Kaiserschnitt

Kaiserschnitt: Die geplante Operation Storch

Text: Helen Schlüssel; Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Kaiserschnitt: Die geplante Operation Storch

Unsere Autorin entschied sich für einen geplanten Kaiserschnitt – und bekam allerlei zu hören. Höchste Zeit, ein paar Dinge klarzustellen, findet sie.

Ich stieg ins Auto und fuhr ins Spital. Es war kurz vor Mitternacht, und ich vermutete, dass meine Fruchtblase geplatzt war. Ich hatte Schiss. Diesmal sollte alles besser laufen. Ein Kaiserschnitt war geplant – und zwar auf übermorgen. Wird schon gut gehen, hatte ich mir bei der Geburt des ersten Kindes vor zwei Jahren gesagt. Es ging nicht besonders gut. Der Anästhesist, der meiner Tochter das Leben rettete, bekommt an ihrem Geburtstag jeweils eine Karte mit Bild und zwei Flaschen Wein.

Wollen Sie Ihren Kaiserschnitt noch immer?

Die Pflegerin im Spital lächelte freundlich. «Sie haben einen Kaiserschnitt geplant», stellte sie nach einem Blick in die Akten fest. «Sind Sie immer noch sicher?» – «Warum?», fragte ich zurück. «Sie könnten», antwortete die Pflegerin, «auch natürlich gebären.» Dann hob sie eine Augenbraue.

Diese Diskussion hatte ich vor sechs Monaten geführt. Mit dem Gynäkologen und mit meinem Mann. Wir drei hatten uns gemeinsam und nach reiflicher Überlegung entschieden: Kaiserschnitt. Jetzt kommt eine Pflegerin, mitten in der Nacht, Stunden vor der Geburt, meine Blase gesprungen, und hebt ihre Augenbraue. Sie war längst nicht die erste Frau, die meinen Entscheid infrage gestellt hatte.

Kaiserschnitt versus «natürliche» Geburt

Die Diskussion flammt regelmässig auf, wenn Schweizer Spitäler ihre neusten Statistiken präsentieren. Tatsächlich hat sich die Kaiserschnittrate in den letzten zehn Jahren von 20 auf 33 Prozent erhöht. Judith Alder, Psychologin am Universitätsspital Basel, vermutet einen Zusammenhang mit dem steigenden Durchschnittsalter der Erstgebärenden. Ab 35 würden die Risiken während der Schwangerschaft und bei der Geburt bekanntlich zunehmen und damit, so die Psychologin, möglicherweise auch die Ängste gewisser Frauen. «Die Geburt und die nachfolgende Elternschaft beinhalten zahlreiche unkontrollierbare Elemente. Ein Wunschkaiserschnitt ist auch ein Wunsch nach Kontrollierbarkeit und Planbarkeit.»

Nicht nur Fachleute haben eine Meinung zum komplexen Thema Kaiserschnitt.  Alle reden fröhlich mit. Gegnerinnen verteufeln die «Wunschtermin-Konsumgeburt» und lobpreisen das «unübertreffliche Erlebnis einer natürlichen Geburt». Wikipedia mutmasst: «Werdende Mütter hoffen, den Geburtsschmerz zu umgehen.» Die Yellow Press schreibt: «Too posh to push» (zu nobel, um zu pressen) zu den Kaiserschnittgeburten von Victoria Beckham und anderen Prominenten.

Hitzige Debatte um Kaiserschnitt: Too posh to push?

Im Forum von Eltern.de liest man: Nach drei wunderbaren natürlichen Geburten, ohne Schmerzmittel (...) kann ich nicht verstehen, warum man sich und auch dem Kind freiwillig dieses Erlebnis nimmt. Eine Person, die sich Linnea nennt, schwingt die Moralkeule besonders heftig: Die Ergotherapeuten freuen sich sicher schon auf die vielen Kaiserschnittbabys, die durch ihren schlaffen Tonus und diverse sensomotorische Defizite auffallen!

Die Debatte wird emotional geführt und lässt bisweilen das Wichtigste ausser Acht: das Wohl von Mutter und Kind. Werden wir also sachlich und lassen die Fakten sprechen. Markus Hodel, Gynäkologe und Leitender Arzt des Geburtszentrums am Luzerner Kantonsspital, hält fest: Zwar ist übers Ganze gesehen das Sterblichkeitsrisiko eines Kaiserschnittkindes rund viermal grösser als das eines vaginal entbundenen. Doch es gibt eine gewichtige Ausnahme: Wird der Kaiserschnitt zwischen der 39. und der 40. Schwangerschaftswoche durchgeführt, wiegen sich die Risiken mit denen der geplanten vaginalen Geburt in etwa auf. Und genau in dieser Woche werden die gewünschten Kaiserschnitte denn auch durchgeführt.

Für das Kind bergen beide Geburtsarten Gefahren

Bei Kaiserschnittbabys ist das Risiko von Atemproblemen erhöht, Gleiches gilt für das Risiko, es von der Mutter trennen und in der Intensivstation unterbringen zu müssen. Nur: Auch jede vaginale Geburt kann ins Stocken geraten, eine Saugglocke erfordern oder in einem Notkaiserschnitt enden. «Man kann nicht alle Kinder vaginal gebären», sagt Markus Hodel. Nicht zuletzt deshalb, weil der Kopfumfang der Neugeborenen über die Jahrtausende gewachsen ist. Sein Fazit: «Alles in allem ist der Kaiserschnitt für das Kind wahrscheinlich die etwas sicherere Methode.»

Auch für die Mutter ist beides riskant: Der Kaiserschnitt ist ein operativer Eingriff. Die Bauchdecke wird geöffnet. Wundheilungsstörungen, Verwachsungen und Thrombosen gehören zu den möglichen Folgen. Wird die Gebärmutter bei der Operation stark verletzt, kann es bei Folgeschwangerschaften zu Komplikationen kommen. Die vaginale Geburt wiederum kann zu starkem Blutverlust, zur Beschädigung des Beckenbodens führen, zu Verletzungen der Vagina und des Damms. In manchen Fällen sind die Schäden permanent und führen zu starken Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und zu Inkontinenz.

Mein Arzt sagte mir: «Bei einem geplanten Kaiserschnitt wartet ein ganzes OP-Team nur auf Sie, egal wie viele Notfälle es an diesem Tag gibt.» Das war eine Sicherheit, die ich brauchte, nachdem die Geburt meiner Tochter von derart viel Angst und Unsicherheit geprägt war. Warum geht es nicht vorwärts? Kommt sie mit der nächsten Wehe raus? Und wenn nicht? Der Kinderarzt war ausser Haus, der Anästhesist nur zufällig noch da. Diesmal wollte ich einen Plan. Vor allem aber wollte ich, dass das Geburtsteam einen Plan hatte.

Ich wollte einen Plan

Thomas Berger, Chefarzt der Intensivstation des Kinderspitals Luzern, sagt: «Meiner Meinung nach braucht es einen medizinischen Grund für den Kaiserschnitt. Eine reine  Konsumentscheidung reicht nicht.» Allerdings sei er «extrem selten» mit werdenden Eltern konfrontiert worden, die «Geburt und Golfferien» aneinander vorbeibringen wollten.

Ohne medizinische Indikation kein Kaiserschnitt, darin sind sich Hebammen und Ärzte einig. Nur: Wie definiert man den medizinischen Grund? Dieser dürfe grosszügig ausgelegt werden, sagt Thomas Berger. «Ängste zählen für mich durchaus dazu.» So sieht es auch sein Kollege Markus Hodel: «Eine Frau, die vor einer vaginalen Geburt grosse Angst hat, kann sich nicht genug gehen lassen.» Beim Schweizerischen Hebammenverband sieht man das nicht grundsätzlich anders. «Allerdings muss die Angst vor der Geburt konkret sein», schränkt die Geschäftsführerin Doris Güttinger ein. «Eine diffuse, generelle Ängstlichkeit reicht nicht.»

Ich habe beide Geburtsarten erlebt. Ich würde wieder einen Kaiserschnitt wählen. Eine Stunde nach der «natürlichen» Geburt lag meine Tochter im Brutkasten in der Intensivstation, vierzig Kilometer von mir entfernt. Drei Minuten nach dem Kaiserschnitt lag mein Sohn gleich neben mir in den Armen meines Mannes. Nach der Geburt meiner Tochter war ich acht Wochen lang bettlägerig, diesmal bin ich acht Stunden später aufgestanden. Mein Sohn ist nun fünf Monate alt. Die Kaiserschnittnarbe spüre ich nicht mal beim Wetterumschlag.

Wenn nicht die Gesundheit des Kindes und der Mutter die eine oder andere Geburtsart erfordert; wenn sich Vorteile und Risiken die Waage halten, dann will ich frei entscheiden dürfen, von meinem Mann und meinem Arzt beraten. Ich will darüber entscheiden dürfen, ob meine Vagina gedehnt oder ob meine Bauchdecke geöffnet werden soll. Ich will darüber entscheiden dürfen, ob meine Angst vor einer vaginalen Geburt diffus ist oder existenziell. Und von allen anderen will ich nichts hören – keine schnippischen Bemerkungen, keine gut gemeinten Ratschläge. Kein Wort. Und nie wieder will ich eine gehobene Augenbraue sehen.

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