Sterilisation mit 26

«Mein Uterus ist kein Brutkasten»

Text: Manuela Enggist; Fotos: Annick Ramp

Jessica will keine Kinder. Nicht jetzt und nicht später. Deshalb hat sie sich mit 26 Jahren unterbinden lassen – doch dafür musste sie erst zum Psychologen. Ein Bericht über Entscheidungsfreiheit. Und darüber, wie es ist, als Frau keine Mutter sein zu wollen.

«Ich bin 26 Jahre alt. Ich darf an Wahlen teilnehmen, mir die Brüste machen, mich von Kopf bis Fuss tätowieren. Ich kann Kinder gebären und ich kann abtreiben. Aber mich sterilisieren lassen, war schier unmöglich.»

Jessica T.* sitzt in einem Zürcher Café vor einer Ingwer-Limonade. Die pink gefärbten Haare reichen ihr fast bis zur Hüfte. Sie spricht schnell, sicher. Ohne zu zögern. Mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht, der im Lauf des Gespräches nicht weichen wird. Im vergangenen Januar hat sich Jessica unterbinden lassen. Ihre beiden Eileiter sind durchtrennt. Jessica ist steril, sie wird nie schwanger sein.

«Dass ich keine Kinder will, weiss ich schon, seit ich ein Teenager war. Für mich war eigener Nachwuchs nie etwas Erstrebenswertes. Da sind durchaus egoistische Gründe dabei. Ich will meinen Körper keiner Schwangerschaft aussetzen. Die Vorstellung, dass da etwas in mir wächst, finde ich abschreckend. Zudem will ich weder mein Geld noch meine Zeit für ein Kind opfern. Das würde nicht zu meinem Lebensstil passen. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Zudem sehe ich keinen Sinn darin, noch mehr Menschen auf die Welt zu setzen. Wenn wir uns alle fortpflanzen, kollabiert das System. Es ist gut, dass es Frauen wie mich gibt.»

Jessica ist Anfang zwanzig, als sie ihren damaligen Frauenarzt um eine Sterilisation bittet. Dieser sagt Nein. Sie sei noch viel zu jung für so eine Entscheidung. Jessica hat Verständnis. Doch der Wunsch bleibt. Mit 25 Jahren bittet sie ihre neue Frauenärztin erneut um eine Unterbindung. Diese wimmelt sie ab. Es gebe andere, weniger drastische Möglichkeiten. Sie zählt Verhütungsmethoden auf. Spirale. Pille. Vaginalring. Kondom. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie die Entscheidung später bereuen werde. Aber Jessica ist es so klar, dass sie ihr Leben niemals mit Kinderkriegen und Muttersein verbinden wird, dass sie einen Schlussstrich ziehen will. Definitiv.

«Mit 16 und 17 ist mir beim Sex zweimal das Kondom gerissen. Zum Glück konnte ich damals die Pille danach nehmen. Auch wenn ich immer sehr vorsichtig war, wusste ich natürlich, dass es bei keinem Verhütungsmittel eine hundertprozentige Sicherheit gibt. Ich nahm auch während zehn Jahren die Pille. Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft war trotzdem immer da. Kam meine Periode einmal zu spät, rannte ich panisch zum Frauenarzt und habe mir in Apotheken Schwangerschaftstests besorgt. Ich weiss nicht, ob ich hätte abtreiben können. Die Sterilisation ist mein Recht auf Selbstbestimmung über meinen Körper. Ich weiss, dass so nie ein ungewolltes Kind meine Pläne durchkreuzen wird. Natürlich können sich Vorstellungen und Wünsche ändern, aber am Ende bereue ich lieber, dass ich kein Kind bekommen habe als umgekehrt.»

Ihre Frauenärztin willigt nach zwei langen Gesprächen schliesslich in den Eingriff ein. Als die anderen Ärzte in der Gemeinschaftspraxis jedoch davon erfahren, raten sie ihrer Kollegin davon ab, empfehlen ein psychologisches Gutachten. Jessica wird wütend, findet es anmassend, dass sie zum Psychologen muss, nur weil sie keinen Kinderwunsch verspürt. Wer schwanger werden möchte, wird schliesslich auch nicht vorgängig zum Eignungstest aufgeboten.

«Ich begann zu zweifeln, fragte mich, ob mit mir etwas nicht stimmt. Aber da ich mir mein Leben nicht von Ärzten diktieren lassen wollte, willigte ich ein Jahr danach in das Gutachten ein. Die Psychologin, die das Gespräch mit mir führte, war hochschwanger. Die Ironie hätte nicht grösser sein können. Sie fragte mich Dinge wie, ob ich Suizidgedanke habe, mich selber verletze oder ob ich eine unglückliche Kindheit gehabt hätte. Als müsse mit mir etwas Grundlegendes nicht stimmen, damit ich das Recht habe, keine Kinder zu wollen. Sie willigte schliesslich ein, meinte aber noch, dass sie es gerade bei mir extrem schade finde, dass ich keinen Nachwuchs wolle. Das fand ich befremdlich und falsch. Nur weil ich in ihren Augen eine gute Mutter wäre, muss sie das nicht bewerten. Mein Uterus ist schliesslich kein gesellschaftlicher Brutkasten.»

Eine Sterilisation ist bei urteilsfähigen und volljährigen Frauen und Männern grundsätzlich erlaubt. Gerade bei kinderlosen Frauen, die unter dreissig Jahren alt sind, werden Unterbindungen aber nicht gern vorgenommen, wie Thomas Eggimann sagt. Er ist Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und selber Gynäkologe. Bei Frauen sei der Eingriff aufwendiger als bei Männern und kaum mehr rückgängig zu machen. «Bei einer kinderlosen 26-jährigen Frau würde ich keinen Eingriff vornehmen, ausser es besteht eine Krankheit oder Beeinträchtigung, die eine Schwangerschaft und eine Geburt als Risiko erscheinen lassen.» Das Leben könne noch so viele ungeplante Wendungen bereithalten, dass eine Sterilisation bereut werden könnte. «Ich hätte bei einer 40-jährigen Frau wohl weniger Hemmungen.»

Statistiken zu Refertilisierungen, also zur operativen Wiederherstellung des Eileiters oder des Samenleiters werden in der Schweiz keine erhoben. Eggimann selber habe in 27 Jahren um die zehn Frauen behandelt, die den Eingriff rückgängig machen wollten. «Viel häufiger sind es Männer, die nach einer Sterilisation irgendwann eine neue Partnerin haben und dann doch noch unbedingt ihren Genpool weitergeben möchten.»

Nach dem Eingriff weiss Jessica nicht, wie sie ihren Arbeitskollegen das Fernbleiben nach der Operation erklären soll. Sie überlegt sich, einen anderen medizinischen Grund vorzuschieben. Und ärgert sich am Ende über sich selber: Hatte es die Gesellschaft nun also tatsächlich geschafft, dass sie sich für die eigene Sterilisation schämt? Das will sie nicht akzeptieren – und geht in die Offensive, erzählt ihren Arbeitskollegen während der Kafi-Pause oder beim Mittagessen von ihrer Unterbindung. Die Reaktionen sind gemischt. Vor allem Männer können ihre Entscheidung nicht nachvollziehen.

«Viele haben mich gefragt, was denn sei, wenn ich einen tollen Mann kennenlerne. Als ob meine Gebärmutter einem imaginären Prinzen gehört, der nur an die Tür klopfen muss, und ich würde auf einmal Nachwuchs wollen. In ihren Köpfen hat sich dieses bemitleidenswerte Bild einer Frau etabliert, die ihre Entscheidung irgendwann einmal bitter bereuen wird und im Alter alleine zuhause hockt und leidet. Ich glaube, wenn ein Mann sich sterilisieren lässt, dann hat das eine ganz andere Wirkung. Das ist dann der verwegene, einsame Wolf, der cool und mutig ist, weil er diesen Schritt wagt.»

Als Facharzt für Urologie führt Urs Egli pro Woche zwei bis drei Vasektomien bei Männern durch. Auch bei solchen, die kinderlos und unter dreissig Jahren alt sind. «Ich führe bei jedem Patient ein längeres Gespräch. Wenn ich merke, dass der Entscheid wohl überlegt ist und der Mann sich der Tragweite des Eingriffs bewusst ist, dann mache ich den Eingriff.» Ein psychologisches Gespräch verlange er nicht. «Heute müssen wir tagtäglich so viele Entscheidungen treffen, die sehr weitreichend sind, ob es nun um unseren Körper geht oder um unseren Beruf, dass ich als Arzt nicht bevormundend auftreten will.»

Er habe aber Eingriffe auch schon abgelehnt. «Es kamen schon unter 20-Jährige vorbei, die eine Vasektomie wünschten.» Ihnen habe er gesagt, dass sie noch ein wenig mehr Lebenserfahrung bräuchten, um sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Dass Unterbindungen für Frauen generell schwieriger zu bekommen sind, hält Egli für «gut möglich»: «Es besteht halt immer die Gefahr, dass man als Arzt später den Vorwurf zu hören bekommt, dass man zu schnell gehandelt hat. Vielleicht spielt auch die Tatsache mit, dass es in unserer Gesellschaft noch immer die Ausnahme ist, wenn eine Frau sicher keine Kinder will.»

«Ich habe nun seit drei Jahren einen Freund. Kinder waren auch bei ihm nie ein Thema. Vor meiner Unterbindung hat er sich eine Zeit lang überlegt, eine Vasektomie vorzunehmen, weil der Eingriff beim Mann einfacher ist. Das wollte ich aber nicht. Der Wunsch nach Endgültigkeit kam ja von mir. Meine engsten Freunde hatten schon lang von meiner Einstellung gewusst und freuten sich, als ich meinen Wunsch endlich realisieren konnte. Wenn mir nicht die Corona-Pandemie dazwischen gekommen wäre, dann hätte ich sogar eine No-Baby-Party gemacht. Meine Mutter hatte mehr Mühe mit meinem Entscheid. Ich bin ein Einzelkind. Sie wird nun nie Enkel haben. Wir haben aber eine grosse Familie, und meine Cousins wünschen sich Nachwuchs. Sie wird also eine Art Ersatz-Grossmami sein können. Und ich kann ja nicht ein Kind bekommen, nur um einer Mutter eine Freude zu machen.»

Die deutsche Kulturwissenschafterin Sarah Diehl, selber selbstbestimmt kinderlos, wehrt sich in ihrem Buch «Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich» gegen das Negativbild der gefühlskalten, egoistischen und später reuigen Frau ohne Kinder. «Unsere Gesellschaft tut so, als sei Kinderkriegen ein natürliches Bedürfnis, gegen das die Frau sich nicht wehren kann: Du musst Mutter sein wollen! Damit wird der Frau die Entscheidungsfreiheit abgesprochen.» Diehl befragte für ihr Buch dreissig kinderlose Frauen.

«Für viele war es eigentlich ein Null-Thema. Sie hatten nie gross über ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch nachgedacht – ja, bis so viele Menschen in ihrem Umfeld diese Entscheidung infrage stellten, dass sie selbst plötzlich verunsichert waren.» Das heutige Frauenbild werde noch immer sehr stark von der Mutterrolle überlagert. «Mir ist es wichtig, dass Frauen sich nicht einreden lassen, dass es von der Natur so vorhergesehen ist, dass wir alle einen Kinderwunsch haben müssen.» Die biologische Uhr, dieser automatisch aufkeimende Wunsch nach einem Baby, ist für Diehl ein gesellschaftliches Konstrukt. «Die Frau wird als Mangelwesen dargestellt, wenn sie diesen Wunsch nicht verspürt. Wenn sie ein von Kleinfamilie und Kind unabhängiges Leben führen will, kann mit ihr etwas nicht stimmen.» Letztlich sei es ein Druckmittel, um daran festzuhalten, dass Frauen durch ihren angeblichen Drang zur Mütterlichkeit die ganze Fürsorgearbeit in der Gesellschaft leisten.

Jessica, die gelernte Direktionsassistentin ist und im Herbst mit einem Psychologie-Studium beginnt, fühlt sich heute befreit. Zu wissen, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann, hat sie stärker gemacht. Und sie wünscht sich, dass eine Sterilisation irgendwann so selbstverständlich sein wird wie eine Schwangerschaft. «Frauen müssen noch lang nicht gebären, nur weil sie es können.»

 

* Name der Redaktion bekannt

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