Interview mit Musikerin Roísín Murphy

«Alles läuft auf ‹Sex sells› hinaus»

Text: Melanie Biedermann; Bilder: Adrian Samson

Heute erscheint «Roísín Machine», das fünfte Soloalbum der irischen Musikerin Roísín Murphy. Ein Gespräch über weibliche Popstars, das Ende des Konsums – und über Ekstase, die ihr alles bedeutet.

«Eine Sekunde, lassen Sie mich an einen ruhigeren Ort gehen.» Róisín Murphy hat Handwerker um sich, als wir telefonieren. «Ey! Guys!» Sie ist in ihrem Haus in London.

annabelle: Nervig – aber ab und zu muss das wohl sein, oder?
Roísín Murphy: Ja, leider. Und es kostet so viel Geld! Haben Sie mal in London gelebt?

Ja, aktuell.
Dann wissen Sie, was ich meine.

Manchmal vergisst man, dass eine Künstlerin wie Sie sich um so etwas wie die Instandhaltung ihres Daheims kümmern muss.
Naja, ich glaube, ich habe immer damit gespielt, dass ich eine sehr geerdete Künstlerin bin.

Wie meinen Sie das?
Kein Popstar zu sein, ist bei mir Teil der Popstar-Persona. Macht das Sinn?

Hm…
Aufgetakelt in einem schmierigen Coffee Shop sitzen – das klingt zum Beispiel sehr nach mir.

Tragen Sie ihre Popstar-Outfits tatsächlich auf offener Strasse?
Nein, die Outfits gehören zu einem Ritual. Wahrscheinlich ist es eher so, dass ich konstant ein Bein in der einen und das andere in der anderen Welt habe. Aber heute soll es um ein anderes Thema gehen. Die Evolution des Popstars, richtig?

Die Evolution des weiblichen Popstars, genau.
Nun gut. Ich würde sagen, es hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Nicht seit Barbra Streisand. Ich habe neulich die BBC-Dokumentation über sie gesehen. Kennen Sie die?

Leider nein. Was war so eindrücklich?
Es gibt Leute, die ein Image von aussen aufgedrückt bekommen. Barbra Streisand hat ihr eigenes kreiert. Sie hat sich auch zu einem grossen Grad einen eigenen Schönheitsstandard geschaffen – einen, der sich ihrem Aussehen anpasst statt andersherum. Sie wurde Regisseurin, sie hat Grammys gewonnen, Emmys, und einen Oscar. Streisand deckte das gesamte Spektrum des Ruhms ab und war eine der ersten Frauen, die die kreative Kontrolle über alles hatte, was sie tat. Niemand hat es seither besser hingekriegt – und das war in den 1960ern. Vielleicht könnten wir also eher von einem Zerfall des weiblichen Popstars sprechen.

Wie meinen Sie das?
Wir müssen begreifen, dass sich das Star-Konzept völlig verändert hat. Als Star schafft man heute kaum mehr einen globalen Impact. Man erreicht die Welt heute nicht mehr im gleich umfassenden Ausmass wie es zum Beispiel Madonna in einer noch etwas einfacheren Welt tat, als es nur eine begrenzte Anzahl Medien gab. Für ein paar Zeilen in einer Zeitung oder Aufmerksamkeit auf jeder anderen Plattform, muss man sich zunehmend exponieren. Damit büsst du an Geheimnisvollem ein. Da haben wir den Salat.

Konnten Sie in den letzten Jahren auch positive Entwicklungen beobachten?
Es gibt ja eine bereits erwachsene Generation Frauen, die in ihrer Kindheit nicht von Barbies umgeben war. Da beginnt sich zu verändern, wie wir als Gesellschaft Geschlechter repräsentieren. Darum geht es: Wie wir junge Mädchen aufziehen, wie wir Kinder ganz generell aufziehen...

Das klingt optimistischer.
In der Musikbranche kann man den Wandel beispielsweise an Frauen wie der schottischen Musikerin und Produzentin Sophie sehen. Sie macht alles im Alleingang, so, wie es die Jungs schon lange tun. Als ich mit der Musik angefangen hatte, dachte man noch nicht mal daran, dass eine Frau sich jemals an so etwas wagen würde.

Woran wagen?
Alleine ins Studio zu gehen, selber Hand an die Computer zu legen, ja selbst DJing gehört in diese Kategorie. Vor fünfundzwanzig Jahren dachte niemand, es sei seltsam, dass nur Männer diese Dinge tun.

Haben Sie nie im Alleingang Musik produziert?
Nein. Ich arbeite immer – nun ja – mit einem Mann. Für die Beats, die Produktion, aber auch einfach, um mich auszutauschen. Das heisst nicht, dass ich die Kontrolle abgebe. Meine Kollaborationspartner verstehen, was ich will. Ich würde aber gerne lernen, wie die Musik-Software Ableton funktioniert, weil ich glaube, dass ich viel Zeit und auch ein tieferes Verständnis für meine Vocals gewinnen würde, wenn ich sie selber bearbeiten und produzieren könnte. Mich an Beats heranzuwagen, daran denke ich hingegen nicht mal im Traum.

Warum?
Die müssen für meine Alben Weltklasse sein. Das ist mein Ding: brillante Alben machen. Ich kann es mir nicht leisten, darauf zu verzichten. Ich verzichte auf Macht und einflussreiche Menschen in meinen Rücken, aber umso mehr muss ich ausserordentliche Alben machen, um wahrgenommen zu werden. Also werde ich nicht anfangen, an Beats rumzuwerkeln. Es gibt viele wundervolle Männer, die mir ihre zur Verfügung stellen, und das ist so gut wie schlecht.

Sie sagten ja, die Leute mit denen Sie arbeiten, wissen was Sie wollen.
Genau, es geht um die kreative Leitung. Ich arbeite sehr kollaborativ, aber meine Stimme wiegt am meisten. Ich treffe die Entscheidungen.

Das bringt mich zurück zu Barbra Streisand: Sehen Sie in der zeitgenössischen Poplandschaft jemanden, der zumindest an sie herankommt?
Am ehesten vielleicht jemand wie Rihanna, sie ist ein interessanter Popstar. Trotzdem stellt sich bei mir da ein Gefühl von «zu viel» ein. Ich will nicht über Rihanna urteilen, ich mag sie tatsächlich sehr gern, aber die moderne zeitgenössische Kultur hat einen Hang zu einer offensiven Sexualität, die mir persönlich etwas zu plump ist. Das ekelt mich nicht an, es riecht mir einfach nach Gefahr. Ich würde es definitiv nicht bekräftigen wollen.

Es ist ein schmaler Grat.
«Ich mache mit meinem Körper, was zum Teufel ich will!» All diese Bullshit-Sätze, mit denen sich die Stars in 99,9% der Fälle verteidigen... Wenn du den Punkt erreicht hast, an dem du so etwas sagen musst, ist klar, dass da im Hintergrund viel mehr läuft. Es sollte offensichtlich sein, dass du mit deinem Körper tust, was auch immer du verdammt nochmal willst. So eine Aussage ist nie ehrlich. Irgendwo in dieser Argumentation gibt es immer eine Lücke. Und wir hören sie so oft. Und wir hören immer wieder, das sei Feminismus. Aber das ist kein Feminismus.

Es gibt das Argument, dass man Leute mit Dingen konfrontieren muss, die sie verurteilen. So dass sie möglicherweise merken, dass ihre Vorurteile keine Substanz haben. Dass etwa offensive Sexualität nicht per se plump ist.
Pffff…. Keine Ahnung, was es damit auf sich hat. Es läuft doch alles auf Sex sells hinaus. Wenn es darum geht, über Sexualität Popmusik zu verkaufen, kann ich der Sache einfach nichts Gutes abgewinnen, tut mir leid.

Können Sie das etwas ausführen?
Es geht immer nur darum, etwas zu verkaufen; wir haben ein Materialismusproblem und die Leute müssen anfangen zu checken, dass Konsum nicht viel bedeutet. Das schliesst die Musikindustrie mit ein, Merchandise, Mode; der ganze Firlefanz ist passé, oder zumindest auf dem Weg dahin. Die Konsumkultur rottet mehr oder weniger dahin, wir können all das einfach nicht am Leben erhalten. Was passiert hier gerade? Ich drifte vom Thema ab.

Bitte reden Sie weiter.
Also, vielleicht müssen diese Sales Pitches ebenfalls verschwinden. Wir müssen damit aufhören, anderen Leuten permanent etwas verkaufen zu wollen, denn es gibt einfach nichts mehr, das die Leute kaufen werden wollen. Ich will mir seit Jahren nichts mehr kaufen, und ich kann nicht die einzige sein, der es so geht. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns von unserem Materialismus verabschieden müssen. Das ist ein Problem, weil die Wirtschaft zusammenbricht, wenn wir mit dem Konsum aufhören. Wir werden alle bettelarm. Das bedeutet, dass wir das nächste Level erreichen müssen.

Was könnte dieses nächste Level sein?
Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir dahin kommen müssen! All die Müllhalden, die wir hinterlassen, die Ozeane, die wir derart verschmutzen... von den Rekordtemperaturen der letzten Jahre brauchen wir gar nicht reden. All das und die Tatsache, dass wir so lange so viel konsumiert haben – die Leute wissen inzwischen doch bestimmt, dass Dinge uns nicht glücklich machen? Tatsächlich macht all der Besitz doch nur Ärger, man muss sich ja auch darum kümmern. Ich könnte jemanden einstellen, der sich drei Tage die Woche allein um meine Kleider kümmert. Nicht, dass ich mir das leisten könnte, aber Bedarf hätte ich. Dieser Materialismus wird ein Ende nehmen. Und dasselbe gilt für Popstars, die Dinge verkaufen.

Glauben Sie, dass Sie ins Weltgeschehen Einfluss nehmen können? Worüber wir jetzt sprechen, geht weit über die Musik hinaus.
Einen globalen Impact zu erreichen, ist heute wirklich schwierig. Mein Fokus liegt inzwischen auf meinem Nachlass. Wenn ich schon etwas hinterlasse, soll es wenigstens etwas Gutes sein. Und umgekehrt will ich ein kreatives Leben führen, das mich interessiert. Ich arbeite noch immer mit so spannenden Leuten zusammen. In der Hinsicht bin ich immer noch das glücklichste Mädchen auf der Welt. Ich kann selber kaum fassen, wie viel Glück ich schon hatte.

Es war bestimmt nicht nur Glück. In der Regel muss man schon etwas dazu beitragen, dass Dinge passieren.
Es war schon viel Glück involviert. Nur schon, wenn ich daran denke, wie ich angefangen habe, das war alles so zufällig. Damals ging es nur um die Liebe und das Verliebtsein.

Wie meinen Sie das?
Ich habe nie eine Bühnenausbildung gemacht, ich wollte nie Popsängerin werden, ich war einfach ein toughes, kleines Skinhead-Girl in Sheffield. Und ein Musikproduzent, der viel älter war als ich, hat sich in mich verliebt. Ich glaube, er wollte mich einfach bei sich haben. Wir haben Moloko im Grunde geschaffen, um unsere Beziehung zu ermöglichen.

Ihre Karriere ist also aus Leidenschaft entstanden.
Absolut!

Ist Leidenschaft nicht die Grundlage aller Kreativität?
Kreativität hat sicher nichts mit Ambition zu tun. Nichts kann diese kreative Energie provozieren, so etwas passiert einfach und das ist wunderschön. Ich bin in meinem Leben nie einem Plan gefolgt. Es war vielmehr ein: Oh, das ist jetzt in meinem Leben, dann nehme ich es doch an. Ich glaube, so habe ich immer funktioniert und so werde ich es weiter tun, weil auf diese Weise Neues entsteht. Ausserdem hat meine Glückssträhne so gestartet, ich habe also auch einfach Angst, dass sie abbricht, wenn ich es jetzt plötzlich anders mache.

Warum sollten Sie auch die Richtung ändern, wenn sie stimmt?
Genau.

Trotzdem gelten Sie als Künstlerin, die sich konstant wandelt. Gibt es eine Zeit in ihrer Karriere auf die Sie nostalgisch zurückblicken?
Ich bin schon hinsichtlich 2018 nostalgisch! Das 12''-Projekt mit dem House-Produzenten Maurice Fulton ist durch: Acht Songs auf vier Platten samt Videos, bei denen ich Regie führte. Das hat mich fast den Verstand gekostet.

Inwiefern?
Oh, ich war einfach völlig ausgebrannt. Wir arbeiten mit so kleinen Budgets, das zehrt. Stellen Sie sich vor, Sie schleusen einen Elefanten durch ein Nadelöhr und es klappt. So etwa fühlt es sich an. Ich bin stolz, es war ein wahnsinnig arbeitsintensives und stressiges Jahr, aber am Ende eben auch ein sehr gutes. Ein Jahr, das ich überlebt habe!

Gegenüber dem «Guardian» erklärten Sie, Sie hätten ihr Zuhause gefunden, als Sie zur Queer-Ikone wurden. Wie darf man das verstehen?
Nun ja, ich würde mich nicht als Queer-Ikone bezeichnen.

Ich schätze, das sind Sie aber.
Meine Shows sind sehr queer und das Publikum ist es wahrscheinlich auch, das stimmt. Zu ihrer Frage: Ich glaube, «Sing It Back» markierte einen Bruch in meiner Karriere. Davor war das Moloko-Publikum voll Skateboarder-Typen, Trip-Hop-Hörern und Musikjournalisten. Daran ist absolut nichts verkehrt, aber das ist nicht die Crowd, die kreischend und schwitzend von Decken hängt. Das sind nicht die Leute, die sich die Shirts vom Leib reissen. Sie wissen, was ich meine. Ich schätze es einfach sehr, diese Art Energie zu bekommen, wenn ich performe.

Ekstatische Energie.
Ja, das ist meine Version von Punk Rock. Es geht darum, eine bestimmte Energie zu teilen, eine, die uns Outsider für einmal zusammenbringt. Sich an einem Ort zu versammeln und die reale Welt vor der Tür zu lassen – das ist die beste Sache überhaupt.

Können Sie beschreiben, was diese Wende mit «Sing It Back» ausgelöst hat? Immerhin sprechen Sie von einem Ankommen, davon, dass Sie in Ihrem Publikum ein Zuhause gefunden haben.
Genauso war es auch. Mir geht es um nichts anderes als dieses Gefühl der Verbundenheit. Ich bin kein Typ, der in die Mainstream-Gesellschaft passt, das spürt das Publikum. Als Performerin bin ich furchtlos, da kann ich alle Gefühle loslassen, die in mir stecken und das bedingt letztlich auch Verletzlichkeit. Dieses Gegensätzlich-Gleichzeitige ist aber auch einfach sehr Disco, richtig? Dass sich Traurigkeit mit Glücksgefühlen eint, darum geht es bei der Tanzmusik.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Für ihr fünftes Solo-Album hat die irische Sängerin und Musikproduzentin Roísín Murphy schwere Geschütze aufgefahren. Deep House-Nummern wechseln sich mit leichtfüssig bis ekstatischen Disco-Tracks ab, inhaltlich schwelgt die 47-Jährige in Themen, die sie und uns alle bewegen. «Róisín Machine» ist in vielerlei Hinsicht ein Best Of Murphy. Neben neuen Hit-Tracks wie «Kingdom Of Ends» und «Something More» sind frühere Releases wie «Simulation» (2012) und «Jealousy» (2015) auf dem Album. Als Gesamtwerk bringt «Róisín Machine» einmal mehr jeden Club zum Beben.

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