Veganuary

Erfahrungsbericht: So war mein veganer Januar

Text: Sandra Huwiler; Bild: Unsplash

Aus reiner Neugier entschloss sich Praktikantin Sandra Huwiler dazu, etwas Neues auszuprobieren und beim Veganuary mitzumachen. Einen Monat lang ernährte sie sich rein vegan. Ein Erfahrungsbericht.

Vegane Ernährung hat mich immer etwas abgeschreckt. Rein pflanzliche Ernährung klang für mich sehr nach Verzicht. Doch wirklich ausprobiert habe ich es nie. Also dachte ich: Weg mit den Vorurteilen und einfach mal einen Monat lang nur vegan essen – die Veganuary-Challenge fand ich spannend.

Ich bin schon grösstenteils Vegetarierin und esse einfach ab und zu Fisch. Viele vegetarischen Fleischersatzprodukte stehen bei mir seit Jahren auf meiner Einkaufsliste. Sollte also machbar sein, dachte ich mir.  

Doch wir Schweizerinnen sind ganz schön obsessed mit Milch. Irgendwie war mein Kühlschrank also Anfang Januar nebst Gemüse und Früchten fast ausschliesslich mit Milchprodukten gefüllt. Ich bin eine grosse Käseliebhaberin, liebe Käse in jeglichen Varianten. Plus Joghurt. Plus Butter. Plus Crème fraîche. Und so weiter. 

Ziemlich unvegan

Und ausserhalb meines Kühlschranks sah es, vor allem in der Süssigkeiten-Ecke, nicht viel besser aus. Meine geliebten Smarties: Ab sofort ein No-Go. Die meisten Guetzli: ebenfalls. Gummibärchen: dito. Ich hätte jetzt auch einfach komplett auf Trockenfrüchte gegen die Sweet Cravings und komplett auf alles Milchähnliche und Eierhaltige verzichten können. Das hätte ich einen Monat lang eventuell sogar geschafft. Aber ich wollte nicht diätähnlich, sprich mit viel Verzicht, vegan leben, sondern wirklich ausprobieren, ob ich mich vegan ernähren könnte.

Dazu noch eine Randnotiz: Ich lebe nicht allein. Milch- und eierhaltige Produkte würde ich nicht komplett aus meinem Blickfeld verbannen können. Ich wollte also nicht mit Wasser im Mund vor der Shortbread-Packung stehen, ohne eine Alternative zu haben. Meine kleinen und grossen Mitbewohner sollten nämlich selbst entscheiden können, wie sehr sie vegan essen möchten.

Veganu-was?

Also ab in den Supermarkt, wo es erstaunlicherweise eine ziemlich passable Auswahl an veganen Milchersatzprodukten gibt. Vegane Ernährung wird immer populärer. Die Idee vom Veganuary wurde vor sieben Jahren in Grossbritannien als Nonprofit-Organisation umgesetzt. Sie soll Menschen dazu inspirieren, im Januar eine rein pflanzliche Ernährung auszuprobieren. Wer teilnimmt, erhält täglich einen Newsletter mit Rezepten und Tipps. Ich habe den Newsletter vielleicht zwei, drei Mal gelesen. Ansonsten habe ich online nach Rezepten gesucht, mir auf Pinterest Inspiration geholt oder einfach selbst ausprobiert.

Veganer Einkaufsbummel

Ich habe mich also eingedeckt mit einem kleinen Veganerinnen-Starterkit: pflanzliche Milch, pflanzliche Joghurts, pflanzliche Butter, pflanzlicher Rahmersatz und pflanzlicher Frischkäse. Dazu kaufte ich veganen Aufschnitt, vegane Schnitzel, veganes Hackfleisch, veganes Pulled Pork und veganen Landjäger.

Dazu habe ich meinen Vorrat an Kokosmilch, Tofu, Nüssen, Hülsenfrüchten, Kichererbsen, Reis, Couscous, Griess, Ebly, Reisnudeln, Tortillas und eierfreier Pasta aufgestockt. Und los gings.

Bitte unkompliziert

Gleich zu Beginn beschloss ich, keine ultrakomplizierten Rezepte zu kochen. Ich wollte es vegan, aber alltagstauglich halten. Auf Rezepte mit 22 Zutaten verzichtete ich. Ich kochte also viele Curries (mit Kokosmilch, Gemüse und allenfalls Tofu), Fried Noodles und Fried Rice (einfach ohne Ei), Pasta (mit Tomatensauce oder Pesto, ohne Reibkäse), Pizza (ohne Mozzarella), mexikanisch (minus Sauerrahm und Käse), orientalisch (einfach ohne Käse) und allerlei Gemüse.

Beim Frühstück ersetzte ich die normale Butter durch pflanzliche und es gab vorübergehend keine Gipfeli und keinen Butterzopf. Ins Müesli gab ich pflanzliches Joghurt und in den Kaffee pflanzliche Milch. Und das war so fein, dass meine nichtveganen Mitbewohner bald einmal ihre Milchprodukte – zumindest teilweise – durch meine ersetzten.

Neues Esserlebnis

Die ersten zwei Wochen war ich zwar jeweils nach dem Essen satt, war aber relativ rasch wieder hungrig. Dafür gebe es zwei Gründe, las ich. Erstens nimmt man bei rein veganer Ernährung meist Nahrungsmittel mit weniger Kalorien zu sich, plus isst man grundsätzlich weniger Fett. Und zweitens müssen sich die Verdauungsorgane umgewöhnen, denn mit der Verdauung von Industriefood und Milchprodukten ist der Körper schlicht länger beschäftigt als mit pflanzlicher Kost.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, nach dem Essen zwar satt, aber nicht voll zu sein. Die grosse Krise nach dem Mittagessen blieb aus. Und ich schlief besser. Am eindrücklichsten bemerkte ich den Unterschied meines  Wohlbefindens an meinen Cheat Days. Ich habe zuhause vegan gegessen und habe unterwegs, wenn immer möglich, veganes Essen bestellt. Wenn ich aber bei oder mit jemandem ass, wollte ich keine Vegan-Diktatorin sein. Doch dank Corona (dass ich das einmal sagen würde), waren die Verlockungen relativ gering und ich mogelte nur drei Mal. Und jedes einzelne Mal fühlte ich mich danach wahnsinnig überessen – obwohl ich keine übergrossen Portionen ass.

Spannende Entdeckungen

Das nehme ich zum Anlass, nach Ablauf meines Veganuary weiterhin gewisse Milchprodukte durch pflanzliche zu ersetzen. Meine Favoriten dafür: Hafermilch statt Kuhmilch, Kokosjoghurt statt Naturjoghurt, pflanzliche Butter statt Butter und Sojarahm statt Rahm. Käse habe ich erstaunlicherweise gar nicht so sehr vermisst, und Eier fehlten mir ebenfalls nicht. Ich nehme mir also vor, mir künftig gut zu überlegen, wann ich Milchprodukte oder Eier konsumiere. Denn rein ökologisch gesehen, sind pflanzliche Produkte um einiges umweltfreundlicher als tierische.

«Bschiissi-Fleisch»

Und beim Fleischersatz habe ich tatsächlich auch ein paar feine Alternativen entdeckt. Meine Kinder nennen diese Produkte übrigens «Bschiissi-Fleisch», und so schmecken sie irgendwie auch. Wer Fleisch wirklich mag und aus ethischen Gründen darauf verzichten möchte, findet heute viele Produkte, mit denen sich bisher geliebte Rezepte weiterhin kochen lassen. Mir – und auch meiner Familie – schmeckten Planted Chicken und Pulled, V-Love-Fake-Schnitzel und der vegane Aufschnitt von Veganz. Sobald Ersatzprodukte aber zu sehr wie Fleisch daherkommen sollen und sogar Fleischsaft simuliert wird, finde ich es zu absurd.

Mir ist es wichtig, möglichst lokale Produkte zu konsumieren. Wenn ich statt Milchprodukten Produkte mit Palmöl und anderen tropischen Inhaltsstoffen kaufe, halte ich das nicht für den bestmöglichen Ersatz. Denn was mich dieser vegane Monat gelehrt hat, ist, bewusster zu essen – und vor allem bewusster einzukaufen. Beim Check der Inhaltsstoffe in tierischen Produkten war ich gleichzeitig informiert, was in meinem Essen wirklich drinsteckt und ob es problematische Inhaltsstoffe beinhaltet. Und darauf werde ich in Zukunft definitiv weiterhin achten und viel Wert legen.
 

Meine Lieblingsrezepte aus dem Veganuary-Monat:

  • Vegane Spätzli: Mein Sohn liebt Spätzli, ungefähr genauso sehr wie ich. Deshalb musste ich die vegane Variante ohne Ei und Milch ausprobieren. Und siehe da, sie schmecken. Zwar anders als das Schweizer Tiptopf-Original, aber genauso fein.
  • Vegane Crêpes: Sonntags gibt es bei mir meist Pancakes, neu gern auch vegan. Oder Crêpes, ebenfalls vegan. Die können nämlich mit den herkömmlichen problemlos mithalten.
  • Vegane Mayo: funktioniert tatsächlich und, noch überraschender: Vegan schmeckt sie tatsächlich fast wie normale Mayonnaise mit Ei.
Sandra Huwiler ,
Beauty-Praktikantin
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