Julia Hofer

Mit Spiritualität gegen Rückenschmerzen - Funktioniert das?

Text: Julia Hofer; Fotos: Adrian Sonderegger, Jojakim Cortis

Oh Wunder: Eine übersinnliche Begegnung
  • annabelle-Redaktorin Julia Hofer besuchte eine spirituelle Heilerin

annabelle-Redaktorin Julia Hofer besuchte eine spirituelle Heilerin, um sich von ihren Rückenschmerzen zu befreien.

Eigentlich sollte es eine ganz normale Recherche werden. Ich wollte mit Heilern und ihren Patienten reden, um herauszufinden, wie Geistheiler arbeiten und warum man heute so jemanden aufsucht, wenn man krank und verzweifelt ist. Doch es kam anders. Als ich unserer Sekretariatsmitarbeiterin Vivian beiläufig von dem Thema erzähle, beginnen ihre Augen zu leuchten. «Du musst unbedingt mit Brigitte reden», sagt die Expertin für alles Übersinnliche, die auf der annabelle-Website ein Forum für Parapsychologie betreibt, enthusiastisch, «sie ist sehr gut.» Diese Heilerin habe ihr selbst und – jetzt im Flüsterton – auch einigen Kolleginnen schon oft helfen können. Auch ein Bekannter, der jahrzehntelang unter Rückenschmerzen litt, sei einmal bei dieser Frau gewesen, ein einziges Mal nur. «Und am nächsten Tag war er gesund.»

Natürlich habe ich die Geschichte von dieser an ein Wunder grenzenden Heilung sofort geglaubt, denn warum sollte mich meine Arbeitskollegin anlügen? In Bezug auf die Parapsychologie bin ich wohl das, was man gemeinhin als offen bezeichnet. Meine persönlichen Erfahrungen mit solchen Phänomenen beschränken sich zwar auf eine kurze Episode, in der ich, verführt von meiner damaligen Wohnpartnerin, regelmässig ein Medium konsultierte. Und bislang habe ich auch nie in Erwägung gezogen, eine Geistheilerin aufzusuchen, obwohl ich seit beinahe zwanzig Jahren Rückenprobleme habe. Doch seit ich mit Vivian gesprochen habe, bin ich entschlossen, gleich an mir selbst auszuprobieren, ob geistiges Heilen tatsächlich wirkt. Was kann schon gross passieren, mache ich mir Mut. Ein Versuch ist es allemal wert. Vielleicht schafft die Heilerin das, was weder Chiropraktiker noch Physiotherapie noch Yoga und Walking bislang dauerhaft geschafft haben: mich von meinen Rückenschmerzen zu befreien.

Ich bin nicht die Einzige, die so denkt. Im Zuge der New-Age- und Esoterik-Welle empfinden heute viele Patienten Körper und Seele als eine Einheit und wünschen sich deshalb – als Ergänzung zur Schulmedizin – eine ganzheitliche Behandlung. Gemäss dem Motto «Erlaubt ist, was nützt» wird munter drauflosexperimentiert, mit naturheilpraktischen Methoden ebenso wie mit spirituellem Heilen. In den Spitälern der Westschweiz gibt das Pflegepersonal gar Adresslisten an Patienten weiter, die sich, manchmal sogar im Einvernehmen mit dem behandelnden Arzt, einen Heiler ans Krankenbett rufen möchten. Als Verstärkung sozusagen. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich ein Buch über Heiler in der Westschweiz, das die Freiburger Ethnologin Magali Jenny vor einem Jahr geschrieben hat, zum Bestseller entwickelt hat: sechs Auflagen in fünf Monaten, über 40 000 verkaufte Exemplare. Es ist anzunehmen, dass auch das Pendant für die Deutschschweiz, das die Autorin nun gemeinsam mit ihrer Kollegin Riti Sharma herausbringt, ein Grosserfolg werden wird.

In den Tagen vor meiner Begegnung mit Brigitte Heim werde ich zusehends nervöser. Was kommt da auf mich zu? Werde ich mit Dingen konfrontiert werden, die ich lieber nicht gewusst hätte? Andererseits ist da die Hoffnung, den Schmerz loszuwerden. Ein Gedanke, der beflügelt.
Endlich ist es so weit. Ich warte in einem verwaisten, etwas düsteren Vortragssaal der Schweizerischen Gesellschaft für Parapsychologie und studiere die expressiven Blumenbilder an der Wand. Es fröstelt mich. Erst als mich Brigitte Heim begrüsst, eine freundliche und korrekte Frau mit mütterlicher Ausstrahlung, fasse ich allmählich Vertrauen. Sie bittet mich in ein Kämmerlein, dessen einziges Fenster mit einem farbigen Tuch verhängt ist, und schaut mich schweigend an. Ich erzähle von meinem Rücken. Sie macht ein paar Notizen, erklärt das weitere Vorgehen: Zuerst werde sie «feinstofflich in mich hineinsehen», dann ein «Feedback aus der geistigen Welt» empfangen und mich schliesslich gemeinsam mit den «geistigen Ärzten» operieren. «Ich werde Sie nicht berühren», sagt sie. «Wenn Sie etwas spüren, dann sind das die geistigen Ärzte.»

Brigitte Heim empfängt eine erste Nachricht für mich, sie lautet: «Du bist schon sehr lange auf der Suche nach dir selbst. Du willst deine Spiritualität entdecken.» Ob ich etwas damit anfangen könne? Eine Charakterisierung, schiesst es mir durch den Kopf, die wohl auf viele zutrifft, die in diese Höhle hinabsteigen. Sie beginnt mich nun zu «scannen» und stellt fest, dasss sich in meinem Rücken etwas «staue». Ausserdem vermutet sie eine Zahnfleischinfektion. Jetzt bin ich verblüfft, wie kann sie das wissen? Eine solche plagt mich tatsächlich seit längerem. Sie stellt weiter fest, dass keine Körper verschoben seien, was mich, obwohl ich keine Ahnung habe, was das bedeutet, doch sehr beruhigt. «Aber auf der Brust ist noch etwas, ein Druck?» Erstaunlich, sie hat wieder Recht. Und Schmerzen im Nacken? Die üblichen Verspannungen halt, wiegle ich ab. Doch das sieht sie anders. «In Ihrem Nacken steckt ein Messer», eröffnet sie mir ungerührt. «Seit 1457. Ein Mann hat Sie damit in einem früheren Leben verletzt.» Die sachliche Bestimmtheit, mit der Brigitte Heim spricht, und die Tatsache, dass sie über Beschwerden Bescheid weiss, von denen ich ihr nicht erzählt habe, verunmöglichen es mir, diese ungeheuerliche Aussage einfach so vom Tisch zu wischen. Meine Identität, die ich bislang fraglos aus all dem bezog, was mich von meiner Geburt im Jahr 1970 bis heute geprägt hat, gerät für einen Moment ins Wanken: Was könnte ich sonst noch alles erlebt haben? Ich muss Wasser trinken.

Als Nächstes setzt sich Brigitte Heim mit der geistigen Welt in Verbindung. Es ist ganz still im Raum, mein Blick wandert über das Clubtischchen, die Mineralwasserflasche, die nackten Betonwände. Brigitte Heim fragt – wahrscheinlich die geistigen Wesen – laut nach der Ursache der Rückenschmerzen. Stille. Und wimmelt unwirsch ab: «Keine Zahlen, Ursachen bitte.» Doch die geistige Welt spuckt heute für mich nur Jahreszahlen aus. Als ich 12 Jahre alt gewesen sei, übermittelt Brigitte Heim, müsse etwas Einschneidendes in meinem Leben geschehen sein, ebenfalls mit 20, 21 und 27 Jahren. Worauf beziehen sich diese Daten? Einigen kann ich nach längerem Überlegen eine Begebenheit zuordnen – oder lassen mich die genannten Jahreszahlen bloss annehmen, eine bestimmte Begebenheit sei wichtiger gewesen als eine andere?

Nun beginnt die eigentliche «Operation». Ich ziehe meine hohen Schuhe aus, um Boden unter den Füssen zu haben, sicher ist sicher. Die Heilerin schickt «alle Seelen, die an mir dranhängen» weg. «Warum müssen sie weg?», frage ich belustigt. «So stelle ich sicher, dass ich auch wirklich an Ihrer Seele arbeite.» Schon wieder so ein Versatzstück, ein Knochen, der mir vor die Füsse geworfen wird. Ich versuche das Gehörte irgendwie einzuordnen, schaffe es aber nicht. In meinem Kopf knirscht es nur noch. «Jetzt geht alles raus», sagt Brigitte Heim zu mir. Und zu irgendwelchen anderen Wesen: «Entfernt bitte das Messer.» «Geht jetzt zur Wirbelsäule.» «Zum Solarplexus.» «Schaut euch die Organe an.» «Leitet Bakterien aus.» Meine Beine fühlen sich auf einmal tonnenschwer und seltsam an. Die Heilerin stellt fürsorglich einen Stuhl neben mich.

Später erklärt sie mir, die Anweisungen hätten den «geistigen Ärzten» gegolten. Diese seien in einem früheren Leben ausgezeichnete Ärzte auf Erden gewesen. «Jetzt arbeiten sie mit eigentümlichen Geräten, mit denen scannen sie kurz, dann lasern sie. Und zack, ist es wieder in Ordnung.» Das klingt verrückt, aber ist das nicht auch die Tatsache, dass sich meine Beine vorhin plötzlich bleischwer angefühlt haben? Brigitte Heim ist jedenfalls der Ansicht, es habe «ganz, ganz heftig» in meinem Körper gearbeitet. Sie mache eben gern «alles auf einmal», wolle nicht, dass die Leute von ihr abhängig werden. Das Interview verschieben wir auf später, dazu wäre ich jetzt nicht mehr in der Lage. Ich taumle hinaus ans Licht.Etwas ist mit mir passiert. Doch was genau? Am Tag nach Brigitte Heims Behandlung ist die Zahnfleischinfektion weg, und das ist sie geblieben bis zum heutigen Tag. Auch die Rückenschmerzen lassen nach. Leider nur vorübergehend. Bin ich ein Opfer des Placeboeffekts geworden? Hatte ich vorübergehend weniger Schmerzen, weil sich jemand um mich gekümmert hat und ich daran geglaubt habe, dass die Behandlung hilft? Die Schulmedizin würde das so sehen, gilt der Placeboeffekt doch als Standardeinwand in der Diskussion ums umstrittene Geistheilen. Dabei übersehen die Schulmediziner gern, dass der Effekt auch in ihren Praxen eine Rolle spielt. Und auch, dass Geistheiler sogar bei Tieren und in so genannten Blindstudien, in denen sie ohne das Wissen der Patienten auf diese einwirkten, rätselhafte Erfolge erzielten.

Brigitte Heim bemerkte ihre Fähigkeiten zum ersten Mal nach einem Unfall in der Kindheit: Ihr Bruder warf ihr einen Stein an den Kopf, sie wurde ohnmächtig. Danach hörte und sah sie Dinge, die sie eigentlich nicht wissen konnte. In einem langen autodidaktischen Prozess perfektionierte sie ihre Fähigkeiten, für die Lehren wie jene von der Reinkarnation, vom Ätherkörper oder von den Chakras eine Rolle spielen, bis sie ihre «mediale Energiearbeit» Privatpersonen und Firmen anbieten konnte. Unter Berücksichtigung strenger ethischer Grundwerte, möchte sie festgehalten haben. «Ich respektiere den Willen der Patienten und gehe in der Behandlung nicht weiter, als sie es wünschen.»

Es ist nicht aussergewöhnlich, sagt die Freiburger Religionswissenschafterin Riti Sharma, Co-Autorin der Deutschschweizer Ausgabe des Heilerbuchs, dass sich Heiler mit verschiedenen spirituellen Ansätzen auseinander setzen, um sich dann eine eigene Welterklärung zu konstruieren. Da das Geistheilen nicht von der Krankenkasse vergütet wird, bilden sich zudem viele von ihnen in alternativen Therapien wie Reiki oder Shiatsu aus, mit denen sie ihre Heiltätigkeit quersubventionieren.

Ich rufe Brigitte Heim an, um sie zu interviewen. Sie möchte das Gespräch nun doch lieber nicht am Telefon führen und schlägt einen Termin vor – ausgerechnet an meinem Geburtstag. Ich staune, sie lacht: Das Datum habe sich «einfach gut angefühlt».

Beim nächsten Treffen erzähle ich von meinem Rückfall. «Das irritiert mich überhaupt nicht», sagt sie nüchtern. «Man denkt vielleicht: Es hat nicht geholfen. Aber das stimmt nicht. Der Prozess hat begonnen. Man muss den richtigen Rhythmus und Weg finden, seine Lebensaufgaben anzupacken.» Welches sind denn meine Lebensaufgaben? Sie geht in sich, schweigt, antwortet dann: «Sie müssen sich besser vertreten lernen.» Worauf sich folgender absurder Dialog entwickelt: «Woher wissen Sie das?» – «Ich höre Ihre Seele sprechen.» – «Was sagt denn meine Seele?» – «Sie sagt: Du möchtest sehr weit springen, aber ich halte dich ein bisschen zurück. Erst überlegen, dann springen.» – «Ich überlege doch die ganze Zeit!» – «Tun Sie das wirklich?» – «Etwa nicht?» Mit gesenkter Stimme fährt sie fort: «Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, dazu habe ich nicht das Recht.» Natürlich möchte ich jetzt unbedingt wissen, was sie mir verschweigt, doch da sie selbst in Betracht zu ziehen scheint, dass mich diese Information überfordern könnte, siegt die Furcht vor der Antwort. Ich schlucke die Frage runter, ein unangenehmes Gefühl.Ich müsse lernen, mehr aus dem Herzen heraus zu agieren, kommt sie später noch einmal auf das Thema Lebensaufgaben zurück. «Sagt Ihnen das etwas?» Ich muss sofort an den Erziehungsstress mit meinem vierjährigen Sohn denken, der sich in den vergangenen Wochen aufgebaut hat, und frage verunsichert: «Hat es mit den Kindern zu tun?» Sie: «Mit dem Kleinen. Ich sehe viele Bilder von ihm und Ihnen. Wie Sie mit dem Kopf zu ihm reden. Anstatt aus dem Herzen.» Ich schlage die Hände vors Gesicht, Tränen schiessen mir in die Augen. Es tut mir augenblicklich extrem Leid, dass ich es so oft zum Machtkampf habe kommen lassen.

«Jetzt geht der Druck auf der Brust langsam weg», stellt sie richtig fest. «Sie haben es angenommen, zu hundert Prozent.» Zu Hause schliesse ich meinen Sohn in die Arme. Es verändert sich etwas zwischen uns, so, wie sie es prognostiziert hat, wir erleben eine innige Zeit. Auch die Rückenschmerzen sind jetzt wieder weg. Doch nach einigen Wochen kehrt der Druck auf der Brust zurück. Und damit auch der Zweifel.

Um mehr über meine Heilungschancen zu erfahren, rufe ich Harald Wiesendanger an, der zahlreiche Bücher zum Thema Geistheilen geschrieben hat und die wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit überblickt. In der Regel handelt es sich bei diesen Studien um Arbeiten von Diplomanden oder Dissertanten, eine gross angelegte Untersuchung fehlt bis heute. «Weder Wissenschafter noch Geldgeber wollen sich an diesem so genannt esoterischen Thema die Finger verbrennen», bedauert Harald Wiesendanger, der überzeugt ist, dass «Geistheilen mehr ist als blosses Placebo». Die  Patienten profitierten in der Regel «erstaunlich viel», auch wenn sie in den wenigsten Fällen vollständig gesund würden. Je fortgeschrittener und chronifizierter eine Krankheit sei, desto geringer sei die Aussicht auf Erfolg. Und natürlich seien die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Heilern enorm. «Es gibt einige wenige ausgezeichnete und eine grosse Anzahl, vor denen man die Patienten eher in Schutz nehmen muss.» Zum Thema Rückfälle sagt er: Leider gebe es nur eine einzige Studie, in der ein halbes Jahr nach Abschluss der Behandlung nach dem Gesundheitszustand der Patienten gefragt worden sei. Erwartungsgemäss habe es viele Rückfälle gegeben. «Aber die gibt es in der Schulmedizin auch.»

Ich entschliesse mich, eine zweite Heilerin aufzusuchen. Meine Wahl fällt auf die Belgierin Anouk Claes, die eng mit dem Psychiater Jakob Bösch zusammenarbeitet, ehemaliger Leiter der Externen Psychiatrischen Dienste Basel-Landschaft und Verfasser zweier Bücher zum Verhältnis von Schulmedizin, Spirituellem Heilen und Versöhnung. In dieser Funktion hat Jakob Bösch Ende der Neunzigerjahre den Spagat zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität versucht. Er stellte in seiner Klinik eine Geistheilerin an, was zu einer erbitterten Debatte führte und ihn beinahe den Job kostete. Doch Jakob Bösch hat sich nie beirren lassen, für ihn ergänzen sich Schulmedizin und Geistheilen. Über seine Zusammenarbeit mit der Hellseherin Anouk Claes sagt er: «Sie sieht nicht wie die meisten andern Heiler eine Bildabfolge, sondern ruft systematisch und schnell Informationen ab. Sie verblüfft mich immer wieder. Ihre Diagnosen sind erstaunlich treffsicher.»
Ich verabrede mich mit den beiden im Park Grün 80 in Basel. Abgesehen von ihren wallenden Locken sieht Anouk Claes eher aus wie eine Büroangestellte denn wie ein Medium. Sie trägt unauffällige Kleider in Naturtönen und raucht eine Zigarette. Sie wirkt reserviert, nicht fassbar. Für die  Konversation scheint der gut gelaunte Jakob Bösch zuständig zu sein. Wir setzen uns in ein Café. Ich versuche die Gäste an den Nebentischen auszublenden und erzähle von diesem Druck auf der Brust und vom Rücken.

Anouk Claes, deren Blick bis jetzt in der Ferne umhergeschweift ist, während sie – wie Jakob Bösch später erklärt – meine Gefühle, meinen Geist, mein Ego und meinen Körper analysiert und in Prozentzahlen ausgewertet hat, richtet zum ersten Mal das Wort an mich: Sie fragt, wie meine Beziehung zur Materie, zu Geld, teuren Dingen wie Autos oder Schmuck sei. Etwas überrumpelt gestehe ich, dass ich das unbedingte Habenwollen nur in Bezug auf mein Traumhaus kenne – das ich seit Jahren suche und nicht finde. Für Anouk Claes passt das ins Bild. «Ihr Bezug zur Materie ist wechselhaft», sagt sie. Und konfrontiert mich dann mit ihrer Diagnose: «Sie haben ein Problem mit der Struktur.» Die Beziehung zu den Eltern sei die ureigenste Struktur jedes Menschen, sagt sie. «Diese Beziehung ist bei Ihnen zu schwach, weil Sie sich zu stark von Ihren Eltern abgrenzen.» Auch meine Rückenprobleme seien im Grunde genommen ein strukturelles Problem, denn der Rücken sei das Gerüst des Körpers. Und dass ich kein Haus finden würde, habe ebenfalls mit Struktur zu tun. «Die Struktur ist, ich drücke es mal so aus, generell nicht kooperativ mit Ihnen.» Obwohl ich natürlich zum ersten Mal höre, dass man «ein Problem mit der Struktur» haben kann, hat es für mich doch etwas Überzeugendes, all die Dinge, die in meinem Leben nicht so rund laufen, als Symptome des gleichen Problems zu betrachten.

Um es zu lösen, sei es notwendig, erst einmal die Beziehung zu Mutter und Vater zu verbessern. Es sei zwar richtig, dass ich mich auf der Handlungsebene teilweise von ihnen abgrenzen würde. Aber geistig, fährt Anouk Claes fort, dürfe man das nicht machen. «Im Geist sollten wir immer mit unseren Eltern verbunden sein. Denn wir sind biologisch programmiert, sie zu lieben.» Eine Binsenwahrheit, denke ich und frage: Was soll ich jetzt tun? Meine Eltern öfter sehen, sie öfter anrufen? «Nein. Strahlen Sie Ihre Eltern einfach mit Liebe an. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Scheinwerfer in der Brust, damit strahlen Sie sie in Gedanken an.» Obwohl das ziemlich absurd klingt, probiere ich es aus.
Es fällt mir zwar schwer, mich unter den Augen meiner Berater zu konzentrieren, trotzdem meine ich so etwas wie Strahlen fühlen zu können. Wenn ich die Beziehung zu meinen Eltern derart verstärkt habe, ist Anouk Claes überzeugt, werde es auch meinem Rücken besser gehen. Diese Aussicht gefällt mir.

Allerdings bin ich auch verwirrt: Hat Anouk Claes’ Universum eigentlich irgendetwas mit demjenigen von Brigitte Heim zu tun? Wie viele geistige Welten gibt es? «Es gibt unterschiedliche Darstellungsarten der geistigen Welt», versucht mich Jakob Bösch, der sich auch als Brückenbauer versteht, zu beruhigen. «Sie müssen sich das wie eine Statistik vorstellen, die man je nach Computer und Programm auf unterschiedlichste Arten darstellen kann: Der Zusammenhang bleibt derselbe.»

Anouk Claes konnte bereits als kleines Mädchen Geistwesen, Energiefelder und die Gefühle anderer Leute sehen. «Ich konnte nie verstehen, warum die Menschen so oft die Unwahrheit über ihre Gefühle sagten. Das machte für mich überhaupt keinen Sinn, weil ihre Gefühle für mich ja offensichtlich waren. Erst mit der Zeit realisierte ich, dass nur ich das sehen kann.» Die fünf Gefühle Liebe, Hass, Trauer, Wut und Eifersucht nimmt sie als farbige Volumen im Oberkörper wahr. Nach bestimmten Erlebnissen können sich laut Anouk Claes Teile der Gefühle abspalten und anderswo im Körper festsetzen, was zu Beschwerden und Schmerzen führt.

«Bei Ihnen hat sich die Trauer mit der Liebe vermischt», diagnostiziert sie in ihrer ruhigen Art, die nie den Eindruck aufkommen lässt, als würde sie ihr spezielles Wissen für etwas Besonderes halten. «Sie lieben, aber Sie spüren es manchmal nicht so richtig. Das fühlt sich dann so an, als wären Sie etwas abgetrennt von den andern. Das sind sehr feine Sachen, aber sie stören.» Zu meiner Erleichterung hält sie auch gleich fest, dass sie in meinem Leben aber keine Dinge sehe, die aufgearbeitet werden müssten, «da ist zur Genüge nachgedacht worden», lacht sie, als hätte sie soeben etwas sehr Lustiges gesagt. Ich schaue irritiert zum Psychiater, auch er lacht. Schliesslich lache ich mit, es fühlt sich befreiend an. In diesem Moment fasse ich den Entschluss, Anouk Claes’ «Therapie»  auszuprobieren. Ist sie nicht tausendmal einfacher, direkter und sympathischer als langweilige Physiotherapie oder schmerzhaftes Grübeln auf der Couch des Psychiaters?
Um meine Liebe und Trauer wieder zu trennen, schlägt sie mir folgende Übung vor: Ich soll kurz nacheinander an etwas sehr Trauriges und an etwas, was mir sehr lieb ist, denken. Als unterstützendes Medikament empfiehlt sie mir den täglichen Konsum einer TV-Soap, da in einer Folge meist alle Gefühle enthalten seien und ich diese ganz einfach üben könne, indem ich emotional mitgehen würde.

Wieder zu Hause, stelle ich mir die entscheidende Frage: Hat es genützt? Tatsache ist, dass meine gesundheitlichen Probleme nach Brigitte Heims Behandlung zumindest vorübergehend verschwunden sind. Obwohl ich etwas enttäuscht über die Rückfälle bin, kann ich mir vorstellen, dass dieses Auf und Ab Teil eines Prozesses ist, den die Heilerin angeschoben hat und der mich noch überraschen wird. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, sind die Rückenschmerzen fast weg.

Ob Anouk Claes’ Beratung ein Erfolg war, kann ich noch weniger abschätzen. Der «wechselhafte Bezug zur Materie», die «Probleme mit der Struktur», das «Vermischen von Liebe und Trauer», so neu und eigenartig diese Befunde für mich auch sind, sie lösen bei mir doch das Gefühl aus: Ja, das gehört zu mir. Gleichzeitig komme ich mir ein bisschen vor wie ein Zauberlehrling, dem die Lehrmeisterin soeben die Zauberformel verraten hat und der nun voller Ungeduld herausfinden möchte, ob sich damit auch wirklich zaubern lässt. Also übe ich täglich. Und wenn in «Grey’s Anatomy» wieder jemand den Kampf gegen eine schlimme Krankheit verliert, heule ich. Ich fühle mich von Tag zu Tag besser.

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