Wie ist es eigentlich, den Fallschirm im freien Fall nicht öffnen zu können?

Fabian Frei (29), Flughafen-Tankwart, Zürich

Ich war mit sechzig Kilo der leichteste meiner Kameraden, deshalb musste ich als Erster aus dem Flugzeug raus. Auf 1500 Metern gab mir der Instruktor das Zeichen. Ich setzte mich in die offene Tür und stellte mich auf die Verstrebung des Flügels. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Ich blieb ruhig und konzentrierte mich auf die richtige Position, versuchte die Muskeln anzuspannen und ein Hohlkreuz zu machen, so wie wir es geübt hatten - und sprang.

Irgendetwas ging schief; vielleicht hatte ich zu viel Wind auf die Brust bekommen, ich weiss es nicht, ich wurde nach hinten geschleudert und schlug unfreiwillig einen Rückwärtssalto. Diese Situation hatte ich bei keinem meiner Sprünge erlebt, geschweige denn am Boden trainiert. Ich fühlte, wie ich mich drehte und drehte, nahm den Himmel und den Boden verschwommen wahr, sah blau und grün und blau und grün. War eine halbe Sekunde lang wie betäubt. Dann aber konnte ich wieder klar denken. «Hohles Kreuz! Mach ein hohles Kreuz», redete ich mir zu. «Dann drehst du dich auf den Bauch und kannst den Schirm öffnen.»

Der Unfall geschah an meinem 18. Geburtstag. An jenem Morgen war ich um sechs Uhr aufgestanden, hatte Sport getrieben und schnell gefrühstückt, wie immer, denn die Instruktoren gewährten uns keine Viertelstunde Pause. Ich war supergut drauf: Das Wetter war traumhaft, und ich hatte zum ersten Mal während meines militärischen Vorkurses keine Probleme gehabt beim Fallschirmpacken. Ich war vom Gefühl beseelt, dass ich es nun vielleicht tatsächlich schaffen könnte, Fallschirmgrenadier zu werden.

Ich wusste genau, was ich zu tun hatte; aber meine Muskeln gehorchten mir nicht. Merkwürdigerweise verspürte ich keine Angst, ich dachte weder an den Tod noch an meine Eltern, sondern nur daran, dass ich mich auf den Bauch drehen und den Fallschirm ziehen müsste. Denn ich wusste, dass es zu gefährlich war, den Fallschirm in Rückenlage aufzureissen. Die 36 Quadratmeter Stoff würden mich einpacken wie ein Sandwich und mir keine Chance lassen. Ich würde, das war mir klar, auf die Erde stürzen wie ein Stein.

Ich befand mich schon sechs Sekunden lang im freien Fall. Du musst reagieren, dachte ich und vermied es, auf den Höhenmesser zu schauen. Zieh schon, sonst kommt der Boden! Wieder versuchte ich, ein hohles Kreuz zu machen. Aber ich blieb in der Luft hängen wie eine Banane; sah den Himmel, das Flugzeug, meine Füsse und sah, wie meine Hosenbeine im Wind flatterten. Zwanzig Prozent. Das war meine Überlebenschance. Ich hatte keine Wahl: Ich zog die Reissleine. Der Schirm schoss am Rumpf vorbei in die Höhe und bremste den Fall von 200 Kilometern pro Stunde auf null ab. Der furchtbare Druck auf meinen Körper verschlug mir den Atem und schien mich in Stücke zu reissen. Mir wurde schwarz vor Augen.

Ich muss wohl zweieinhalb Minuten bewusstlos am Schirm gehangen haben. Als ich wieder zu mir kam, sah ich einen gleissend hellen Schein, so, als hätte ich stundenlang in die Sonne gestarrt. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich kreiste in der Luft und spürte einen wahnsinnigen Schmerz in meinen Armen. Da die Steuerleinen gerissen waren, versuchte ich mich mit Hilfe meiner Traggurten in eine Rechtskurve zu manövrieren und die Position zu halten, aber ich hatte vor Schmerzen keine Kraft. Immerhin begann ich die Umgebung wieder schemenhaft wahrzunehmen. Ich realisierte, dass ich direkt auf den Flugplatz zutrieb und der Boden wie aus dem Nebel unter mir auftauchte. Ein letztes Mal versuchte ich, den Fallschirm zu steuern. Vergebens. Dann prallte ich mit einer Geschwindigkeit von dreissig Stundenkilometern auf der Wiese auf.

Später, im Spital, brachte mir eine Krankenschwester Vanillecrème mit einem «Happy Birthday»-Schriftzug aus Marzipan. Da wurde mir wieder bewusst, dass ich Geburtstag hatte. Die schweren Quetschungen und Stauchungen empfand ich als nicht allzu schlimm: Ich hatte extrem Glück gehabt. Seither versuche ich aber vermehrt, das zu tun, was mir gefällt und mich weiterbringt. Das Interesse am Fallschirmspringen habe ich verloren.

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