Belén Gentile

Belén Gentile: Das Mädchen aus der Folterkammer

Text: Isa Hoffinger; Fotos: Ornella Cacace

Belén Gentile, hier mit ihrem zweiten Kind Mateo, heisst eigentlich Maria Altamiranda.
Ihre leiblichen Eltern bezahlten die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft mit dem Leben
Irma Rojas hat dreissig Jahre nach ihrer Enkelin gesucht
In solchen Folterzellen verschwanden während der Diktatur 30 000 Menschen spurlos
Blick über die Dächer Córdobas
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Belén Gentile, hier mit ihrem zweiten Kind Mateo, heisst eigentlich Maria Altamiranda.

Ihre leiblichen Eltern bezahlten die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft mit dem Leben

Irma Rojas hat dreissig Jahre nach ihrer Enkelin gesucht

In solchen Folterzellen verschwanden während der Diktatur 30 000 Menschen spurlos

Blick über die Dächer Córdobas

Gefoltert, getötet, verschwunden - das Schicksal vieler Menschen während der Diktatur in Argentinien. Belén Gentile kam in einer dieser Folterzellen zur Welt und wurde darauf zur Adoption freigegeben. Lesen Sie ihre bewegende Geschichte.

Belén Gentile ist dreissig, als sie erfährt, wer sie wirklich ist. Ihre Eltern wurden vom argentinischen Militär ermordet, sie selbst in ein Heim gebracht und später adoptiert. Jetzt hat sie sich der Vergangenheit gestellt.

Ihr Leben als Belén Gentile endet am 22. Dezember 2010. Die Sonne steht bereits tief über den Dächern von Córdoba, der zweitgrössten Stadt Argentiniens, als sie mit zitternden Händen ihre Wohnungstür abschliesst und zur Bushaltestelle geht. Sie will die Linie Nummer 51 nehmen, die ins Zentrum fährt. Beim Einsteigen in den Bus wird ihr schwindlig.

Belén Gentile (34), 1.62 Meter gross, zierlich, fühlt einen ohnmächtigen Zorn in sich aufsteigen. Mit pochenden Schläfen lässt sie sich im Bus auf einen der weissen Plastiksitze fallen und klammert sich mit beiden Händen an der Lehne des Vordersitzes fest.

Draussen ist es über vierzig Grad heiss. Übermorgen ist Heiligabend, Hochsommer in Argentinien. Belén Gentile läuft über die Plaza San Martin, wo lilafarbene Trompetenbäume blühen, dann biegt sie in eine breite Strasse ein. Vor einem Hochhaus bleibt sie stehen. Der Eingang ist abgesperrt. In dieses Gebäude, den Justizpalast, will sie hinein. In der Stadt kocht die Stimmung. 300 Menschen stehen vor dem Haus. Sie rufen: «Mörder! Mörder!» Flugblätter segeln durch die Luft. Die Demonstranten trommeln, der Verkehr ist blockiert. Ein Autofahrer hupt und schreit: «Ihr Scheissterroristen!»

Mit aller Kraft stemmt sich Belén gegen die Absperrung. Als ein Wachmann sie aufhalten will, nimmt sie ihren Mut zusammen und sagt: «Guten Tag. Ich heisse Maria Altamiranda, und ich will den Mörder meiner Eltern sehen.»

Im Gerichtssaal ist es kühl, die Klimaanlage läuft. In der ersten Reihe sitzt ein alter Mann in einem schwarzen Anzug. Er nimmt ein Mikrofon in die Hand und sagt: «Wir haben einen gerechten Krieg gegen Terroristen geführt. Ich habe nur den Staat verteidigt.» Belén steht ganz hinten im Raum und schaut den Mann lange an. Sie wünscht sich, dass er sich umdreht. Aber der Greis mit den spindeldürren Händen sieht nur die Richterin an.
Am Vortag hat sie den Sitio de Memoria besucht, eine Gedenkstätte für die Opfer der Militärdiktatur. In den Siebzigerjahren wurden in dieser Polizeistation Gefangene festgehalten, bevor man sie in die geheimen Foltergefängnisse im ganzen Land verteilte. 30 000 Menschen verschwanden spurlos. Die meisten von ihnen waren Arbeiter und Studenten, die für ihre Ideale kämpften. Sie wurden nachts aus ihren Wohnungen gezerrt oder tagsüber auf offener Strasse gekidnappt. Weil sie Flugblätter mit linken Parolen verteilt hatten, band man sie auf ein Metallbett und quälte sie mit Elektroschocks. Weil sie sich für bessere Bedingungen in den Fabriken einsetzten, riss man ihnen die Fussnägel aus. Schwangeren steckten die Folterknechte Stromstäbe in den Uterus, um den Fötus zu töten. Andere mussten mit verbundenen Augen ihre Kinder zur Welt bringen, danach nahmen Militärärzte ihnen die Babys weg und schenkten sie den Frauen von Offizieren. Die Brut der Terroristen sollte umerzogen werden.

Das Gebäude wird gerade saniert, die Wände sind jetzt grün gestrichen. Im Parterre stapelt sich Beweismaterial, das Menschenrechtler gesammelt haben. Im Keller befindet sich ein Kerker, zwei mal zwei Meter breit. Manchmal lagen hier bis zu zehn Gefangene nackt übereinander.

Belén Gentile weiss heute, dass ihre Eltern nicht in dieser Polizeiwache waren. Sie lebten in Buenos Aires und hatten schon zwei kleine Kinder, als sie geboren wurde. Ihr Vater Horacio Altamiranda und ihre Mutter Rosa waren Arbeiter. 1976 schlossen sie sich einer Gewerkschaft an. Das reichte, um auf die schwarze Liste des Militärs zu kommen. Was mit den beiden passierte, hat Belén mithilfe von Akten und Zeugenaussagen zu rekonstruieren versucht.

Der 13. Mai 1977 ist ein regnerischer Tag. Rosa (21) und Horacio (23) sitzen in der Küche ihres Hauses, als zwei Männer in Zivil die Tür eintreten. Sie schlagen Horacio mit Knüppeln und treten die hochschwangere Rosa in den Bauch. Dann stülpen sie dem jungen Paar schwarze Kapuzen über den Kopf, an denen getrocknetes Blut klebt. Es stammt von Menschen, die auf dieselbe Weise gekidnappt wurden.

Die Männer zerren Rosa und Horacio in einen Ford Falcon, der vor dem Haus steht. Der Fahrer bringt sie in das Folterlager El Vesubio in einem Vorort von Buenos Aires. Die beiden Kinder geben die Männer vorher noch bei der Nachbarin ab. Diese alarmiert Horacios Mutter, die ihre Enkel sofort mit zu sich nachhause nimmt. Am nächsten Morgen geht sie zur Polizei und erstattet Anzeige wegen der Entführung ihres Sohns und ihrer Schwiegertochter. Sie hört nie wieder etwas von den Beamten.

Vier Wochen später bringt Rosa im Militärspital Campo de Mayo ein Mädchen zur Welt. Ein Militärarzt gibt ihr eine Spritze und holt sich das Baby durch einen Kaiserschnitt. Als Rosa aufwacht, ist das Neugeborene weg. Wohin sie ihr Kind gebracht haben, wird die Mutter nie erfahren. Zwei Tage nach der Geburt wird sie erschossen. Eine Mitgefangene, die überlebte, sagte später in Prozessen aus, dass Rosa ihr Kind Maria nennen wollte, nach der Heiligen Jungfrau.
Maria ist ein hübsches Baby. Sie weint viel. Drei Tage nach ihrer Geburt wird sie im christlichen Kinderheim Movimiento Familiar in Buenos Aires abgegeben. Drei Monate später kommt sie zu ihren Adoptiveltern, dem Ehepaar Gentile. Der Vater ist Beamter, die Mutter Hausfrau. Die Adoptiveltern fragen nicht, wo das Mädchen geboren wurde, und nennen es Belén – aus dem Mädchen, das eigentlich Maria Altamiranda heisst, ist Belén Gentile geworden.

Das Mädchen wächst zusammen mit einem drei Jahre älteren Bruder auf, der als Säugling im selben Heim abgegeben wurde und ebenfalls von den Gentiles adoptiert worden ist. Mit zwölf Jahren realisiert Belén, dass sie weder ihrem blonden Bruder noch den alten Eltern, die nun schon über sechzig sind, ähnlich sieht. Sie stellt sich vor, dass sie ein Findelkind ist. Vielleicht eine Prinzessin, die man bei fremden Menschen verstecken muss, bis sie alt genug ist, um ein grosses Reich zu regieren. Tagelang spielt sie in ihrem Zimmer ein Rollenspiel mit ihrem Bruder. Sie setzt sich eine Krone aus Karton auf. Ihr Bruder ist der Prinz und soll sie retten.

Mit 13 sieht Belén in den Nachrichten, wie alte Frauen mit weissen Kopftüchern auf einem Platz in der Nähe ihres Elternhauses demonstrieren. Ihre Adoptivmutter erklärt ihr, dass die Frauen Abuelas de Plaza de Mayo heissen und dass sie nach ihren Enkelkindern suchen, die während der Militärdiktatur von Offizieren geraubt wurden.

Die Mutter erzählt ihr endlich auch, dass sie und ihr Bruder adoptiert wurden – und dass sie nicht wisse, wer ihre leiblichen Eltern sind. Belén träumt jetzt häufig schlecht. Im Schlaf hört sie Schreie und riecht den Geruch von versengten Haaren. Ab und zu taucht das Gesicht einer Frau in ihren Albträumen auf. Sie kann es nicht genau erkennen.Als Belén 16 Jahre alt ist, zieht sie mit den Adoptiveltern von Buenos Aires nach Córdoba. Der Vater hat eine neue Stelle gefunden. Ihr Bruder bleibt in der Hauptstadt, studiert und heiratet. Trotz ihrer guten Noten entwickelt Belén keinen schulischen Ehrgeiz. Sie möchte lieber so früh wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Manchmal fällt es ihr schwer, sich länger als ein paar Minuten auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie bekommt schnell Kopfschmerzen. Dafür ist sie handwerklich begabt, als Einzige in ihrer Familie. Sie vermutet, dass sie dieses Talent von ihren leiblichen Eltern vererbt bekommen hat.

Mit 18 verliebt sie sich in einen Schulfreund. Sie wünscht sich sogleich ein Kind. Als ihre Tochter geboren wird, überkommt Belén das starke Bedürfnis zu erfahren, wer ihre eigene Mutter war. Wie hat sie wohl ausgesehen? Glich sie ihrer Enkelin? Und wieso verspürte sie, Belén, so jung den Wunsch nach einem eigenen Kind? Um endlich Teil einer richtigen Familie zu sein?

In den Jahren danach trägt sie sich immer wieder mit dem Gedanken, weitere Nachforschungen über das Schicksal ihrer Eltern anzustellen. Gleichzeitig hat sie Angst davor. Würde sie damit den Adoptivvater verletzen,  der immer so verhalten auf ihre Fragen reagiert hat? Und was, wenn ihre Eltern wirklich zu den Desaparecidos gehören, den Verschwundenen? Im Freundeskreis, in der Schule, überall erzählt man sich, dass diese schlechte, gewalttätige Menschen gewesen sein sollen. Belén schämt sich. Sie will kein Kind von Terroristen sein.

An einem Juniabend des Jahres 2005 wagt sie endlich den grossen Schritt. Belén sitzt mit vier Freundinnen in ihrer Wohnung, sie trinken Rotwein, es wird spät. Als die Freundinnen gegangen sind, wählt sie «aus einer Laune heraus» die Telefonnummer der Abuelas de Plaza de Mayo, der Organisation von Grossmüttern, die nach ihren geraubten Enkelkindern suchen. Auf dem Anrufbeantworter hinterlässt sie eine Nachricht. Am nächsten Morgen ruft eine ältere Dame zurück und lädt Belén ins Büro der Organisation ein.

Aus dem kleinen Häuflein kämpferischer Frauen, die sich 1977, ein Jahr nach dem Militärputsch, zum ersten Mal vor dem Regierungspalast in Buenos Aires versammelten, um gegen das Verschwinden ihrer Kinder und Enkel zu demonstrieren, ist eine bekannte Menschenrechtsbewegung geworden. Die Grossmütter haben Zeugenaussagen und Daten über die Geburten in den Folterlagern gesammelt. Das Militär war ordentlich und führte Listen, in die alle Kinder von Häftlingen eingetragen wurden. Jede Grossmutter hat ausserdem Blut für eine Datenbank gespendet. So kann ihr Erbgut analysiert und mit dem der möglichen Enkel verglichen werden.
auch eine eigene Zeitung haben die Abuelas gegründet. Sie kleben Plakate an Bushaltestellen und an öffentliche Gebäude. «Wenn Sie etwas wissen, sagen Sie es uns.» Die Aufforderung richtet sich an Nachbarn, die bemerkt haben, dass bei der Familie nebenan plötzlich ein Baby auftauchte, obwohl die Mutter nie schwanger war. Sie telefonieren mit Kinderärzten, die in den Siebzigerjahren Säuglinge untersucht haben, deren Mütter damals schon über fünfzig waren und damit zu alt für ein eigenes Kind.

Schon drei Tage nach dem Anruf stellt sich Belén bei den Grossmüttern vor. Mittlerweile ist sie überzeugt, dass sie hier mehr über ihre Wurzeln erfahren wird. Die alten Damen begegnen ihr mit Wärme und Wohlwollen. Sie bitten sie um eine Kopie ihres Passes und ein Foto, versprechen, ihr bei den Nachforschungen zu helfen. Belén geht beschwingt nachhause, mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben. Doch kurz darauf melden sich die Schuldgefühle zurück. Ihre geliebte Adoptivmutter ist aufgewühlt, hat Angst, Belén könnte ihr entgleiten, wenn sie ihre leiblichen Verwandten findet. Der strenge Adoptivvater will ihr sogar weitere Besuche bei den Grossmüttern verbieten. Es gibt Streit in der Familie Gentile, Belén bricht die Suche ab.

Im Mai 2007, Belén ist mittlerweile dreissig, stirbt der Adoptivvater. Jetzt endlich gibt sie eine Blutprobe bei den Grossmüttern ab. Vier Wochen muss sie auf das Ergebnis warten. Dann die Einladung zu einem Gespräch mit einer Vertreterin der Organisation. Die freundliche Frau erklärt ihr, dass sie tatsächlich die Tochter von verschwundenen Oppositionellen ist und in Wirklichkeit Maria Altamiranda heisst. Und dass ihre Grossmutter Irma Rojas in Buenos Aires lebt und seit drei Jahrzehnten nach ihr sucht.

Irma Rojas ist siebzig, als sie ihre Enkelin zum ersten Mal sieht. Sie war früher Putzfrau. Seit der damalige Präsident Néstor Kirchner mehr Geld für die Aufarbeitung der Vergangenheit bewilligt hat, arbeitet sie für die Organisation der Abuelas. Irma und Belén treffen sich jetzt abwechselnd in Buenos Aires und in Córdoba. Allerdings nicht allzu oft. Der Bus braucht für die Strecke 24 Stunden, die Tickets sind teuer, fast fünfzig Franken. Wenn sie sich sehen, zeigt die Grossmutter Belén Hochzeitsfotos ihrer Eltern und erzählt, wie sich die beiden beim Tanzen kennen gelernt haben. Bei einer der Begegnungen lernt Belén auch ihre leibliche Schwester kennen und erfährt, dass ihr leiblicher Bruder mit 31 an einer Überdosis Drogen starb. Er hat den Verlust der Eltern nie verkraftet.
Vor zwei Jahren hat Belén selbst angefangen, im Büro der Abuelas de Plaza de Mayo in Córdoba zu arbeiten, zusammen mit anderen wiedergefundenen Enkeln. Sie engagiert sich auch bei den Hijos, so nennt sich eine Organisation, die von Kindern der Verschwundenen gegründet wurde. Die Hijos spüren Verantwortliche des Staatsterrors auf, die immer noch unbehelligt in Argentinien leben. Priester, die mit den Generälen kooperierten. Ärzte, die an Kindsentführungen beteiligt waren. Ehemalige Folterer, die für private Sicherheitsfirmen arbeiten und viel Geld verdienen. Bei den Demonstrationen der Hijos und der Abuelas zieht Maria mit Trommeln durch das Quartier, in dem der Täter wohnt, und markiert sein Haus mit roter Farbe.

Und dann kam der 22. Dezember 2010. Der Tag der Urteilsverkündung gegen General Jorge Videla. Den dürren alten Diktator, der sagt, man habe einen gerechten Krieg geführt, einen Krieg gegen Terroristen. Den Mann, von dem sich Belén wünscht, dass er den Kopf wenigstens einmal zu ihr dreht, damit sie dem Verantwortlichen für den Tod von Horacio und Rosa Altamiranda, ihren leiblichen Eltern, in die Augen schauen kann. Viele Stunden steht Belén im Gerichtssaal. Als das Gericht das Urteil verkündet – lebenslänglich –, bricht im Saal und draussen auf den Strassen wilder Jubel aus.

Belén aber möchte den Abend allein verbringen. Sie will sich in Ruhe überlegen, ob es nicht endlich an der Zeit ist, auch den Namen in ihrem Pass ändern zu lassen.

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