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Philipp Riederle - «Ohne iPhone würde ich mich nackt fühlen»

Interview: Barbara Achermann; Foto: Karin Heer

Wie lebt es sich in der digitalen Welt? Philipp Riederle (17) ist darin aufgewachsen und gilt als der Experte.

Wie lebt es sich in der digitalen Welt? Philipp Riederle (17) ist darin aufgewachsen und gilt als der Experte.

Er ist ein Profi der Kommunikation, aber bis er ein Mail beantwortet, kann es eine Woche dauern. Auch ein Experte verliert mal den Überblick, wenn er täglich mehrere Hundert Nachrichten erhält. Philipp Riederle ist 17 Jahre alt, lebt in einer bayerischen Kleinstadt und ist bei ganz normalen Mädchen ebenso beliebt wie bei Computernerds und Konzernchefs. Ihnen allen zeigt er in kurzen Videos, was man mit einem iPhone alles anstellen kann. Sein Podcast «Mein iPhone und ich» (www.meiniphoneundich.de) ist der erfolgreichste im deutschsprachigen Raum, er sagt, er erreiche damit über eine Million Zuschauer im Jahr. Damit nicht genug. Philipp Riederle erklärt in Vorträgen und Beratungsgesprächen, wie eine Generation tickt, die schon mit digitalen Gadgets gespielt hatte, bevor sie reden lernte. Unternehmen wie Microsoft, Pro 7/Sat 1, Universal Music oder die Universität St. Gallen haben ihn eingeladen, um mehr darüber zu erfahren, was sie ihrem zukünftigen Zielpublikum bieten müssen.

Philipp Riederle geht noch aufs Gymnasium, aber er redet so geschliffen und schnell, als wäre er zwanzig Jahre älter und hätte ein Studium und eine Menge Berufserfahrung hinter sich. Er benutzt gern Wendungen wie «beschränktes Zeitvolumen» oder «Authentizität in der Darstellung». Beim Fototermin verlangt er höflich, aber bestimmt nach Make-up und fragt, wie sein Kragen sitze. In seiner Freizeit besucht er die Oper oder das Theater, Computergames spielt er keine. Man fragt sich, ob er je ein Teenager war. Wir haben uns dennoch darauf geeinigt, uns zu duzen.

Philipp Riederle, seit deinem 13. Geburtstag besitzt du ein iPhone. Was bedeutet es dir?

Es gibt mir Sicherheit. Ich weiss, wo ich bin, wo ich hinmuss, und ich kann mit anderen Personen kommunizieren. Es ist 24 Stunden am Tag bei mir. Ohne iPhone würde ich mich nackt fühlen. Wenn mein Akku zu Ende geht, werde ich fast schon panisch.

Wie begleitet es dich durch den Tag?

Mein iPhone weckt mich um sechs, dann bleibe ich noch fünf bis zehn Minuten liegen und überfliege darauf meine Mails, schau kurz bei Twitter rein, bei Facebook, meinen Lieblingsblogs und den Nachrichtensites vom «Handelsblatt», der «Süddeutschen» und manchmal auch der «Bild-Zeitung». Finde ich etwas Interessantes, lese ich das nach dem Duschen oder auf dem Schulweg.

Du hast in einem Podcast gesagt, eine Zeitung auf dem Frühstückstisch fändest du eklig.

Wenn dieser Haufen Papier auf dem Tisch liegt, hab ich ja gar keinen Platz mehr für meinen Kaffee und mein Brot. Im Bus erschlage ich meine Mitfahrer, wenn ich das Ding auffalte. Nein, da nehm ich lieber mein Handy oder iPad zur Hand.

Machst du dir im Gymnasium Notizen auf deinem MacBook?

Schön wärs. In Bayern müssen von Gesetzes wegen alle elektronischen Geräte im Unterricht ausgeschaltet sein. Aber die fortschrittlichen Lehrer haben kein Problem damit, wenn wir auf dem Smartphone eine Wörterbuch-App benutzen oder was googeln.

Wenn es dieses Verbot nicht gäbe, wärt ihr doch ständig auf Facebook.

Nur wenn die Stunde langweilig ist. Dann mache ich trotz Verbot meinen Rundgang durchs Telefon: E-Mail, SMS, Facebook, Twitter. Das Problem ist doch, dass unser Bildungssystem vollkommen überholt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns daheim mithilfe des Internets den Stoff selber aneignen und dann in der Schule zusammenkommen und gemeinsam Fragen besprechen und Wissen vertiefen.

Du hast für die theoretische Fahrprüfung die Verkehrsregeln mit einer App gelernt, einem kleinen Programm, speziell fürs Smartphone …

Null Fehler!

Gratuliere. Weshalb ist das besser als ein Buch?

Ich hatte die Fragen immer dabei und konnte überall üben. Das iPhone speicherte die Fragen, die ich falsch beantworte, damit ich sie später repetieren konnte. Das ist viel übersichtlicher und effektiver als auf Papier. Apple ist ja in den USA gerade dabei, ins Bildungswesen vorzurücken, mit Schulsoftware und Bildungsapps für das iPad. Ein hervorragender Schachzug.

Du bist der erfolgreichste Podcaster Deutschlands. Jede Woche schauen dir zwischen 50 000 und 100 000 Leute zu. Hast du Groupies?

Ich erhalte schwärmerische E-Mails von Mädchen, manchmal mehrere am Tag.

Schmeichelt dir das?

Och, ich finde das ganz nett. Die Mails sind ja so lieb geschrieben. Ich würde gern antworten, aber mir fehlt leider einfach die Zeit dazu.

Wie viele E-Mails kriegst du am Tag?

Unterschiedlich, aber es bewegt sich meist im dreistelligen Bereich. Jemand schrieb mal: «PS: Meinen Vater kennst du zu hundert Prozent, er ist dein Mathelehrer.» Ich erschrak und antwortete ausnahmsweise sofort.

Es gibt heute etliche Jungs, die offensichtlich lieber ihr iPhone streicheln als ihre Freundin. In der Schweiz nennen wir die grätlisexuell.

Ich finde das unanständig. Es sind aber vor allem Leute in deinem Alter, die nicht mit digitalen Geräten aufgewachsen sind, die so ein peinliches Verhalten an den Tag legen.

Hört, hört.

Meine Generation entscheidet sich ganz bewusst, will ich am Gespräch teilnehmen oder nicht. Wenn ich mit meiner Freundin zusammen bin, ist mein iPhone zweitrangig.

Ist sie trotzdem eifersüchtig auf dein Handy?

Da triffst du einen wunden Punkt. Wir haben eben erst eine Grundsatzdiskussion darüber geführt. Im Gegensatz zu den allermeisten Gleichaltrigen habe ich ein eng beschränktes Zeitvolumen, weil ich jede Woche ein bis zwei Vorträge halte, für meine Beratungsfirma unterwegs bin und mehrere Stunden damit verbringe, meinen Podcast zu produzieren. In der wenigen Zeit, die wir miteinander haben, stört es sie, wenn ich auf mein iPhone schaue – auch wenns nur kurz ist.

Wäre es ein Problem für dich, wenn deine Freundin bloss ein Android-Phone hätte?

Das wäre geradezu traumhaft. Sie hat irgend so ein No-Name-Handy, mit dem man nicht mal ins Internet kann. Ganz furchtbar.

Du hast mal an einer Tagung gesagt, Freundschaften, die über Facebook laufen, seien intimer als Freundschaften, wie man sie noch vor zwanzig Jahren hatte.

Das ist so. Man pflegt auf Facebook einen viel regelmässigeren Kontakt, weil man sich nicht nur sieht, wenn man an einem Ort abmacht, sondern fast ständig. Deshalb verliert man sich auch nicht aus den Augen.

Das ist doch eine Schein-Intimität. Über Facebook kannst du niemandem den Arm um die Schulter legen oder in die Augen schauen.

Wenn man auf Facebook befreundet ist, heisst das ja nicht, dass man sich ausschliesslich auf Facebook trifft. Aber soziale Medien sind Räume wie Kneipen oder Konferenzzimmer. Meine Generation unterscheidet nicht mehr zwischen realer und virtueller Welt, weil die virtuelle Welt real ist.

Hast du deine Freundin über Facebook kennen gelernt?

Sie war die Freundin einer Freundin, und wir haben uns ein paarmal gesehen. Aber regelmässigen Kontakt hatten wir erst über Facebook. Gerade für schüchterne Menschen – zu denen ich mich zwar nicht zähle – ist das ein Vorteil.

Was postest du denn so?

Wir können gern mal reinschauen. Ich schreib halt, was mir so durch den Kopf geht. Hier zum Beispiel ein Kinoerlebnis: «Lange nicht mehr so teuer geschlafen wie in ‹Offroad›.» Dann ein Foto vom Skifahren.

Vor acht Stunden hast du geschrieben: «Ich so: Schau mal Mama, das Hemd steht mir echt gut. Zieh ich morgen an. Papa so: Wenn der immer meine Hemden anzieht, hab ich bald kein eigenes mehr.» Du trägst heute also das Hemd deines Vaters, und all deine Facebook-Bekanntschaften wissen das.

Klar. Ist ja nicht geheim. Was ich auf Facebook poste, dürfen alle wissen. Ich veröffentliche sehr selektiv und bewusst keine Intimitäten oder unvorteilhaften Bilder. Den meisten Gleichaltrigen ist klar, wie viele Leute sehen, was wir da reinstellen. Wir werden ja nicht umsonst Digital Natives genannt.

Da kommt eine riesige Menge an Daten zusammen. Ist es ein Problem für dich, dass Facebook mehr über dich weiss als deine Mutter?

Ist das denn so? Meine Mutter und ich sind uns sehr nahe. Sie weiss Dinge, von denen Facebook keine Ahnung hat.

Amazone weiss, welche Bücher du magst, Google, mit welchen Themen du dich befasst, Facebook, welche Leute du kennst, und der Ortungsdienst im Smartphone verfolgt dich auf Schritt und Tritt. Das ist doch irgendwie beunruhigend.

Diese ganze Datenschutzdiskussion geht mir gehörig auf den Senkel. Ich weiss, welcher Dienst wann welche Daten erfasst, und habe nichts zu verbergen. Es muss ja niemand mitmachen.

Findest du es problematisch, wenn jemand ein Badehosenfoto von den letzten Strandferien postet?

Überhaupt nicht.

Ist es nicht unangenehm, wenn das der künftige Chef sieht?

Soll er doch. Unsere Generation entwickelt ein anderes Bewusstsein für Privatsphäre. Wir sehen das viel lockerer als ihr. Die Social Media werden das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer grundlegend verändern, das Verhältnis zum Lehrer oder Chef wird persönlicher und die Hierarchie flacher. Die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben wird verwischen.

Wie hast du den Tag erlebt, als Steve Jobs gestorben ist?

Ich war erschüttert. Er war ein Genie. Ich habe seine Biografie als Hörbuch beim Joggen gehört und konnte mich teilweise in ihm wiederfinden.

Du siehst dich ebenfalls als Genie?

Naja, eigentlich nicht, aber auch ich habe mich bereits als Kind für Elektronik begeistert und kleine Roboter gebaut. Mit neun Jahren habe ich mir dann meinen ersten Computer gekauft und programmiert.

Ein richtiger Nerd.

Überhaupt nicht. Ich hatte immer viele Freunde. Aber entweder etwas interessiert mich zu hundert Prozent oder gar nicht. Ich mache nichts halbherzig. In der Schule war das manchmal schwierig. In Chemie oder Französisch war ich eine Katastrophe. Ich will mich einfach voll und ganz den Dingen hingeben, die mich packen.

Mit 13 hast du angefangen, deinen eigenen Podcast zu produzieren, «Mein iPhone und ich». Bereits in Folge zwei hast du erklärt, wie man ein Handy aus den USA hackt, damit es auch in Deutschland läuft. Das war illegal.

Es war eine rechtliche Grauzone. Meine Eltern hatten Schiss, es würde bald der Geheimdienst vor der Tür stehen. Aber die Sendung hatte keinerlei Konsequenzen.

Haben sie dir nie gesagt, Mensch Philipp, jetzt geh mal raus an die frische Luft ein wenig spielen.

Doch klar, aber sie haben mich oft auch einfach machen lassen, weil sie sahen, dass ich mich sinnvoll mit dem Computer beschäftigt habe. Eltern sollten Kinder ausprobieren lassen und den Zugang zu den Neuen Medien ermöglichen. Wer seinem Kind soziale Netzwerke verbietet, macht es zum Aussenseiter. Es wird nicht an Partys eingeladen, kann nicht mitreden.

Apple ist heute so erfolgreich wie noch nie. Was machen sie besser als andere Konzerne?

Dazu möchte ich ein Erlebnis aus Steve Jobs’ Leben erzählen. Als er mit seinem Adoptivvater den Gartenzaun strich, sagte ihm dieser, er möge auch die Rückseite des Zauns kunstfertig bemahlen, selbst wenn man sie gar nicht sehen kann. Das hat sich Steve Jobs wohl zu Herzen genommen, und das macht heute Apple aus. Das Gesamtprodukt stimmt einfach.

Jetzt klingst du wie ein Pressesprecher von Apple. Kennst du das Spiel Phone Story?

Nein.

Das ist eine Anti-Apple-App fürs iPhone, bei der man Arbeiter mit Waffen bedrohen und zu Umweltsünden zwingen muss. Es greift die Tatsache auf, dass Kinder im Kongo unter Lebensbedrohung den Rohstoff Coltan abbauen, aus dem dann Arbeiter in China unter unmenschlichen Bedingungen iPhones herstellen.

Apple ist dran, das zu verbessern. Aber klar, das finde ich schlimm, und ich will nichts beschönigen. Nur, ein Fairtrade-Handy gibt es leider noch nicht.

Schaust du manchmal Fernsehen?

Höchst selten. Das letzte Mal vermutlich während der Fussball-WM. Ich möchte mein Leben nicht nach festen Sendezeiten richten. Interessiert mich ein Programm, so schaue ich mir das nach Möglichkeit später online an.

Du hast an einer Tagung gesagt, Fernsehen wird eine App unter vielen sein.

Meine Generation schaut nur noch fern, wenn etwas Eventcharakter hat, wie beim Livesport. Aber ansonsten wird Fernsehen aussterben – so, wie es heute funktioniert.

Du prophezeist traditionellen Medien den Tod, demnach auch dieser Zeitschrift. Meine Arbeit als Printjournalistin wird deiner Meinung nach schon bald nicht mehr gefragt sein.

Doch bestimmt, auch meine Generation will nicht nur Blogs und Podcasts konsumieren. Aber du wirst keine toten Bäume mehr bedrucken müssen. Gewisse Verlage zeigen bereits, wie man Inhalte digital und auf ansprechende Weise an die Konsumenten bringt.

Du vergisst das sinnliche Erlebnis des Lesens. Ich halte gern ein Hochglanzmagazin in der Hand, das schön ausschaut, dicke Seiten hat und ein wenig nach Druckerei riecht.

Die Qualität der digitalen Aufbereitung wird künftig den Hochglanzfaktor ausmachen. Übersichtlichkeit, Benutzerfreundlichkeit, zusätzliche Inhalte. Sogar du wirst diesen Mehrwert schätzen lernen.

Phillip Riederles Lieblings-Podcasts

 

Lieblingsapps

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