Total normal: Schriftstellerin Susanna Schwager

Text: Julia Hofer; Foto: Rita Palanikumar

Total normal: Schriftstellerin Susanna Schwager
Susanna Schwager: Das halbe Leben. Junge Männer erzählen. Wörterseh-Verlag, 2012, 381 Seiten, ca. 40 Fr.
e
f

Sie will über interessante, nicht über wichtige Menschen schreiben.

Susanna Schwager: Das halbe Leben. Junge Männer erzählen. Wörterseh-Verlag, 2012, 381 Seiten, ca. 40 Fr.

Ihre Stars sind die gewöhnlichen Leute: Die Porträts der Schweizer Schriftstellerin Susanna Schwager lesen sich, als würde man mit einem lieben Bekannten ein Bier trinken. Eine Erfolgsgeschichte.

Susanna Schwager hasst es, wenn andere Porträts über sie schreiben. Sie rede nicht gern über sich und fast gar nicht über ihr Privatleben, antwortet sie auf die Interviewanfrage, weil ihr die «massenhafte Veräusserung von Innerem wenig spannend» erscheine und sie ausserdem «ziemlich öffentlichkeitsscheu» sei. Wie wenn das nicht schon genug wäre, tippt sie, nicht unsympathisch, in die Tasten: «Ich bin übrigens auch extrem schwierig zu fotografieren, sehe auf Bildern fast immer zum Davonlaufen aus und habe schon Meisterprofis zur Verzweiflung gebracht. Ich habe – wie die Indianer – Angst vor Fotos.»

Aber ganz ohne Pressearbeit geht es im heutigen Literaturbetrieb nicht, das weiss auch sie. Kürzlich ist ihr neues Buch «Das halbe Leben. Junge Männer erzählen» erschienen. Also willigt sie nach einigen vertrauensbildenden Massnahmen doch noch zu einem Treffen ein. Am Eingang zum Irchelpark in Zürich wartet dann eine überaus entspannte Susanna Schwager. Kurze graue Haare, warme Augen, Blumen auf dem Kleid und Schmuck aus grossen, farbigen Kugeln. Sie lacht. Von wegen kompliziert, das ist eine selbstbewusste dreiundfünfzigjährige Frau, die offen und herzlich auf andere zugeht. Sie hat auch nicht den geringsten Grund, sich zu verstecken: Vor acht Jahren landete sie mit einem Buch über ihren Grossvater einen viel gelobten Überraschungserfolg. Und 2007 stand sie mit «Das volle Leben. Frauen über achtzig erzählen» fast ein Jahr lang in den Top Ten der Schweizer Bestsellerliste, davon viele Wochen auf Platz eins.

Die Frau, die insgesamt über 200 000 Bücher verkaufte, ist ein Ausnahmetalent. Ihr Schriftstellerkollege Urs Widmer sagt, sie habe «eine eigene Literaturgattung» erschaffen. Susanna Schwager setzt sich auf einen Stein und pflückt einen Grashalm, den sie in den nächsten zwei Stunden hin- und herdrehen wird. Sie schreibe nicht über Leute, weil diese «irgendwie wichtig» seien. Sondern weil sie sich aus «irgendeinem Grund» für sie interessiere. Ihr erster Roman handelte von ihrem Grossvater Hans Meister, der als Bauernsohn im Oberaargau eine Kindheit in ärmsten Verhältnissen überlebte, Metzger wurde und nach dem Krieg in Zürich eine eigene Metzgerei eröffnete.

Mit ihm hatte sie das Heu lange Zeit nicht auf der gleichen Bühne. Er der rechtschaffene Arbeiter; sie ein Kind der Achtzigerbewegung, die Zürich eine Zeit lang demonstrierenderweise durcheinanderbrachte und «aus dem Staat Gurkensalat» machen wollte. Mit der Zeit seien die Meinungsdifferenzen jedoch in den Hintergrund getreten, und sie habe sich mehr für die Gründe interessiert, «warum der Grossvater so geworden ist, wie er eben war». Sie war fasziniert von seiner Sprache und davon, dass er beschreiben konnte, wie ein Kanonenschuss im Ersten Weltkrieg tönte. «Die Gespräche mit ihm waren wie ein Fernrohr in die Vergangenheit, da friert es mich.» Sie wollte seine Erinnerungen festhalten, «weil alles so schnell zerfleddert und verfliegt, wenn man es nicht aufschreibt».

Daraus entstand das Buch «Fleisch und Blut», in dem sie nicht nur dem Grossvater, sondern auch «säbi Zyt», wie dieser immer zu sagen pflegte, mit all ihren materiellen Entbehrungen ein wunderbares Denkmal schuf. Genau das, sagt der Zürcher Germanist Peter von Matt, sei entscheidend, wenn man das Phänomen Susanna Schwager verstehen wolle. «Sie leuchtet in eine Zone, in der es vorher dunkel war.» Zwar würden sich fast alle an die eine oder andere Geschichte des eigenen Grossvaters erinnern, doch in der Literatur und den Medien seien die gewöhnlichen Lebensläufe lange Zeit kein Thema gewesen, weil man sie für unbedeutend hielt.

Auf der nächsten Seite finden Sie die Fortsetzung des Artikels

«Susanna Schwager schafft es, das Gewöhnliche so zu zeigen, dass es als etwas ganz Ausserordentliches erscheint.» Damit befriedigt sie ein neu erwachtes Interesse an der «kleinen Geschichte», wie von Matt es nennt. «Heute interessiert man sich nicht mehr für die grossen historischen Zusammenhänge und die Helden, das ist abgenutzt.» Stattdessen wolle man sich der eigenen Vergangenheit, die am Verschwinden sei, vergewissern. «Wir versuchen zu verstehen, dass wir in einer hochmodernen Zivilisation leben – obwohl unsere Grosseltern noch Kartoffeln anbauen mussten, um zu überleben.»

«Das halbe Leben. Junge Männer erzählen» war seit vier Tagen auf dem Markt – und bereits auf Platz vier der Schweizer Bestsellerliste. An der Vernissage im Zürcher Kaufleuten trägt Susanna Schwager dieselbe bunte Halskette, aber ein anderes Blumenkleid. Viele Frauen, aber auch Männer sind gekommen. Die Autorin liest mit ruhiger, voller Stimme, so wie das nur wenige Schriftsteller hinkriegen. Acht der elf porträtierten jungen Männer sind anwesend. Die Leserinnen tuscheln, wenn sie einen aufgrund der Lektüre wiedererkennen. «Das ist bestimmt der Mönch dort drüben – uii, hat der ein schönes Gesicht!» Eine Frau aus Zürich wird nach der Vernissage sagen: «Während des Lesens kamen mir immer wieder meine beiden Söhne in den Sinn, die noch nicht so recht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen. Es ist so vieles möglich.»

Und eine Zuhörerin aus Baden: «Ich habe alle Bücher von Susanna Schwager in einem Schnurz gelesen. Vor allem die Lebensgeschichten der alten Frauen haben mich berührt: die Schufterei, das Schweigen, was da alles unter dem Deckel bleiben musste. Bei der Lektüre habe ich oft gedacht: Wie viel sich für uns Frauen doch verändert hat. Und wie unzufrieden wir immer noch sind.» Es gehört zu Schwagers Erfolgsrezept, dass sie in ihren Sammelbänden jeweils auch einige prominente Menschen porträtiert. Dabei interessiert sie sich aber nie für das offensichtlich Herausragende. Der Rapper Stress zum Beispiel wird zum schlichten «Andres, Musiker mit Firma», der über seine Rückenschmerzen philosophiert.

Ein anderer Protagonist, der Autor und Slampoet Gabriel Vetter, erzählt, er sei skeptisch gewesen, als Schwager auf ihn zugekommen sei. Wie schafft man es, habe er sich gefragt, dass so ein Porträt weder zur Psychotherapie noch zur Plattform für den eigenen Narzissmus verkommt? Weder das eine noch das andere ist passiert. Gabriel Vetter, der auf der Bühne nie etwas Persönliches erzählen würde, plaudert im Buch ebenso selbstverständlich über seine alleinerziehende Mutter wie darüber, dass er aus dem Schulzimmer zum Verhör abgeholt worden ist. Der Text fliesst dahin, beinahe schwerelos. Beim Lesen kommt es einem vor, als würde man mit einem alten Bekannten ein Bier trinken und etwas tun, was wir vielleicht zu selten tun: zuhören.

«Wenn man sich dem andern öffnet», sagt Susanne Schwager, «hat man sofort Gesprächsstoff für ein paar Stunden.» Fragen bereitet sie für ihre Gespräche grundsätzlich keine vor. Lieber nähert sie sich den Menschen mit ihren eigenen «Lebensfragen». So geht es im Porträt von Gabriel Vetter immer wieder um das Verhältnis von Leben und Sprache. «Wir alle zwingen unser Leben in das Korsett der Sprache», sagt Vetter im Kaufleuten. «Dabei sind die Momente selten, wo man fühlt: Genau das wollte ich ausdrücken, genau so war es.» Susanna Schwager betont, ihre Porträts seien Momentaufnahmen, «unkorrekt in vielen Varianten».

Das gilt auch für die Sprache: Weil die korrekte hochdeutsche Sprache «für vieles nicht die richtigen Töne, nicht den richtigen Rhythmus» habe, versucht sie, die Sprache ihres Gegenübers so authentisch wie möglich zu übernehmen. Das sorgt für Irritation. Rede ich tatsächlich so behämmert?, fragte sich Gabriel Vetter, als sie ihm den Text zum ersten Mal zeigte. Aber Schwager hat für seine unvollständigen Sätze und «wawottidennmitdemm», die vielen «huere» und «das tönt jetzt ziemlich …» gekämpft. «So entsteht Nähe», sagt Schriftstellerkollege Peter Bichsel dazu. «Die kleinen Nebensächlichkeiten, die heute vielen anderen Gesprächen fehlen, machen die Porträtierten zu Menschen.» Wenn sie den Text nach monatelanger Feinarbeit den Porträtierten zum Gegenlesen gibt, müssen stets dieselben Dinge verhandelt werden: Kritik an den Eltern will man lieber nicht mit Druckerschwärze verewigen. Und wenn doch, muss wenigstens die Tonlage liebevoll sein. Offenbar gibt es so etwas wie einen instinktiven Respekt vor der eigenen Herkunft.

Auf der nächsten Seite finden Sie die Fortsetzung des Artikels

Interessant auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während die alten Frauen beim Gegenlesen kaum etwas zu reklamieren hatten, machte es den alten Männern offenbar Mühe, «dass eine Frau kommt und sagt, wer sie sind». Auch die jungen Männer waren heikel: Sie stehen an einem Punkt im Leben, wo es drauf ankommt, wie man sich gibt. «Es ist, wie wenn ich fotografiert werde», sagt Schwager, «das reisst mich aus meiner Vorstellung heraus, die ich von mir selbst habe.»

Im Irchelpark sagt die Schriftstellerin: «Trotzdem ist es erstaunlich, wie viel Persönliches ich über die Leute schreiben darf. Das ist nur in einem Buch möglich.» Sie zeigt auf eine Frau, die einige Meter entfernt auf einer Treppe sitzt und versunken eine Seite eines Buchs umschlägt. «Was für ein intimer Vorgang Lesen ist: Man lässt die Welt und das Buch auf sich wirken. Und das Buch spricht zu einem.» Sie erinnert sich an ihr erstes «Literaturerlebnis», damals war sie zwölf Jahre alt und fasziniert von der Beschreibung eines Sonnenuntergangs in Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns».

Literatur sei für sie immer etwas Persönliches, Sinnliches gewesen. Ihre Verehrung dafür war grenzenlos, selber zu schreiben, hätte sie sich nie zugetraut. Deshalb studierte sie Soziologie und besuchte Vorlesungen der Germanistik. Weil ihr der akademische Umgang mit Literatur zu distanziert erschien, schrieb sie dem Renommierverlag Diogenes und durfte dort – «eine Sternstunde» – eine Lehre als Verlagsbuchhändlerin beginnen. Als Assistentin des legendären Verlegers Daniel Keel lernte sie, dass ein gutes Buch vor allem aus dem Bauch heraus entstehen muss. «Wir meinen, der Kopf sei das Beste am Menschen, weil er zuoberst ist», sagt sie. «Wir sollten uns mehr hinlegen, um etwas von unserer ganzen Breite zu erfahren.»Sie war 25 Jahre alt, als sie bei Diogenes Lektorin von Urs Widmer wurde. Der damals schon gesetzte Literaturstar habe sie durchaus ernst genommen, «er musste ja», lacht sie. Wahrscheinlich sei ihr auch ihre riesige Hochachtung vor der Literatur zugutegekommen, sie habe nie gedacht, sie wüsste es besser als er.

Urs Widmer beschrieb kürzlich treffend, mit welchem Kunstgriff Susanna Schwager viele Jahre später der Schritt in die Schriftstellerei dann doch noch gelang: «Sie betrat die Literatur sozusagen durch die Hintertür. Vor der Welt und vielleicht auch vor sich selber tat sie durchaus so, als sei das, was sie da schreibe, gar keine Literatur, nicht wirklich jedenfalls, nur so am Rand, denn im Zentrum gehe es ja nur darum, das Leben des Metzgers zu dokumentieren.» Obwohl der literarische Wert ihrer Bücher auf Anhieb erkannt wurde, ist sie dem Dokumentarischen treu geblieben. Keines ihrer Bücher ist fiktiv. «Das Leben erfindet zu gut.»

Den Einstieg ins Schreiben fand sie als Journalistin. Sie berichtete aus Mexiko, wo sie mit ihrem Mann drei Jahre lang lebte. Als ihre erste Tochter zur Welt kam, holte sie die Angst stärker ein als geplant. «Es gab damals viele Entführungen in Mexiko. Als wir brutal überfallen wurden, konnte ich die Verantwortung für mein Kind nicht mehr länger tragen.» Die Familie kehrte in die Schweiz zurück. Schwager ging als Redaktorin zur «Weltwoche». Als Roger Köppel 2001 die «Weltwoche» umkrempelte, war sie, darauf ist sie stolz, die Erste, die kündigte. «Ich wollte keiner Gesinnung hinterherschreiben.»

Sie ist eine, die immer auch die andere Seite anschauen muss, die ergänzen will: Weil der Grossvater kaum etwas über die Frau erzählte, mit  der er so viele Jahrzehnte verheiratet war, schrieb sie ein Buch über «Die Frau des Metzgers». Nachdem sie sich den alten Frauen gewidmet hatte, wollte sie wissen, was die alten Männer zu  sagen hatten, nun sind die jungen Männer dran – bis ein ganzes Panorama entsteht. Aber kann man das Leben fassen, indem man eine Auslegeordnung macht? Natürlich nicht. «Sie hat  eine wahre Geschichte über mich erzählt», sagt Gabriel Vetter. «Aber es gäbe noch tausend andere über mich zu erzählen.» 

Mehr aus der Rubrik

Fab Five

Fünf Ermittlerinnen und Spannung pur!

Von Olivia Sasse