Wie ist es eigentlich, mit einem schwulen Mann verheiratet zu sein?

Aufgezeichnet von Katja Richard
Foto: SXC

Ursula Koch * (44), aus Basel, erzählt...

Unsere zweite Tochter war gerade acht Wochen alt, als mir mein Mann offenbarte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Es war ein Schock. Wir waren doch eine Traumfamilie! Er hatte Karriere gemacht, ich war Mutter, Hausfrau und engagierte mich in der Gemeindebibliothek.

Das ist jetzt 17 Jahre her. Wir beschlossen zusammenzubleiben. Seine homosexuelle Neigung, die sollte unser Geheimnis sein. Andere Familien haben auch Geheimnisse. Abmachung war, dass er mir sagt, wenn er sich in jemanden verliebt und es ausleben möchte. Für die meisten ist es eine traumatische Erfahrung, wenn auskommt, dass der Partner homosexuell ist. Für mich war das anders, weil mein Mann ehrlich zu mir war und mich nicht hintergangen hat. Und er konnte ja nichts dafür, er war noch jung und unerfahren, als wir zusammenkamen. Kennen gelernt hatte ich ihn mit 18, er war sechs Jahre älter. Sein Vater hatte ihn immer aufgezogen, ob mit ihm etwas nicht stimme, weil er nie eine Freundin gehabt hatte. Für mich war es ebenfalls die erste Beziehung. Auch sexuell. Nur geküsst hatte ich, einmal in Italien in den Ferien.

Unsere damalige Vereinbarung mag merkwürdig klingen. Aber ich war 27, hatte mit ihm zwei kleine Kinder, und wir liebten uns auf unsere Weise. Ich war mit Herzblut Familienfrau und wollte nicht alleinerziehend sein. Zudem wünschten wir uns beide eine grosse Familie. Zwei Jahre später brachte ich ein weiteres Kind zur Welt.

Das alles ging lange gut. Niemand wusste von unserem Geheimnis, weder meine beste Freundin noch meine Eltern. Mein Mann war beruflich engagiert, ich war als Teilzeit berufstätige Mutter mehr als ausgelastet. De facto kümmerte ich mich ja allein um die Kinder.

Vor vier Jahren erfüllten wir uns dann einen alten Traum. Wir übernahmen im Nachbarkanton ein altes Restaurant. Zwei Tage vor dem Umzug erzählten wir den Kindern, wie es um uns beide stand. Das Schlafzimmer liessen wir dabei aus. Die Kinder nahmen es recht gefasst auf, wohl auch weil wir ihnen versicherten, dass wir alle zusammenbleiben würden.

Das Restaurantprojekt sah ich als Chance, aus meiner Rolle auszubrechen. Der Umzug schien wie ein Tor zur Freiheit, raus aus dem goldenen Familienkäfig. Schon nach ein paar Wochen gestand mir mein Mann dann, dass er sich verliebt hatte. Ich freute mich für ihn. Ein halbes Jahr später lernte auch ich jemanden kennen, meinen jetzigen Lebenspartner. So lebten mein Mann und ich nebeneinander her – und uns immer mehr auseinander. Vor einem Jahr kam der grosse Bruch: Ich hatte einen schweren Bandscheibenvorfall. Das machte die Arbeit im Restaurant unmöglich.

Rückblickend muss ich für das Rückenleiden fast dankbar sein; ich war gezwungen, endlich mal auf mich zu hören. Ich sah ein, wie unmöglich die Situation zwischen mir und meinem Mann war. Nicht nur weil er schwul ist. Wir tickten auch bei der Arbeit anders und hatten deshalb ständig Konflikte. Dann diese ewige Geheimnistuerei und das Getuschel. Endlich war mein Mann bereit für ein offizielles Coming-out. Ich hatte ihn schon anderthalb Jahre dazu gedrängt. Die Reaktionen aus dem Umfeld waren gut. Und für die Kinder war es letztendlich auch eine Erleichterung. Sie haben echte Freunde und können für sich einstehen, wenn es darauf ankommt.

Aus dem Restaurantbetrieb bin ich schweren Herzens ausgestiegen. Von meinem Mann lasse ich mich scheiden. Seit drei Monaten wohne ich mit meinen Kindern allein und arbeite wieder als Bibliothekarin. Im Frühling beginne ich mit einer Weiterbildung. Ich will beruflich auf eigenen Beinen stehen. Die Liebe meines neuen Partners ist mir eine wertvolle Unterstützung. Es ist so ein Glück, sich endlich ganz als Frau fühlen zu können – und begehrt zu werden. Ich war so unerfahren, so naiv, dass ich jahrelang keine Ahnung hatte, was ich im Grunde alles verpasste.

* Name von der Redaktion geändert

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