Heft 02/14

IFA in Berlin: Julia Hofer an der grössten Technikmesse der Welt

Text: Julia Hofer; Illustration: illumueller

IFA in Berlin: Julia Hofer an der grössten Technikmesse der Welt

Mit Gadgets und elektronischen Spielereien hat es unsere Autorin nicht so. An der grössten Technikmesse der Welt geriet ihr Blut trotzdem kurz in Wallung.

Bombastisch! Dieser Wirrwarr von Hallen, 28 sind es an der Zahl. Ein Stand reiht sich an den nächsten, Displays buhlen um Aufmerksamkeit, Waschmaschinen ragen wie Kunstinstallationen in den Himmel, Messehostessen schwirren in knappen Jupes und mit eingefrorenem Lächeln umher. Das ist die Internationale Funkausstellung Berlin.

Die IFA, wie sie auch genannt wird, ist die grösste Technikmesse der Welt. Über 1200 Aussteller aus 32 Ländern zeigen hier jedes Jahres das Neuste aus ihren Entwicklungslabors. Warum ich mir das angetan habe? Das technische Unverständnis meiner Mutter ist legendär, ebenso die Anekdote, die es belegt: Als ihr Kassettengerät vor Jahren keinen Wank mehr tat, fackelte sie nicht lange und brachte es zur Reparatur. Wo sie erfahren musste, dass die Pause-Taste gedrückt war.

Als Roboter verkleidete Hostessen

Nun, ich befürchte, um mich steht es nicht viel besser. Zwar hege ich zärtliche Gefühle für Küchenmaschinen, aber meine Beziehung zum Computer ist von Aggression und Ignoranz geprägt. Da gibts nur eins, dachte ich: die Flucht nach vorn. Als Roboter verkleidete Hostessen winken mich grinsend in den Schlund der Messe. Soll ich zuerst zum Pressezentrum («Sie können es nicht verfehlen»)? Oder doch gleich den Kenwood-Stand anpeilen und herausfinden, ob die neue K-Mix-Küchenmaschine, die bei mir schon länger Begehrlichkeiten weckt, hält, was sie verspricht?

Zwischen frisch verheirateten Eigenheimbesitzern, Nerds, Journalisten und gamesüchtigen Jugendlichen stolpere ich von einem Stand zum nächsten. Aus mir unerklärlichen Gründen schaffe ich es nicht einmal, mich mithilfe des Übersichtsplans zu orientieren. Also lasse ich mich treiben. Bei Siemens wird mir eine intelligente Küche erklärt. Im Kühlschrank ist eine Kamera installiert, sodass ich vom Büro aus einen Blick auf meine Vorräte werfen kann. Sehe ich Broccoli (natürlich klappt das nur, wenn der Kühlschrank halb leer und tipptopp aufgeräumt ist), kann ich mir via App ein entsprechendes Rezept runterladen und die noch fehlenden Zutaten in einer Einkaufsliste notieren. Gar nicht so übel, jedenfalls müsste ich mich endlich nicht mehr über meinen Mann ärgern, der ungerührt Peperoni fürs Abendessen anschleppt, während der Spinat im Kühlschrank der Ungeniessbarkeit entgegenwelkt.

Bosch-Backofen mit Autopilot

Um die Ecke bleibe ich vor einem Bosch-Backofen mit Autopilot stehen: Nur noch die Fleischsorte (Geflügel), das Gewicht (1.2 kg) und die Zubereitungsart (Brathähnchen) eintippen, und schon berechnet er die Backtemperatur und -dauer. Die Küche der Zukunft wird offensichtlich für Leute entworfen, die nicht kochen können.

Auch bei Samsung ist alles vernetzt: Beim Verlassen des Hauses erlischt überall das Licht, alle Geräte schalten sich aus oder in den Stand-by-Modus. Dieses geniale Tool hätte den stressigsten Ferienbeginn aller Zeiten garantiert verhindert: Wir waren mit dem Auto unterwegs, als mich kurz vor der österreichischen Grenze die Frage zu quälen begann, ob ich den Haarglätter im Badezimmer auch tatsächlich ausgeschaltet hatte. Die Ungewissheit vergrösserte sich mit jedem Kilometer, während sich die Stimmung im Auto stetig verschlechterte, bis nur noch Umkehren infrage kam (was sich dann immerhin lohnte).

Tipps von Alfons Schuhbeck

Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es zu TV-Koch Alfons Schuhbeck. Das Gurkensalat-Häppchen, das ich ergattere, schmeckt fantastisch nach Ingwer («Wenn ich mal tot bin, werde ich bestimmt wie eine Ingwerwurzel aussehen», sagt Schuhbeck), und die Werbebotschaft geht mir Biss um Biss in Fleisch und Blut über: Gemüse oder Fleisch in wenig Öl anbraten, danach in den Siemens-Dampfgarer schieben («Wenn ich nicht schon einen hätte, würde ich mir einen wünschen», sagt Schuhbeck) und erst zum Schluss mit hochwertigem Öl bestreichen. So werde verhindert, dass sich dieses bei zu starker Hitze in ungesundes Transfett verwandelt. Klingt einleuchtend, das werde ich nun auch öfter so machen. Mit meinem uralten Dämpfeinsatz.

Kurze Mittagspause in einem türkischen Messe-Restaurant. Der Salat ist hier anstatt mit Essig mit saurem Granatapfelsirup angemacht. Das mag keine kulinarische Innovation sein, aber für mich ist es neu. Gestärkt wage ich mich zu Sony, dessen Geräte und Gadgets in einer ganzen Halle (oder müsste man sagen: einem Tempel?) präsentiert werden. Die neuen 4-K-Fernseher mit ihrer vierfachen Full-HD-Auflösung leuchten um die Wette, so hyperrealistisch, dass die Filme beinahe unwirklich erscheinen. Möchte man mit der «Tatort»-Wasserleiche tatsächlich in dieser Bildqualität das Wohnzimmer teilen?

Antiquiertes TV-Gerät

Noch gibt es kaum Filme, die die technischen Möglichkeiten dieser Geräte ausreizen. Doch das wird sich laut Host – so lautet die männliche Form von Hostesse – bald ändern. Unglaublich, unser erster HD-Fernseher ist erst ein paar Jährchen alt – und nun soll er schon bald wieder antiquiert sein? Ich lasse mir von einem der Sony-Jungs die Smartwatch erklären, die als Fernbedienung für das Smartphone funktioniert und durch Vibrieren auf eingehende Nachrichten oder Kalendereinträge hinweist. «So kann man das Klingeln garantiert nicht mehr überhören.» Ein Timer, der mich durch meinen Terminplan peitscht – ist das nun ultrapraktisch (für rudimentär organisierte Menschen wie mich) oder doch eher furchterregend?

Überall Menschen mit riesigen schneeweissen Sony-Taschen. Warum habe ich eigentlich keinen Goodie Bag bekommen? Egal, wenns hoch kommt, wird ein Regenschirm drin sein und bestimmt nicht das neue Sony-Xperia-Z1-Handy, das laut Hersteller komplett wasserdicht sein soll – im Gegensatz zu meinem iPhone, das nicht einmal ein einmaliges Untertauchen überleben würde, wie mir der Host genüsslich unter die Nase reibt. Im Vergleich zu diesen Hightech-Gadgets wirkt der Looj 330 von iRobot geradezu rührend: ein Regenrinnenputzroboter, der selbstständig durch die Rinne wuselt und dabei Blätter herunterwirbelt.

Achtzig Prozent Wasser sparen

Einige Hallen, Durchgänge und Treppenhäuser weiter schenke ich meine mittlerweile arg lädierte Aufmerksamkeit einer Waschmaschine von Beko, die auch tumblern kann. Laut Hersteller spart man damit achtzig Prozent Wasser, wenn das nicht innovativ ist! Ausserdem muss man mit einem solchen Gerät nie mehr entscheiden, ob die leicht müffelnde, weil in der Waschmaschine vergessene Wäsche gerade noch getragen werden kann – oder ob der Waschvorgang noch einmal gestartet werden muss.

Während ich mit einem Strohhalm gierig die Vitamine eines frisch gepressten Orangensafts einsauge, lausche ich einem gewissen Sergej Polonik, der die Werbetrommel für seine 3D-Drucker-Software rührt. Wozu man so was braucht? Damit könne ich zum Beispiel den kaputten Knauf meiner Lieblingskommode nachbauen. Alarmiert von einem Artikel, den ich mal gelesen habe, will ich wissen, ob man mit der Software im heimischen Bastelkeller auch Waffen produzieren kann. Polonik verneint. Ich glaube ihm aufs Wort.

Twittern, bloggen und tippen

Kurz bevor der Akku meines Handys den Geist aufgibt, finde ich endlich das Pressecenter. Unzählige Fachjournalisten twittern, bloggen und tippen still vor sich hin. Nachdem mein Versuch, einen der bereitstehenden Laptops in Betrieb zu nehmen, kläglich gescheitert ist, blättere ich unauffällig im Messekatalog. Ein letztes Mal zieht es mich zurück in die Hallen. Während ich in Gedanken bei den Tüftlern bin, die unsere Zivilisation pausenlos vorantreiben, erblicke ich plötzlich direkt vor mir den Kenwood-Stand. Beim Anblick der K-Mix-Küchenmaschine verdoppelt sich meine Herzfrequenz. Optisch lehnt sie sich an die Kitchenaid Artisan an, die vor über neunzig Jahren von der Konkurrenz erfunden worden ist.

Die K-Mix positioniert sich als günstigere Alternative, allerdings muss ich etwas enttäuscht feststellen, dass ihre Möglichkeiten auch beschränkter sind und sie optisch auf keinen Fall mit einer pistazienfarbenen Kitchenaid mithalten kann. Es scheint eben doch nicht so einfach zu sein, eine bahnbrechende Erfindung zu übertreffen.

Spätnachts, als ich mich zuhause aufs Sofa fallen lasse, um noch kurz den Fernseher einzuschalten, starre ich mit leerem Hirn auf die drei Fernbedienungen vor mir. Eine steuert das Digital-TV, die andere den Fernseher, die dritte das DVD-Gerät. Welche muss ich jetzt noch mal benutzen? Ich gehe unverrichteter Dinge zu Bett. Das ist mir jetzt echt zu kompliziert.

Julia Hofer

Mit der Reportage über die IFA Berlin und einem Interview mit einer Polizeikommissarin verabschiedet sich Julia Hofer, bekennender Fan von TV-Krimis und modernen Küchenhilfen, nach zwölf Jahren von den annabelle-Leserinnen und -Lesern. Als Reporterin schrieb sie vor allem über gesellschaftliche Themen, für ihre Reportage «Unter der Haube» über jüdisch-orthodoxe Frauen in der Schweiz gewann sie 2012 den Zürcher Journalistenpreis.

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