Rollenverteilung in der Familie

«Das neue Bild des Mannes muss sich erst noch etablieren»

Text: Anna Böhler; Bild: Getty Images

Am 27. September wird über den Vaterschaftsurlaub abgestimmt. Wird dieser angenommen, ist dies ein erster Schritt in Richtung gleichberechtigte Rollenverteilung in der Familie. Ein Interview mit Daniela Grunow, Soziologin und Expertin für sozialen Wandel an der Goethe-Universität Frankfurt.

 

annabelle: Daniela Grunow, was braucht es, damit wir eine gleichberechtigte Rollenverteilung in der Familie erreichen?
Daniela Grunow: Für einen Wandel zu einem gleichgestellten Rollenbild in der Familie müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Die Vater-Kind-Zeit im Rahmen der Elternzeit darf nicht in Konkurrenz zur Mutter-Kind-Zeit stehen. Heisst: Die Zeit, die der Vater gesetzlich in Anspruch nehmen kann, darf der Mutter nicht weggenommen werden. Weiter darf die Zeit, die der Vater mit dem Kind verbringt, keine drastische finanzielle Einbusse bedeuten – diese können sich junge Familien nicht leisten. Der dritte Erfolgsfaktor ist, dass die vorhandenen gesetzlichen Rahmenbedingungen ineinandergreifen müssen, um junge Eltern wirksam zu unterstützen.

Haben Sie ein Beispiel?
Die beste Elternzeit bringt beispielsweise wenig, wenn Eltern nach deren Ablauf nicht wissen, wo sie ihr Kind in Betreuung geben sollen. Dann müssen nämlich wieder die Mütter beruflich zurückstecken.

Wo könnte sich die Schweiz ein Beispiel nehmen?
In Deutschland gab es 2007 die Elterngeld- und Elternzeitreform. Seither gibt es nicht nur die Möglichkeit zur Elternzeit, sondern auch den finanziellen Anreiz dazu. Heute nehmen vierzig Prozent der Väter die Elternzeit in Anspruch – auch wenn sie meist noch kürzere Zeiträume beziehen als die Mütter. Selbst in Schweden, wo es diese Regelung schon seit Jahrzehnten gibt, nehmen die Väter noch weniger Zeit für sich in Anspruch.

Weiss man, wieso?
Das liegt daran, dass sich das neue gesellschaftliche Bild des Mannes, der sich ebenso wie die Mutter um das Kind kümmert, zuerst noch etablieren muss. Diesem neuen Rollenbild stehen viele gesetzliche Hürden und kulturelle Ideen im Weg. Ein weiterer Grund, dass Männer bisher weniger Zeit in Anspruch nehmen: Der Mann ist häufig Hauptverdiener, da keine Lohngleichheit herrscht. Über die neuen Anreize, die heute zunehmend geschaffen werden, wird die Gesellschaft aber zum Umdenken angeregt – und ihr Handeln langfristig verändert.

Warum hält sich unser veraltetes Rollenbild der Familie so hartnäckig?
Ich würde nicht sagen, dass sich dieser Bereich als besonders zäh erweist. Man muss sagen, dass vor allem in den 70ern feministische Forscherinnen und Forscher aus heutiger Sicht fälschlicherweise gedacht haben, dass mit der finanziellen Gleichstellung von Mann und Frau eine ganz einheitliche Gleichstellung erreicht werden kann. Die kulturellen Barrieren wurden nicht berücksichtigt. Normen wirken sich stark auf den sozialen Wandel aus. Diese Normen sind jedoch auch wandelbar.

Aus welcher Zeit stammt die klassische Rollenverteilung in der Famile?
Das Familienideal einer Frau, die den Haushalt schmeisst, und einem Mann, der Geld verdient, ist noch gar nicht so alt – es stammt aus der industriellen Revolution. Allerdings konnten es sich nur die wenigen reicheren, bürgerlichen Familien leisten, dieses Idealbild nach aussen zu tragen. Die Frauen und auch zum Teil die Kinder aus der Arbeiterschicht waren Teil der Industrie. Und während des Zweiten Weltkriegs mussten Frauen dann sehr schnell praktische Jobs ausfüllen, in denen die Männer nun fehlten.

Was geschah nach dem Krieg?
Nach dem Krieg, als die Männer wiederkehrten, wurden die Frauen dann schnell wieder zurückgedrängt in ihre Hausfrauenrolle – vom Staat und von der Kirche. In vielen osteuropäischen Ländern zum Beispiel war ein Zweiverdienermodell nach dem Krieg die Norm. Wenn Sie Europa heute anschauen, sehen Sie je nach Land grosse Differenzen. Die Rahmenbedingungen sind überall unterschiedlich. Die Familie ist ein Bereich, der sehr stark auf politische Änderungen reagiert. Man kann jedoch nicht nur eine Schraube bewegen und erwarten, dass sich eine ganze Gesellschaft wandelt – gesetzliche Rahmenbedingungen müssen ineinandergreifen.

Warum hinkt die Schweiz im Europavergleich hinterher?
Die Schweiz nahm historisch gesehen immer gern eine politische Sonderstellung ein. Deshalb ist es nicht überraschend, dass die Schweiz auch hier ihren eigenen Weg geht. Ein weiterer Punkt ist, dass die Schweiz kulturell sowie institutionell dezentral organisiert ist: Die Zuständigkeiten sind auf die Kantone verteilt.

Das heisst?
Dass das Volk direkt über neue Gesetze abstimmen kann, erschwert den Prozess – es ist schwierig, eine ganze Bevölkerung hinter sich zu bringen. Der Weg von einem traditionellen Familienbild hin zu einem gleichwertigen Familienbild geht sich nicht von allein. Die Schweiz hat lang keine Schritte eingeleitet im Vergleich zu ihren Nachbarn. Wir wissen, das geschlechterpolitische Fragestellungen oft nicht oberste Priorität auf der Polit-Agenda haben. Die aktuelle Corona-Situation ist das beste Beispiel dafür: Die Kinderbetreuung wurde einfach in die Familien verlagert, ohne dass die Politik sich fragte, wie sich das auf die Familienverhältnisse auswirkt. Historisch gesehen ist es in Ländern wie Schweden oder Dänemark einfacher, solche Anliegen schneller und radikaler durchzusetzen.

Warum?
Das liegt unter anderem an ihrem Verständnis für Gleichheit und Ungleichheit. Seit Jahrhunderten geht man dort davon aus, das grosses Ungleichgewicht in einer Gesellschaft nicht gut ist. Deshalb wird in diesen Ländern beispielsweise auch Vermögen stark umverteilt.

Kommt sozialer Wandel also immer von oben?
Nein, sozialer Wandel kann auch «bottom-up» funktionieren. Das passiert, wenn man feststellt, dass etwas nicht mehr so funktioniert, wie man es bisher gemacht hat. Sozialer Wandel wird immer dann angestossen, wenn sich Rahmenbedingungen verändern. Das kann zum Beispiel der Klimawandel sein oder die Globalisierung. Ein Beispiel für Bottom-up-Bewegungen sieht man gerade in den USA: Demonstrationen gegen Polizeigewalt fordern neue Gesetze. Die Policy-Feedback-Theorie besagt, dass man durch politische Veränderungen auch eine Veränderung der verankerten Norm verursachen kann. Das bringt allerdings nichts, wenn die Bevölkerung für die Veränderung noch nicht bereit ist. Ein bestimmter Teil der Bevölkerung muss gewillt sein, diese Veränderung anzunehmen und mitzumachen. Häufig reagieren staatliche Institutionen jedoch erst spät auf ein verändertes Bedürfnis der Gesellschaft.

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