Janine Schweitzer reinigt Tatorte und Messie-Wohnungen

«Der Abfall ist das Abbild der eigenen Seele»

Text: Helene Aecherli; Bild: Getty Images, Fotostudio Gerhard Kind

  • Das Messie-Syndrom: Für Schweitzer der Versuch, das Loch im Herzen zu stopfen.

Janine Schweitzer reinigt Tatorte, vor allem aber Messie-Liegenschaften. Denn Aufräumen ist ihre Mission. Das hat sie in einem Buch festgehalten.

annabelle: Janine Schweitzer, wie oft rücken Sie zum Reinigen und Entrümpeln aus?
Janine Schweitzer: Grosse Aufträge haben wir etwa zwei pro Monat. Aber Tatort ist nicht gleich Tatort. Bei einem Leichenfundort, wo der oder die Verstorbene schon länger gelegen hat, dauert die Reinigung knapp eine Woche. Und das Entrümpeln von Einfamilienhäusern, wenns richtig voll ist, ja, da arbeiten meine Leute und ich auch oft lang dran.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Wohnungen und Häuser, in denen Windeln, harte Pornos oder Eisteeflaschen gehortet wurden. Was ist Ihnen besonders unter die Haut gegangen?
Das Haus mit den Windeln. Besonders deswegen, weil zu jenem Zeitpunkt auch ein kleines Mädchen darin gelebt hat. Es war vier Jahre alt und litt an der Maul- und Klauenseuche. Am allerschlimmsten war allerdings eine Immobilie, die vollgestopft war mit Fäkalien in Säcken. Die Säcke standen im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und im Badezimmer, während die Toilette unbenutzt geblieben ist. Als ich das sah, hab ich erst mal nur geschrien

In Deutschland soll jeder Fünfzigste vom Messietum betroffen sein, für die Schweiz gehen Sie von ähnlichen Zahlen aus. Warum werden Menschen zu Messies?
Oft stecken Schicksalsschläge dahinter, etwa wenn Eltern, ein Lebenspartner oder ein Kind versterben. Ich erkläre es mir dann so, dass die Menschen versuchen, das Loch in ihrem Herzen zu stopfen, um ihre Gefühle zu ersticken. Irgendwann ist man von seinen Lebensumständen so überfordert, dass man sich sagt: «Ich kann nicht mehr, ich putz auch nicht mehr, ist mir egal.»

Viele Messies sollen ausgerechnet auch Perfektionisten sein. Wie ist das zu erklären?
Sehen Sie, ich sage immer, das Messie-Syndrom ist ein Zerrspiegel unserer Gesellschaft. Die Anforderungen an den Einzelnen sind enorm. Du musst das sein oder jenes, und je perfekter du bist, desto besser. Ich habe manche Kundinnen und Kunden, die erbringen in ihrem Job Höchstleistungen. Aber zuhause lassen sie sich gehen. Es ist die Zone, wo alles von ihnen abfallen darf, wo sie so sein können, wie sie sind.

Nun sind aber viele bloss ein bisschen chaotisch. Wann kippt das normale Chaos ins Messietum?
Wenn man nicht mehr in der Lage ist, gegenzusteuern, zu agieren. Das Messietum ist ein schleichender Prozess, und der verläuft sehr individuell.

Wie schwierig ist es anzuerkennen, dass man ein Messie ist?
Sehr schwierig, Messietum ist noch immer ein grosses Tabu. Die Leute ziehen sich häufig völlig zurück und haben wahnsinnige Angst davor, dass Freunde oder Nachbarn etwas merken könnten. Das führt dazu, dass sie oft jahrelang keine Hilfe holen.

Melden sich Ihre Messie-Kunden selbst bei Ihnen oder sind es Familienangehörige, die zum Telefon greifen?
Sowohl als auch. Aber ohne das Einverständnis des Betroffenen entrümple ich gar nicht, sonst riskiere ich, diesen Menschen todunglücklich zu machen. Denn die Wohnung ist ja etwas Intimes, der Abfall das Abbild der eigenen Seele. Eine Entrümpelung gegen den Willen – das ist eine seelische Vergewaltigung.

Was tun Sie beim Entrümpeln als Erstes?
Die Eingangstür öffnen. Sobald sie einen Spalt weit auf ist, zwängt sich der Erste rein und räumt den Weg frei.

Wie reagieren Ihre Kundinnen und Kunden auf die neue Sauberkeit?
Viele fürchten sich davor, nachhause zu gehen, sie fühlen sich verloren. Ich hatte einmal einen Kunden, der wagte sich erst einen Tag nach der Räumung in seine Wohnung zurück. Denn dieses ganze Vollgestopfte ist ja auch eine Form von Sicherheit, und die ist dann auf einmal weg.

Janine Schweitzer (40) arbeitete erst als Schädlingsbekämpferin, bevor sie sich zur Tatort-Reinigerin und Messie-Entrümplerin weiterbildete. Sie lebt in Rheinland-Pfalz, ist verheiratet und Mutter eines 2-jährigen Sohnes. Mit ihrem Buch «Eine Frau räumt auf» will sie das Tabu um das Messietum brechen. Das Buch ist im Riva-Verlag erschienen. 

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