Meinung

Glosse zum Thema PMS: Mens ärgere dich nicht!

Text: Sven Broder
Illustration: Clotka

Es sind nicht die Tage, die nerven. Sondern die Tage davor. Wie unser Autor gelernt hat, mit dem Mysterium PMS seiner Partnerin umzugehen.

Es sind nicht die Tage, die nerven. Sondern die Tage davor. Wie unser Autor gelernt hat, mit dem Mysterium PMS seiner Partnerin umzugehen.

Das Ei kommt, das Ei geht. Und irgendwann dazwischen steht ein P in meiner Agenda. Dann spannt meiner Frau die Brust, lähmt sie eine unerfindliche Müdigkeit, legt sich aus vermeintlich heiterem Himmel eine bleierne Tristesse auf ihr Gemüt. Oder die pure Wut. Ja, manchmal auch eine Euphorie, die genauso verblüffte – stünde da eben nicht dieses P in meiner Agenda, das mich davor bewahrt – Gott behüte! –, sie zu fragen: «Könnte es sein, dass du deine Mens kriegst?»

Meine Frau will nichts hören davon. Schon gar nicht von mir, von einem Mann. Ihrem Mann. Hat ja keine Ahnung, der! Sie schnaubt nämlich nicht, weil ihr die Brüste wehtun. Oder weil sie sich dick fühlt. Aufgeschwemmt. Durch und durch gereizt. Also im Grunde schon auch. Aber an der Oberfläche schwappt sie emotional über, weil ich, ihr Mann, doch tatsächlich so ignorant war, so unaufmerksam, so … unsensibel, so … so …: «Wo sind schon wieder die verfluchten Hausschlüssel!»
 

PMS – Pah!

Für die Frau im prämenstruellen Fieber gibt es keine objektive Wahrheit, nur das subjektive Empfinden. Und das gilt — was unsereinen wirklich nachdenklich stimmt —zuweilen sogar für eine Frau, die sich von Berufs wegen um die objektive Wahrheit vor der Periode bemüht: Beate Ditzen (36) ist Psychologin und erforscht seit Jahren das prämenstruelle Syndrom (PMS) im Dienst der Universität Zürich. Je nach Studie klagen bis zu 80 Prozent aller Frauen im fruchtbaren Alter über PMS-Beschwerden, sagt sie. Sicher aber jede zweite. Sie selber gehört dazu. «Definitiv.» Und wie bei den meisten bleibt es bei Beate Ditzen nicht beim fettigeren Haar. Sie ist gereizter. Empfindlicher. Schneller an der Decke. Doch wagt ihr Mann, so vorsichtig er es auch formuliert, zu fragen, ob ihre Laune allenfalls in irgendeinem Zusammenhang mit ihrer Periode stehen könnte, dann ist auch sie «jedes Mal zu Tode beleidigt». Lerneffekt? «Null!» Eine Medizin dagegen? «Leider nein.»

Beate Ditzen kennt an die hundert Symptome, unter denen Frauen in unterschiedlicher Kombination und Stärke leiden – körperliche und psychische, von Übelkeit und Durchfall bis zur depressiven Verstimmung. Ich gebe zu, nicht alle davon zu kennen. Aber die, die ich kenne, tun im Endeffekt auch mir weh. Sei es nur, weil ich dann, einfach so, zur Nervensäge mutiere. Behauptet jedenfalls meine Frau. Und das ist … einfach nicht fair! Aber als Mann dürfe ich das ja alles nicht sagen, sage ich. Beate Ditzen nickt. Das tut schon einmal gut.
 

Ich sitze der Psychologin an einem kleinen Tisch gegenüber in einem Café bei ihr um die Ecke. Sie hatte sich einen Tee bestellt. Weil ich gerade in Laune war, wollte ich ihr einen Aufguss des Mönchspfeffers offerieren – Frauen mit Menstruationsbeschwerden schwören auf das Kraut. Es sei denn, Mann tische es auf, als vermeintlich nette Geste zum Sonntagsbrunch. Ich habs ausprobiert: Selbst so ein Tee gerät Frau zur falschen Zeit in den falschen Hals: «Was willst du mir damit sagen?», fragte sie, und ich sagte nur: «Ähm …», weil ich sofort realisierte: Der Mist ist geführt. Schon wieder.
 

Mönchspfeffer gegen PMS

Ich hätte gern gesehen, ob Beate Ditzen allenfalls auch allergisch auf Mönchspfeffer reagiert an diesem Morgen im Café. Aber da hatte sie in einem Nebensatz bereits erwähnt: «Sie können beruhigt sein, ich bin momentan nicht prämenstruell.» Kleiner Einschub: Der Mönchspfeffer heisst nicht wegen seiner angeblich heilsamen Wirkung bei PMS so. Sondern weil er andersweitig besänftigt, nämlich «den Drang zum Beischlaf». Daher auch sein wissenschaftlicher Name Agnus castus: züchtiges Lamm.

Na ja, Beate Ditzen weiss jedenfalls nichts über die Wirkungsweise des Mönchspfeffers. Das liegt daran, dass die Wissenschaft grundsätzlich kaum etwas weiss über PMS. Jedenfalls nichts, was sich meiner Frau heimlich ins Essen mischen liesse. Seit Jahren vermutet man, die zyklusabhängigen Beschwerden stünden in einem Zusammenhang mit den Hormonen Östrogen und Progesteron – gerade der Progesteronwert ist in der zweiten Zyklushälfte stark erhöht. Alle Studien zu eindeutigen Zusammenhängen mit diesen beiden Hormonen blieben jedoch ohne nennenswerte Resultate.

Der Körper ächzt, die Seele weint, doch was den beiden wirklich fehlt, ist bis heute ein Mysterium. Absurderweise beklagen nämlich auch Frauen, die die Pille nehmen, PMS-Symptome, wie ich weiss. Dabei sind diese Frauen hormonell praktisch nivel- liert, haben also eigentlich gar keinen Zyklus mehr. «Ulkig» nennt das Beate Ditzen. Ich finde das weniger lustig. Irgendwas Körperliches muss es sein, bitte! Ich habe einmal die Unverfrorenheit bessessen, das Ganze für antrainiert, eingebildet, ja, sicher psychosomatisch zu halten, und habe ihr dies just zur explosiven Zeit unter ihre hypersensible Nase gehalten: «Musst nicht so zickig tun, entspann dich, ist alles nur eingebildet …» Peng!

Aber eben: In der Regel würde meine Frau auch eine biologische Erklärung nicht besänftigen. Es ist diese Ambivalenz, die auch für Menschen mit affektiven Störungen so typisch ist, für Manische und Depressive, aber eben auch für Patientinnen mit PMS oder der schweren Form PMDD, Premenstrual Dysphoric Disorder. Für die Betroffene ist das Elend so beelendend, just weil sie sich scheinbar unbegründet so elend fühlt. Da müsste es sie einerseits erleichtern zu sagen: Ich kann nichts dafür, schuld sind die Hormone. Andererseits aber ist eben alles, was sich zeigt an Symptomen, total real. Die Gründe, weshalb sie sich schlecht fühlt, sind total stichhaltig: Sie hats ja auch schwer. Genau! Und ich habe auch wieder, wie immer, dieses Bündel Papier im Gang ignoriert, dabei hat sie mir doch hundert Mal gesagt, es sei Altpapiersammlung. «Muss ich mich immer um alles kümmern?» Die Paartherapie würde vielleicht raten: «Zeigen Sie als Mann Verständnis, und signalisieren Sie das auch.»

Die Paartherapie aber schweigt. Ich habe keinen Ratgeber gefunden, der PMS in der Partnerschaft zum Thema macht. Uninteressant, fand auch Jürg Willi, ein ausgewiesener Meister der Psychologie der Paarbeziehung. Meine zweimalige Anfrage ignorierte er. Als ich telefonisch nachhakte, meinte er: keine Zeit. Er könne sich nicht zu allem äussern. Er meinte wohl: zu jedem Schwachsinn. Doch ist es das, wenn Abertausende von Frauen unter einem Wust von Symptomen leiden, unter denen auch wir Männer leiden, und die Kinder, und das Glück, und die Beziehung? Chronisch, alle 28 Tage? Nicht weil ihre Haut dann unreiner ist, ihr Haar fettiger, der Bauchumfang grösser. Geflüstert, aber ehrlich: Das fällt uns gar nicht auf. Sondern weil bei ihr das eine kombiniert mit dem an- deren auf die Laune schlägt. Und in einer Zweierkiste ist nun mal wenig Platz für dicke Luft.

Doch das alles war einmal. Das war, als dieses P eben noch nicht in meiner Agenda stand. Als ich zwar das Datum der Grünabfuhr kannte. Die Anspielzeiten der Champions League. Nicht aber den Zyklus meiner Frau. Und so wurde ich jedes Mal überrumpelt von der emotionalen Achterbahnfahrt der mensgeplagten Ehefrau. Ich verstand sie nicht. Konnte die Symptome nicht einordnen. Fühlte mich unfair behandelt. Litt und stritt, war danach tagelang beleidigt. Oder sie. Oft beide.
 

Das P in meiner Agenda

Heute steht zur heiklen Zeit eben dieses P in meiner Agenda, das mich daran erinnert: «Audi, vide, tace, si vis vivere in pace.» Höre, verstehe und schweige, wenn du in Frieden leben willst.

Schweigen ist wichtig. «Vermutlich haben Männer in der Tat keine andere Wahl», sagt Beate Ditzen. Ganz wohl ist ihr aber nicht dabei. «Denn das kratzt schon ein wenig an meinem Selbstverständnis als Frau.» Doch wie die prämenstruelle Frau keine Erklärung hören möchte, will sie eben auch kein Verständnis, jedenfalls kein explizites: Ich weiss, du kriegst die Mens. Das ist so fies und tut mir so leid. «Nein», sagt Beate Ditzen, «Verständnis zeigen mag in der Theorie toll klingen, aber in der Praxis käme ich mir als Frau behandelt vor wie ein Kind – und das würde mich nur noch aggressiver machen.» Sie sagt es – und lacht.

Es ist ein Lachen, das man kennt, aber als Mann gewöhnlich erst im Nachhinein zu hören bekommt. Denn so abrupt die Stimmung kippt, so abrupt renkt sich alles wieder ein, sobald sie da sind, die Tage. «Hihi», sagt sie dann, «ich war wohl wieder ein bisschen stinkig, gell?»

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