Muss ich jetzt Madonna?

Da räkelt sie sich also, meine Ikone. Praktisch ein Leben lang hat sie mich begleitet, mir immer wieder gezeigt, dass Frauen stark, lustvoll, unberechenbar sein können. Und jetzt das. In der Märzausgabe der Zeitschrift «W» verführt die fünfzigjährige Madonna einen bildhübschen brasilianischen Beachboy, dessen perfekter Body von allen Seiten ausgiebig zu bestaunen ist. Was soll man davon halten? Soll ich mich nun darauf freuen, mit fünfzig die Freunde meines Sohnes zu verführen? Oder wenn das kein Ziel ist: Wie könnte mein Leben dann aussehen? Und: Gibt es jemand, der mein Vorbild sein könnte?

Vielleicht weiss Katja Kullmann eine Antwort. Die 38-jährige feministische Autorin hat mit ihrem Bestseller «Generation Ally» den Frauen in meinem Alter eine Stimme gegeben. Und sie hat Madonna, speziell ihren Auftritt im goldenen Korsett mit den spitzen Brüsten, als schönes Beispiel bezeichnet, wie der Feminismus in den Neunzigerjahren spielerisch weitergeführt worden sei.

annabelle: Katja Kullmann, kann Madonna heute noch ein Vorbild für eine Frau sein?
Katja Kullmann: Leider entwirft Madonna heute - anders als wir es erwartet und erhofft haben - kein souveränes Bild einer Fünfzigjährigen. Stattdessen kämpft sie mit sich selbst: Sie versucht krampfhaft, ihr Alter zu vertuschen und dem traditionellen weiblichen Schönheitsideal zu entsprechen. Das hat sicher damit zu tun, dass es im Popbusiness besonders schwer ist, sich von den klassischen Abziehbildern freizumachen.

Welche Frauen taugen denn für Sie zum Vorbild?
Zum Beispiel Diane Keaton und Tilda Swinton, die sehr souverän auftreten und ihre Rollen entsprechend auswählen.

Aber auch sie wollen schön sein.
Wir Frauen wollen schön sein. Das ist okay, denn die sprichwörtliche «weibliche Schönheit» verleiht uns auch Macht. Trotzdem sollte eine Frau zu ihrem Alter stehen. Wollen Frauen etwas sein, was sie nicht mehr sind, zeigen sie ihre Angst. Und machen sich lächerlich.

Könnte man die Schönheitsoperation nicht auch als emanzipatorischen Akt sehen? Die konsequente Fortsetzung des Slogans «Mein Bauch gehört mir» ist doch «Mein Gesicht gehört mir».
Ich glaube nicht, dass eine Operation ein Quäntchen mehr Glück ins Leben bringt. Die Qual des Sich-ständig-Vergleichens ist mit einer gestrafften Haut nicht vorbei. Ausserdem werden mit Schönheitsoperationen neue Standards für alle anderen gesetzt.

Nach diesem Gespräch sind drei Dinge klar: Madonna kann ich vergessen. «Souverän» ist ein Schlüsselwort, wenn es ums entspannte weibliche Altern geht. Und in einem souveränen Lebensentwurf hat ein Skalpell nichts verloren. Tatsächlich? Die 48-jährige Schönheitschirurgin Cynthia Ann Wolfensberger, die in ihrer Praxis beinahe jeden Tag Gespräche über Sinn und Unsinn von Schönheitsoperationen führt, bestätigt meine Zweifel: Viele ihrer älteren Patientinnen seien durchaus selbstbewusst, sagt sie. Es gehe ihnen nicht darum, jünger auszusehen. Sie würden ihre Falten oft akzeptieren und sich nur einen punktuellen Eingriff wünschen, der sie frischer aussehen lassen soll. Zum Beispiel eine Korrektur der Tränensäcke oder Straffung der Augenlider.

annabelle: Cynthia Ann Wolfensberger, jünger oder frischer aussehen ist doch einerlei: Diese Frauen können das Älterwerden nicht akzeptieren.
Cynthia Ann Wolfensberger: Nein. Den Tod muss man akzeptieren. Aber nicht, dass man stets hört, man sehe müde aus.

Wie sieht denn ein souveräner Umgang mit einem alternden Körper aus?
Gewisse Alterserscheinungen sollte man akzeptieren. Was man nicht akzeptieren kann oder will, soll man ändern. Wenn einem der Bauch nicht mehr gefällt, stellt man die Ernährung um. Und dann lässt man vielleicht noch die schlaffe Haut wegmachen.

Welche Frauen nehmen Sie sich persönlich zum Vorbild?
Zum Beispiel die Opernsängerin Barbara Hendricks, die sich für Kinder entschieden hat, obwohl sie wusste, dass eine Schwangerschaft die Stimme verändern kann. Auch meine beiden Grossmütter sind für mich Vorbilder: weil sie sich nicht über ihre Ehemänner definiert haben. Und in meiner
Praxis sehe ich ebenfalls viele bewundernswert souveräne Frauen.

Was zeichnet sie aus?
Es sind Persönlichkeiten, die mit sich und ihrem Leben im Reinen sind. Sie verwirklichen sich in ihrer Arbeit, in der Familie, im Freundeskreis oder auch in ihrem Garten.

Offenbar ist die Welt voll von älteren Frauen, von denen man etwas lernen kann. Niemand muss orientierungslos altern, weil Madonna versagt hat. Ohnehin sind taugliche Vorbilder meist viel nahe liegender: meine exzentrische Nachbarin zum Beispiel. Die trägt mit sechzig noch verrückte Klamotten und sieht darin richtig gut aus. Oder die Feministin Élisabeth Badinter, von der ich neulich ein Buch gelesen habe und die sich ihr messerscharfes analytisches Denken bis ins hohe Alter bewahrt hat.

Die Historikerin Heidi Witzig ist 65, soeben ist ihr Buch «Wie kluge Frauen alt werden» erschienen. Dafür sprach sie mit Frauen, bei denen das gesellschaftliche Engagement und die Berufstätigkeit ein Leben lang im Vordergrund standen. Diese geniessen den neuen Lebensabschnitt - auch weil «ihre Körper nicht mehr funktionieren müssen wie Maschinen» und es ihnen deshalb meist gesundheitlich besser geht als in ihren mittleren Jahren. Heidi Witzig selbst hat den Eintritt ins Alter als eine der «besten Phasen im Leben» erlebt. Als ihre Vorbilder nennt sie Politikerinnen wie Judith Stamm und Rosmarie Zapfl oder die Schriftstellerin Judith Giovanelli-Blocher. «Frauen, die sich mit Klarheit und selbstverständlicher Zivilcourage engagieren.»

annabelle: Heidi Witzig, wie werden kluge Frauen alt?
Heidi Witzig: Keine von ihnen jammert. Und alle wissen, was ihnen gut tut.

Was tut ihnen denn gut?
Beziehungen, sportliche Aktivitäten. Und für alle ist wichtig, dass sie sich weiterhin engagieren. Das hält ihr inneres Feuer am Brennen. Marthe Gosteli steht mit über neunzig Jahren jeden Tag in ihrem Archiv zur Geschichte der Frauenbewegung. Und die Friedensstreiterin und Sprachdidaktin Aline Boccardo sagt, sie rege sich gerne auf. Das sporne sie an aufzustehen.

Und wenn man sich über seine Arbeit definiert und eines Tages pensioniert ist?
Viele erleben dann eine persönliche Krise. Und suchen sich anschliessend eine neue Aufgabe. Die Kunsthistorikerin Hanna Gagel schrieb, nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte, den Bestseller «So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase».

Dass kluge Frauen im Alter souverän sind, ist eigentlich logisch, haben sie doch ein Leben lang gegen Rollenklischees rebelliert. Unabhängigkeit haben sie geübt, bis sie zur zweiten Natur geworden ist. Vermutlich deshalb sind diese Frauen nicht in die Schönheitsfalle getappt und haben stattdessen ein selbstbewusstes Leben geführt.

Katja Kullmann meint, dass es die Generation der heute vierzigjährigen Frauen leichter hat, wenn es ans Altern geht: «Sie werden davon profitieren, dass das Schönheitsideal bröckelt.» Sie verweist auf eine Gegenbewegung, die bereits heute stark sei: «Heute zeigen Modeblogs Leute von der Strasse, und Firmen wie Dove werben mit ganz normalen Frauen. Man hat sich an perfekten Frauen satt gesehen.» Glaubt man der Autorin, wird es ihre - und meine - Generation im Alter noch aus einem andern Grund einfacher haben: «Wir werden erstmals die Chance haben, das Alter neu zu erfinden.» Unsere Generation, sagt sie, habe ja weder diese ordentlichen Ausbildungen noch diese ordentlichen Karrieren gemacht und lebe auch nicht unbedingt in ordentlichen Familienverhältnissen. Solche Bastelbiografien machten das Leben zwar unübersichtlich und schwierig, aber genau das sei eben auch eine Chance. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich mein Leben immer dann verändert, wenn ich es mir gerade so richtig schön eingerichtet habe. Diese Kurswechsel empfinde ich als sehr erfrischend. Mittlerweile vertraue ich darauf, dass das auch im Alter so sein wird.»

Alles wird also gut werden. Ich freue mich schon auf das Kochbuch, das ich mit siebzig schreiben werde. Und auf die Partys in unserer Alters-WG. Bis es soweit ist, übe ich mich weiter in Unabhängigkeit: Zwei Kilos zu viel und die ersten Falten sind kein Unglück.

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Von Anna Böhler