Essstörungen in Corona-Zeiten

«Vor allem für sehr junge Anorektikerinnen war der Lockdown furchtbar»

Text: Marie Hettich; Bild: Getty Images

Die Psychologin Erika Toman leitet in Zürich das Kompetenzzentrum für Essstörungen und Adipositas. Wir wollten von ihr wissen, wie sich die Corona-Krise auf ihre Arbeit auswirkt – und was sie über den Sport-Wahn denkt, der im März auf Social Media ausgebrochen ist.

annabelle: Erika Toman, was waren während des Lockdown die grössten Herausforderungen für Ihre Klientinnen?
Erika Toman: Längst nicht alle haben den Lockdown als unangenehm empfunden – das war sehr interessant zu sehen. Zum Teil war sogar das Gegenteil der Fall: Vor allem bulimische Frauen, die oftmals an sich selbst die höchsten Ansprüche stellen und sich dabei viel zu viele Einzelaufgaben aufbürden, empfanden diese Zeit als starke Entlastung.

Warum das?
Da plötzlich so viele Termine gecancelt wurden und sie viel mehr Zeit zuhause verbringen konnten, ist der Druck, stets perfekt funktionieren müssen, von ihnen abgefallen. Ich habe das auch in den Sitzungen gemerkt: Manche kamen immer total abgehetzt in die Stunde – und plötzlich waren sie viel mehr bei sich. Einen Teil dieser neu entdeckten Entschleunigung konnten viele erfreulicherweise auch bis jetzt beibehalten – oftmals ist Stress ja selbstgemacht. Da wurde dann beispielsweise realisiert, dass es die ständigen Wochenendtrips oder den regelmässigen Kaffee mit irgendeiner Bekannten gar nicht braucht.

Wie schafft man es, diese Entschleunigung aus dem Lockdown beizubehalten? Diese Frage stellen sich wahrscheinlich gerade sehr viele Leute.
Es kann schon reichen, wenn man sich immer wieder bewusst vor Augen führt, wie zufrieden man mit dem «Weniger» war. 

Haben Sie in Ihrer Praxis auch Frauen erlebt, deren Zustand sich durch die Corona-Krise verschlechtert hat?
Ja, allerdings. Vor allem Personen, die – ganz im Gegensatz zu Menschen mit einer restriktiven Magersucht – zur Verwahrlosung neigen. Beispielsweise also Frauen, die an einer Fress- oder auch Alkoholsucht leiden. Weil die äussere Struktur in ihrem Alltag komplett weggefallen ist, sind einige rückfällig geworden, auch wenn sie davor auf einem guten Weg waren. Aber auch für viele sehr junge Anorektikerinnen und Bulimikerinnen, die noch zuhause bei ihren Familien leben, war der Lockdown furchtbar und zeigt immer noch seine Folgen.

Inwiefern?
Man muss wissen: Für Menschen mit einer Essstörung bedeutet jede einzelne Mahlzeit Stress pur. Und dann stellen Sie sich einmal vor, plötzlich sind die Eltern rund um die Uhr zuhause, vielleicht noch mehrere Geschwister, und es soll auf einmal drei Mal am Tag zusammen gegessen werden. Da kam es dann zu einigen Eskalationen, zum Teil auch zu Hospitalisierungen.

Vermutlich hat der eigene Stress der Eltern auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation beigetragen.
Ganz genau. Bei jungen Patientinnen werden die Erziehungsberechtigen in die Therapie stark miteingebunden. Sie lernen beispielsweise, auf welche Art sie mit ihrem Kind und dem Essen umgehen sollten. Doch wer selbst plötzlich unter extremem Stress steht und vielleicht mit eigenen Ängsten konfrontiert wird, kann oftmals die nötige Geduld und ruhige Standfestigkeit nicht mehr aufbringen.

Wie erklären Sie sich, dass im Lockdown auf Social Media ein regelrechter Sport-Wahn ausgebrochen ist? Ist das bedenklich?
Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich ein Sport-Wahn ausgebrochen ist. Es könnte genauso gut sein, dass der Sport plötzlich so sichtbar war, weil er zwangsläufig von den Gyms ins Internet verlegt wurde – beispielsweise in Form von Livestream-Angeboten. Wahrscheinlich haben manche im Lockdown tatsächlich mehr Sport getrieben, weil sie schlicht mehr Zeit dafür hatten und ihren Bewegungsmangel ausgleichen wollten. Und einige dürften auch gemerkt haben, wie sie ihre Sorgen und Ängste mit Sport besser bewältigen können.

Also gar keine Bedenken Ihrerseits?
In schwierigen Zeiten, in denen alles ausser Kontrolle gerät, ist der eigene Körper so etwas wie die letzte Bastion: Sein Erscheinungsbild kann man im Gegensatz zur Corona-Pandemie beeinflussen. Das kann ins Ungesunde, Krankhafte kippen, muss es aber nicht. Und sicherlich war es auch für manche, die sich sehr stark über ihren Körper definieren, schwierig, auf das Sehen und Gesehen-Werden plötzlich verzichten zu müssen. Da war Social Media dann eine willkommene Gelegenheit, sich trotz Lockdown zeigen zu können und Anerkennung zu bekommen. Aber auch hier: Das kann krankhaft werden, ist es per se aber nicht. Es hängt ganz davon ab, wie stark die Ausprägung ist. 

Gleichzeitig zu all den Workouts waren auf Social Media noch nie so viele selbstgebackene Brote zu sehen.
Das Thema Nahrung verbinden wir von klein auf mit Connection, mit Verbindung – und gerade danach haben sich aufgrund des Social Distancing ja sehr viele Menschen gesehnt. Ein frisch gebackenes Brot kann da wohlige Gefühle aus der Kindheit wecken. Vielleicht hatte die Brotbackerei auch mit unbewussten Ängsten zu tun: Könnte ich mir zur Not mein Brot selbst backen, wenn im Coop und in der Migros die Regale leer wären? Abgesehen davon begrüsse ich die Entwicklung aber sehr, dass durch die Corona-Krise einige Menschen das Backen und Kochen für sich entdeckt haben.

Warum genau?
Weil das so viel gesünder ist, als es all die Fertigprodukte mit ihren Zusatzstoffen sind. Diese sind massgeblich daran beteiligt, dass so viele von uns ihren Körper nicht mehr spüren, zum Teil also gar nicht wissen, ob sie gerade Hunger haben oder satt sind – und so ein essgestörtes Verhalten oder gar eine klinische Essstörung entwickeln können. Je öfter man frisch kocht, desto besser.

Woran merke ich, dass bei mir in puncto Sport oder Ernährung etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist?
Daran, dass die Gedanken ständig um das Thema kreisen: Was esse ich heute noch, wann komme ich zum Sportmachen? Auch ein Alarmzeichen: Man hatte vor, Sport zu machen oder zum Znacht nur eine Suppe zu essen, schafft es nicht und macht sich dann Vorwürfe, bestraft sich gar selbst. Gesund wäre es, in so einer Situation zum Beispiel zu denken: Ich bin heute recht schlapp, also gehe ich lieber früher ins Bett und mache halt morgen oder übermorgen wieder Sport.

Wie kann ich mich wieder zurück ins Gleichgewicht bringen?
Indem man sich ganz genau beobachtet und fragt: Tut es mir wirklich gut, wenn ich so oft Sport mache, entspannt es mich, bereichert es mich – oder setzt es mich unter Druck? Kommen dadurch andere wesentliche Teile meines Lebens wie Freunde oder die Familie zu kurz? Es kann auch helfen, jeden Tag ein paar Mal bewusst innezuhalten und die Augen zu schliessen. Auf diese Weise kommt das Gleichgewicht nach einer Weile meist wieder zurück. Und was immer guttut: weniger durchgehenden Smalltalk, mehr tiefgehende Gespräche. Vertrauten Personen oder auch einer Therapeutin mitzuteilen, was einen beschäftigt, ist ganz generell das Beste, was man für die Psyche machen kann.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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