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Über den Tod sprechen

Leben

Über den Tod sprechen

  • Text: Barbara Loop; Foto: Pexels / Fotografierende

Er ist so unleugbar wie unvermeidbar, dennoch meiden wir ihn täglich. Unsere Autorin hat dem Tod in die Augen geblickt – in der Sicherheit eines Berner Cafés.

Es gibt Menschen, die sich grundsätzlich mit dem abgefunden haben, was ohne- hin nicht zu ändern ist. Und es gibt solche, die den Tod für eine Zumutung halten, für die absolut grösste Schweinerei, die einem Menschen widerfahren kann. Ich gehöre zu letzter Sorte. Ich konnte mich nie an den Gedanken gewöhnen, dass dieses Leben einmal zu Ende gehen könnte – ja, ja, ich weiss – zu Ende gehen wird.

Unmittelbar nah kam der Tod mir zum Glück nie, und wo ich ihn nicht verdrängen konnte, verdrückte ich mich. Wie gerade jetzt, da ich diese Zeilen schreibe und das Gespräch mit der Freundin aufschiebe, die um ihre Mutter trauert. Mein Beileid habe ich in einem Briefumschlag verpackt, per Post ist es einfacher. Stolz bin ich darauf nicht.

Ich möchte das ändern und mich zumindest für die Dauer eines Kaffeeklatsches auf das Thema einlassen.

Der Kuchen auf der Theke ist mit einem Totenkopf dekoriert. Ein älterer Herr mit einem funkelnden Steinchen in der Nase sitzt vor einem Bier, eine junge Frau versteckt sich in ihrem enormen Wollschal. Das kleine Berner Quartier-Café ist bis auf den letzten Platz besetzt, gegen zwanzig Menschen haben sich an diesem Abend zusammengefunden, um über den Tod zu sprechen. Die Idee geht zurück auf den Walliser Soziologen Bernard Crettaz, der 2004 in Neuenburg mit dem ersten «Café Mortel» eine Bewegung initiierte, die heute in über sechzig Ländern verbreitet ist und vor allem in den USA unter dem Schlagwort «Death Positive» (abgeleitet von «Sex Positive ») immer mehr Anhänger findet. Die Regeln des «Death Café» sind einfach: Geredet wird über das Sterben, niemand muss sprechen, aber jeder darf, und alle hören zu. Die Gespräche haben keine therapeutischen Zwecke und auch wenn Christian Walti, der zu diesem Abend eingeladen hat, reformierter Pfarrer ist, geht es nicht um Religion. Man spricht hier mit Fremden über das, was man unter Nächsten gern ausklammert: das Tabu des Todes.

«Der Tod kommt hoffentlich im Schlaf, schnell und unerwartet», sagt eine Frau. Plattitüde, denke ich, aber würde nicht auch ich am liebsten nichts mitbekommen von meinem eigenen Tod? Da ich mir ein Leben danach nicht vorstellen kann, hätte ich auf diese Weise dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Ich wäre zwar gestorben,aber ich wär nicht wirklich dabei gewesen. Von den etwa 65 000 Menschen, die jährlich in der Schweiz sterben, erliegen immerhin rund 10 000 einem plötzlichen Herztod. Auch der kommt nicht immer vollkommen unerwartet, aber er kommt plötzlich. Glück im Unglück also? Wie feig diese Vorstellung ist, fällt mir erst auf, als der Mann mit dem Nasenpiercing das Wort ergreift. Er habe als Krankenpfleger viele Menschen sterben sehen, aber trotzdem keine Erfahrung mit dem Tod, schliesslich sei er ja noch am Leben. «Ich möchte den Tod bewusst erleben, so wie ich auch das Leben bewusst lebe. Freude am Leben, Freude am Sterben, das ist mein Ziel.»

Wovor fürchte ich mich eigentlich? Immer wieder begegnen mir Menschen, die mir sagen, dass es für sie in Ordnung wäre, wenn sie schon morgen sterben müssten. Sie hätten ihr Leben intensiv gelebt und nichts ausgelassen, das Problem hätten doch nur die anderen. Mich verunsichert das zutiefst. Ob ich falsch lebe? Auf Sparflamme? Jedenfalls wäre morgen zu früh.

«Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen»,hiess der Bestseller der australischen Krankenpflegerin Bronnie Ware von 2012. Die meisten Menschen bereuten am Ende ihres Lebens, dass sie nicht den Mut hatten, ihre eigenen Träume zu leben. Deswegen legen Menschen Listen an mit Dingen, die sie noch erleben wollen, bevor sie sterben: Die «Bucket List» ist seit dem gleichnamigen Kinofilm von 2007 zum geflügelten Wort geworden. Mit Haien tauchen, mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen, um die Welt segeln? Doch selbst in Hollywood kam man zur Einsicht, dass diese Dinge am Ende nicht wirklich wichtig sind.

Wer sich Gedanken über den guten Tod macht, das wird mir klar, der denkt über das gute Leben nach. Doch wie geht das gute Leben? Gibt es ein Leben frei von äusserlichen Zwängen? Und wie weiss man, was man wirklich will? Die Chinesen würden sich vor wichtigen Entscheidungen in einen Sarg legen, um herauszufinden, ob sich ihr Plan richtig anfühlt, habe ich mal gehört. Andere stellen sich gelegentlich ihre eigene Beerdigung vor. Die Musik, das Menü, die Blumen. Vielleicht ist auch das eine Form der Standortbestimmung: So lange die Gäste kommen, ein wenig traurig, aber auch recht vergnügt sind, kann man es so falsch nicht gemacht haben.

Ich versuche der Runde im «Death Café» Antworten auf die Frage nach dem richtigen Leben abzuringen, mit einer Verzweiflung, die mich selbst überrascht. Ich merke, wie ich erröte – und wie gut sich das gleich- zeitig anfühlt. Ob der Gedanke an die Endlichkeit erträglicher wird, wenn man das Tabu lüftet, das Ende gar feiert? Vielleicht. Aber nicht, weil der Tod dadurch besser wird. Der Tod war schon eine Zumutung, als noch in der Mitte der Gesellschaft gestorben wurde. Er stank, röchelte, seufzte, tat weh. Ich glaube nicht, dass man das Sterben lernen kann, aber ich kann akzeptieren lernen, dass der Tod in jeder Hinsicht das Letzte ist; aber bei Weitem nicht die einzige Schweinerei, die das Leben bereithält. Nur wenn ich mich damit abfinde, kann ich im Wissen um meine Endlichkeit langweilige Sitzungen durchstehen, einmal mehr das Computerproblem der Eltern lösen und den Geschirrspüler ausräumen – und trotzdem ein erfülltes Leben führen.