Ulrich Götz

annabelle: Ulrich Götz, Sie haben ein Computerlernspiel entwickelt, das hirnverletzten Kindern das Gehen wieder beibringt. Wollen Sie damit das schlechte Image der Branche aufmöbeln?
Ulrich Götz: Das Kinderspital Zürich und die Stiftung Sternschnuppe haben unser Team beauftragt, dieses Spiel zu entwickeln. Das allein zeigt, dass es nicht um ein Imageprojekt, sondern um ein echtes Bedürfnis der Therapeuten geht.

Warum braucht das Spital dieses Videogame?
Das Spiel ist für Kinder gedacht, die nach einem Unfall nicht mehr gehen können, weil die Hirnregion, die diesen Vorgang steuert, geschädigt worden ist. Solche Kinder können das Gehen wieder lernen, indem man eine andere, gesunde Hirnregion dazu bringt, für das Gehen zuständig zu sein. Dafür braucht es intensives Training auf dem Lokomat, einem Therapieroboter, der die Beine auf einem Laufband führt.

Und weshalb nun ein Spiel?
Das Problem ist, dass die meisten Kinder das Training nur durchstehen, wenn sie ständig motiviert werden. Ein Spiel ist da einer Therapeutin, die gut zuredet, überlegen. Die Kinder vergessen, dass sie trainieren, während sie spielen.

In welche Fantasiewelt tauchen die Kinder denn ein?
Sie erinnert an den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Die Spielfigur, der kleine Prinz, wird von einer Rakete auf verschiedenen Planeten abgesetzt und spaziert dann auf diesen herum. Dabei sammelt er möglichst viele herumschwirrende Lichter ein, mit denen er die dunklen, versteinerten Planeten erleuchtet und zum Leben bringt.

Welches waren die Probleme, die Sie lösen mussten?
In einem Spiel kann man normalerweise mit den Händen navigieren. In unserem Fall dürfen die Hände nicht gebraucht werden. Der Spielverlauf wird einzig durch die Intensität der Bein- und Fussarbeit beeinflusst - also durch das Gehen.

Spiele funktionieren auch über Strafen: Im «Eile mit Weile» etwa fliegt man raus, wenn man überholt wird.
Wir mussten auf diesen essenziellen Motor eines Spiels verzichten, weil man ein Kind natürlich nicht bestrafen kann, wenn es auf Grund seiner Behinderung einen Fehler macht. In unserem Computerlernspiel gibt es nur positive Anreize. Wenn sich das Kind richtig bewegt, kann die Spielfigur weiter springen oder schneller laufen und dadurch einen weiteren Level erreichen. So stärken wir sein Selbstbewusstsein.

Kreativteam für den Ernstfall

Ulrich Götz (Foto) ist Leiter des Studienprogramms Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste. Gemeinsam mit René Bauer, Dozent für Game Programming an diesem Studienprogramm, sowie den wissenschaftlichen Mitarbeitern Florian Faller und Reto Spoerri entwickelte er ein Serious Game für den Rehabilitationsroboter Lokomat. Das massgeschneiderte Spiel entstand im Auftrag des Kinderspitals Zürich und der Stiftung Sternschnuppe und ist von herausragender grafischer Qualität.

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