Pädophilie: Absolut tabu

Text: Silvia Tschui
Illustrationen: Shout

Er ist pädophil - und hat sich deshalb für ein Leben ohne Sex entschieden.

Marco (37) ist pädophil. Aber in sexueller Absicht ein Kind anfassen, das könnte er nie tun, sagt er.

Ist Marco ein «Schwein, das auf den elektrischen Stuhl gehört!!!»? Marco hat ein System verinnerlicht. Eine grüne Karte bedeutet Sicherheit. Ein Kind anlächeln. Mit den Händen im Zug Schattenwürfe tanzen lassen, einen Hund, einen Vogel. Sich darüber freuen, dass das Kind zurücklächelt. Wenn sich später beim Aussteigen die Hand des Kindes wie  selbstverständlich in die seine schiebt: Liegt das jetzt noch im Bereich der grünen Karte? Marcos Herz klopft, er erschrickt, lässt los, entzieht sich. Eine grüne Karte bedeutet: im Matheclub einmal pro Woche mit Jungs knifflige Aufgaben zu lösen. Dass er «als erfahrener Knobler den Jüngeren etwas beibringen darf». Wenn Marco mit einem Buben über einem Problem sitzt, dann stottert er nicht.

«Wer diese miesen Ratten beschützt, ist mitschuldig!!!» Die Kommentare, stets mit drei Ausrufezeichen versehen, stammen nicht etwa aus der «Bild»-Zeitung, sondern aus dem Forum von «Spiegel online». Es war die Berichterstattung zu den Missbrauchsfällen an der deutschen Odenwaldschule im Frühjahr, welche diese Reaktionen hervorrief. «Die öffentliche Wahrnehmung verurteilt Männer mit einer sexuellen Präferenz, die auf Kinder ausgerichtet ist, allein auf Grund der Neigung. Die reine Fantasie wird mit einer unmittelbar bevorstehenden Handlung gleichgesetzt», sagt dazu der renommierte deutsche Sexualtherapeut Christoph J. Ahlers. Dies sei falsch und unfair: «Es handelt sich ja nicht um eine Personengruppe, die – ausser dass sie sich von Kindern angezogen fühlt – durch einheitliche Persönlichkeitsstrukturen gekennzeichnet ist: Es gibt Arschlöcher und es gibt Liebevolle, es gibt Verantwortungsvolle und Rücksichtslose.»

Marco ist ein Kernpädophiler und würde damit, wenn er jemals straffällig geworden wäre, zum ersten von drei Täterprofilen gehören. Kernpädophile sind Männer – und vereinzelt Frauen, doch hierzu später mehr –, die ihr sexuelles Interesse seit der Pubertät ausschliesslich auf Kinder ausrichten. «Ich fühle mich zehn- bis elfjährigen Jungen am stärksten verbunden», sagt Marco. «Das war die Zeit, in der ich in zwei verschiedene Kinderheime musste. Geborgenheit gab es damals nur im Gedanken, dass ich nicht allein litt, dass es andere Jungen gab, die dasselbe erlebten.» Unmenschlich sei es gewesen, kalt und grausam. Marco bleibt bei Schlagworten, will nicht näher auf die Erfahrungen in den Heimen eingehen. Im Alter von 14 Jahren darf er wieder nach Hause, zur Mutter und drei Schwestern.

Seine Fixierung auf Buben bleibt. Unwiderruflich, unheilbar, bis ans Lebensende. Im Fachblatt «Archives of General Psychiatry» publizierte eine Forschungsgruppe der Universität Magdeburg im Juni 2007 ihre Resultate der «Hirnpathologie pädophiler Straftäter»: Die rechte Seite der Amygdala, eines auch als Mandelkern bezeichneten zentralen Gebiets des Gehirns und Entstehungsort von Emotionen, sozialen Bindungen, sexueller Prägung und Erregung, ist bei pädosexuellen Straftätern deutlich in der Grösse reduziert. Auch wenn neurologische «Neuverschaltungen» einzelner Nervenzellen in einem Gehirn durchaus möglich sind – das Wachstum einer Amygdala ist nach der natürlichen, altersgemässen Entwicklung unwiderruflich abgeschlossen. Hirnforscher gehen davon aus, dass eine Störung in der sexuellen Ausrichtung nur schon rein biologisch-neurologisch nicht umkehrbar ist.
Unklar bleibt nach heutiger Forschung, was diese «Verkümmerung» auslöst. Ein «bio-psycho-sozialer Entstehungsprozess» lautet der schwammige Versuch einer Definition der Ursache in Band 12 des Standardwerks «Sexuologie». Christa Gubler vom Zürcher Institut für klinische Sexologie und Sexualtherapie (Ziss) spricht von einem «Anziehungscode»: Vermutlich müsse zu einer biologischen Disposition eine willkürliche, plötzliche Verbindung diverser Wohlgefühle in einer bestimmten Situation kommen. Diese löse – geschehe sie denn in einem bestimmten Alter – eine nicht mehr reversible sexuelle Prägung aus.

Während also eine pädophile Prägung unumkehrbar scheint, ist der Umgang damit, dies die gute Nachricht, sehr wohl therapierbar: In einer «deliktbezogenen Therapie» – «Knochenarbeit», meint Christa Gubler – werden potenzielle oder bereits straffällig gewordene Täter mit ihren Rechtfertigungsmustern («das Kind ist auf mich zugekommen», «auch Kinder sind sexuelle Wesen») konfrontiert. Ein weiterer Fokus liegt auf den manipulativen Strategien, mit denen Pädophile gezielt Freundschaften zu Kindern und deren oftmals allein erziehenden Müttern aufbauen.

Ziel einer solchen Therapie kann keine «Heilung» von Pädosexualität sein; Deliktvermeidung und Opferschutz stehen im Vordergrund. Marco selbst findet zu den Ursachen seiner Pädophilie folgende Worte: «Bestimmt haben meine Kindheitserfahrungen eine Rolle gespielt. Es gibt aber viele Menschen, die eine schwere Kindheit hinter sich haben. Längst nicht alle werden später pädophil.» Dennoch scheint ihm ein Zusammenhang mit bestimmten Kindheitserlebnissen sehr wahrscheinlich: «Viele Pädophile hatten offenbar eine gestörte Vaterbeziehung, ihnen fehlte das männliche Vorbild.»

Wie auch ihm. Marcos Schwierigkeiten begannen lange vor dem Kinderheim: Der Vater verliess die Familie, als Marco acht war, die Mutter war schwer depressiv und mit vier Kindern überfordert. Der Junge versteht die Absenz seines Vaters nicht, verstummt, findet keinen Kontakt mehr zu anderen Kindern. Er beginnt zu stottern, niemand weiss ihm zu helfen. Es folgen die Jahre in den Kinderheimen.

Gelbe Karte: «Einmal haben sich an einer Bushaltestelle zwei Jungen neben mich gesetzt. Die Bank war zu klein für drei, und so sass ich extrem dicht gedrängt neben den beiden. Oberschenkel an Oberschenkel.» Marco steht unverzüglich auf, dabei fühlt er sich noch nicht einmal sexuell angesprochen. «Ich hätte aber nicht mit absoluter Sicherheit  ausschliessen können, dass sich eine sexuelle Erregung eingestellt hätte, wäre ich länger so dicht gedrängt mit ihnen zusammengesessen.»

Kernpädophile wie Marco, obwohl ausschliesslich auf Kinder fixiert, sind nicht für die Mehrheit der Übergriffe verantwortlich. Sie machen sogar den prozentual kleinsten Teil aller Missbrauchstäter aus. Eine Untersuchung der American Psychiatric Association aus dem Jahr 1999 geht davon aus, dass sich bei maximal einem Viertel aller Täter, die sich Übergriffe auf Kinder zu Schulden kommen lassen, überhaupt eine pädophile Ausrichtung diagnostizieren lässt. Neuere Zahlen sprechen sogar von nur zehn Prozent.
Die meisten Übergriffe werden – dies das zweite Täterprofil – von Männern begangen, deren Sexualität, anders als bei Kernpädophilen, primär auf Erwachsene ausgerichtet ist. Sie verstehen es aber nicht, einen Erwachsenen für sich zu gewinnen. Es sind dies: der schüchterne Onkel, der sich mit seinen Neffen gut versteht. Der Vater, der sich eine dominante Partnerin ausgesucht hat. Der Lehrer, der es besser mit Kindern kann als mit Erwachsenen. Der Sportclubleiter, der sich von Gleichaltrigen eingeschüchtert fühlt.

Und wie ist das bei unvorstellbar grausamen Gewaltverbrechen, wie sie beispielsweise der belgische Kinderschänder Marc Dutroux verübt hat? Auch diesen «antisozialen Gewalttätern» – das dritte Täterprofil – geht es nicht primär um Kinder, sondern um die Ausübung absoluter Macht und Kontrolle. Kinder sind da lediglich die einfachsten, da am leichtesten zu überwältigenden Opfer. Diese Verteilung der Täterprofile gilt übrigens auch für Kindsmissbrauch durch Frauen – eine Realität, die laut Christa Gubler noch stärker tabuisiert wird als männliche Pädophilie und familiärer Inzest. Die Sexualtherapeutin behandelt zurzeit gleich zwei Frauen, die Kinder massiv missbrauchten. Ursachen und Verhalten seien aus ihrer Sicht gleich wie bei Männern. Der einzige Unterschied sei der noch dürftigere Forschungsstand.

Zurück zu Marco an der Bushaltestelle: Als er sich hastig von der Bank entfernt und so tut, als würde er die Anzeigentafel lesen, fragt ihn der eine Bub, wann der Bus komme. Dann lacht ihn der Bub an. Marcos Herz geht auf. Er sitzt eine Woche später um dieselbe Zeit an derselben Stelle, ebenso die Woche darauf. Doch der Bub kommt nicht mehr. Jahre später hat Marco dieses Lachen immer noch nicht vergessen.

Wie richtet sich nun ein Pädophiler, der aus moralischen Gründen weder jemals ein Kind anfasst noch Kinderpornografie konsumiert, sein Leben ein? (Marco sagt, er liebe Kinder ja und wolle deshalb nie, niemals einem Kind schaden.) Vier Säulen, sagt die Sexualtherapeutin Christa Gubler, halten einen Menschen mental stabil: erstens die berufliche Selbstverwirklichung und Sicherheit. «Die ersten Jahre im Gymnasium galt ich als begabt und war einer der Besten meiner Klasse», sagt Marco. Im Alter von 15 Jahren verliebte er sich aber nicht wie pubertierende Mädchen in einen Popstar. Und schon gar nicht verliebte er sich in pubertierende Mädchen. Sondern in den Hauptdarsteller der Kinderserie «Der Stein des Marco Polo». Der war: schön, mutig und nett zu den Kameraden.

Seither lautet das Pseudonym, unter dem er über sich und seine Pädophilie Auskunft gibt, Marco – der Name, der ihn an die TV-Serie erinnert, in der seine erste grosse Liebe mitspielte. Im Gegensatz zu den Schwärmereien anderer Teenager war Marcos erste Liebe ungleich schwieriger: «Ich wurde depressiv, weil mich unter anderem meine pädophilen Fantasien stark belasteten.» Es folgten der Schulabbruch und zwei Jahre Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Marco musste dreissig werden, um nach diversen Therapien die Unabänderlichkeit seiner sexuellen Vorliebe anzuerkennen. Mit dem Akzeptieren des Unveränderlichen kam eine fragile Stärke: «Erst seit einem Jahr, nach einem weiteren stationären Aufenthalt und einer technischen Ausbildung in einer Rehabilitationseinrichtung, arbeite ich in einem richtigen Beruf.» Seine wahre Berufung aber, die findet er anderswo: Marco schreibt so differenziert und klar wie ein Akademiker – nachzulesen auf seiner Selbsthilfe-Website Schicksal-und-Herausforderung.de.
«Familie und Freundschaften», sagt Christa Gubler, «sind die zweite Basis, auf die sich mentales Wohlbefinden stützt.» Hat sich Marco jemals jemandem anvertraut? «Einmal, da dachte ich, ich hätte endlich eine Freundschaft, die ein Outing überleben könnte.» Marco hatte sich mit einem Mann im Matheclub angefreundet. Bei einer Einladung zum Nachtessen offenbarte er sich zum ersten Mal einem Nichttherapeuten. Das Resultat: «Erst ein schleichender Rückzug, dann die Drohung, wenn ich im Club weiter mit Kindern spiele, würde er alles dem Vorstand sagen und meinen Ausschluss beantragen.» Marco wagt die Flucht nach vorn, den «mutigsten Schritt meines Lebens», spricht selbst mit dem Vorstand und erhält: Vertrauen! «Auch mit den Kindern darf ich weiter spielen, wofür ich bis heute unendlich dankbar bin.» Trotzdem: «Private Kontakte habe ich wenige.» Auch keine Beziehung zu einem Erwachsenen – noch nie. Und natürlich auch keine eigene Familie: «Einerseits wäre es ein wunderschöner Gedanke, Vater zu sein und eigene Kinder zu haben.  Andererseits sehe ich nicht, was ich einem Kind bieten könnte. Ein Kind braucht stabile Familienverhältnisse mit Vater und Mutter, von denen es geliebt wird und auf die es sich verlassen kann. Eine solche Familie kann ich einem Kind nicht bieten und werde es als Pädophiler wahrscheinlich auch niemals können.»

Die Psychologin Christa Gubler nennt «eine geordnete, angenehme Wohnsituation» als dritte Säule der mentalen Gesundheit. Immerhin: Marco zog zwar erst im Alter von 34 Jahren bei seiner Mutter aus, lebt aber seither in einer eigenen kleinen Zweizimmerwohnung.

Wie findet man einen Pädophilen, der hinsteht und von sich spricht? Und wie findet man einen Pädophilen, der – «aus Eigenverantwortung und aus Liebe», wie Marco sagt – seine Neigung nicht auslebt? Marco ist, bei aller Sympathie, eine Ausnahme. Kontaktversuche auf diversen Websites wie «Jungsforum – die Plattform für Boylover» oder Aushänge in diversen Anlaufstellen für Pädophile fanden kaum Resonanz. Ein einziges E-Mail eines anonymen Pädophilen mit Nickname Kerus stellt die Absicht dieses Artikels folgendermassen in Frage: «Es stimmt nicht, dass jeder sexuelle Kontakt mit Menschen unter 14 für diese schädlich ist.» Der Verzicht auf das Ausleben der Sexualität würde bei einem Pädophilen «Depressionen, Paranoia und psychosomatische Krankheitsbilder » fördern. Deshalb sei es geradezu zynisch und naiv, jemanden, der bewusst auf das Ausleben seiner Sexualität verzichtet, zu porträtieren und somit zu «ehren».

Die vierte Säule für mentale Stabilität – unmöglich für einen Pädophilen – ist eine «regelmässige, einvernehmliche Sexualität». Eine Situation, in der die innere rote Karte aufleuchtet, hat Marco noch nie zugelassen. Kinderpornografie ist für Marco ein Tabu. «Meine Sehnsüchte sexueller, aber auch beziehungsmässiger Art werde ich niemals erfüllt bekommen. Für mich liegt aber im rein freundschaftlichen Zusammensein mit Kindern im Matheclub ein wichtiger Trost.» Für alle anderen Bedürfnisse müsse der Quelle-Kindermode-Katalog reichen. «Da kommt wenigstens kein Kind zu Schaden.»

Harte Fakten
Internationale Studien gehen davon aus, dass etwa ein Prozent aller erwachsenen Männer zur Gruppe der Kernpädophilen gehört, deren sexuelles Interesse sich ausschliesslich auf Kinder ausrichtet. In der Schweiz leben etwas mehr als 2.5 Millionen Männer im sexuell aktiven Alter. Sind die Studien akkurat, so leben in der Schweiz etwa 25 000 Männer mit kernpädophiler Prägung. Geht man gemäss neuster Forschung davon aus, dass nur zehn Prozent aller Täter zu dieser Gruppe gehören, so kommt man auf eine Dunkelziffer von 250 000 Männern mit poten­ziellen pädosexuellen Neigungen. Für Frauen existieren keine Erhebungen.

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Von Jessica Prinz