Gastro-Unternehmerin Haya Molcho

«Vier Kinder – das ist wie ein Kleinunternehmen»

Interview: Leandra Nef; Foto: zvg

Haya Molcho
«Vier Kinder – das ist wie ein Kleinunternehmen»
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Haya Molcho

Waren für ihr neustes Buchprojekt drei Wochen in Tel Aviv: Haya Molcho und ihre Söhne Ilan, Elior, Nadiv und Nuriel (v. l.), deren Anfangsbuchstaben dem Restaurant-Imperium seinen Namen gaben: «Neni»

Vor zehn Jahren hat Haya Molcho ihr erstes «Neni»-Restaurant eröffnet. Heute arbeiten 650 Menschen für die Wahlwienerin. Wir haben mit ihr und ihrem Sohn Nuriel über Familienzusammenhalt, gute Entscheidungen und ihr neustes Kochbuch gesprochen.

annabelle: Haya Molcho, Sie haben mit «Neni» ein Gastronomie-Imperium geschaffen. Drei Ihrer vier Söhne arbeiten im Unternehmen mit. Das stelle ich mir nicht unkompliziert vor. Kommt es oft zu Konflikten?
Haya Molcho: Könnte man meinen. Aber so kitschig es klingt, wir sind eine sehr harmonische Familie. Ich bin dankbar, mit meinen Liebsten arbeiten zu dürfen. Privat sind meine Söhne meine Kinder, aber bei der Arbeit sind sie meine Partner, die ich wahnsinnig schätze und bewundere. Es sind erwachsene Menschen mit tollen Ideen.

Aber es muss doch auch bei den Molchos mal Streit geben?
H: Klar! Wir haben mediterran-orientalisches Temperament und sind erst noch zwei Generationen. Bei Meinungsverschiedenheiten diskutieren wir aber so lang, bis wir einen Kompromiss gefunden haben. Man glaubt ja immer, die eigene Idee sei die einzig richtige. Dabei gibt es so viele Wahrheiten – man muss auch mal von seiner abweichen. Was uns sicher dabei hilft, ist die klare Verteilung der Verantwortlichkeiten. Wenn wir alle Köche wären, wäre es schwieriger.
Nuriel Molcho: Die Firma wächst so schnell, es müssen so viele Entscheidungen getroffen werden – da kann man nicht immer die gleichen Visionen haben.

Wie kam es denn dazu, dass Sie mit Ihren Kindern zusammenarbeiten?
H: Das war nicht geplant. Als ich den Platz am Wiener Naschmarkt [Standort des ersten Restaurants, Anm. d. Red.] gefunden hatte, bat ich Nuriel und Elior darum, mir ein paar Monate zu helfen. Beide hatten gerade ihr Studium abgeschlossen und kannten sich mit Wirtschaft und Marketing aus.
N: Ich war damals 21, hatte meinen Bachelor in London bestanden und wollte eigentlich die Welt bereisen. Da kam der Anruf von meiner Mutter Haya. Egal wie verrückt unsere Ideen waren, unsere Eltern haben uns immer unterstützt. Darum war für meinen Bruder und mich sofort klar, dass wir unserer Mutter helfen. Wir haben dann ziemlich naiv das erste Restaurant gegründet und gemerkt, dass sich unsere Stärken gut ergänzen. Nur für die Finanzen fehlte uns die Expertise. Die macht nun mein Bruder Ilan. Er ist der Jüngste im Unternehmen, aber schon CFO und CEO.

Nur der jüngste Sohn Nadiv arbeitet nicht bei «Neni». Er ist Schauspieler in Los Angeles. Haya Molcho, Sie haben mit der Gründung Ihres Unternehmens gewartet, bis Nadiv 18 war. Zufall?
H: Wenn man es ganz genau nimmt, habe ich gewartet, bis er mit 13 seine Bar-Mizwa feierte. Danach habe ich ein Catering gegründet. Als Nadiv 18 wurde, habe ich das erste «Neni» eröffnet. Aber nein, das ist kein Zufall: Ich wollte meine Zeit den Kindern widmen und nicht gleichzeitig Karriere machen. Was hätte ich denn von ihnen gehabt, wenn ich acht Stunden gearbeitet und ein Kindermädchen angestellt hätte? Die Kinder waren meine Karriere. Und glauben Sie mir: Vier Kinder – das ist wie ein Kleinunternehmen. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.

Was heisst das im Umkehrschluss für Frauen, die versuchen, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen? Oder für solche, die keine Wahl haben?
H: Wenn du arbeiten möchtest, arbeite. Wenn du zuhause bleiben möchtest, bleib zuhause. Lass dir von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. Solang du glücklich bist, sind es auch deine Kinder. Wichtig ist nur: Such dir einen Mann, der dich schätzt – egal für welchen Weg du dich entscheidest. Mein Mann hat mich immer für die Erziehung unserer Söhne bewundert.

Welchen Part übernimmt er eigentlich im Unternehmen?
H: Sein Job ist es, sich rauszuhalten. Das macht er super. (lacht)

Welche Entscheidungen haben Ihr Unternehmen rückblickend vorangebracht?
N: Oft waren es die Dinge, zu denen wir Nein gesagt hatten. Wenn man Erfolg hat, bieten einem viele Menschen Kooperationen an. Da gerät man schnell unter Druck und denkt, man müsse allen zusagen, um keine Chance zu verpassen. Aber das stimmt nicht. Die Welt geht morgen nicht unter. Wer aus Panik agiert, trifft Fehlentscheidungen.
H: Richtig! Die Entscheidungen, für die wir uns Zeit gelassen haben, waren immer die besten. Beispielsweise die Kooperation mit den 25hours-Hotels. Als in Wien eines gebaut wurde, kamen die Gründer oft zum Mittagessen zu uns. Sie haben uns lang beobachtet und irgendwann gefragt, ob wir ihr Gastronomiekonzept entwickeln möchten. Wir haben vier Jahre ausgeschlagen – weil wir noch nicht so weit waren. Der CEO hat das akzeptiert, aber nie locker gelassen. In Berlin haben wir dann das erste Mal zusammengearbeitet. Es folgten Restaurants in Zürich, Hamburg, München, Mallorca. Im November eröffnen wir eines in Paris und Ende des Jahres – unabhängig von der Hotelkette – eines in Amsterdam.

Bei all dem Erfolg – sind Sie je an einer Aufgabe gescheitert?
H: Ich mag das Wort scheitern nicht. Bei «scheitern» schwingt Selbstzweifel mit. Ich habe vermutlich viele Fehler gemacht, aber ich habe nie an mir gezweifelt. Lern daraus, wenn du merkst, dass etwas falsch läuft. Lass es hinter dir, mach es neu, mach es anders. Wegen ein paar Fehlern bist du nicht gescheitert.

Gehen Sie mit Kritikern ähnlich pragmatisch um wie mit Misserfolgen?
H: Wenn jemand recht hat mit seiner Kritik, werden wir reagieren und Anpassungen vornehmen. Aber Kritiker haben wir nicht viele, eher Neider. Und mit denen beschäftigen wir uns nicht.

Und mit Konkurrenten?
H: Ich habe keine Angst vor Konkurrenz. «Er ist besser, du bist besser» – Quatsch. «Er ist anders, du bist anders», so muss das heissen. Man sollte sich lieber von anderen inspirieren lassen, als sich zu vergleichen. Gute Menschen müssen sich ergänzen.

Scheint, als sähen Sie überall das Positive. Sind Sie je genervt?
H: (lacht) Ganz selten gibt es das. Wenns draussen minus 30 Grad hat zum Beispiel – dann rufe ich beim Naschmarkt an und komme zwei Stunden später zur Arbeit, weil ich mich scheue rauszugehen. Und es gibt Phasen, in denen ich mir bewusst Zeit fürs Runterfahren nehme. Das ist dank meinen Mitarbeitern kein Problem. Wenn du eine Firma stark aufgestellt hast, läuft sie nämlich auch ohne dich.

Mittlerweile arbeiten in Wien 150 Mitarbeitende für «Neni», in den anderen Restaurants weitere 500. Wie stellt man bei dieser Grössenordnung sicher, dass alle an einem Strang ziehen?
N: Indem man Leute gehen lässt. Am Anfang waren wir konfliktscheu, wollten zu allen gut sein. Darum gab es Menschen bei «Neni», die nicht zu unserer Philosophie gepasst haben. Wenn heute jemand nicht passt, trennen wir uns von dieser Person. Alles andere wäre schlecht fürs Unternehmen.

Ihr neustes Projekt ist das Buch «Tel Aviv. Food. People. Stories.» Was unterscheidet es von den bestehenden vier Kochbüchern?
H: Wir wollten nicht schon wieder ein klassisches Kochbuch machen. Sondern ein Buch, das Lust macht, in unsere Heimat zu reisen. Wir erzählen darin die Geschichten der Menschen hinter den Rezepten: Die des Taxifahrers, der heimlich Foodblogger ist, der Geschäftsfrau, die in Israel ein Gastro-Imperium aufgebaut hat, der Fischer – ein Israeli und ein Palästinenser –, die seit Jahren friedlich zusammenarbeiten. Und es ist zum ersten Mal ein Gemeinschaftsprojekt, für das wir alle gemeinsam drei Wochen in Tel Aviv waren: Nuriel hat die Bilder gemacht, meine besten Freunde, zwei Literaturprofessoren, die Interviews und so weiter.

Was ist das Besondere an Israel und seiner Küche?
H: Israel ist «Balagan», ein sympathisches Chaos, multikulturell und vielfältig. Juden aus der ganzen Welt haben sich im Land niedergelassen und ihre Kultur und Küche mitgebracht. Meine Lieblingsmarinade für Fleisch besteht beispielsweise aus Miso, Harissa und eingelegten Zitronen. Japan, Iran und Marokko treffen sich in Israel. Das ist unsere Küche. Tel Aviv als Stadt hat hingegen etwas Neurotisches. Die Konflikte sind nah, die Leute leben von heute auf morgen – und vermutlich gerade deswegen so intensiv! Da ist dieser Mut, diese unglaubliche Lebensfreude. Überall volle Restaurants und Strassen, Parties bis tief in die Nacht.

Sie sprachen eben von Heimat – ist Heimat für Sie nur dieser eine Ort? Sie sind rumänischer Abstammung, in Tel Aviv geboren, mit neun nach Bremen gezogen, später mit Ihrem Mann um die Welt gereist. Die Kinder haben Sie in Wien bekommen.
H: Heimat ist da, wo meine Familie ist – schon wieder so ein kitschiger Satz. Aber Israel hat mich natürlich stark geprägt, wenn es ums Essen geht. Wir sind aufgewachsen mit einem Tisch voller Gäste, haben immer für alle gekocht, das Essen geteilt. Ohne meine Kindheit in Tel Aviv gäbe es das Konzept «Neni» nicht.
N: Auch wenn wir Söhne in Wien geboren sind: Ich bin seit 34 Jahren viermal pro Jahr in Tel Aviv, wir sprechen Hebräisch zuhause. Unsere Heimat ist Israel. Solche Locken wachsen nicht in Wien.

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