Matteo Thun

Matteo Thun - Il maestro

Matteo Thun - Il maestro

Matteo Thun steht in der Presidential Suite des von ihm entworfenen Radisson Blu Airport Hotel in Kloten, tastet mit dem Blick über Armaturen und Oberflächen, verrückt im Geist die Badewanne von Philippe Starck, George Nelsons Coconut-Stühle und die Castiglioni-Lampe. Er rührt nichts an, nimmt nur zur Kenntnis, schweigt andachtsvoll.

Matteo Thun steht in der Presidential Suite des von ihm entworfenen Radisson Blu Airport Hotel in Kloten, tastet mit dem Blick über Armaturen und Oberflächen, verrückt im Geist die Badewanne von Philippe Starck, George Nelsons Coconut-Stühle und die Castiglioni-Lampe. Er rührt nichts an, nimmt nur zur Kenntnis, schweigt andachtsvoll.

Matteo Thun betrachtet die Dinge pragmatisch. Auf die Frage, ob er mit dem Resultat zufrieden sei, hebt er die Schultern, wiegt den Kopf: «Als Architekt ist man nie zufrieden. Es gibt immer Details, die nicht stimmen. Aber es ist irrelevant, hier über Fehler zu sprechen, die der normale Kunde nicht sieht.»

Natürlich könnte das auch als Arroganz gedeutet werden. Denn Matteo Thun (57) wirkt nicht wie ein Mann, der verstanden werden will, sondern wie einer, der davon ausgeht, dass er verstanden werden muss. Weshalb sich der italienische Architekt und Designer nicht dazu berufen fühlt, die Welt zu verschönern, sondern sie zu verbessern. Je komplizierter der Auftrag, umso reizvoller die Umsetzung: Ein Messer für Zwilling, das man niemals schleifen muss. Eine Tasse für Illy, bei der die Temperatur des Espresso nicht unter 85 Grad fällt. Schall schluckende Raumobjekte. Eine Uhr, die in der Herstellung 12 Franken kostet und jahrelang hält. Und natürlich ökologisch korrekte Hotels, ein preisgekröntes Fertighaus und jede Menge nützliche Dinge, die einfach nur glücklich machen sollen: Brotkörbe, Leuchten, Duschköpfe, Toiletten, Lavabos, Vasen, Bürostühle, Teppiche, Brillen.

Aktuellster Beitrag für eine lebenswertere Welt: ein Hotel, das direkt in den Zürcher Flughafen integriert ist. Ideal für zeitknappe Geschäftsreisende und Transitpassagiere, die zwischen Landebahn, Industriegebiet und Schnellstrassen in einem einladenden Ambiente übernachten wollen. Was Matteo Thun masslos ärgert: der 16 Meter hohe Wine Tower in der Hotellobby. Wer ein Glas Rotwein bestellt, kann dabei zusehen, wie akrobatisch begabte Damen im Engelskostüm an einem Seil befestigt den Turm hinaufschweben und die gewünschte Flasche aus dem Regal fischen. «Only in Las Vegas, London and Zurich», freut sich die Radisson-Gruppe. «Damit habe ich nichts zu tun», stellt Matteo Thun klar.

Der Maestro spricht langsam und mit Bedacht. Hochdeutsch. Kein falsches Wort, kein schiefes Bild. Jeder Satz sitzt wie die Glencheck-Hose und der massgeschneiderte Doppelreiher. Disziplin in Reinkultur. Fragt man ihn nach seinem Beruf, antwortet Matteo Thun lakonisch: «Unternehmer.» Neben Architekt und Designer könnte man hinzufügen: Erfinder, Ideenlieferant, Philosoph, Künstler, Ökonom, Ökologe, Manager, Dandy, Ehemann, Vater von zwei Kindern. Sein Curriculum Vitae liest sich so, wie es sich für einen Mann gehört, der für Marken der Grössenordnung von Alessi, Campari, Swatch, Illy, Rosenthal oder Vorwerk gearbeitet hat: Schüler von Oskar Kokoschka an der Akademie in Salzburg, Studium der Architektur an der Universität Florenz, Mitbegründer der Designergruppe Memphis, die in den Achtzigerjahren «allen Industrien der Welt den Kampf angesagt hat, um gegen die Verflachung und Lustlosigkeit des Designs zu protestieren», später Hochschulprofessor für Design in Wien («die ineffizienteste Zeit meines Lebens») und Creative Director von Swatch. In seinem Mailänder Büro für Architektur, Design und Kommunikation beschäftigt Matteo Thun eine Grossfamilie von mehr als fünfzig Angestellten.

annabelle: Matteo Thun, eines Ihrer Anliegen beim Radisson Hotel im Flughafen Zürich war, dem Reisenden zu vermitteln, wo er sich befindet. Nämlich in der Schweiz. Was ist für Sie als Italiener typisch für die Schweiz?
Matteo Thun: Bei solchen Projekten ist nicht meine Sichtweise als Italiener entscheidend, sondern ich versetze mich in die Rolle des Geschäftsmanns aus Tokio oder Dubai, der seine Bank in Zürich besucht. Das Erste, was man als typisch schweizerisch empfindet, sind natürlich die Berge. Doch das Alphornidyll werden Sie in diesem Haus nicht vorfinden. Trotzdem muss ich ehrlicherweise gestehen, dass ich im Flughafenshuttle zwischen Terminal A und B grosse Freude am Kuhglockengebimmel und am Heidi an der Wand habe.

Das ist natürlich ironisch überspitzte Folklore.
Schon, aber mir als Südtiroler liegt die Bergwelt nahe. Ausserdem lassen die Vielfalt und die Komplexität, die ein Gebirgsstaat im Unterschied zum Flachland hat, ein ganz anderes Verständnis für Dreidimensionalität zu.

Wobei mit Rem Koolhaas ein Niederländer Massstäbe in der Architektur gesetzt hat...
Das stimmt. Rem Koolhaas ist ein Flachländer und trotzdem eines der wenigen echten Genies im Starsystem der Architektur.

Zurück zum «Radisson», das in den Zürcher Flughafen integriert ist. Was hat Sie gereizt, für ein Hotel an einem Unort, wie Sie es nennen, die Innenarchitektur zu entwerfen?
Das vom Zürcher Atelier WWW entworfene Gebäude. Dieses kommt in seiner Würfelform meiner Philosophie von Zero-Design sehr nahe: alles wegzulassen, was man weglassen kann, auch das Ego des Architekten.

Anonyme Architektur?
Die Auflösung des Starsystems. Es gibt heute vielleicht noch ein Dutzend Superstars in der Architektur. Sie sind grösstenteils über siebzig und mit ihren kostenträchtigen Projektideen Auslaufmodelle. Zur neuen Generation gehören Teamplayer, die gleichberechtigt zusammenarbeiten, Probleme lösen und nicht durch Einbringung ausgeprägter persönlicher Handschriften Probleme schaffen. Denn die Handschrift vieler Superstars generiert Vordergründigkeit, ein Verfallsdatum und Mehrkosten. Aber es gibt natürlich auch in der alten Garde Ausnahmen: Rem Koolhaas, Jean Nouvel und Herzog & de Meuron sind, um nur einige zu nennen, in ihrer Kategorie unerreichbar und für mich ganz grosse Vorbilder.

Wer sind die wichtigen Teamplayer der neuen Generation?
Ich war an der letzten Architekturbiennale in Venedig überrascht, dass ich im französischen Pavillon ausschliesslich kaum bekannte Architekten mit fantastischen Arbeiten gesehen habe. Keiner war mir bekannt, alle waren ausgezeichnet.

Brauchen grosse Projekte nicht auch grosse Namen?
Es kommt drauf an. In Russland und im Fernen Osten stehen grosse Namen noch immer über dem Projekt. Doch in Nordamerika und Europa hat das altbekannte Starsystem Gott sei Dank langsam ausgedient.

Trotzdem sind auch Sie eine Marke, egal ob auf dem Produkt nun Matteo Thun steht oder nicht.
Ich bin eine Marke im Bereich des Unternehmertums, richtig. Aber nicht als Designer oder Architekt. Anders mein Kollege Philippe Starck, der ist im Design ganz eindeutig ein Brand. Unter anderem deshalb, weil er ein Naturgenie in Sachen Kommunikation ist und weil in seinem Produktdesign der richtige Mix aus Zeitgeist und Promotion steckt.

Um Zeitgeist und Promotion kommen doch aber auch Sie nicht herum, oder?
Doch. Denn ich designe oder baue nichts, wenn kein ausdrücklicher Bedarf an einem konkreten Produkt besteht. Für das «Radisson» hat man zum Beispiel Einhandmischer für die Badezimmer gesucht, die unter 70 Euro das Stück kosten. Wir haben daraufhin Modelle für 3- oder 4-Sterne-Hotels entwickelt, die unter dieser Preisschallgrenze liegen. Eine Kategorie, die vorher nicht abgedeckt war.

Sie designen also sozusagen in die Marktlücke?
Ich designe Objekte, die auf dem Markt aus technischen, qualitativen oder preislichen Gründen nicht vorhanden sind. Also primär Industriedesign, das wir den ökonomischen Bedürfnissen oder menschlichen Ansprüchen anpassen. Man könnte das vielleicht auch Rezessionsdesign nennen.

Sie haben in den Neunzigerjahren mit dem Griffnerhaus O Sole Mio grosse Aufmerksamkeit erlangt, einem Fertighaus, das Sie in der Schweiz gebaut haben. Was war denn daran so aussergewöhnlich? Die Amerikaner bestellen ihre Fertighäuser doch schon seit den Vierzigerjahren aus dem Katalog.
Erstens sind wir keine Amerikaner, sondern Individualeuropäer. Der Amerikaner kauft nach den Kriterien small, medium, large. Die Europäer haben da deutlich höhere Ansprüche. Aussergewöhnlich, weil neu, war beim Griffnerhaus das Kriterium Nachhaltigkeit. Dafür haben wir bereits 1990 Niedrigenergie-Standards entwickelt, und zwar nach dem Prinzip «Hightech by Lowtech»: Weg mit teuren Solarpanels und vordergründigem Hightech, besinne dich auf die Dinge, die dir gratis zur Verfügung stehen. Zum Beispiel die Erdwärme. Heute kann ich sagen, dass ich Recht hatte.

Die Schweizer Landschaft wird zusehends zersiedelt. Ist der Traum vom Eigenheim mit Garten und Doppelgarage überhaupt noch zu verantworten?
Ich habe Ende der Achtzigerjahre als Art Director für Swatch gearbeitet. Dabei kam mir die Idee der Swatchisierung des privaten Wohnens: das Fertighaus als erschwingliche Alternative zum traditionellen Einfamilienhaus. Heute ist dieser Anspruch tatsächlich nicht mehr zeitgemäss. Wenn Sie beim Flug Zürich - Mailand auf die Schweiz hinabsehen, wissen Sie beidseits des Alpenkamms nicht mehr, wo eine Ortschaft aufhört oder anfängt. Die Zersiedelung lässt heute eigentlich keine Einfamilienbauten mehr zu.

Wo liegen die Alternativen?
In der Vertikalen: Im Alpenraum drängt sich die Vorfertigung mehrgeschossiger Wohnbauten aus Holz auf, wie sie in Vorarlberg seit einigen Jahren gebaut werden. Oder nehmen Sie unser aktuelles Projekt «Vertical Village» in Zermatt. Es ist der Versuch, ein Walserdorf vertikal zu bauen.

Das heisst, Sie haben sich vom Einfamilienhaus verabschiedet?
Ja. Einfamilienhäuser werden generell weniger gebaut, und ich glaube, auch das Fertighaus ist ein Auslaufmodell.

Trotzdem boomt im Internet das Angebot an Fertighäusern.
Sie können das mit der Mailänder Möbelmesse vergleichen: Dort werden auch Tausende neue Stühle und Tische ausgestellt, verkauft wird letztlich aber ein Promille davon.

Sie haben über Ihre frühere Designergruppe Memphis einmal gesagt, deren Objekte seien zwar immer gleich in den Museen gelandet, aber oft hoffnungslos an der Realität vorbeigeschossen.
Memphis war die Auflehnung gegen das Bauhaus-Prinzip «Form follows Function», gegen Design ohne Emotionen. Denn in der Realität geht es nicht ohne den Menschen mit seinen Gefühlen. Goethe hat einmal gesagt, man greift mit den Augen und sieht mit den Fingern. Das kam der Philosophie von Memphis damals sehr nahe.

Können Sie eigentlich noch einen Espresso trinken, ohne dabei die Tasse zu studieren?
Nein, ich komme ja auch aus einer Porzellanfamilie. Das heisst, dass ich auch heute Morgen beim Frühstück im Hotelrestaurant zuerst die Tasse gehoben habe, um zu sehen, wer die hergestellt hat.

Sind Architektur und Design verschiedene Paar Schuhe oder Geschwister?

Es gibt immer den Knochen und das Kleid dazu. So verhält es sich auch mit der Architektur und dem Design. Mein Studio hat schon immer nach dem Prinzip «Vom Löffel zur Stadt», also vom Produktdesign zum Städtebau, gearbeitet. Dabei geht es um die Wechselwirkung zwischen dem kleinen und dem grossen Massstab. Zumindest versuche ich, eine Brücke zwischen dem Kleinen und dem Grossen zu schlagen ... Die Lampe hier ist übrigens von Achille Castiglioni, die berühmte Arco. Die Stühle, auf denen wir geradesitzen, sind von Eero Saarinen. Beide haben es als Architekten und Designer geschafft, diese Brücke zu schlagen. Wenn ich umgeben bin von diesen Objekten, dann kommen mir natürlich Zweifel.

Zweifel?
An der eigenen Fähigkeit.

Vielleicht liegt es in der Natur des Künstlers, an sich selbst zu zweifeln.
Ich bin Unternehmer, nicht Künstler. Die Kunst ist und bleibt zwar die Inspiration für meine Arbeit und in meinem Privatleben. Und ich geniesse jeden Augenblick, den ich in einem schönen Museum verbringen kann. Aber mein Geschäft hat höchstens dann noch mit Kunst zu tun, wenn es um die Kunst des Zeit- und Kostenmanagements geht.

Der grüne Alleskönner

Matteo Thun wurde 1952 in Bozen als Sprössling eines Südtiroler Adelsgeschlechts geboren und lebt mit seiner Familie in Mailand und im Engadin. Er gehört heute zu den gefragtesten Hotelarchitekten mit Schwergewicht auf Nachhaltigkeit. Er hat aber auch eine Münchner Diskothek gestaltet, baut Industriegebäude oder saniert gerade die Shoppingmall Tivoli in Spreitenbach. Zurzeit plant er mehrere Projekte in den Schweizer Bergen, darunter das «Vertical Village» in Zermatt oder ein Resort in Andermatt. Beiden Hotels liegt die jahrhundertealte Steilhangbauweise der Walser zu Grunde. Kürzlich wurde im Zürcher Flughafen das von Matteo Thun gestaltete Radisson Blu Airport Hotel eröffnet.

www.matteothun.com
www.zurich.radissonsas.com

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