Yvonne Eisenring

Muss ein Mann auch eine Diät machen?

Text: Yvonne Eisenring; Illustration: Antony Hare

Schmalhans – Männer können viel von Frauen lernen. Aber müssen sie jetzt auch Diäten machen?

Unbestritten ist: Männer können viel von Frauen lernen. Aber müssen sie nun unbedingt auch noch Diäten machen?

Ich muss noch eine Ananas kaufen wegen der Minuskalorien», sagte mein bester Freund neulich in der Migros. Ich wollte gleich loslegen, ihm erklären, dass die Minuskalorientheorie längst verworfen sei, liess es aber sein. Denn: Männer sollen sich bitte gar keine Gedanken über Kalorien machen, weder über Minus- noch über richtige.

Wenige Tage später brachte ich Gipfeli ins Geschäft. Einfach so. Weil ich nett bin. (Und mich für mein Zuspätkommen entschuldigen musste.) Alle freuten sich, alle griffen zu. Fast alle. Ein Arbeitskollege sagte: «Mit einem Gipfeli hat man schon ein Drittel seines täglichen Kalorienbedarfs zu sich genommen.» Ich war baff. Dieser Arbeitskollege ist kein älterer Mann mit Bauchansatz, der wegen seines hohen Blutdrucks nicht zu viel Fett essen darf. Er ist 25. Schlank. Gesund. Ich sagte ihm, dass Männer, die Diät machen, absolut unattraktiv seien, worauf er ein halbes Gipfeli ass. Mehr sagte ich nicht, kann mir ja egal sein, wenn meine Arbeitskollegen zu Ernährungsfanatikern mutieren.

Männer auf Diät sind unsexy

Das gilt nicht für Männer, die ich privat kennen lerne. Ich meine, das sind ja immerhin die potenziellen Väter meiner Kinder. Und wie soll man sich das bitte schön vorstellen? Wird er später mal «Lass ruhig stehen» zum Kleinen sagen, «Mama isst deine Portion bestimmt auch noch auf»? Keine Abende mit Pizzaservice vor dem Fernseher. Keine Abstecher zum 24-Stunden-Shop, wenn Mama und Papa wieder mal einen draufgemacht haben. Keine Family-Packung Mövenpick-Maple-Walnut-Cream-Glace. Dafür Hüttenkäse, Pouletbrüstli und grünen Salat. Nein, das geht nicht. Ein Mann ist, wie er isst.

Frauen, die einen Ernährungsknacks haben, sind normal. Jedenfalls dann, wenn sie sind wie ich und nicht essen können, was sie wollen, ohne zuzunehmen. Wir essen Salat, weil es gesund ist, und kaufen schwarze Schoggi mit 70 Prozent Kakaoanteil und reden uns ein, dass sie besser sei. Wir lesen «Schlank im Schlaf» – der Titel ist auch zu gut –, um dann zu entscheiden, dass ausschliesslich das reichhaltige Frühstück in den Alltag passt. Wir machen eine Biotta-Säfte-Kur, um ab dem dritten Tag zu beschliessen, dass richtiges Gemüse und Früchte genauso gut sind. Und braucht der Körper nicht vielleicht doch auch ein wenig Eiweiss, also Milch, Käse, Joghurt?

Unser Hirn gleicht einer Datenbank von Kalorienangaben. (Leider rufen wir sie nicht ab, wenn wir vor dem Dessertbuffet stehen.) Aber – und das ist der grosse Unterschied – wir sind Frauen. Wir dürfen das. Dazu kommt: Wir sind mittlerweile vom Diätenwahn weggekommen und essen zum Salat wieder ein Stück Brot. Und nun kommen die Männer und machen auf «Frau vor zehn Jahren». Durchforsten die ganzen Diätratgeber, essen keine Kohlenhydrate und glänzen mit Halbwissen. «Ab 20 Uhr esse ich doch keinen Zucker mehr!», sagte der neue Lover einer Freundin, als sie ihm vom selbst gemachten Tiramisù anbieten wollte. Am nächsten Morgen um 7 Uhr jedoch fragt er ernsthaft, ob er nun probieren dürfe. Es sei ja Morgen.

Ein anderer Kollege isst seit kurzem keinen Znacht mehr, «Dinner Cancelling» nennt er das. Nur so sei am Morgen der Bauch schön flach. Die essenslosen Abende tangieren mich zum Glück nicht – ich esse manchmal mittags mit ihm in der Kantine. Dort haut er dafür doppelt rein. Es erstaunt mich nicht mehr, als ich im Männermagazin «Men’s Health» lese: «Jeder dritte Mann hat das Gefühl, er sei zu dick. Darum hat auch jeder fünfte schon eine oder mehrere Diäten hinter sich.»

Trotzdem: Wer bei einem Date auf Beinahe-Dinner-Cancelling macht, geht definitiv zu weit: Vor zwei Wochen war ich mit einem Mann verabredet. Wir gingen ins «Hiltl» in Zürich. Er schöpfte sich am Buffet eine karge Portion. Vielleicht holt er sich später ein zweites Mal, dachte ich. Doch während ich fröhlich zu essen und plaudern begann, berührte er noch nicht mal sein Besteck. Dafür betonte er immer wieder, wie sehr er das vegetarische Essen im «Hiltl» liebe und wie sehr er sich auf den Abend gefreut habe. Ich hatte meinen Teller schon zur Hälfte leer gegessen, als er sein Besteck in die Hände nahm. Endlich. Doch just in dem Moment sagte ich irgendwas über irgendwas (es war bestimmt nicht soo interessant), und er hörte so angestrengt interessiert zu, dass er Messer und Gabel wieder sinken liess. Ich meine, ich weiss, dass Männer nicht Multitasking-fähig sind und dass es unanständig ist, mit vollem Mund zu reden. Aber zuhören und essen muss möglich sein. Nach gefühlten drei Stunden hatte er seinen Teller leer. Immerhin. Ich wollte gerade fragen, ob er ein Dessert nehme (im «Hiltl» gibts die besten Brownies der ganzen Welt), als er sagte: «Mann, war das gut. Ich bin platschvoll!», und sich den Bauch streichelte. Ich sagte nichts mehr.

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