pläne mehr schmieden. Hochzeit, Kinder, ein Haus, eine Praxis – vergiss es.»

Bella Italia war schon schöner: Die Akademikerarbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent, von den 15- bis 29-Jährigen ist nur noch ein Drittel erwerbstätig. Zwei Drittel der 18- bis 34-jährigen Italiener wohnen bei den Eltern, in Nordeuropa ist dieser Anteil dreimal tiefer. Das tönt alles sehr dramatisch. Nur: Wer in Italien Ferien macht, erhält nicht unbedingt den Eindruck, dass die grosse Trauerstimmung ausgebrochen ist. Die Bars sind voll mit jungen Menschen, chic gekleidet, lachend, Aperol Spritz schlürfend. Wahren sie nur den Schein – fare bella figura, wie es heisst? Oder ist die Lage in Wahrheit gar nicht so schlimm, wie uns die Statistik weismachen will?

Das Italien von heute

Um mehr zu erfahren, bin ich nach Turin gereist, mit fast einer Million Einwohnern die viertgrösste Stadt Italiens. Man könnte diese Reportage auch in Griechenland machen. Oder in Spanien. Dort heissen diese Leute Mileuristas. Die Wahl fiel auf Italien: Hier nahm das Phänomen seinen Anfang, erhielt seinen Namen, wurde in Büchern und Filmen dokumentiert. Dass man in Süditalien unter der Krise leidet, kann niemanden erstaunen. Aber Turin? Die Wirtschaftsmetropole im Norden? Die Stadt war einst der Leuchtturm des Landes: Sitz des Königshauses Savoyen, 1861 die erste Hauptstadt des vereinigten Italien, prestigeträchtige Universitäten, dann kam Fiat, Industriebetriebe, Banken. Turin war ein typisches Beispiel für den prosperierenden Norden. Heute scheint Italien nicht einmal mehr hier zu funktionieren.

Am Bahnhof werde ich von Nicolò de Rienzo abgeholt. Ich hatte ihn im Vorfeld gefragt, ob er Leute kenne, die zur Generazione mille euro gehören. Seine Antwort: «Ja, mich und viele meiner Kollegen.» Nicolò de Rienzo organisiert gern Dinge. Alle nennen ihn Zio Nico, Onkel Nico, weil er jedem unter die Arme greift. Nach dem Kommunikationsstudium in Turin lebte er in New York, wo er für den Fernsehsender RAI arbeitete. Kürzlich veröffentlichte er ein Buch über die Concierges italienischer Luxushotels. Das Buch war ein Riesenerfolg. Es wurde flächendeckend rezensiert, von «La Repubblica» bis «Vanity Fair». Sein Verdienst: 2900 Euro. So viel zahlte ihm der Verlag. «Das ist das Italien von heute», sagt er, «man strengt sich an, ist erfolgreich, aber zum Leben reicht es doch nicht.» Nicolò de Rienzo ist 39 Jahre alt. Und wohnt bei den Eltern.

Zio Nico hat mir ein Interview mit einem Schauspielerpaar organisiert: Andrea Zirio und Vanina Bianco. Sie treten heute Abend im Teatro Espace auf, das sich in den Hallen befindet, wo einst die italienischen Stummfilme gedreht wurden. Wir setzen uns in den Innenhof der Anlage. Vanina Bianco ist klein und zierlich, spricht aber laut und energisch. Sie liebt den Disput, hat Jus studiert, macht tagsüber das Anwaltspraktikum, arbeitet abends als Schauspielerin. Sie ist 29 Jahre alt und verdient «weniger als 500 Euro, viel weniger». Sie sagt: «Die Jahre gehen an mir vorbei, ohne dass ich es schaffe, für meinen Lebensunterhalt aufzukommen.»

Andrea Zirio – 26 Jahre alt, Vollbart – zieht an seiner elektronischen Zigarette, der letzte Schrei in Turin seit dem Rauchverbot in den Restaurants. Eben hat sich Andrea Zirio eine kleine Rolle im Film «Venuto al mondo» mit Penélope Cruz ergattert. Er musste sogar ein paar Sätze mit der Spanierin wechseln. «Sie war arrogant», sagt er. Obwohl er auf die Schauspielerei setzt und schon in Berlin, England und Österreich aufgetreten ist, hat auch er sich abgesichert: mit einem Psychologiestudium. «In Italien musst du immer mehrere Pferde gleichzeitig satteln.»

Das grösste Problem Italiens? «Der Filz», sagt Andrea Zirio. «Wenn man nicht die richtigen Leute kennt, kommt man nirgends hin.» Die Qualität zähle nichts – es erhielten immer dieselben Schauspieler die besten Rollen. Seine Freundin Vanina Bianco gibt sich selbstkritischer: «Unser Ex-Premier hielt sich einen Harem, Profisportler beziehen Invalidenrente – Italien hat die grössten Skandale, und was passiert? Nichts. Was mache ich dagegen? Auch nichts.» Das Problem sei, dass sich die Italiener immer für die bequemste Variante entscheiden würden.

Nicolò de Rienzo holt mich mit der Vespa ab, fährt zum Café Pepino. Edoardo Cavigno, der Besitzer, schliesst gerade die Tür auf. Ich würde für einen Bericht über die 1000-Euro-Generation recherchieren, erkläre ich ihm. Er verzieht das Gesicht. «Uns Kleinunternehmern geht es viel schlechter», sagt er. Tatsächlich sorgten Selbstmorde von Ladenbesitzern jüngst für Schlagzeilen. «Die 1000-Euro-Generation hat keine Kinder, keine Verantwortung, keine Angestellten, keine Schulden. Im Notfall kehren sie einfach zu den Eltern zurück.» Ist die Generazione mille euro also bloss Weltmeister im Jammern?

Zio Nicos Handy klingelt. Ruben Mazzoleni ist dran, ein Turiner Regisseur, 29 Jahre alt. Er lebt in New York, ist aber gerade zu Besuch in seiner alten Heimat. «Du solltest ihn treffen», findet Zio Nico. Also spaziere ich zum Circolo dei Lettori, einem Lesezirkel und Café in einem alten Palast. In der Sala Lettura diskutiert eine Gruppe im Flüsterton über einen Roman, nebenan brüten Studenten vor ihren Laptops, von der Decke hängen schwere Kronleuchter. «Heute braucht es mehr Mut, in Italien zu bleiben, als im Ausland ein neues Leben aufzubauen. Ich hatte diesen Mut nicht», raunt mir Ruben Mazzoleni zu. In der Filmindustrie Italiens sah er keine Zukunft, darum ist er vor vier Jahren ausgewandert. «Sonst wäre ich bis zur Pensionierung Regieassistent geblieben.»

In New York absolvierte er ein Master; nun hat er – nach einem preisgekrönten Kurzfilm – seinen ersten Spielfilm gedreht. Er sagt: «Auch in den USA spürt man die Krise, aber es herrscht eine grosse Lust, die Krise zu bekämpfen.» In Italien dagegen spüre er nur die Opferhaltung. Wie müsste sich Italien denn ändern, damit er zurückkehren würde? «Das Gemeinschaftsgefühl muss reaktiviert werden.» Italien sei «il paese dei furbi», das Land der Schlauen. Man sei stolz, wenn man keine Steuern zahle. «Gerissener Typ», sagen alle. Ruben Mazzoleni enerviert sich: «Nein, er ist nicht schlau – er ist dumm! Er schadet dem Land und letztlich sich selber.»

Haut ab aus Italien!

Ich gehe zum Markt Porta Palazzo, wo man frischen Fisch, BHs und Kochtöpfe kauft, und spreche den mürrischen Chinesen vom Kleiderstand an. «Generazione mille euro? Ma vaffanculo», ruft er aus. Das seien doch jene, die zuhause bei der Mutter sitzen und heulen. «Wir sind diejenigen, denen es wirklich schlecht geht!» Die Gemüseverkäuferin, eine der wenigen Italienerinnen, die zwischen den Chinesen und Marokkanern geblieben ist, sagt: «Mein Tipp an alle: Haut ab aus Italien! Hier gibt es nichts.»

Das tun tatsächlich viele. Irene Mondino, die Freundin einer Freundin von Nicolò de Rienzo, ist nach Genf ausgewandert. Derzeit ist sie in Turin, weil sie sich bei einem Velounfall den Arm gebrochen hat und nun von ihrer Mutter gepflegt wird. Irene Mondino hat ihre schwarzen Haare zu einem dicken Zopf geflochten, die grosse Hornbrille verdeckt das blaue Auge. Wir haben uns in der Bar La Drogheria auf der Piazza Vittorio verabredet. Hinter Turins Hauptplatz erhebt sich die Mole Antonelliana, Wahrzeichen der Stadt und höchstes Gebäude Italiens.

Die Bar La Drogheria ist beliebt bei der 1000-Euro-Generation: Abends gibts Apricena, ein grosses Aperitifbuffet. Für ein paar Euro schlägt man sich den Bauch voll. «In ein richtiges Restaurant zu gehen, ist für meine Generation nicht mehr erschwinglich», sagt Irene Mondino. Sie hat Physik studiert am Politecnico in Turin, so etwas wie die ETH Italiens. Nach dem Studium arbeitete sie bei Accenture, dem weltweit grössten Beratungsunternehmen: 600 Euro im Monat. «Es ist nicht so, dass mir die Arbeit nicht gefallen hätte – aber ein eigenständiges Leben war so nicht möglich.» Sie nahm an einem Wettbewerb teil und gewann ein Praktikum am Cern in Genf, wo man ihr nach einem Jahr eine feste Stelle anbot. Heute verdient sie netto 5000 Franken.

So viele gut ausgebildete Italiener suchen ihr Glück im Ausland, dass auch dieses Phänomen einen Namen hat: fuga di cervelli, Flucht der Gehirne. «Ein unglaublicher Schaden für das Land», konstatiert Marina Cassi, Redaktorin der Zeitung «La Stampa» in Turin. «Italien investiert in die Ausbildung der Jugend, doch danach lässt man die Besten ins Ausland ziehen.» Und die Politik unternehme fast nichts dagegen. Zwar gebe es Bemühungen, so Marina Cassi, die Ausgewanderten zurückzuholen. «Aber die Löhne, die man ihnen anbietet, sind so tief, dass keiner kommt.» Wie sieht die Journalistin die Zukunft der 1000-Euro-Generation? «Mit vierzig sind diese Leute frustriert, kinderlos, depressiv. Und als Rentner werden sie eine so tiefe Pension beziehen, dass sie davon nicht leben können.»

Düstere Prognosen, Mamma mia. Mehr Optimismus findet man auch am Politecnico nicht, wo ich in der Vorlesungspause die Studenten frage, was sie von der Zukunft erwarten. «Niente», antworten acht von zehn. Wer nicht die nötigen Kontakte hat, muss sich neu erfinden, sobald er das Uni-Diplom in den Händen hält. «Ich kenne zwei Leute, die genau das machen, was sie sich erträumt haben», sagt Elena Serena Guinzio. Für das Interview mit ihr bin ich raus aus der Stadt gefahren, in eine Industriezone. Elena Serena Guinzio importiert tropische Fische. In der Lagerhalle rattert die Lüftung, es ist feucht und riecht nach Algen.

Dabei wollte sie in der Mode arbeiten! Elena Serena Guinzio läuft zackigen Schritts durch das Lager. Dreissig Jahre alt ist sie und führt das kleine Unternehmen mit sieben Personen. Sie hat Modemarketing studiert, Stages gemacht in Florenz und in London bei Vivienne Westwood. Sie realisierte bald: «In Italien in einer Firma Karriere zu machen, ist für eine junge Frau unmöglich.» Ihr Vater hatte etwas Geld auf die Seite gelegt und in eine Fischfirma investiert – er liebte Aquarien. Er suchte einen Chef. «Ich hatte die Wahl: Entweder kämpfen, wenig verdienen, frustriert sein. Oder einen guten Lohn haben und mir den Job schönreden.» Fische hätten sie zwar nie gross interessiert, aber heute stehe sie besser da als die meisten ihrer Kollegen.

Was wir brauchen ist eine Revolution

Das Problem der 1000-Euro-Generation ist nicht die Krise allein. Sie hat es nur verschärft. Das Problem liegt auch am System: Der Kündigungsschutz bei einem unbefristeten Arbeitsvertrag ist sehr rigide. In Zeiten der Rezession werden daher nur noch Temporärverträge geschlossen. Michela Pedretti kennt sich aus mit solchen Arbeitsbedingungen: «Wenn ich krank war, gabs keinen Lohn. Wenn ich in die Ferien fuhr, auch nicht», sagt sie. Ich treffe sie vor der philosophischen Fakultät im Zentrum Turins, wo sie Soziologie studiert hat. Am Gebäude hängen Plakate: «Genug mit dem Neoliberalismus!» – «Unser Leben ist jetzt!» Michela Pedretti ist 29 Jahre alt und ziemlich stark geschminkt. Die Nägel sind lachsfarben lackiert, passend zur Bluse. Bei der Web-Agentur, wo sie als Social-Media-Managerin arbeitete, erhielt sie 400 Euro. «Ein Hohn!», sagt sie.

Seit zwei Jahren verbringt sie den Sommer auf Ibiza, wo sie – die studierte Soziologin – Partytickets verkauft, Feste organisiert, Flyer verteilt. Während dieser Zeit verdient sie so viel, dass es für den Rest des Jahres reicht. Versöhnlich stimmt sie das nicht: «Italien geht vor die Hunde», sagt sie und erzählt, wie sie in Turin unglücklich stürzte und sich am Kopf verletzte. Ihre Kollegen riefen die Ambulanz an – niemand nahm das Telefon ab. Zwei Carabinieri, die zufällig vorbeifuhren, schauten sich ihre blutende Wunde an und meinten: «Wir sind nicht zuständig.» Michela Pedretti schüttelt angewidert den Kopf. «Wir brauchen einen Neuanfang – nein, halt, was wir brauchen, ist eine Revolution!»

Am letzten Abend treffe ich Zio Nico wieder. Er will wissen, was meine Interviewpartner über Italien gesagt haben. Zehn top ausgebildete Italiener um die dreissig haben mir ihre Geschichte erzählt, ihren Frust beschrieben, über ihr Land gelästert. Für sie ist Belpaese nur noch ein bedeutungsloses Schlagwort vergangener Tage. Später fährt mich Zio Nico mit dem geliehenen Auto seines Cousins zum Bahnhof. Er wirkt nachdenklich. Vor dem Abschied sagt er: «Weisst du, das Problem der 1000-Euro-Generation ist nicht, dass sie Hunger leidet oder auf der Strasse schlafen muss.» Das Problem sei, dass sie keine Gelegenheit habe, ein selbstständiges, erwachsenes Leben zu führen. «Ein Leben, wie es für euch Schweizer selbstverständlich ist.»

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