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Kinderwunsch in Spanien: Liberale Gesetze und langjährige Erfahrung

Text: Anastasia Sorvacheva; Bild: Unsplash
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit kinderwunschinfo.ch entstanden

Mit Spanien verbindet man spontan Urlaub, Sonne, Flamenco und gutes Essen. Aber das Land verfügt auch über eines der umfassendsten Reproduktionsangebote weltweit. Die über 200 spanischen Kinderwunsch Zentren leisten um die 150'000 Behandlungszyklen pro Jahr – ein europäischer Spitzenwert. Spanien gilt international als eines der beliebtesten Kinderwunsch-Destinationen.

Weshalb ist das so? Experten meinen, dass Spanien besonders gefragt ist, weil das Land grosse Erfahrung hat. Aufgrund der jahrzehntelangen liberalen Gesetzgebung bietet Spanien sehr viele Behandlungsmöglichkeiten an. bietet. Und Quantität heisst in der Reproduktionsmedizin oft auch Qualität. Die erfahrenen Spezialisten in Spanien gehören auch in der Forschung zur Weltklasse. So stammt auch ein Grossteil der wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Reproduktion aus diesem südeuropäischen Land.

Neben den heterosexuellen Paaren ist Spanien insbesondere auch bei lesbischen Paaren und single Frauen beliebt. Das Land bietet unter anderem auch eine geteilte Mutterschaft (sog. ROPA-Methode) für lesbische Paare an, oder etwa die neuesten Methoden auf dem Gebiet der Präimplantationsdiagnostik (PID/PGD).

Bei der Recherche im Internet erkennt man rasch die Vielzahl an spanischen Fertilitäts-Kliniken, welche sich um die einheimische, aber auch um die ausländischen Patienten bemühen: So verfügen viele Kliniken über mehrsprachige Internetseiten wie beispielsweise auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch usw. Spanien hat sich längst an ausländische Gäste gewöhnt und hat sich auch im Reproduktionsbereich seit vielen Jahren auf die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen eingerichtet. In den meisten Kliniken finden sich zudem Mitarbeiter (Ärzte und Betreuer), welche als Muttersprachler mit den Kinderwünschenden kommunizieren.

Gute Mund-zu-Mund-Propaganda, welche durch positive Kundenerlebnisse entsteht, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Ebenso vielfältig ist auch die Form der Dienstleistungen, welche sich permanent entwickeln. Viele unterschiedliche Behandlungs-Packages, passend zur Zielgruppe und der jeweiligen Ausgangslage. Sogar sogenannte «Schwangerschafts-Garantieprogramme» werden angeboten. Das ist zunehmend auch ein internationaler Trend.

Was sagt das spanische Fortpflanzungsgesetz? Es gibt eine gesetzliche Höchstgrenze für das Alter einer Patientin, welche höher als der europäische Durchschnitt ist. Sie liegt bei 50 Jahren, in Ausnahmefällen sogar bei 52 Jahren. In Spanien sind Eizellen- sowie Spermien- und Embryonenspenden gestattet. Sämtliche Spendenbehandlungen sind strikt anonym. Das wird in den gesetzgebenden Kreisen allerdings gerade diskutiert und könnte sich in Zukunft ändern. Einfrieren der eigenen Eizellen und von Embryonen zur Fruchtbarkeitserhaltung - aus medizinischen und auch persönlichen Gründen (Social Freezing) – ist ebenfalls erlaubt. Es gibt auch keine zeitliche Begrenzung für die Aufbewahrung der gefrorenen Eizellen und Embryonen.

Fragen an die Kinderwunsch Spezialistin

Wir haben bei Dr. Jon Aizpurua, Gründer von IVF Spain, nachgefragt.

Wie ist die Geschichte der assistierten Reproduktion in Spanien?
Dr. Jon Aizpurua: Durch das Gesetz 35/1988 über die assistierte Reproduktion beim Menschen wurde in Spanien im Jahre 1988 die Reproduktionsmedizin reglementiert. 2006 wurde dieses Gesetz durch das neue Dekret 14/2006 vom 26. Mai 2006 über die Techniken der humanen, assistierten Reproduktion ersetzt und ausgebaut. Dieses sehr liberale Gesetz erlaubt alle Arten der Fortpflanzungs- und Hilfstechniken (darunter auch Eizellspende, Embryo-Adoption und Behandlung von Alleinstehenden) und ermöglicht auch lesbischen Paaren den Zugang zur Reproduktion. Heutzutage gibt es in der Welt der assistierten Reproduktion zahlreiche verschiedene und renommierte Techniken, die darauf ausgerichtet sind, so vielen Patienten wie möglich ihren oft lang ersehnten Kinderwunsch zu erfüllen.

Welche Behandlungsmethoden sind generell sehr gefragt?
Dr. Jon Aizpurua: Die üblichen Kinderwunschbehandlungen wie IVF, ICSI und Samenspende haben natürlich auch hier eine hohe Anfrage und werden täglich durchgeführt. Aber auch andere Behandlungen, wie die Eizellspende, die Embryo-Adoption und auch Techniken wie die Präimplantationsdiagnostik, die nicht in allen Ländern erlaubt sind, sind hier sehr gefragt.

Gibt es in naher Zukunft mögliche Änderungen im spanischen Reproduktionsgesetz?
Dr. Jon Aizpurua: Es gibt Gespräche über die Änderung der Anonymität der Spender, jedoch ist bei Weitem nicht sicher, dass es in naher Zukunft Änderung in der Gesetzgebung zur künstlichen Befruchtung geben wird. Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass die Spender/innen selbst entscheiden werden können ob ihre Spende offen oder anonym sein wird.

Wie viele Menschen werden jährlich in Spanien behandelt und wie viele davon sind ausländische Reproduktionskunden?
Dr. Jon Aizpurua: Insgesamt gab es in Spanien im Jahre 2018 laut Angaben der spanischen Gesellschaft für Fertilität (SEF - Sociedad Española de Fertilidad) 149.337 Zyklen (IVF/ICSI). Darunter gab es 15.795 ausländische Patienten, also knapp 11%. Als Hauptgrund für eine Kinderwunschbehandlung in Spanien gaben die meisten Patienten an, dass die jeweilige Technik in ihrem Land illegal ist oder die Patienten selbst nicht die gesetzlichen Voraussetzungen in Ihrem Land erfüllen. Auch die bessere Qualität der Behandlungen war einer der Hauptgründe, für die Entscheidung, für eine Fertilitätsbehandlung nach Spanien zu reisen.

Aus welchen Herkunftsländern kommen diese Kunden mehrheitlich? Und mit welchem Beziehungsstatus?
Dr. Jon Aizpurua: Die meisten Patienten, welche nach Spanien kommen, sind aus Frankreich (45,7%), Italien (22,5%), England (4,4%) und Deutschland (4%). Der Beziehungsstatus dieser Patienten wird nicht statistisch erfasst. In unseren Kliniken der Gruppe IVF Spain ist es allerdings ganz anders, wir haben durch unseren Hintergrund, mit bis zu fünf deutschsprachigen Ärzten in Alicante, eine ganz andere Verteilung. Mit deutlich mehr Deutschen, Schweizer und Österreichischen Patienten (32%), sowie  aus England (31%), Frankreich (18%), Benelux/Skandinavien (12%) und aus anderen Kontinenten (6%). Die Mehrheit der Kinderwünschenden befindet sich in einer heterosexuellen Partnerschaft. Doch es kommen auch viele alleinstehende Frauen und lesbische Paare nach Spanien, um eine Kinderwunschbehandlung durchzuführen.

Wie viele Kinderwünschende kommen aus der Schweiz und was sind ihre häufigsten Behandlungsmethoden?
Dr. Jon Aizpurua: Leider gibt es in der Statistik der SEF keine Angaben dazu, wie viele Patienten aus der Schweiz kommen. Jedoch liegt die Nummer der aus Deutschland stammenden Patienten bei über 600 (4% aller ausländischen Patienten). Genauso wie schweizer Mediziner schätzen wir, dass jährlich ca. 4-500 Patienten aus der Schweiz nach Spanien reisen. Ungefähr einen Drittel davon (über 150) kommen in unsere Kliniken. Generell sind die beliebtesten Behandlungen von ausländischen Patienten die Eizellspende und Embryo-Adoption, aber auch komplexe Behandlung mit eigenen Gameten und Zuhilfenahme von Genetik (PGT-A), Immunologie oder Regenerative Medizin, da diese in der Schweiz und in Deutschland entweder verboten oder nicht richtig etabliert sind. Und wie erwähnt, ist auch die Behandlung von alleinstehenden und lesbischen Frauen ist in Spanien erlaubt, was dazu führt, dass viele dieser Patientinnen ihren Kinderwunsch in Spanien erfüllen.

Was sind die wichtigsten Vorteile, wenn man die Behandlung in Spanien macht?
Dr. Jon Aizpurua: Mit Abstand der grösste Vorteil, eine Behandlung in Spanien durchzuführen, ist das Know-how unserer Ärzte und die Flexibilität der Behandlungen im Sinne einer individualisierten Medizin. In Spanien gibt es eine grosse Anzahl an Fertilitätsspezialisten und Kliniken, die es auch in schwierigen Fällen schaffen, einen Kinderwunsch zu erfüllen. Viele der Experten sind mehrsprachig oder sogar auf deutschsprachige Patienten ausgerichtet, wodurch es keine Sprachbarrieren gibt, was bei medizinischen Behandlungen von grosser Wichtigkeit ist. Des Weiteren sind in Spanien, durch die liberale Gesetzgebung, viele Behandlungen erlaubt, die in anderen Ländern nicht erlaubt sind. Somit können sich Patienten hier ihren Kinderwunsch durch diese offene Palette an Behandlung viel eher zeitgerecht und effizient erfüllen, die in ihrem eigenen Land nicht möglich ist.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit kinderwunschinfo.ch entstanden.

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