Wie ist es eigentlich, einen Mord aufzuklären?

Lotti Frei, Schabearbeiterin Kapitalverbrechen Kantonspolizei Zürich

Die Frau war verblutet. Sie hatte eine Wunde am Hinterkopf, die wahrscheinlich durch einen Aufprall herbeigeführt worden war. Oder durch einen kräftigen Hieb mit einem stumpfen Gegenstand.

Die Leiche ihres Ehemanns lag ebenfalls in der Wohnung. Auch er schien einen Schlag auf den Schädel bekommen zu haben. Zudem musste jemand seinen Brustkorb traktiert haben. Mehrere seiner Rippen waren gebrochen.

Eine Nachbarin des Ehepaars hatte eines der Opfer in der Wohnung gefunden und die Polizei benachrichtigt. In Fernsehkrimis ist es oft ein einzelner Detektiv, der einen Fall löst. In der Realität ist es ein Team aus Spurensicherung, Institut für Rechtsmedizin, Staatsanwalt, Informationsstelle. Ich hatte an jenem Tag Pikett und befragte am Tatort die Nachbarn.

Zwei Tage später trugen wir in der Sachbearbeiterbesprechung die ersten Ergebnisse zusammen. Das Ehepaar war gut situiert. Es hatte Probleme mit Mitmietern im Haus. Eine DNA-Analyse der Spurensicherung zerstreute aber jeglichen Verdacht auf die Nachbarn. Wir fragten uns, wer sonst noch ein Motiv haben könnte? Spuren in der Wohnung deuteten auf einen Raubmord hin. Eine mögliche Tatwaffe wurde nicht gefunden.

In den folgenden Tagen luden wir weitere Nachbarn, Freunde und Bekannte des Ehepaars vor. Während ich sie befragte, schrieb ich gleich das Protokoll für den Untersuchungsrichter. Einen Mord aufklären heisst vor allem vielschreiben. Je nach Fall werden 50 bis 200 Befragungen durchgeführt.

Immer wieder brachten wir uns im Team auf den neusten Stand der Ermittlungen. Ich entwickle jeweils einen richtigen Jagdtrieb. Nicht, weil ich verstehen will, weshalb jemand eine so grausame Tat begangen hat. Ich will den Mörder aus dem Verkehr ziehen. Doch: Wo suchen, wenn es ein Raubüberfal war?

Der Sohn des getöteten Paars machte eine Anklage gegen Unbekannt. Bei ihm sei ebenfalls eingebrochen worden. Wir fragten uns: Hingen die beiden Delikte zusammen? Wollte die Täterschaft den Mordverdacht auf ihn lenken? War der erneute Einbruch eine Finte?

Solche Fragen beschäftigen mich zu Hause manchmal weiter. Einschlafprobleme hatte ich bisher aber nie. Wenn man wegen der Arbeit nicht mehr schlafen kann, ist man für diesen Job ungeeignet.

Der Sohn trat vor die Medien. Er könne sich nicht vorstellen, warum seinen Eltern so etwas Schreckliches widerfahren sei. – Ein seltsames Verhalten. Normalerweise wollen Angehörige in ihrem Leid in Ruhe gelassen werden. Und noch etwas war aussergewöhnlich: Bei einer Einvernahme fragte er nicht, wer der Täter sein könnte, sondern: Wann habe ich Zugriff auf die Finanzen meiner Eltern? Er rückte ins Blickfeld der Untersuchung.

In meinem Beruf lernt man, den gesunden Menschenverstand einzusetzen und misstrauisch zu sein. Ich habe viele Abgründe gesehen. Mein Menschenbild hat sich dadurch verändert. Ich schliesse nichts mehr aus.

Wir fanden heraus: Der Sohn hat Geldsorgen. Wir beantragten technische Massnahmen, Telefonkontrollen.

Sie lieferten ein wichtiges Indiz: Das Handy des Sohns befand sich zur Tatzeit in der Umgebung des Tatorts – entgegen seiner Angabe. Er wurde verhaftet und nochmals einvernommen.

Er gestand: Er wollte Geld von den Eltern, doch sie wiesen ihn ab. Er hatte in seiner Werkstatt einen Fäustel aus Holz geholt und war damit zu seinen Eltern zurückgekehrt. Er ging damit von hinten auf den Vater los. Dann schlug er ihm auf die Brust. Als der Vater tot war, ging der Sohn zur Mutter, die in einem anderen Raum war. Er habe beabsichtigt, ihr die Tat zu beichten. Stattdessen ging er auf die Toilette, dort entschloss er sich, die Mutter ebenfalls von hinten niederzuschlagen. Danach habe er einen Einbruch und Kampf vorgetäuscht. Der Einbruch bei ihm zu Hause sei fingiert gewesen.

Sein Motiv: Er wäre Alleinerbe gewesen. Durch seine Tat hat er das Recht aufs Erbe verwirkt.

Als wir ihn der Justiz übergaben, empfand ich eine Genugtuung. Fälle abschliessen zu können, ist wichtig für die Motivation. Pro Monat haben wir etwa ein Tötungsdelikt zu klären. Gut zwei Drittel lösen wir.

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