Spiritualität

«Wir Menschen tragen eine Sehnsucht in uns, die beantwortet werden will»

Text: Marie Hettich; Bild: Getty Images

Der deutsche Philosoph und Jesuit Michael Bordt SJ widmet sich in seinem neuen Buch der Spiritualität. Ein Gespräch über die Corona-Pandemie, Waldspaziergänge und Buddhas im Wohnzimmer.

annabelle: Michael Bordt, was macht einen spirituellen Menschen für Sie aus?
Michael Bordt SJ: Ein spiritueller Mensch lebt das Leben nicht einfach so vor sich hin, sondern er spürt, dass da noch mehr sein könnte – etwas Tieferes, Sinnvolles. Und aus diesem existenziellen Mangel heraus begibt er sich auf die Suche nach Antworten.

Aus einem existenziellen Mangel heraus?
Ja. Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen eine Unruhe, eine Sehnsucht in uns tragen, die beantwortet werden will. Wir sehnen uns nach etwas, ohne genau zu wissen, wonach. Wir fühlen uns unvollständig.

Das attestieren Sie allen Menschen?
Es gibt durchaus auch Leute, die keinen Sensus für Spiritualität haben – genauso wie es Leute gibt, die nicht musikalisch sind. Ich will die Sehnsucht niemandem aufdrängen. Dennoch ist zweifellos zu beobachten, dass das Interesse am Thema Spiritualität stetig ansteigt.

Wie erklären Sie sich das?
Als Krisenphänomen. Wir Menschen sind naturgemäss auf andere Menschen, Umstände und Situationen angewiesen, die wir nicht beeinflussen können. Zwar haben wir vielleicht immer mal wieder Phasen, in denen alles wunderbar und nach unseren Vorstellungen läuft – aber diese entgleiten uns auch immer wieder. Das erzeugt ein Ohnmachtsgefühl. Weil wir in einer Zeit leben, in der Biografien immer unvorhersehbarer werden, wird dieses Ohnmachtsgefühl immer grösser.

Heisst?
Noch vor vierzig Jahren war ganz klar: So lebt man ein Leben. Und daran haben sich fast alle orientiert. Zwar mag im Einzelfall viel Druck wegfallen, wenn man nicht jahrzehntelang in derselben Firma arbeiten oder eine Familie gründen muss, aber durch die Vielzahl an Lebensentwürfen fehlt es heute an Halt und Stabilität. Zudem hat die Corona-Pandemie unsere Unsicherheiten noch einmal enorm verstärkt – die Zukunft ist gänzlich ungewiss. Statt dem Halt im Äusseren erhofft man sich von der Spiritualität Halt im Inneren.

Und – kann sie das bieten?
Ja, vorausgesetzt, man lässt sich ganz auf sie ein. Die Suche nach der Spiritualität hat sich aus den Religionen, vor allem aus dem Christentum, emanzipiert – die wenigsten erwarten heute noch von institutionalisierten Kirchen, dass sie dort Antworten auf ihre Sehnsucht finden werden. Also sucht man an anderen Orten – im Yogastudio beispielsweise. Ich habe den Eindruck, dass die Chance, die in einer tiefen Spiritualität liegt, heute oft nicht erkannt wird. Es ist viel mehr zu holen, als man meinen könnte.

Es gibt also eine richtige und eine falsche Spiritualität?
Nein, aber eine oberflächliche Spiritualität im aussen – und eine tiefgehende Spiritualität im Inneren. Wenn ich ins Yoga gehe, um fitter zu werden, besser auszusehen und weil es im Trend ist, hat das mit tiefgehender Spiritualität wenig zu tun. Genauso wenig wie Buddhas oder Salzkristalle im Wohnzimmer. Da geht es dann einfach darum, sich das Leben ein bisschen kuscheliger zu machen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es schade sei, wie viele Menschen das Handtuch werfen, sobald in ihrer Yoga- oder Meditationspraxis unangenehme Gefühle auftauchen.
Spirituelle Wege führen notwendigerweise zu uns selbst. Da bleibt es nicht aus, dass wir mit Punkten in Berührung kommen, die verletzt und verwundet sind. Wenn man überhaupt nichts Ungemütliches an sich herankommen lassen will, hört man mit der spirituellen Praxis lieber wieder auf – oder man wehrt sich mit ganzer Kraft gegen alles, was ans Licht kommen möchte. Dann verhärtet man, wird egozentrischer und unberührbar – ich kenne einige solcher Beispiele. Dabei könnte und sollte in der Spiritualität genau das Gegenteil passieren.

Nämlich?
Man wird durchlässiger, empathischer – das Herz wird grösser. Es gibt Studien, die zeigen, wie sich der Charakter eines Menschen durch regelmässiges Praktizieren verändern kann, weil sich bestimmte Hirnareale intensiver vernetzen. Wer sich traut, mit der eigenen Verletzlichkeit in Kontakt zu treten, wird leichter und freudiger durchs Leben gehen, weil man nicht konstant damit beschäftigt ist, den verletzlichen Teil von sich abzuspalten. Und so nimmt dann ganz automatisch auch das Verständnis für seine Mitmenschen zu. Ich sage immer: Wer um seine eigenen Dämonen weiss, wird auch von den Dämonen der anderen nicht überrascht sein.

Dennoch ist es wohl etwas sehr Menschliches, das Unangenehme nicht mit offenen Armen zu begrüssen.
Ja – und unsere leistungsorientierte Gesellschaft hilft dabei sicher auch nicht. Ich denke, dass es wichtig ist, sich von einem oder mehreren Menschen begleiten zu lassen, die einem Mut machen, dranzubleiben. Denn es lohnt sich: Ich würde auf diese Grund-Geborgenheit, die ich unter anderem durch meine regelmässige Mediationspraxis in mir trage, nie mehr verzichten wollen.

Kann Spiritualität eigentlich auch ohne Yoga oder Meditation auskommen? Nicht jede kann und möchte regelmässig Zeit dafür opfern.
Yoga und Meditation sind systematische Wege, vielleicht Abkürzungen, um die Spiritualität im eigenen Leben zu kultivieren. Doch es gibt auch andere Optionen – vielleicht sind diese auf Dauer einfach nicht ganz so wirkungsvoll.

Zum Beispiel?
Erlebnisse in der Natur sind ein sehr guter Weg zu unserer Sehnsucht und damit zu unserer Spiritualität. Mir haben einige Leute erzählt, dass sie während des Lockdown den Wald so intensiv wie nie zuvor erlebt haben. Sie haben dort Trost und Geborgenheit gespürt, ein Gefühl von Einheit oder von «So sollte es sein». Schlussendlich geht es in der Spiritualität darum, sich für solche Erfahrungen zu öffnen, sie deutlich wahrzunehmen – und ihnen auch einen hohen Stellenwert beizumessen. Zu spüren: Wow, mein Leben weitet sich gerade. Ich fühle mich verbunden – verbunden mit einem Musikstück, einem Lichtstrahl, einem Menschen. Genau diese Momente sind die Antwort auf unsere Sehnsucht. Plötzlich wird alles ruhig – man hat keine Fragen mehr.

Was kann Spiritualität nicht bieten?
Sie bewahrt uns nicht vor scheiternden Beziehungen, vor Arbeitslosigkeit oder vor grossen Fehlern, die wir im Leben machen. Aber sie erlaubt uns, ruhiger und versöhnter damit umzugehen.

Michael Bordt SJ ist Mitglied des Jesuitenordens und arbeitet als Philosophieprofessor an der Hochschule für Philosophie in München. Er ist Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership und bietet Beratung, Begleitung und Workshops, aber auch Retreats und Meditationskurse für Führungskräfte internationaler Konzerne und grosser mittelständischer Familienunternehmen an. Sein neues Buch heisst «Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen: Spiritualität in Zeiten des Umbruchs», ist im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen und kostet ca. 25 Franken

Marie Hettich ,
Redaktorin
Alle Beiträge von Marie Hettich

Empfehlungen der Redaktion

Julia Hofer

Mit Spiritualität gegen Rückenschmerzen - Funktioniert das?

Mehr aus der Rubrik

Karriere

Warum gibt es in der Schweiz so wenige Start-up-Gründerinnen?

Von Marie Hettich