Ist Allah eine Frau?

Interview: Helen Aecherli

Jasmin El-Sonbati wohnt in der Schweiz und ist Muslimin. In ihrem Buch «Moscheen ohne Minarett» ruft sie zur Reform des Islam auf.

annabelle: Sie stellen in Ihrem Buch die Frage: Ist Allah eine Frau? Ziemlich rebellisch.
Jasmin El-Sonbati: Ja, ich weiss. Aber warum soll man nicht darüber diskutieren können? Der Gottesbegriff im Islam leitet sich von verschiedenen Göttern und Göttinnen ab. Also könnte es doch denkbar sein, dass Allah eine weibliche Gottheit ist.

Und passend dazu beschneiden Sie die Gotteshäuser. Ihr Buch heisst «Moscheen ohne Minarett». Wunsch oder Provokation?
Weder noch. Der Titel reflektiert den Ist-Zustand der politischen Diskussion: Das Minarett ist als Symbol einer Moschee auch ihr Sprachrohr gegen aussen. Fehlt es, wird die Institution in Frage gestellt. Das war auch die Idee der Anti-Minarett-Initiative. Die Initiative hat mich angeregt zu fragen: Was habe ich als Muslimin für eine Identität? Wie hat sich mein Islambild im Lauf meines Lebens in der Schweiz entwickelt?

Als Jugendliche wollten Sie eine fromme Muslimin sein, obwohl Ihre Eltern einen moderaten Islam vorgelebt haben. Was hat Sie davon abgebracht?
Es behagte mir nicht, dass Männer und Frauen in getrennten Sphären leben, vor allem: dass die muslimische Gemeinde starr an religiösen Ritualen festhält, nichts hinterfragt, sondern sich nur in salbungsvollen Predigten ergeht. Zudem störte mich, dass ich als Muslimin keinen Christen heiraten darf und im Gegensatz zu meinem Bruder nur die Hälfte des elterlichen Erbes bekommen sollte. Heute habe ich mich von all diesen Vorgaben verabschiedet. Ein mutiger Schritt. Es ist die Bilanz meines bisherigen Wegs: Ich habe gelernt, meinen Verstand zu gebrauchen und mein Leben selbst zu bestimmen. Ich schäme mich nicht mehr dafür, dass ich keine Kinder habe und nicht verheiratet bin.

Sie kritisieren die Alltagsregeln, die der Koran vorschreibt. Auch das ist gewagt.

Sehen Sie, die Regeln, etwa das fünfmalige Beten pro Tag, werden überbewertet. Alles dreht sich nur noch um die Frage: Was ist gottgefällig? Sogar die Haarentfernung im Kosmetiksalon wird zum Thema. Diese Fokussierung raubt dem Individuum jegliche Entscheidungsfähigkeit und erstickt das spirituelle Leben ebenso wie eine der Kernbotschaften des Islam: die Fürsorge für die Armen. In Ägypten etwa leben vierzig Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze. Wie ist das in einem islamischen Staat möglich? Eine unglaubliche Diskrepanz.

Frauen sind diesen Alltagsregeln noch stärker unterworfen als Männer.
Richtig. Muslimische Frauen werden als Schutzbefohlene sozialisiert. Deshalb müssen gerade Frauen dieses Regelwerk hinterfragen. Religion soll das Leben erleichtern, nicht zur Bürde machen. Gott ist kein Sittenwächter, sondern eine Richtschnur dafür, wie ich als Individuum in der Gemeinschaft Gutes tun kann.

Was halten Sie von einem Niqâb- oder Burka-Verbot in der Schweiz?
Wichtig ist, dass wir keinen Religionsstreit führen, sondern uns auf unsere gesellschaftlichen Werte besinnen: Jedes Individuum hat das Recht, sich so zu entfalten oder verhüllen, wie es will, solange es die Sicherheit der Gemeinschaft nicht stört. Das heisst: Dort, wo die Identität gefordert ist, sei es am Bankschalter, in der Schule oder bei der Billettkontrolle im Zug, soll der Gesichtsschleier verboten sein. Aber beim Picknick ist es egal, ob sich eine Frau verhüllt.

Jasmin El-Sonbati (49) ist Gymnasiallehrerin und Mitbegründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Sie lebt in Basel.

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